„Die ARD ist kein Putin-Jubelsender, auch nicht zur WM“

Wir hatten Jessy Wellmer schon im Februar gefragt, ob wir sie zum Interview treffen könnten. Aber da war es eng. Wellmer berichtete gerade für die ARD von den Olympischen Spielen in Südkorea. Danach wieder ARD-„Mittagsmagazin“ in Berlin, „Sportschau“ in Köln, die Frau hat viel zu tun. Und es läuft: Im Januar ist sie als „Sportjournalistin des Jahres“ ausgezeichnet worden.

Ist nicht „die Umarmerin“: Jessy Wellmer Foto: rbb/Markus Nass

Bei den Olympischen Spielen fanden sie manche Zuschauer zu kühl, Wellmer nennt es: ihre „etwas burschikose Ansprache“. Bei Fußball-Fans funktioniere die besser. Also nun wieder: Wenn in Russland Fußball-WM ist, steht Wellmer, naja: am Tegernsee. Bergkulisse. Bayern. Neben ihr: Philipp Lahm, Ex-Weltmeister.

Wie das werden soll, und dass die Sendung nicht „Warum wir Joachim Löw doof finden“ heißt, erzählt sie nun in einem Berliner Café. Sie bittet kurz um Entschuldigung, dass es nicht eher geklappt hat, bestellt O-Saft, redet los: über ihre Rolle als Journalistin, über WM-Gastgeber Russland und den Journalisten Hajo Seppelt – und über männliche Sport-Kollegen mit antiquierten Ansichten.


Frau Wellmer, Sie sind Teil des ARD-Teams, das über die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland berichtet. Wünschen Sie sich, dass die deutsche Mannschaft erfolgreich ist?

Ja.

Wie, ja? Darf man sich als Fußballjournalistin wünschen, dass eine Mannschaft weit kommt?

Es wäre einfach hilfreich für unseren Sendesommer, wenn es so käme. Wenn man möglichst viele Menschen erreicht und die Spannung hält, ist das schöner, als wenn die Luft schnell raus ist. Natürlich will ich, dass es eine gute WM wird. Ich persönlich fände es auch in Ordnung, wenn die Deutschen nach einem genialen Viertelfinale rausfliegen. Aber es ist doch ein Kriterium für einen Sender, wie lange die Zuschauer dabei bleiben. Und sie bleiben umso länger, je länger die Mannschaft im Turnier ist.

„Der Spagat zwischen Nähe und Distanz ist das Schwierige“

Zuschauer wollen aber oft etwas anderes als Journalisten. Als Sie zur „Sportjournalistin des Jahres“ gekürt wurden im Januar, deuteten Sie in Ihrer Dankesrede ein kompliziertes Verhältnis zum Publikum an: Die Zuschauer würden immer wollen, dass man sich mit den Sportlern freue, und tue man das nicht, kämen gleich Zuschriften.

Ist auch so! Wobei das konkret eine Situation bei den Olympischen Spielen in Südkorea betraf. Bei der „Sportschau“ gab es Vergleichbares noch nicht. Das kann daran liegen, dass meine etwas burschikose Ansprache oder ein bisschen Ironie im Fußball besser funktioniert als im Wintersport. Jedenfalls sind es eher Wintersport-Fans, die fragen: Warum umarmt die die Sportler nicht? Warum hat sie die nicht ein bisschen mehr lieb?

Von den deutschen Rodlern wollten Sie zum Beispiel wissen, ob der neue Wettbewerb, in dem sie Gold gewonnen hatten, die gemischte Teamstaffel, nicht eigentlich etwas nervt. War es das? Einige Zuschauerinnen und Zuschauer fanden das offenbar schon zu kritisch.

Ich glaube, es ging da um meine gesamte Ansprache. Es heißt ja manchmal, ich würde etwas zu sarkastisch wirken, etwas distanzierter als nötig. Aber das ist dann wohl so. Es ist nicht mein Naturell, die Umarmerin zu sein. Ich zeige Empathie und habe viel Respekt vor sportlichen Leistungen, aber manche Leute wollen mehr. Die wollen kuscheln auf dem Sofa. Die wollen, dass man in die Medaille beißt, und dass alle heulen vor Glück. Ich kann und will diese gesunde Distanz aber nicht aufgeben. Der Spagat zwischen Nähe und Distanz ist das Schwierige im Sportfernsehen.

Wie viele Reaktionen gab es, in denen Ihnen zu wenig Nähe nachgesagt wurde?

Soweit ich weiß, gab es während der olympischen Spiele insgesamt mehr als hundert kritische Mails, was bei gut fünf Millionen Zuschauern im Schnitt nicht so viel ist. Aber wenn sie sich alle um nur ein Thema drehen, ist es schon auffällig.

Was bedeutet dieser Spagat für die Arbeit? Kritisch fragen, aber dabei lächeln? Die kritische Frage zwischen vier Glückwünschen verstecken?

Es kommt auf die Situation an. Es geht ja nicht immer nur um Sieger. In einem Interview direkt nach einem Fußballspiel kann man eigentlich nur hoffen, dass man die Leute überhaupt dazu kriegt, mehr zu sagen als die paar Floskeln, die sie auf ihre Festplatte gebrannt haben. Die Spieler sind oft total ausgepowert, und da stehen ja auch welche, die gerade Mist gebaut haben: Loris Karius, zum Beispiel, der Torwart des FC Liverpool, der kürzlich im Champions-League-Finale zwei Gegentore verschuldet hat.

Wie interviewt man den?

Es ist vor allem wichtig, dass man ihm die Chance gibt, überhaupt Worte zu finden. Ich will nicht die kalte Antwort, mit der er mich irgendwie abtropfen lassen kann. Nach so einem Spiel kann man eigentlich nur sagen: Mensch, Junge, war was los? Es muss einen Weg geben, Sportlern als Menschen zu begegnen. Ich glaube, das ist auch das, was die Zuschauer empfinden. Einerseits findest du den möglicherweise doof, weil er das Spiel versaut hat. Andererseits weiß man aber genau, dass einem das genau so auch hätte selber passieren können.


Täuscht der Eindruck, dass nach einem Spiel nur selten ein Fußballer etwas Interessantes sagt?

Ich freue mich immer sehr, wenn ein Spieler frei spricht, und nicht die Nummer 15 oder 19 von der Statement-Platte abspult, die er im Medientraining auswendig gelernt hat und mit der er sich sicher fühlt. Ich weiß aber, dass man das nicht immer erwarten kann.

Bei welchen deutschen Spielern ist die Wahrscheinlichkeit am höchsten?

Natürlich bei emotionaleren Typen, weil sie es nicht schaffen, in ihrem Korsett zu bleiben.

Blöd also, dass Sandro Wagner nicht dabei ist?

(lacht) Naja. Aber wenn Sie mich fragen, wer in der deutschen Mannschaft es schafft, sein Korsett mal abzulegen, würde mir tatsächlich keiner einfallen. Außer Thomas Müller, natürlich.

Hat Hajo Seppelt einen anderen Beruf als Sie?

Ja und nein. Diese Form des investigativen Sportjournalismus, die Hajo Seppelt betreibt, der nach Russland fährt, um heimlich Leute zu treffen, deren Informationen er nutzen kann, ist schon etwas völlig anderes als das, was ich bei der WM machen werde. Aber es gibt Sportjournalisten, die Fußballreporter sind und zugleich Korruption bei der Fifa behandeln. Der ARD-Kollege Philipp Sohmer, zum Beispiel. Das geht also durchaus.

„Hajo Seppelt fährt nach Russland – und die ARD mit ihm“

Hajo Seppelts Fall ist ein Politikum geworden. Er hat mit seinem Team einst russisches Staatsdoping aufgedeckt. Jetzt darf er nach einigem Hin und Her doch für den WDR nach Russland einreisen, aber es wurde angekündigt, dass er dort verhört werden soll. Wurde in der ARD diskutiert, aus Solidarität geschlossen nicht nach Russland zu reisen?

Ich kann Ihnen nicht sagen, wer innerhalb der großen ARD was diskutiert hat. Ich persönlich würde sagen: Dieser Punkt, eine solche sehr weitreichende Entscheidung zu erwägen, war noch nicht erreicht. Und ich finde, wir sollten unsere Zuschauer, die Beitragszahler, ja auch nicht dafür bestrafen, dass staatliche Stellen in einem anderen Land fragwürdige Entscheidungen treffen. Hajo Seppelt möchte nach Russland fahren, und so, wie es aussieht, wird er es auch tun – und die ARD mit ihm.

Man könnte sagen: Wenn man unseren Reportern droht, kommen wir nicht zu dem Imagepolitur-Turnier, das eine WM für ein Ausrichterland sein kann. Das Zeichen könnte man schon setzen.

Die Frage ist: Was genau zeigt man eigentlich damit?

Dass der Journalismus, den Hajo Seppelt macht, nicht verhandelbar ist, und dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen des Landes, aus dem der Fußballweltmeister kommt, nicht von der WM berichtet, weil dort Kritik unerwünscht ist. Das wäre ein Zeichen, das man hätte setzen können.

Hajo Seppelts Journalismus ist nicht verhandelbar. Er spielt für uns in der ARD eine große und wichtige Rolle. Es ist eine große Leistung, dass Hajo Seppelt und die ARD Dinge aufgedeckt haben, die international große Beachtung fanden. Ich wäre aber dagegen, auf russisches Säbelrasseln selbst mit reflexartigen Drohungen zu reagieren. Ich finde, Hajo Seppelts Arbeit zeigt ja gerade, das wir von einer der attraktivsten und populärsten Sportveranstaltungen der Welt berichten können, ohne die Distanz zu verlieren. Die ARD ist kein Putin-Jubelsender, und sie wird es auch während der WM nicht sein.

ARD und ZDF haben ihr gemeinsames WM-Studio nicht in Moskau, sondern in Baden-Baden. Zur Begründung teilten die Sender mit: „Ein wenig Distanz zur Fifa sowie dem Ausrichterland ist ob der nicht-sportlichen Begleiterscheinungen journalistisch nicht schädlich.“

Ja, wir könnten diese Distanz natürlich auch in Moskau erhalten. In erster Linie hat die Wahl Baden-Badens einfach praktische Gründe. Dass ARD und ZDF zusammen diese ganze vorhandene Logistik in Baden-Baden nutzen und nur ein paar Leute nach Russland schicken, spart unheimlich Geld. Ich selbst bin auch nur kurz mit Philipp Lahm in Russland, wenn er die deutsche Mannschaft besucht.

Die Zwei vom Tegernsee: Lahm, Wellmer Foto: SWR/Patricia Neligan

Lahm war Kapitän der Weltmeistermannschaft von 2014. Mit ihm bilden sie nun ein Duo, vom Tegernsee aus. Was machen Sie noch?

Ich mache nur das. Ich spreche mit dem Insider, der die Mannschaft und den Bundestrainer gut kennt. Wir schauen an jedem Spieltag, was der Bundestrainer falsch und richtig gemacht hat. Wir reden beispielsweise darüber, wie die Kommunikation auf dem Spielfeld abläuft: „Philipp, du warst Kapitän, wie wird kommuniziert: Schreist du über den Platz? Gibst du geheime Handzeichen?“ Lahm soll Hintergründe liefern, die über das hinausreichen, was die Experten im Studio besprechen.

Aber Lahm wird kaum sagen, was der Bundestrainer falsch gemacht hat.

Doch, das glaube ich schon! Philipp Lahm kennt die Gedankengänge des Bundestrainers noch gut, und er kann sie einschätzen. Das will er auch tun. Die Grenzen muss er natürlich selbst abstecken. Aber er ist ja nicht mehr Kapitän der Mannschaft, sondern steht außen vor.

Aber er ist Ehrenspielführer und bei der WM auch Botschafter des Deutschen Fußballbunds. Und er ist vielen in der Mannschaft verbunden. Wenn man für die Analyse der Dieselaffäre einen ehemaligen VW-Manager engagieren würde, der dem Konzern als VW-Botschafter und Ehrenmanager verbunden ist – das wäre doch komisch, oder?

Das wäre komisch. Aber wir klären hier nicht die Dieselaffäre auf.

Theoretisch könnte ein Experte sagen: Joachim Löw wird völlig überschätzt! Bei Philipp Lahm ist das von vornherein ausgeschlossen.

Aber das muss er ja auch nicht sagen. Das Format heißt „Weltmeister im Gespräch“, und nicht „Warum wir Joachim Löw doof finden“. Ich will wissen, was so eine Mannschaft im Innersten zusammenhält. Und dafür ist Philipp Lahm der geborene Experte. Er verrät uns deutlich mehr als das, was er uns als DFB-Kapitän früher verraten hätte. Es gibt ja unheimlich viel, was wir nicht wissen. Warum diese Entscheidung getroffen wurde und nicht jene. Wer mit wem gesprochen hat. Was an spielfreien Tagen so passiert. Daddelt da wirklich jeder auf seiner Kiste rum? Ich möchte auch über Korruption in der Fifa oder Homosexualität im Fußball sprechen. Da kann er uns helfen, ohne dass er die Mannschaft verraten muss. Verrat wird er nicht begehen, das stimmt. Aber ich bin ja schließlich auch noch da. Wenn ich den Eindruck bekomme, jetzt verklärt Philipp Lahm die Vergangenheit, dann werde ich ihn danach fragen.

WM-Team der ARD: Viele Männer, drei Frauen Foto: SWR/Cornelia Klein

Ein anderer ARD-Experte, Stefan Kuntz, ist auch Trainer des DFB, über den ja auch berichtet wird. Man hat also Leute, die einerseits Journalisten zuliefern sollen – andererseits aber der Mannschaft verbunden sind oder sogar eine Funktion im DFB haben. Warum macht die ARD das? Legt man sich mit diesen Experten nicht ein Ei ins Nest?

Stefan Kuntz ist ein unheimlich unterhaltsamer Gesprächspartner, der sehr viel über Fußball weiß. Dieses Wissen soll er mit uns und den Zuschauern teilen. Wenn wir mit ihm über Uruguay gegen Saudi Arabien sprechen, spielt seine DFB-Funktion eine eher untergeordnete Rolle, würde ich sagen. Und wenn es um den DFB und die deutsche Mannschaft geht, ist ja auch klar, wer da spricht. Wir werden es auch klarmachen. Wir machen ja kein Geheimnis daraus, dass Stefan Kuntz DFB-Trainer ist.

Ist es Ihr Wunschjob, mit Philipp Lahm am Tegernsee zu stehen? Oder würden Sie lieber Spiele analysieren?

Nein, ich finde den Job gut: Einen Weltmeister sehr intensiv zu befragen, der vor Kurzem aufgehört hat, Fußball zu spielen. Das ist neu. Und es soll kein seichtes Tegernsee-Gequatsche werden, sondern spannend. Wir werden jeden Sendetag zwei bis drei Strecken bekommen, in denen wir ausschließlich reden. Da ist keine Tanzshow drumherum, kein Geklatschte oder Filme, die wir noch einspielen müssten. Wir beide müssen liefern. Das ist eine Herausforderung, auch weil es ein Experiment ist. Und darauf freue ich mich sehr.

Seit 2014 auch in der „Sportschau“ im Ersten Foto: WDR/Herby Sachs

Wie groß ist eigentlich die Herausforderung, die „Sportschau“ zu moderieren? Als Sie damit anfingen, war gut was los: Oho, eine Frau!

Ja, interessant, oder? Wie fest augenscheinlich immer noch das Rollenbild verankert ist, dass nur Männer Fußball moderieren! Ich finde, wir sollten ein bisschen mehr Schwung holen und das überwinden. Eine Frau – so what?

Von Ihnen stammt das Zitat, die Männer sollen nicht „so ein Geschiss“ machen, wenn eine Frau die „Sportschau“ übernimmt. Was für ein Geschiss wird konkret von wem gemacht?

Naja, es geht nicht um die Männer, sondern um einige. Es sind hauptsächlich Männer, die über solche Posten entscheiden, weil es kaum Frauen gibt in solchen Führungsgremien; das ist aber kein reines ARD-Problem. Für einige Männer war es offenbar etwas wahnsinnig Besonderes, Frauen in diese Position zu setzen. Das stört mich. Ihr wollt eine Frau berufen? Dann solltet ihr eine Frau berufen. Und fertig. Ich wollte einfach zum Ausdruck bringen, dass es in der „Sportschau“ nach der Erkrankung von Monica Lierhaus lange gedauert hat, bis das wieder eine Frau machen durfte. Wobei man sagen muss: Man hat natürlich auch lange abgewartet, ob Monica Lierhaus zurückkommt. Und das ist auch ein feiner Zug, nicht einfach zu sagen: Okay, die nächste, bitte.

Aber es wurden zwischen Monica Lierhaus und Ihnen noch zwei weitere Moderationsplätze besetzt, mit Matthias Opdenhövel und Alexander Bommes. Was verbindet Sie mit Monica Lierhaus, was Alexander Bommes nicht mit ihr verbindet?

Gute Frage. Ich persönlich könnte auch damit leben, dass zwei Frauen die „Sportschau“ moderieren. Ich bin jetzt da die Frau neben drei Männern, und jetzt sind offenbar alle schon zufrieden. Ich bin die Quote. Das kann ich mir immer noch schöner vorstellen.

„Wir beschäftigen Frauen, und das ist dann eine Frauenoffensive?“

Das „Aktuelle Sportstudio“ im ZDF wurde 1981/82 mal von zwei Frauen moderiert, Sissy de Mas und Joan Haanappel. Die durften genau sechs Mal ran, dann wurden sie weggebissen. So schlimm ist es aber nicht mehr, oder?

Nein, das ist intern überhaupt kein Thema. In den vergangenen dreieinhalb Jahrzehnten ist schon ein bisschen was passiert. Keiner macht Sprüche, keiner Witze. Mich hat nur gewundert, wie viel Überzeugungsbedarf es dann doch noch brauchte, bis mal wieder eine Frau über Fußball reden durfte. Als ich vom ZDF-„Morgenmagazin“ zurück zur ARD gewechselt bin, gab es eine so genannte Frauenoffensive im Sport: Valeska Homburg, Julia Scharf, Franziska Schenk und ich. Mich hat dieser Begriff gestört. Wir beschäftigen Frauen, und das ist dann eine Frauenoffensive?


Reinhold Beckmann soll sich für die „Sportschau“ explizit eine Nachfolgerin gewünscht haben. War das hilfreich, dass da ein Mann nochmal vorspricht und sagt: Jetzt, wo ich weg bin, könnte man doch auch mal eine Frau nehmen?

Sagen wir so: Ich brauchte diese Motivation nicht. Ich wollte den Job wirklich gerne haben. Und ich habe mich auch nicht gefragt, ob die Zeit vielleicht noch nicht reif dafür ist. Ich saß bei meiner Intendantin und sagte, ich würde das wirklich gerne machen. Die hat das unterstützt, andere – wie der Sportkoordinator oder der Programmdirektor – auch. Ich glaube, Reinhold Beckmann wusste schon, wohin die Reise geht, dass da aber immer noch diskutiert wird. Also hat er gesagt: Ey, ich wünsche mir ’ne Frau. Um das so ein bisschen zu befeuern. Das hat sicher nicht geschadet.

Sie sind beim RBB. War das noch Intendantin Dagmar Reim oder schon Patricia Schlesinger?

Patricia Schlesinger war gerade drei Wochen im Amt. Beide sind ja echte Fighterinnen für Frauen in gehobenen Positionen, da schließt Patricia Schlesinger direkt an Dagmar Reim an, die das energisch betrieben hat.

Das lustigste Argument, das Sie jemals gegen Frauen im Fußballjournalismus gehört haben?

Mir hat mal ein Kollege gesagt, Frauen können nicht über Männerfußball berichten, weil sie eben nicht Männerfußball spielen könnten. Dabei glaube ich sogar, dass Frauenfußball wirklich ein anderer Sport ist. Es heißt, technisch sei im Männer- und Frauenfußball alles gleich, aber es gibt ein vollkommen anderes Grundtempo. Es ist nicht mal nur eine Parallelverschiebung, dass alles etwas weicher wird. Man muss es wirklich etwas anders betrachten.

Was setzen Sie dem Kollegen entgegen?

Muss man Frau sein, um Gynäkologe zu werden?

5 Kommentare

  1. „Muss man Frau sein, um Gynäkologe zu werden?“
    ist eigentlich keine gute Gegenfrage. Es gibt bestimmt Frauen, die lieber zu Gynäkologinnen (Männer sind hier absolut nicht mitgemeint) gehen, ergo verschafft das Geschlecht einem/r in bestimmten Feldern einen Wettbewerbsvorteil. Ist beim Fußballjournalismus im Unterschied zur Frauenheilkunde jetzt wohl nicht entscheidend, weil es massenhaft weibliche Fußballfans gibt.

    Ansonsten ein schönes Interview.

  2. Interessant auch die Aussage: „Frauenfussball ist ein anderer Sport als Männerfussball“ weil die Intensität etc. geringer ist. Gilt das dann aber nicht per se für alle Sportarten? Ist z. B. Männerbasketball auch ein anderer Sport als Frauenbasketball?
    Ich mein, die Regeln sind ja immerhin die gleichen.

  3. Über ein „Gender Pay Gap“, wie bei öffentlichen Posten würden sich weibliche Profisportler wahrscheinlich freuen ;)
    http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/gehaeltervergleich-im-fussball-ein-job-zwei-welten-a-768611.html (von 2011)

    Aber der erste Kommentator dort hat’s ja verstanden:
    „Als Frau bringt man halt keine Einnahmen für den Verein ¯\_(ツ)_/¯“
    Könnt‘ man doch auch eigentlich gleich den weiblichen Profisport ganz abschaffen, oder? Bringt ja eh nix.
    Wieiviele der anwesenden Herren stimmen dafür?

  4. Wegen meiner sollte man lieber den Herrenfußball abschaffen, die Frauen schießen für deutlich weniger Geld genauso viele Tore.

    Wenn Frauen keinen Männersport kommentieren _könnten_, könnten Männer auch keinen Frauensport kommentieren, Nichtschwimmer keinen Wassersport, Nicht-Behinderte keinen Behindertensport und Pazifisten keine Kriege. Und Erwachsene könnten natürlich nicht als Kinderärzte arbeiten.
    Offenbar ist das alles Quatsch.

    Das Gynäkologenbeispiel ist trotzdem schlecht gewählt. Vor allem, wenn „können“, „dürfen“ und „müssen“ irgendwie austauschbar verwendet werden. Von „sollen“ und „sollten“ mal ganz zu schweigen. Stellen Sie sich vor, jemand würde eine Männerquote bei Gynäkologen einführen wollen, und somit die freie Arztwahl einschränken.

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