Hunderte Journalisten, die auf eine Tür starren

Rund 135 Millionen Babys werden jedes Jahr geboren, das macht etwa 370.000 Babys pro Tag, und doch: Als an diesem Montagmorgen um 11.01 Uhr ein weiteres dazukommt, packt ein Kameramann des Londoner RTL-Büros schnell Kamera, Licht und Stativ zusammen, wirft alles in den Kofferraum seines Wagens und ruft: „Ich fahr‘ jetzt los, wer kommt mit?“

Ein paar Straßen entfernt liegt das St. Mary’s Hospital, ein abgasgraues Monster von einem Krankenhaus, gleich neben dem Hyde-Park. Dort steht der RTL-Kameramann nun, am Nachmittag, neben seiner Kollegin und dicht gedrängt mit Journalisten von Reuters, „Guardian“, „Sun“, BBC und hunderten anderen auf einem Bürgersteig, die Kameras auf eine braune Klinik-Holztür mit verspiegeltem Glas gerichtet. Dort soll gleich – vielleicht, wahrscheinlich, hoffentlich – Herzogin Kate mit ihrem neugeborenen Sohn erscheinen, um fünf Meter zu einem Auto zu gehen, mit dem sie dann weggefahren wird.

Seit Monaten wurde dieser Moment vorbereitet. Sie haben hier in London Erfahrung mit königlichen Kindern, aber auch mit der Masse von Journalisten, die sich einen ganzen Tag lang vor einer Tür drängeln, aus der irgendwann jemand herauskommen und anschließend verschwinden wird.

200 Meter des Bürgersteigs gegenüber der Tür sind mit hüfthohen Metallzäunen abgesperrt, unterteilt in verschiedene Zonen. Je wichtiger die Medien für die britische Öffentlichkeit sind, desto näher dürfen sie mit ihren Teleobjektiven an die Tür heran. Sechs Stunden ist es her, dass die Nachricht von der Geburt bekannt wurde. Die internationale Klatschmeute ist derweil in routinierte Lethargie verfallen. Sie ist sich sicher, dass sie ihre Beute noch bekommt.

Sechs, sieben Stunden Warten im Schichtdienst

Fotografen haben Leitern aufgebaut; Reporter scherzen mit Polizisten, die versuchen ernsthaft auszusehen, obwohl sie neongelbe Jacken und komischen Aufseher-Helme tragen; Kameraleute blasen Zigarettenrauch kunstvoll an den anderen entspannten Gesichtern vorbei. „Das ist hier immer so locker, wenn die Royals ihren Nachwuchs zeigen“, sagt die RTL-Reporterin. „Ist ja auch eine schöne Abwechslung zu den Sachen, über die wir sonst so berichten: Terror, Skripal – da freut man sich über was Gutes.“

Die Parkplätze ringsum sind mit Übertragungswagen aus aller Welt zugestellt. An einer Straßenecke wird gerade ein Kaffee-Stand aufgebaut. Viele Journalisten stehen schon seit sechs, sieben Stunden hier, andere wurden bereits von Kollegen abgelöst, man wartet im Schichtdienst. Auch eine ARD-Reporterin lehnt an der Absperrung. Fragen möchte sie nicht beantworten, dafür könne sie zu wenig Deutsch. Dann vielleicht auf Englisch? Nein, auch nicht.

Von Zeit zu Zeit geht ein Sprecher des Königshauses, der ohne seinen blauen Anzug auch als Surfer durchgehen könnte, die Journalistenreihe ab. Lächelnd und mit ruhiger Stimme gibt er den Wartenden den neuesten Stand durch: „In einer Stunde kann ich Ihnen sagen, ob die Herzogin kommt oder nicht“, sagt er. Nach einer Weile dann: „Gleich habe ich mehr Infos!“ Und schließlich, erlösend: „Good news, sie kommt in zehn Minuten!“

Wir fragen den Sprecher, wie man so ein Großereignis vorbereitet. Er grinst. „Ist ja schon unser drittes Mal“. Routine. Zu den britischen Medien stehe der Palast in engem Kontakt, Profis unter sich, alles easy.

Und die Klatschreporter?

Kein Problem, sagt er, auch die seien, zumindest momentan, sehr freundlich zur Royal Family. Der Palast habe keine besonderen Vorkehrungen getroffen, um zu verhindern, dass sie die Privatsphäre der Familie verletzen. „Wir haben ein gesundes Verhältnis zueinander. Wir geben ihnen, was sie wollen, im Gegenzug halten sie sich zurück.“

Und die Klatschmedien im Ausland, in Deutschland zum Beispiel? Kriegt der Palast mit, was da so alles passiert?

Nein, nicht wirklich, sagt der Sprecher, und jetzt müsse er auch los, der große Moment stehe kurz bevor.

Eine Minute und 39 Sekunden, dann ist alles vorbei

Während sich alle darauf vorbereiten, stellt sich ein Mann mit weißem Jacket vor die Journalisten und ruft durch ein Megaphon: „Leute, das ist doch nur ein Baby. Ich mein‘ ernsthaft, was soll das alles? Ihr habt ja keine Ahnung, wie dämlich ihr ausseht.“ Die Reporter ignorieren ihn.

Ein paar Minuten später geht es endlich los. Jetzt kreist auch ein Hubschrauber über dem Krankenhaus, die Fotografen steigen auf ihre Leitern, Passanten zücken Handys, alle Blicke und Objektive sind auf die braune Holztür gerichtet. Die Herzogin mit Mann und Kind erscheinen, sie lächeln und winken, Reporter fragen brüllend nach dem Namen des Kindes.

Eine Antwort erhalten sie nicht. Man könnte Kate sowieso nicht verstehen bei all dem Klicken der Kameras, dem Jubel der Zuschauer und dem Geschrei der Journalisten. Und dann, nach genau einer Minute und 39 Sekunden, drehen sie sich um und verschwinden. Die ARD-Korrespondentin wird später live bei „Brisant“ verkünden, dass man noch nichts wisse über den Namen, dass bei den Buchmachern aber Arthur, Albert, Jack und Philip hoch im Kurs stünden.

Das noch namenlose Baby, das erst seit ein paar Stunden auf der Welt ist, hat seinen ersten Auftritt vor der Weltöffentlichkeit also nun hinter sich. Die Fotografen klappen ihre Leitern ein, laden Bilder in Datenbanken hoch, die Reporter verschicken vorbereitete Tweets, TV-Leute, die gerade acht Stunden auf eine Tür gestarrt haben, fragen Passanten danach, wie es war, stundenlang auf eine Tür zu starren, und so läuft die mediale Verwertungsmaschine eines Lebens an, das gerade erst begonnen hat.

6 Kommentare

  1. Wer einen Beweis braucht das die Menschen bekloppt sind, braucht sich nur dieses Affentheater um ein royales Baby anschauen.
    Furchtbar auch, wie früher(tm) bei jeder royalen Hochzeit ARD und ZDF den ganzen Samstag/Sonntag nix anderes als diese kacklangweilige Zeremonie übertrugen und meine Biene Maja Folge daher ausfallen musste…schnüff…

  2. Ich glaube, ihr solltet eine neue Artikelreihe aufsetzen: „Journalisten, die auf Türen starren“. Wäre mal interessant zu wissen, welche Medien wie oft (auch) das Warten als nachrichtenwert einstufen und nicht nur das Ereignis.

  3. Bei itv war man am Montag so mutig und hat die erste der beiden nachmittäglichen Quiz-Shows ausfallen lassen und eine Stunde lang live die Tür übertragen. Dabei hat man allerdings die falsche Stunde gewählt, das Baby kam erst innerhalb der nächsten Stunde raus.
    Aber mehr als eine Stunde Programm ohne Werbeunterbrechung wollte man sich wohl nicht leisten.

  4. Also mal ehrlich. Muss da nicht jeder beteiligte (auch die der ARD, oder sogar gerade die) ernsthaft an ihrer Berufswahl zweifeln? Erkenntnisse, „4.Gewalt“ – kann es nicht sein. Und wen interessiert es wirklich ernsthaft, ob diese „Nachricht“ nun von welchem Medium kommt. Man knobele jemanden der Meute aus, der vor der Tür ausharren muss und die Meute dann antwittert. Die potentielle Nachricht ist ja eher eindimensional.

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