„Roseanne“, die Sitcom für das Trump-Zeitalter

Die stärkste Szene in den ersten beiden neuen Folgen von „Roseanne“ ist eine, in der niemand etwas sagt. Mehr als zehn Sekunden Schweigen in einem Dialog sind eine Ewigkeit in einer Sitcom, in der sonst jede Figur sofort eine schlagfertige Antwort auf jede Frage, jede Vorlage, jede Situation hat.

Darlene, Mark Screenshot: „Roseanne“

Darlene sitzt im Kinderzimmer auf dem Bett mit ihrem Sohn Mark. Der ist neun, trägt gern mal einen Rock, einen Einhornpullover oder Stiefel aus der Mädchenabteilung und hatte gerade seinen ersten Tag in einer neuen Schule. Es kam dann, wie die Großeltern Roseanne und Dan befürchtet hatten: Er wurde gemobbt und von einem Jungen bedroht, wegen seiner Kleidung.

Der andere Junge habe ihm gesagt, er sei sonderbar, weird, und keiner werde mit ihm spielen wollen, sagt Mark.

Darlene: Du weißt, dass das Quatsch ist, oder?

Mark: Ja. Nur – es hat keiner mit mir gespielt.

Das ist der Moment, in dem Darlene die Worte fehlen. Sie sitzt da, schaut aufs Bett, schaut in die Luft, scheint mit den Tränen zu kämpfen, und hat über zehn endlose Sekunden lang keine Antwort für ihren Sohn.

Dann fällt ihr eine ein, aber es ist nur eine trotzige Not-Antwort: „Irgendwann werden sie es tun.“ Sie braucht dann nochmal ein paar Sekunden, bevor sie neu ansetzt:

Darlene: Also, pass auf. Du bist sonderbar. Ich bin sonderbar. Diese ganze Familie ist wirklich sonderbar. Du musst so lange durchhalten, bis die Leute gemerkt haben, dass sonderbar in Wahrheit cool ist.

Mark: Wann wird das sein?

Darlene: Weiß ich nicht, aber es wird passieren. Und bis dahin musst du die anderen sonderbaren Kinder finden und dich zwischen ihnen verstecken. Bis die Fieslinge dich erreicht haben, wird der Berg von Brillen, Zahnspangen und Helmen so hoch sein, dass sie nie drüber kommen.

Gelächter.

Das ist natürlich eine bittere Pointe. Viel mehr als ein it gets better hat Darlene ihrem Sohn nicht zu bieten. Es ist ein cleverer Dreh, dass sie ihm nicht erzählt, dass er normal ist, sondern nur genau so sonderbar wie die ganze Familie. Aber der Satz, dass es nur eine Weile dauern wird, bis die Leute merken, dass sonderbar cool ist, erscheint hier nicht als Ausdruck von Weisheit, sondern von Ratlosigkeit. Mehr als dieser Satz bleiben die über zehn Sekunden Schweigen davor in Erinnerung.

Darlene hat keine guten, einfachen Antworten auf die Fragen ihres Sohnes, und die Serie hat sie auch nicht. Außer der Botschaft, dass die Familie immer zusammenhält und dich unterstützt, egal wie seltsam du bist oder die anderen dich finden. Aber da sind viel mehr Fragen als Antworten. (Okay, und da ist Humor.)

21 Jahre nach der letzten Folge ist „Roseanne“ wieder da, und so richtig es war, dass die Serie damals endete, weil sie längst nichts mehr zu erzählen hatte, so richtig scheint es, dass sie heute zurückkommt, weil sie so viel zu sagen hat.

In ihren ersten Jahren, Ende der Achtziger, war „Roseanne“ revolutionär. Wegen der schonungslosen und kaum geschönten Art, wie sie das Leben der Arbeiterfamilie Connor in einer Kleinstadt zeigte, poor white trash. Und wegen der kompromisslosen Art, wie sie brisante Themen behandelte, Gewalt in der Ehe, das Schlagen von Kindern, Homosexualität, Mobbing am Arbeitsplatz und viele andere mehr. „Roseanne“ ließ es einerseits zu, dass diese Themen in einer für eine Sitcom erstaunlichen Ernsthaftigkeit verhandelt wurden, und gab ihnen andererseits dann genügend Witz.

Jede vermeintlich billige Lektion wurde sofort durch eine dramaturgische Wendung gebrochen, jeder erhobene Zeigefinger durch eine bittere Pointe konterkariert. „Roseanne“ hatte natürlich trotzdem klare Botschaften: was Toleranz angeht, Respekt, Familie, die Pflicht sich gegen Ungerechtigkeiten zu wehren. Aber sie kamen scheinbar nicht aus einem linksliberalen, intellektuellen Universum, sondern aus einem kleinstädtischen Milieu. Aus dem Gefühl der „kleinen Leute“ für Anstand und Anständigkeit.

Wegen dieser Perspektive ist „Roseanne“ in einer guten Position, um sich der neuen Realität zu widmen: den Vereinigten Staaten unter Trump. Und wegen ihrer Hauptdarstellerin, Roseanne Barr, die selbst Trump unterstützt hat und auch heute Wege findet, eigene liberale Positionen mit denen von Trump in Übereinstimmung zu bringen.

Man kann das politisch gewagt finden oder ihr vorhalten, dass sie schlicht irrt, wenn sie glaubt, dass sich Donald Trump etwa für die Ehe für alle eingesetzt habe. Aber es spricht einiges dafür, dass Trump für viele Leute wählbar war, die – wie vielleicht Roseanne Barr und vermutlich Roseanne Connor – mit einem traditionellen republikanischen Kandidaten große Probleme gehabt hätten.

Der Analyst Henry Olsen hat in einem Aufsatz nach der Präsidentschaftswahl 2016 die „Trump Democrats“ beschrieben, für die es ein Vorteil Trumps war, dass er in der klassischen konservativen Sozialpolitik nicht fest verortet zu sein schien. Weil es für sie ein klares Zeichen gewesen sei, dass die Agenda der evangelikalen Christen ihm nicht wichtig war.

Die fiktive Roseanne hat Trump gewählt – und es geschafft, ihre Schwester Jackie so sehr einzuschüchtern, dass sie nicht Hillary Clinton gewählt hat, wie sie eigentlich wollte, sondern Jill Stein. („Wer ist Jill Stein?“ – „Irgendeine Ärztin!“) Danach haben Roseanne und Jackie ein Jahr lang nicht miteinander geredet. Der Konflikt, der viele Familien in den USA auseinanderreißt, findet sich so auch in der Serie wieder, ohne von vornherein Partei zu ergreifen. Die Trump-wählende Serien-Roseanne ist zwar einerseits das unbestrittene emotionale Zentrum der Serie, andererseits ist sie regelmäßig im Unrecht.

Die Serie macht sich über sie und die trotzige Verteidigung ihrer Wahl lustig – aber auch über die sich demonstrativ liberal und aufgeklärt gebende Jackie, die sofort Vorträge hält, wie mit einem Kind umzugehen sei, das sich nicht genderkonform verhält.

Die Einschaltquoten der ersten beiden Folgen waren überragend. Es spricht viel dafür, dass das nicht nur mit einer Form von Seriennostalgie zusammenhängt, sondern auch mit dem Bedürfnis danach, den großen gesellschaftlichen Konflikt aus einer Perspektive geschildert zu sehen, die nicht von vornherein eine Hälfte der Bevölkerung zu Idioten macht (jedenfalls nicht zu größeren als die andere).

Präsident Donald Trump hat Roseanne angerufen und zu den sensationellen Zuschauerzahlen gratuliert. Auch sein Sohn Donald Trump Jr. hat gleich eine Umarmungsstrategie versucht.

Dabei ist es völlig abwegig, in der Wiederauflage von „Roseanne“ eine Trump-Show zu sehen. Das zeigt schon der Charakter des neunjährigen Marks, der sich gern einen Rock anzieht. Solche Figuren und ihre Geschichten werden von den üblichen konservativen Verdächtigen (auch in Deutschland) im Familienfernsehen eigentlich verflucht, ihre positive Darstellung als Teil einer liberalen Umerziehungsagenda diffamiert.

Wenn Mark gleich in einer der ersten Szenen auftaucht und durch seine Kleidung auffällt, scheint es, als würde hier das progressive Modethema Transgender pflichtbewusst integriert. (Ein weiterer Enkel der beiden, stellt sich heraus, ist schwarz.) Aber die Autoren schaffen es, das Thema mit derselben Souveränität zu behandeln wie die brisanten, kontroversen Themen vor zwanzig, dreißig Jahren. Sie zeigen, wie schwer sich die Großeltern zunächst damit tun, die Entscheidung ihres Enkels zu akzeptieren, und es bleibt offen, in welchem Maß sie sich nur darum sorgen, dass er von anderen gemobbt wird. Sie zeigen, wie problematisch die gut gemeinten Hilfsversuche sind (Dan gibt Mark ein Messer zur Verteidigung, Roseanne geht mit ihm in die Schule und droht seinen Mitschülern). Aber auch die Kompromiss-Lösung, die Darlene vorschlägt, dass Mark, wenn er schon mit dem Rock in die Schule geht, im Rucksack wenigstens für alle Fälle eine Jeans mitnimmt, lehnt der Junge ab.

„Roseanne“ ist keine bequeme Serie geworden, die ein Familienbild aus den fünfziger Jahren feiert. Mag sein, dass durch die bekannte Position der Hauptdarstellerin und die Verankerung in einer Arbeiterfamillie in einer Kleinstadtwelt ein Publikum erreicht wird, das sich keine intellektuelle HBO- oder Amazon-Serie mit Trans-Charakteren ansehen würde. Insofern hat auch der erzkonservative frühere Breitbart-Mitarbeiter Ben Shapiro recht, wenn er sagt, „Roseanne“ sei eine linke Show, die sich als konservativ tarnt.

Interessant ist aber auch eine Kritik von der entgegen gesetzten Seite: Roxane Gay bescheinigt der Neuauflage in der „New York Times“, in vieler Hinsicht hervorragend zu sein. Aber die fiktionale Familie und ihre echte Schöpferin trügen dazu bei, Trump und seine wirren, gefährlichen Ideologien weiter zu normalisieren – gerade durch die nicht-traditionellen Figuren:

Ich konnte nicht darüber hinwegsehen, wie die Connors zusammenstanden, um Mark zu unterstützen, nachdem sie einen Präsidenten gewählt haben, der aktiv gegen die Transgender-Community vorgeht. Sie haben für einen Präsidenten gestimmt, der nicht meint, dass das schwarze Leben ihrer Enkelin etwas zählt. Sie handeln, als ob Liebe die verwundbarsten Mitglieder ihrer Familie vor den Auswirkungen ihrer politischen Entscheidungen beschützen kann.

Als sei das alles noch nicht verwirrend und komplex genug, hat Roseanne Barr am vergangenen Freitag noch einmal gezeigt, dass sie nach wie vor die irrsten Verschwörungstheorien glaubt. Sie twitterte, Präsident Trump befreie monatlich hunderte Kinder, die von Pädophilen-Ringen in höchsten Kreisen gefangen gehalten wurden.

Bei einer Sitcom, die aus gutem Grund den Namen ihrer Hauptdarstellerin trägt, ist es besonders schwer, zwischen Rolle und Darstellerin zu unterscheiden. Der Erfolg der Neuauflage hängt auch mit der Person der echten Roseanne zusammen. Aber wenn die Serie so gut bleibt, dann nicht nur wegen, sondern auch trotz Roseanne Barr.

8 Kommentare

  1. Danke für den Artikel. Ich dachte eigentlich, ich hätte schon alles gelesen, was es zu der Serie zu sagen gäbe, aber vielleicht sollte ich sie mir doch mal anschauen.

  2. Schade, dass ich den Artikel mangels Abo (noch) nicht lesen kann.
    Für mich gehören die damaligen Staffeln zum Besten, was der Sitcom-Bereich bislang hervorgebracht hat.

    Es hätte natürlich eine irgendwie bezeichnende Ironie, wenn die Serie hier, bzw. auch in den USA, im Pay-TV gesendet wird und jene Gesellschaftsschicht, um die es eigentlich geht, sich das nicht, oder nur mit Kosten verbunden, anschauen kann.

  3. Man sollte keinen Artikel über „Roseanne“ verfassen (schon garkeinen lobhudelnden), ohne irgendwie darauf zu verweisen, dass Roseanne Barr leider in vielerlei Hinsicht über einen wahrhaft scheusslichen Charakter verfügt, den als „kontrovers“ zu bezeichnen hemmungslos untertrieben wäre. Und dass nicht zuletzt deswegen der typische Arbeitsplatz bei der (alten) Serie fürchterlichen, unwürdigen Bedingungen unterlag, durch die etliches Personal vor allem hinter der Kamera verschlissen wurde. Das dürfte bei der Neuauflage nicht viel anders sein. Es hat seine Gründe, dass diverse Leute, die für die Neuauflage angefragt wurden, laut und deutlich abgelehnt haben.

  4. @3 auch der dt. Disney Channel ist Free-TV

    @niggi: ich habe das dt. Fernsehen als sehr liberal wahrgenommen. Welche Serie verwehrt sich denn gegen solche Darstellungen wie die des Marks?

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