„Wenn man anfängt, über Inhaltliches zu reden, wird das ganz schnell abgewürgt“

Freitag voriger Woche. Treffen mit Kevin Kühnert, dem Mann, auf den gerade – wenn man Journalisten glauben darf – die halbe Welt schaut, weil er die Kanzlerin stürzen könnte. Eigentlich waren wir im Willy-Brandt-Haus verabredet, doch die Koalitionsgespräche laufen noch, und an diesem Nachmittag wird Angela Merkel bei der SPD erwartet, weshalb die Parteizentrale gerade „zur Festung ausgebaut“ wird, wie Juso-Pressesprecher Benjamin Köster sagt. Also ziehen wir um ins Café WAU, am Halleschen Ufer um die Ecke.


Herr Kühnert, vor einer Woche sagten Sie, dass Sie seit Dezember 250 Interviews gegeben haben. Wie viele sind es inzwischen?

Kühnert: Wahrscheinlich sind seitdem nochmal so 30, 40 draufgekommen.

Köster: Wir treten gerade ziemlich auf die Bremse, wir hätten es verdoppeln können.

Und weshalb haben Sie nicht?

Kühnert: Ich kriege ja irgendwann einen Koller, wenn ich immer die gleichen Sachen erzähle, vor allem wenn es noch keine handfesten Ergebnisse gibt. Ich habe auch keine Lust, die ganze Zeit das Pfeifen im Walde zu kommentieren, das ist ja auch unseriös. Und ein bisschen muss auch der interne Betrieb weitergehen, wir haben bei den Jusos auch noch das Tagesgeschäft zu bewältigen.

Welches Tagesgeschäft?

Kühnert: Einen Verband mit über 70.000 Mitgliedern zu leiten, der neben „No GroKo“ auch noch andere Interessen hat. Wir haben dieses Jahr Großveranstaltungen zum Thema „Europa“, „Feminismus“, „Gleichstellung“ und so weiter, das muss alles vorbereitet werden. The show must go on!

Was haben Sie in den vergangenen zwei Monaten über Journalismus gelernt?

Kühnert: Dasselbe, das ich auch nochmal über Politik in diesen zwei Monaten gelernt habe: Manches sieht von außen professioneller aus, als es von innen betrachtet tatsächlich ist. Es gibt ein paar Arbeitsweisen, die ich kennen gelernt habe, die mich kopfschüttelnd zurücklassen. Wir hatten zweimal die Situation, dass wir nach Veranstaltungen Sammelstatements vor der Presse abgegeben haben. Wir waren beide Male kurz davor, das abzubrechen, weil die nicht in der Lage waren, sich wie erwachsene Menschen in einem Halbkreis aufzustellen und sich nicht gegenseitig die Kameras ins Gesicht zu hauen – mit wechselseitigen Beleidigungen und allem, was dazu gehört.

Wieso heißt der Juso-Chef ausgerechnet KEVIN?
Screenshot: Bild.de

Was haben Sie sonst erlebt?

Köster: Peter Tiede von „Bild“ war speziell.

Das ist der Reporter mit der Geschichte: „Wieso heißt der Juso-Chef ausgerechnet KEVIN?“

Kühnert: Ja, der wollte ein Interview haben.

Köster: Ursprünglich wollte er mit Kevin einen ganzen Tag verbringen und im Auto rumfahren. Ich habe ihm erklärt, dass wir keinen Dienstwagen und keine Fahrbereitschaft oder sowas haben. Er hat uns dann in Friedenau vor einer Veranstaltung abgepasst und wollte vier Fragen stellen. Wir sagten dann: Nein, das geht nicht, er muss da jetzt rein.

Kühnert: Dann kam er nach der Veranstaltung nochmal an, da wollte er zehn Minuten haben.

Köster: Da hatten wir aber auch keine Zeit. Deshalb haben wir uns darauf geeinigt, dass er uns das schriftlich schickt. Da waren es plötzlich 20 Fragen. Wir haben ihm die Antworten auf 16 Fragen zurückgeschickt, der Rest war wirklich uns zu persönlich. Dann entwickelte sich ein lustiger E-Mail-Austausch, das war wirklich Comedy-reif. Er forderte zum Beispiel, dass wir, wenn wir Fragen nicht beantworten, ausdrücklich sagen müssen, dass wir sie nicht beantworten. Wir haben ihn daran erinnert, dass er ursprünglich nur vier Fragen stellen wollte und sich jetzt auch nicht so haben muss, wenn wir auf Fragen, die mit Politik nichts zu tun haben, nicht antworten.

Aber es gab keine Entscheidung zu sagen: Mit „Bild“ reden wir nicht?

Kühnert: Nein, ich muss mir „Bild“ auch nicht unnötig zum Feind machen. Aber man macht da nur das Nötigste, ich würde jetzt keine exklusiven Kernbotschaften über „Bild“ ausspielen.

„Das ist der kleine Kevin Kühnert.“ Screenshot: Sat.1-Frühstücksfernsehen

Sat.1 hat für sein Frühstücksfernsehen eine Mini-Kevin-Kühnert-Puppe gebastelt.

Köster: Die Reporterin stand mit dieser kleinen Figur vor dem Willy-Brandt-Haus und hat Leute abgepasst. Ich habe dann versucht, ihr klar zu machen, dass er gar nicht da ist und auch niemand ein Interview gibt zu dieser Puppe. Das war schon skurril. Sie hatte im Vorfeld angekündigt, dass sie Leute aus seinem Umfeld sucht, die ihn kennen und etwas über ihn erzählen. Das war für mich so ein Alarmsignal: Wer weiß, wen die sich suchen. Dann habe ich eine gute Bekannte von Kevin, die Juso-Landesvorsitzende in Berlin, gebeten, das zu übernehmen. Die hat später erzählt, dass es unter anderem um die Frage ging, auf welchen Typ Frau er steht.

„Meinste, ich bin sein Typ, oder hat der ne Freundin?“ Screenshot: Sat.1-Frühstücksfernsehen

Kühnert: Was mich geärgert hat, sind die Fragen nach dem persönlichen Umfeld. Es sind jetzt einige Journalisten an Portraits dran. Für diejenigen, die das seriös machen, machen wir gerne vieles möglich – es bringt ja auch nichts, sich dagegen zu wehren. Andere sind auf eigene Faust unterwegs und haben sich bis zu meinen Eltern durchtelefoniert.

Der „Focus“ hatte ein Zitat von Ihrer Mutter.

Kühnert: Meine Mutter hatte am Telefon abgelehnt, etwas zu sagen. Dann wurde ihr die Begründung in den Mund gelegt, der Rummel um Kevin werde langsam zu viel, sie mache sich Sorgen und wolle deshalb nichts sagen. Das hatte sie aber gar nicht gesagt. Nur: Sie werden Verständnis haben, wenn ich mich nicht äußere. Das ist schon krass. Es gibt auch Leute, die einem hinterher tapern, von denen man das nicht erwarten würde, zum Beispiel von der FAZ, die bei mir im Büro, am Berliner Stadtrand, unangekündigt aufkreuzt und meine Kollegin befragt. Sie hatte wohl die These, dass ich scheinbeschäftigt wäre, und wollte anscheinend sehr investigativ herausfinden, ob ich in diesem Büro präsent bin.

Köster: Und dann war da noch der „Bild“-Fotograf, der nach der Veranstaltung in Bonn gewartet hat, bis du in die Kneipe gehst. Ich habe dann versucht, ihm klarzumachen, dass jetzt Feierabend ist. Er meinte nur: Ja, aber das ist eine öffentliche Person.

Kühnert: Wir haben uns dann als Kompromiss darauf geeinigt, dass ich meine Zigarette aufrauchen darf und er ein Foto macht, wie ich in den Laden reingehe, aber drin nichts mehr.

Ausriss: „Focus“

Was war die Frage, die Ihnen am häufigsten gestellt wurde? Ich hätte drei Kandidaten: Ob sie Mitleid haben mit Martin Schulz. Ob er zurücktreten muss – davon gehen ungefähr 20 auf das Konto von Markus Lanz. Und: Warum Sie einen Rucksack tragen.

Kühnert: Über den Rucksack ist mehr geschrieben als gefragt worden. Die Personalfragen kommen sehr oft, die Mitleidsfrage kommt in letzter Zeit immer häufiger. Das ist ein bisschen obskur, als wäre Mitleid eine politische Kategorie.

Die Frage ist natürlich perfide, weil sie scheinbar mitfühlend daher kommt, aber in Wahrheit eine Demütigung für Schulz ist.

Kühnert: Ja, klar. Je mehr das Interesse an meiner Person wuchs, kam auch die klassische Frage: Und, was wollen Sie jetzt werden? Wo sehen Sie sich in zehn Jahren? Ich glaube, eine Frage, auf die noch nie jemand eine spannende Antwort von Politikern bekommen hat.

Oh, davon habe ich nachher auch noch eine Variante auf dem Zettel.

Kühnert: Die meisten Erfahrungen mit Journalisten waren völlig in Ordnung. Als wirklich belastend empfinde ich da, dass man permanent unglaublich restriktiv sein muss, um die Zeitrahmen von Gesprächen einzuhalten, die aber gerne mal um das Doppelte überschritten werden. Ich mache das ja ehrenamtlich.

Köster: Von RTL-„Punkt 12“ kam eine Anfrage für einen Zwei-Stunden-Dreh. Die ungewöhnliche Dauer käme daher, weil der Beitrag fünf Minuten werden sein solle…

Waren Sie auf eine solche Aufmerksamkeit vorbereitet, als Sie Juso-Chef wurden?

Kühnert: Die Jamaika-Gespräche sind fünf Tage vor meiner Wahl gescheitert. Bis dahin waren wir davon ausgegangen, dass wir auf diesem Bundeskongress vier Jahre Opposition einleiten und meine Amtszeit naturgemäß ein bisschen weiter weg von der Öffentlichkeit stattfindet. Das hat sich innerhalb weniger Tage völlig auf den Kopf gestellt. Wir hatten nicht viel Zeit, das zu planen. Ich habe, ehrlich gesagt, auch nicht so viel Zeit seitdem, das mal irgendwann zu reflektieren: Was passiert hier eigentlich gerade? Die Tage funktionieren so hintereinander weg.

RTL-Off-Text: „Mit 28 kann man auch mal mit einem Rucksack zum Interview kommen.“ Screenshot: RTL

Haben Sie erwartet, dass das Thema des verächtlichen Umgangs mit jungen Leuten eine solche Rolle spielen wird?

Kühnert: Überhaupt nicht. Ich habe das auch nicht aktiv gesetzt. Das kam vor allem nach der „Maybrit Illner“-Sendung, in der ich war. All das, worüber dann berichtet wurde – dass mein Name falsch ausgesprochen wurde, dass ich geduzt wurde, dass über mich in der dritten Person gesprochen wurde – habe ich in der Sendung zwar wahrgenommen. Aber ich hatte das schon eingepreist. Mir war klar, dass es Grenzüberschreitungen sind, aber sie haben mich nicht gewundert. Deswegen wäre ich auch nicht auf die Idee gekommen, danach einen langen Facebook-Post abzusetzen und zu sagen: Schaut her, wie ungerecht ich behandelt wurde!

Aber das war ja vergleichsweise harmlos zu Formulierungen wie dem „Milchgesicht“ („Bild“), dem „Rebell mit Bubigesicht“ („Focus“) oder der Puppe bei Sat.1. Wie ist das für Sie?

Kühnert: Je weniger persönliches Zutrauen ich zu dem Medium habe, desto weniger gebe ich da drauf. Wie die „Bild“ Schlagzeilen macht und versucht, Geschichten zu setzen, ist allen, die Politik machen, hinlänglich bekannt. Das haut mich jetzt echt nicht aus den Socken, wenn die „Milchgesicht“ schreiben.

Screnshot: RTL

Warum war ausgerechnet diese RTL-Situation, in der die Moderatorin Sie fragte, ob Sie in einer WG leben, der Punkt, wo Sie dann selber öffentlich gesagt haben: Eigentlich war das doof.

Kühnert: Weil das so unvermittelt kam. Auch beim RTL-Frühstücksfernsehen ist mir klar, dass das kein hochinvestigatives Interview wird, aber das war so ein harter Schnitt: Wir reden drei, vier Minuten über politische Fragen und dann kommt: Und, wie geht es Ihnen jetzt so damit? Werden Sie erkannt auf der Straße? Leben Sie eigentlich in einer WG? Das ist völlig aus dem Rahmen gefallen. Da war der Hashtag #diesejungenLeute schon aufgekommen. Ich hatte das Gefühl, das kann ein hilfreicher Beitrag zu der Debatte sein.

Der Hashtag selbst kam aber nicht von Ihnen.

Kühnert: Nein, das hat „Bento“ gemacht.

Köster: Steffen Lüdke hatte diese etwas schräge Situation bei Illner aufgeschrieben und sich den Hashtag ausgedacht.

Davon träumt doch jeder Politiker, gleich am Anfang Teil einer solchen viralen Kampagne zu sein, oder?

Kühnert: Die vielen Beiträge dazu – zum Beispiel von Jamila Schäfer von der Grünen Jugend – haben gezeigt, dass die ihre Daseinsberechtigung hat. Dass Leute so altväterlich daher kommen und sagen: „Das hast du schön gemacht, das ist ganz toll für dein Alter“, das haben alle schon mal erlebt, egal in welcher Partei.

Sie haben diese Grenzüberschreitungen für etwas Positives genutzt.

Kühnert: Ja. Ich will nicht darüber wahrgenommen werden, dass ich mich beschwere, wie mit mir umgegangen wird. Das ist ja immer auch eine Position der vermeintlichen Schwäche. Ich will die Öffentlichkeit, die die Debatte gebracht hat, lieber nutzen, um auf Defizite hinzuweisen. Junge Menschen sind in den politischen Prozessen zu wenig präsent. Das ist der Grund, warum sie wie Aliens behandelt werden. Man trifft sie halt so selten, dass gerade viele Ältere total unsicher sind, wie man mit uns umgeht. Ich will eigentlich gar nicht anklagen, ich will ermutigen zu sagen: Bewertet uns anhand von dem, was wir sagen und nicht, wie alt wir sind oder wie wir aussehen und ob wir einen Rucksack auf dem Rücken haben. Um viel mehr geht es doch gar nicht.

Ich habe den Eindruck, dass Ihnen die Versuche, Sie klein und lächerlich zu machen, nur geholfen haben.

Kühnert: Das muss die langfristige Perspektive zeigen. Ich würde zumindest den Eindruck unterstreichen, dass es uns nicht geschadet hat. Es hat Akte der Solidarisierung gegeben, auch von Leuten, die uns inhaltlich widersprechen.

Sind umgekehrt die Lobeshymnen ein Problem? Markus Lanz behauptete, ganz Europa habe auf Sie geschaut, auch andere haben Sie auf höchste Podeste gestellt, voller Macht und Bedeutung und Wirkung.

Kühnert: Ich sehe das mit einer gewissen ironischen Distanz. Das ist der kleine Schutzschirm, den ich um mich herum habe, natürlich aus der Überzeugung heraus, dass das überzogen ist. Mir ist schon klar, dass es Kausalverkettungen geben kann, bei denen am Ende politische Dinge passieren …

Und Sie dann Bundeskanzler sind!

Kühnert: Ich meinte eher, dass irgendwo irgendwelche Leute irgendwelche Posten verlieren. Aber wir führen jetzt eine Debatte, die ums Innerste der SPD kreist und die Frage, was das für eine Partei in Zukunft sein soll, welche Strategie sie verfolgt und welche Mehrheitsoptionen. Ich will es jetzt auch nicht kleiner machen als es ist. Wir haben eine Debatte angestoßen, die seit langem unter der Oberfläche gegärt hat.

Sie bekommen ein Maß an Aufmerksamkeit, nach dem sich fast jeder Politiker sehnt – aber diese Aufmerksamkeit verdanken Sie auch der Zuspitzung: Das ist der junge Mann, der Martin Schulz stürzen will. Ist es nicht auch frustrierend, dass es gar nicht so sehr um Inhalte geht?

Kühnert: Ich vernehme ein paar Töne von Leuten, die sagen: Die Jusos sagen ja nur, wogegen sie sind und gar nicht wofür. Warum fragt uns denn nicht mal jemand danach? Heute war ein Radiointerview, SWR, vier Minuten. Das war nicht superlang, aber da war keine einzige inhaltliche Frage. Wenn man anfängt, über inhaltliche Sachen zu reden, wird das ganz schnell abgewürgt. Nachdem Stephan Weil mir bei Illner vorgeworfen hat, ich würde nur Überschriften rausposaunen, sind wir zehn Minuten später in eine detaillierte Diskussion über Rentenpolitik eingestiegen. Die ist aber schnell wieder wegmoderiert worden, weil es anscheinend fürs Publikum zu kleinteilig war.

Lanz hat Ihnen am Ende nochmal die Gelegenheit gegeben: Jetzt sagen Sie doch mal, wofür Sie stehen!

Kühnert: Ja, alle hauen immer auf Lanz ein, aber ich hatte viel Zeit, darstellen zu können, was aus meiner Sicht drängende Themen sind. Ich habe vorher immer ein bisschen verschnupft auf dieses Sendekonzept geguckt, aber ich fand den Umgang bei Lanz völlig in Ordnung, mit den emotionalen Überspitzungen, die bei ihm halt dazugehören. Die habe ich ja nicht exklusiv, die kriegen auch andere. Zum Beispiel diese Frage: Wie hält ein Mensch das aus? Die stellt er ja in jeder Sendung dreimal.

Bei Ihnen war da noch die x-fache Wiederholung der Frage, ob Schulz nicht doch zurücktreten muss.

Kühnert: Er ist ja oft genug damit erfolgreich. Einen Tag nach mir war Thorsten Schäfer-Gümbel da. Den hat er so lange traktiert mit der Frage, ob er sich denn nun in der internen Runde nach dem Sondierungsergebnis enthalten hat, bis er es öffentlich gesagt hat.

Wie schaffen Sie es, das mit einem Pokerface abtropfen zu lassen?

Kühnert: Ich begegne der ganzen Sache mit einer Grundportion Humor. Das hilft sehr dabei, Situationen umschiffen zu können, ohne dass es peinlich oder unangenehm wird oder ich alberne Ausflüchte finde, bei denen alle vor dem Fernseher zuhause sagen: Um Gottes Willen, das ist ja Scheiß-Politik-Sprech. Ich habe mir für das Amt vorgenommen, authentisch zu bleiben. Das gilt für so was wie Rucksacktragen, Klamotten, auch für die Art und Weise, wie man spricht. Ich habe keine Lust, mich irgendwann selber auf einer Aufnahme zu sehen und zu sagen: Das bist gar nicht du, was machst du da eigentlich?

Ist das nicht für einen Vorsitzenden der Jugendorganisationen ohnehin selbstverständlich?

Kühnert: Ja, absolut. Aber bei vielen erlebe ich eine Art vorauseilenden Gehorsam, sich diesen Spielregeln zu unterwerfen. Politik ist kein Uniformierungsberuf, wo alle am Ende ein Sakko anhaben müssen. Wir hatten eine schöne Situation beim „Morgenmagazin“ der ARD, da war ich im Doppelinterview mit Paul Ziemiak von der Jungen Union. Wir standen schon am Pult, aber es dauerte noch bis zur Schalte. Da realisierte er, dass ich da ja im Hoodie stehe und er im Sakko. Er hat dann noch eilig versucht, das auszuziehen, aber es kam sofort jemand angesprintet und meinte: Nein, das blau-weiß-gestreifte Hemd gehe vom Bild her nicht, er müsse das Sakko wieder anziehen. Er war todunglücklich, weil er gemerkt hatte: Scheiße, hier stehen gleich zwei Vorsitzende von Jugendorganisationen, und der eine sieht irgendwie alltagstauglich aus – und der andere Politiker-like.

von links: Kevin Kühnert, Christiane Meier, Paul ZiemiakScrenshot: ARD-„Morgenmagazin“

Naja, vielleicht mögen das Anhänger der Jungen Union aber genau so.

Köster: Die Moderatorin hat auch gesagt, dass das doch authentisch sei. Fand er nicht so gut.

Haben Sie gezögert, ob Sie zu Böhmermann gehen? Weil es zu viel Show sein könnte?

Kühnert: Ich habe mir einen Tag Bedenkzeit erbeten – nicht, weil ich ernsthafte Bedenken hatte, sondern weil ich finde: Das ist eine Anfrage, die muss man kurz wirken lassen. Es war aber relativ klar, dass ich zusage, und dann habe ich mich auch darauf gefreut.

Gab es Anfragen von anderen Shows?

Kühnert: Oh ja, die Kochshow!

Köster: Kevin sollte bei Vox mit einem Fernsehkoch um die Wette kochen. Es war eine Voranfrage. Sie wollten erstmal seinen Bezug zum Kochen erfragen.

Kühnert: Und die ehrliche Antwort ist: Kein Bezug vorhanden. Meine Kochkompetenzen beschränken sich auf Pizza bestellen.

Und sonst hätten Sie es gemacht?

Kühnert: Nein, weil das ja nicht mal mehr hintergründig ein politisches Format ist. So was wie Böhmermann mache ich, weil ich die Sendung für politisch halte. Wenn ich davon ausgehen kann, dass ich als ernstzunehmender politischer Mensch erscheine in einem Format, dann mache ich das.

Spüren Sie Neid bei Kollegen für die viele mediale Aufmerksamkeit, die Sie bekommen?

Kühnert: Es gibt schon überwiegend eine ehrliche Form von Anerkennung, auch über die inhaltlichen Unterschiede hinaus. Wo ich eine gewisse Verschnupfung wahrnehme, ist dieser Vorwurf, dass wir das inhaltlich nicht unterfüttern. Einige nehmen das fast schon als persönliche Kränkung wahr, dass da Leute, die aus ihrer Sicht inhaltlich gar nichts anzubieten haben, in der Lage sind, ihnen fast den Rang abzulaufen in dieser Debatte – auch wenn der Vorwurf meiner Meinung nach ins Leere zielt.

Mit Ihrer Kampagne zum Eintritt in die SPD wagen Sie einen Balanceakt: Sie mussten schnell Statements einfangen, die klangen, als ob einfach jeder Verrückte nur kurz zum Nein-Stimmen Mitglied werden soll.

Kühnert: Es gab nach dem Parteitag diese eine Aussage: „Für einen Zehner gegen die GroKo.“ Das war eine ironische Überspitzung, die der betreffende Genosse auch am Tag danach direkt mit entsprechender Erklärung wieder abgeräumt hat.

Aber das Zitat steht in fast jedem Artikel zu dem Thema.

Kühnert: Das ärgert mich. Ich verstehe, dass Leute darauf abfahren, finde aber schon, dass zu einer seriösen Berichterstattung dazugehört, das einzuordnen. Ich habe in mehreren Interviews gesagt, dass das nicht unsere Botschaft ist. Oder diese Ungenauigkeit, die sich jetzt durch alle Berichte zieht, die Kampagne der Jusos habe gelautet: „Tritt ein, sag nein!“. Das ist nicht unser Slogan, sondern von dem „NoGroKo“-Verein, mit dem wir weder vorder- noch hintergründig zusammenhängen.

Dann kommt jetzt meine Variante der Frage: „Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?“ Haben Sie die Vorstellung, Berufspolitiker zu werden?

Kühnert: Es gibt dieses geflügelte Wort, dass alle ihr Hobby zum Beruf machen wollen, und Politik ist mein Hobby. Ich mache das gern, gebe seit Jahren dafür nahezu restlos meine Freizeit, und natürlich wäre es schön, irgendwann einmal seine Brötchen damit verdienen zu können. Was das dann genau ist, das ist mir nicht so wichtig und das halte ich auch für offen. Wenn Berufspolitiker heißt, ein Mandat zu haben, würde ich eh immer empfehlen: Vorsicht an der Bahnsteigkante! Das ist absolut nicht planbar. Keiner weiß, ob es in der SPD in zehn, 15 Jahren über noch relevante Posten zu verteilen gibt. Aber es gibt ja auch andere Möglichkeiten, politisch tätig zu sein, auch beruflich.

Sie können in Talkshows sitzen. Statt Wolfgang Bosbach.

Kühnert: Aber damit verdient man ja nicht seinen Lebensunterhalt.

Schrecken Sie die Erfahrungen, die Sie jetzt in diesem Getöse machen, eher von einer Karriere in der Politik ab?

Kühnert: Unterm Strich bleibt eine Ermunterung. Ich denke, dass die meisten Menschen mit dem Blick auf das, was unseren Alltag in der Politik ausmacht, sagen würden: Du könntest mir ein Traumgehalt geben, ich würde das nicht machen. Aber mich treibt das an, mithelfen zu können, wenn Entscheidungen getroffen werden, die relevant sind für die Gesellschaft, und dort meinen Stempel draufdrücken zu können. Für mich ist das so erfüllend, dass ich die negativen Aspekte gerne in Kauf nehme.

Wenn dann in ein paar Wochen die Große Koalition da ist, glauben Sie, dass Sie wieder vergessen sind? Sind das gerade Ihre 15 Minuten Ruhm oder ist es der Anfang einer wunderbaren Beziehung mit den Medien und der Politik?

Kühnert: Die persönliche Antwort ist: Ich hoffe, dass danach die Kurve ein bisschen runter geht und ich ein paar Tage Urlaub machen kann. Aber mein Anspruch ist schon, dass wir die Öffentlichkeit mitnehmen, die wir jetzt generiert haben. Egal, wie die Abstimmung der Mitglieder über die Groko ausgeht, steht für uns anschließend eine riesige Aufgabe an: der Erneuerungsprozess der SPD. Wenn wir uns jetzt Gewicht verschafft haben sollten, dann werden wir das gerne nutzen. Es wird Leute brauchen, die auch mal anderen auf die Finger hauen. In dieser Rolle sehe ich uns.

Offenlegung: Ich bin 48 und mit Rucksack zum Interview erschienen.

35 Kommentare

  1. Informatives und spannendes Interview, mehr davon bitte. Sie könnten auch ein Gespräch mit Paul Ziemiak führen, der hätte in der momentanen Stimmungslagelage in der CDU bestimmt auch interessantes zu erzählen.

  2. Nettes Gespräch.

    Zwei Anmerkungen nur:

    „Verband mit 70000 Mitgliedern“ klingt mächtig, aber die wenigsten davon sind wirklich aktiv dabei. Jedes SPD-Mitglied unter 36 ist automatisch Juso. Und weil so wenige junge Genossinnen und Genossen sich wirklich bei den Jusos engagieren, bleibt die Frage, wen Kühnert und Co. mit ihren Ansichten tatsächlich repräsentieren, offen.

    Zweitens wurde die Losung „Für einen Zehner gegen die GroKo“ erst zurückgezogen, als es innerhalb der Partei deswegen erheblichen Unmut gab. Dieses Motto nun als „ironische Überspitzung“ zu skizzieren, ist ein legitimes taktisches Manöver. Aber das Motto ist in NRW-Juso-Kreisen anfangs durchaus ernsthaft gepusht worden.

    Dass er aber nun (leider widerspruchslos) kommentiert: „Ich verstehe, dass Leute darauf abfahren, finde aber schon, dass zu einer seriösen Berichterstattung dazugehört, das einzuordnen“ – das ist dann doch etwas frech.

    Wundern tut mich aber, dass ein oberster Funktionär der Jungen Union noch in einem eng linierten Hemd ins TV-Studio kommt. Die Sache mit dem Moiré-Effekt sollte sich doch eigentlich inzwischen herumgesprochen haben.

  3. Die Dame von der Stuttgarter Zeitung ist honorige 82 Jahre und der lebende Beweis, dass ein hohes Alter nicht immer mit großer Weisheit einhergeht. Bei allem Respekt vor der Lebensleistung von Frau Krause-Burger, aber das ist eine unfassbar dumme und aus der Zeit gefallene Kolumne.

  4. @Stefan Niggemeier, #6

    Ja, ist nicht schön. Schlecht geschrieben und eher billig argumentiert.

    Aber wer oben mitmischen will, muss das wegstecken können. Gerade wenn man will, dass junge Politikerinnen und Politiker ernst genommen werden sollen, darf man da nicht zu fimschig sein.

    Und natürlich geht es auch einem führenden Juso nicht ausschließlich um Inhalte, da spielt das Ego ebenso eine große Rolle wie bei allen anderen in der Liga. Auch in der Hinsicht, finde ich, sollte man Menschen wie Kevin Kühnert ganz normal behandeln.

    Mir ist dieses Interview unterm Strich zu unkritisch, aber das ist lediglich eine Geschmacksfrage. Interessant ist es allemal, wie Kühnert Medienerlebnisse (aus seiner Sicht) schildert.

  5. @Th: Der ist ja nicht fimschig. (Was immer das genau bedeuten mag.) Und, wie ich im Gespräch schon andeute: Ich glaube, von dieses ganzen Versuchen, ihn als kleinen Hanswurst zu behandeln, hat er nur proftiert.

  6. #7:

    Bei allem Respekt vor der Lebensleistung von Frau Krause-Burger, aber das ist eine unfassbar dumme und aus der Zeit gefallene Kolumne.

    Stimmt. Aber es ist ja auch nur in der ‚Stuttgarter Zeitung‘ erschienen – die Zeiten, in denen das ein honoriges Blatt mit überregionalem Renommee war, sind lange vorbei. Von daher passen Kolumne und Medium hervorragend zusammen.

  7. Das lesenswerte Interview ist von Freitag voriger Woche. Seitdem ist viel passiert, auch und gerade in der SPD. Warum erscheint es erst eine Woche später?

  8. @Someonesdaughter
    Dass Sie der gleichen Ansicht sind wie ich bereitet mir ehrlich gesagt leichtes bis mittleres Unbehagen. Vielleicht muss ich meine Meinung doch nochmal überdenken.

  9. Erstaunlich, dass jetzt der nächste Heiland aufgebaut werden soll.
    Auch Kühnert wird damit scheitern, ein System zu erneuern, ohne das System an sich anzutasten. Die Parteiendemokratie ist nicht mehr in der Lage, dem Kapital irgendetwas entgegenzusetzen. Sie entspricht auch in keiner Weise mehr dem Transparenzbedürfnis der Bürger. Allein die künstliche Aufteilung in Bürger und Politiker ist unzeitgemäss. Das System „Patrteiendemokratie“ ist am Ende. Entweder, wir schaffen es, das System massiv zu erneuern und zu öffnen, oder auch wir bekommen früher oder später unseren Trump. Leider gibt es in Deutschland keine Partei, die das erkennen will. Bei den Medien schaut es nicht besser aus. Die leben ja gut von dem Affentheater, das sie gemeinsam mit der Politik aufführen.

  10. Tolles Interview!

    @Graf E / Nr. 19: Das ist ein Mensch. Ein Mensch kann scheitern. Das gehört zum Menschsein dazu. SIE wollen ihn zu einem vermeintlichen Heiland machen (aus Lust daran ihn stürzen zu sehen). SIE. Niemand sonst. Und auch Ihre Perspektive, dass „die Parteiendemokratie“ am Ende und nicht erneuerbar/reformierbar ist, ist nichts weiter als IHRE pauschale, inhaltlich durch nichts begründete Meinung. Sehen Sie die Spur der Steine?

  11. Dann nehme ich Kevin Kühnert! Der läßt sich seine Biographie bestimmt nicht von „BILD“-Allzweckwaffe Paule Ronzheimer schreiben!

  12. #16:

    Vielleicht muss ich meine Meinung doch nochmal überdenken.

    Tun Sie das – finden Sie die Krause-Burger einfach ganz großartig und die StZ knorke, Hauptsache ich muss nicht in Ihrem „Team“ sein.

  13. @Nimmermued

    „SIE wollen ihn zu einem vermeintlichen Heiland machen (aus Lust daran ihn stürzen zu sehen). SIE. Niemand sonst.“

    Nanana. Kühnert wird gerade medial massiv gepusht. Das wird sich wieder ändern. So funktionieren Medien eben.

    „Und auch Ihre Perspektive, dass „die Parteiendemokratie“ am Ende und nicht erneuerbar/reformierbar ist, ist nichts weiter als IHRE pauschale, inhaltlich durch nichts begründete Meinung.“

    Brexit, AFD, Polen, Ungarn, FPÖ, Front National… usw. usw.
    Das langt m.E. als Begründung dicke.
    Und das sind nur europäische Beispiele.
    Ich könnte auch noch Trump und Erdogan anführen. Das sind alles parteidemokratische Gewächse. Oder schauen sie doch mal nach Haiti, wie gut „Demokratie“ dort funktioniert.

    „Sehen Sie die Spur der Steine?“
    Ne. Ich sehe eine Mauer aus Steinen. Ich sehe ganz viele Leute, die aus Zukunftsangst und Borniertheit jede Art von Systemveränderung kategorisch ablehen und damit ungebremst auf die Wand zufahren.

  14. Nichtssagende Berichte über Hoodies, Rucksäcke und WGs, das ist wahrscheinlich der Journalismus der den Hanfelds, Reichelts und ÖR-Sturmreifschiessern vorschwebt.

  15. Interessantes Interview, aber Stefan Niggemeier‘s Fragen sind nicht kritisch genug, um nach journalistischen Standards als gutes Interview zu gelten. Es ist ein Gespräch im Gleichklang der Meinungen. Man muss ja nicht wie Markus Lanz fragen, aber bitte auch nicht wie Alfred Biolek.

  16. Ich habe die Rede von Kevin Kühnert beim Sonderparteitag gesehen und das von der Kamera begleitete zufriedene Gesicht von Andrea Nahles während des Vortrages. Ja Sie konnte zufrieden sein. Der Beitrag von Kühnert von Entschuldigungen an die Kopferten und Verhandler gespickt, nichts konkret zum Inhalt der Verhandlungen und zum Weg(Niedergang) der SPD seit Schröder. Nichts zu daraus resultierenden notwendigen Veränderungen zum Stopp des Niedergangs. Ich glaube er hat mit diesen Beitrag den ein und anderen Unentschlossenen zur Zustimmung getrieben, ganz im Gegensatz zu anderen Beiträgen der Jusos, hier besonders hervorzuheben den Beitrag seiner unmittelbaren Vorgängerin. Programmatische Vorstellungen von Kevin Kühnert kann ich nicht erkennen, seine Vorstellungen, so sehe ich das, unterscheiden sich von den Vorstellungen von Nahles, Scholz, Schulz, Schwesig, Gabriel ….. nur in einen Punkt. Koalition jetzt ja(das gesamte Führungspersonal scheint bis in die Kommunen) Kevin Kühnert nein aber sonst gemeinsam weiter so, egal unter welchen Führer.
    Fragen dazu vermisse ich im Interview, es wirkt wie gewollt, gewollt beiden Seiten? Eine Rede vergleichbar der von Bernie Sanders https://www.freitag.de/autoren/the-guardian/das-gesetz-des-schwaecheren ist wohl nicht zu erwarten, wohl doch eher ein Anruf um Rat bei Macron, d. franz. Schröder.
    Ich lass mich überraschen vom weiteren Weg des Kevin Kühnert in den nächsten Tagen, Wochen, hoffentlich positiv.

  17. 29 Stefan Niggemeier
    Das Thema habe ich wohl verstanden. Aber die Aussage „An Interviews mit ihm über Politik mangelt es ja nicht.“ Was ist Politik?, ich jedenfalls habe von Kevin Kühnert bisher keine Aussage über seine Ziele, über seine Ideen, seine Visionen über eine erneuerte SPD gefunden, außer keine Groko.
    Vielleicht am 26.02 bei radioeins & Freitag Salon, das Thema: #NoGroKo, die Sozialdemokratie und die Zukunft der SPD läßt hoffen.

  18. „Das Thema habe ich wohl verstanden.“

    „Fragen dazu vermisse ich im Interview…“

    *seufz* Viel Glück bei der weiteren Suche.

  19. Hochinterressantes Interview eines
    Spd Mitglieds mit Weitsicht und der Gabe die Dinge Sachgerecht zu sehen und zu beurteilen.
    Man wird noch viel von Ihm hören und sehen.
    martin doerr

  20. Schönes Interview. Mein Favorit bleibt aber die abschließende Offenlegung.

    Es muss ein Ruck(sack) durch die Gesellschaft gehen.

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