Die meistabgebildete Programmzeitschriften-Kapelle Deutschlands

Alle Jahre wieder vor Weihnachten kommen die Redaktionen deutscher TV-Programmzeitschriften zu einer mehrtägigen Klausur zusammen, bei der die Redakteurinnen und Redakteure Lebkuchen knabbern und versonnen in den Glühwein pusten, während sie grübeln, mit welchem exklusiven Titelbild sie ihre Leserinnen und Leser denn in diesem Jahr überraschen wollen. Es sind immer harte, arbeitsreiche Tage, auch bei der Zeitschrift „Gong“.

Drei fast identische Titelseiten mit derselben schneebedeckten Kapelle.
„Gong“-Titelseiten von 2015 bis 2017 (v.l.)

„Gong“ zu lesen, ist ungefähr so, als würde man jedes Jahr die gleichen Motivsocken zu Weihnachten bekommen. Eigentlich stand da auch mal „Der beste Gong aller Zeiten“ auf dem Cover, aber nur bis 2015, denn – das ahnten sie in der Redaktion: Besser als der Weihnachts-„Gong“ aus dem Jahr 2015 konnte „Gong“ nicht mehr werden, alles danach würde ein fader Abklatsch sein.

Wenn Sie jetzt denken: Ach, Mensch, ich lese den „Gong“ aus dem Gong Verlag doch seit Jahren nicht mehr, aber ich kenne diese Kapelle irgendwoher, dann kennen Sie die Kapelle wahrscheinlich aus dem Jahr 2009, 2011 oder 2013.

Drei ähnliche Titelblätter, auf denen immer dieselbe Kapelle zu sehen ist
„Gong“-Weihnachtstitel 2009, 2011 und 2013 (v.l.)

Ja, diese Kapelle hat es ihnen angetan beim „Gong“, weil: Schaut doch mal, wie sie da steht und leuchtet! Diese süße kleine Kapelle mit dick Schnee obendrauf und Sternen drumherum, die Sie sicher aus der „tv Hören und Sehen“ kennen, dem hippen Linearfernsehblatt aus dem Hamburger Bauer Verlag.

Sechs nahezu identische Titelseiten mit immer derselben Kapelle auf dem Foto, nur 2013 wurde eine andere Kapelle abgebildet.
Weihnachtstitel der „tv Hören und Sehen“, 2012 bis 2017 (v.o.l.)

Es gehört zu den ungelösten Rätseln, die sich um Weihnachten ranken, was sich im Jahr 2013 n. Chr. in den Räumen der „tv Hören und Sehen“ zugetragen hat und ob die Titelredaktion tatsächlich an Heiligabend gefeuert wurde, weil sie eine schnöde Hütte abgebildet hatte und nicht die ehrwürdige Josefskapelle im Mühlendorf Gschnitz im Gschnitztal, unweit der Gemeinde Gschnitz in Tirol: die meistabgebildete TV-Programmzeitschriftenkapelle Deutschlands.

Vor acht Jahren, 2009, hat sie der Fotograf Reinhard Schmid von der Reisefotoagentur Huber Images in Garmisch-Partenkirchen fotografiert, und seither freut sich die Agentur, wenn bei ihr Jahr für Jahr zu Weihnachten der Klingelbeutel klingelt. Die Verlage müssen nämlich immer wieder neues Kapellengeld überweisen, günstiger als beim Erstkauf, aber immerhin.

Auch „Hörzu“ bedient sich aus dem Portfolio von Huber Images, hat aber eine romatisch-weihnachtliche Hütte gewählt, die Huber bereits als Fotomontage anbietet. Sowieso läuft bei „Hörzu“ alles anders. Die Redaktion möchte die Leser nicht langweilen. Titelbilder jedes Jahr zu wiederholen, käme nicht infrage, deshalb bringen sie die Huber-Hütte nur alle zwei Jahre, im Wechsel mit einer anderen (vor denselben Berg montierten) Hütte einer weiteren Agentur.

Sechs fast identische Titelseiten, auf denen abwechseld zwei Hütten in Winterlandschaft zu sehen sind.
„Hörzu“-Weihnachtstitel, 2012 bis 2017 (v.o.l.)

Seit 2014 gehört „Hörzu“ übrigens nicht mehr dem Springer-Verlag, wo sie seit ihrer Gründung im Jahr 1946 erschien, sondern der Essener Funke-Mediengruppe. Dort hält man an Traditionen gerne fest, vor allem zu Weihnachten.

Beim „Gong“ übrigens gab es auch früher schon Jahre voller Kreativität. 2007, zum Beispiel, legte die Redaktion ihren Lesern „Das große Heft der Inspirationen“ vor, und im folgenden Jahr gleich noch einmal, sogar mit „111 Ideen zu Weihnachten“. Nur eine Idee für ein Titelblatt war leider nicht darunter.

Zwei nahezu identische Titelblätter mit derselben Kapelle.
„Gong“-Weihnachtstitel 2007 und 2008

Immerhin: Hinter der Kapelle, die offenbar in der Nähe von Elmau in Oberbayern steht, ist binnen eines Jahres ein stattlicher Nadelwald gewuchert, und vor der Kapelle brennen nun, wohl wegen des Waldes, keine Fackeln mehr. Dafür rast in beiden Jahren ein identischer Meteorit auf die Erde hernieder, der möglicherweise im nächsten Moment in die Titelredaktion dieser Zeitschrift gongt, was aber nicht weiter schlimm ist, denn da arbeitet ja eh niemand.

Ganz im Gegensatz zur „TV14“, die zeigt, dass Kapellen und Hütten nicht alles sind, und dass es auch anders geht: moderner, abwechslungsreicher, blonder.

Neun Titelseiten mit jeweils blonden Frauen im weißen Kleid: anfangs abwechselnd Michelle Hunziker und Jennifer Aniston, später auch Helene Fischer.
„tv14“-Weihnachtstitel 2009 bis 2017 (v.o.l.)

Die frohe Kunde in diesem Jahr ist: Sie haben ein anderes Foto von Michelle Hunziker gefunden! Und es gibt wieder „777 TV-Highlights“ zu bestaunen, im Gegensatz zu 2015, als es „555 TV-Highlights“ gab – es war ein vorsichtig realistisches Jahr. Und wenn Sie jetzt glauben, dass die bei „tv14“ schon immer einfach Fotos der blonden Michelle Hunziker und der blonden Jennifer Aniston mit Fotos einer blonden Frau abwechseln, die Helene Fischer sein soll – nein, früher war Weihnachten bei „tv14“ noch viel, viel abwechslungsreicher.

Und damit: Fröhliche Klumnachten!

Fünf sehr ähnliche Titelbilder. Auf allen ist Heidi Klum abgebildet.
„tv14“-Weihnachtstitel mit Heidi Klum von 2004 bis 2008

 

19 Kommentare

  1. Da ihr nicht Mitglied im magischen Zirkel seid, dürft ihr das ja verraten. Also, wie entdeckt und recherchiert man so was?

  2. Solange sie nicht alle Jahre wieder dasselbe Programm abdrucken…

    Allerdings dürfte das – bei Gong 07 und 08 – ein Komet sein, kein Meteor – und erst recht kein Meteorit. (Alljährliche vorweihnachtliche Klugscheißerei.)

  3. erschreckend, wie einfältig unkreativ diese Typen da sind. Wahrscheinlich bleibt ihnen für eine Neugestaltung der Titelseiten keine Zeit weil sie so intensiv mit dem Erfinden von Lügengeschichten und Ausdenken von Banalitäten beschäftigt sind.
    Was muss das für ein ödes Leben in den Redaktionsstuben sein.

  4. …alle Jahre wieder ist auch Weihnachten- kann man(n) nicht ändern.
    In diesem Sinne: Frohes Fest und gutes Gelingen mit ÜM auch weiterhin.
    Grüsse auch an die unermüdlichen Kollegen von der Nachbarseite „BILDblog“.
    cu

  5. …solange es im ÖR Voyeurs-Sendungen wie „Brisant“ u.a. gibt, das Nachmittagsprogramm zugemüllt ist mit den immer gleichen Banalitäts-Sendungen auf allen Kanälen: Warum sollten die div. TV-Schriften da etwas ändern?
    Verstört das bereitwillig-kritiklose Publikum in Halle-Neustadt oder Düsseldorf-Garath nur.
    Sowas darf nicht sein, dafür steht schliesslich unsere Bundesmutti oder, leider, eine sogenannte angebliche Alternative.
    Genug gemosert, Friede den Hütten.
    Bis denne…

  6. …bitte ‚mal die Kirche im Dorf lassen, das Jesuskind in seiner alljährlichen Krippe und das Weihnachtsoratorium auch.
    Alles halb so schlimm und verkraftbar, nein?
    @ Boris:
    Ins Archiv steigen, ok. Bitte keine Staublunge holen.
    Gibt’s da unten auch noch was anderes von Interesse?
    Neugierig und gespannt das kommende Jahr erwartend:
    Gutes Gelingen und viel Erfolg…
    Ironie off

  7. …nebenbei: Da die Leutchen in diesen speziellen Redaktionsräumen wohl mehr mit Scherbenkehren beschäftigt sind, weil sie nicht mehr alle Tassen im Schrank haben und das Waffeleisen auch regelmässig defekt zu sein scheint(…die haben einen an der Waffel!) – Da bleibt nicht mehr viel Zeit für die Ausübung des auf der Henri-Nannen-Journalistenschule gelerntes. Oder es gilt, die Zeit bis zu einem Halbtagsjob bei SPON; NZZ oder dem Bundessprecher Seibert zu überbrücken.
    K.A., weil fremde Welt für mich.
    Immerhin schafft es Arbeitsplätze in der Spiegelindustrie. Denn die(die Spiegel) werden ja wohl allmorgendlich blind, wenn da jemand(e) von denen reinschaut.
    Und dann: Kein Spiegel=keine Schminke=schlechte Laune= irgendwas mit Königs=sowas von egal.
    Erstmal ’nen Kaffee… Mist, keine Tassen mehr im Schrank.
    Tja, ist alles nicht so einfach.

  8. @6 Ekkehard: Wie Sie bei so einem Thema die Kurve zum Öffentlich-rechtlichen Rundfunk und Angela Merkel kriegen, ist echt sehenswert. Oder halt: doch nicht.

  9. Ist doch klar: Zu Weihnachten gibt’s immer Kapellen oder andere Hütten – oder eben Holz vor der Hütt’n. Lernt man vermutlich im Journalismus-Studium.

  10. …übrigens ist es total unfair, Medien, die ständig dem unberechtigten Vorwurf „Lügenpresse“ ausgesetzt sind und sich dagegen zu wehren suchen, mit allen Kräften, zu unterstellen, sie seien „Lügenpresse“. Da bleibt ja in den Redaktionen kaum Zeit. Nennt man auch den Sachzwängen geschuldet.
    Unfair, versichern uns die Herren Döpfner u.a. – sowas geht ja garnicht…
    Friedlich bleiben, Objektiv und am Aktio… ähem Leser orientiert.
    Honi soit qui mal y pense…
    Bin ich ein naiver Schelm?
    Schöne Feiertage

  11. Blonde Frauen werden auch den Rest des Jahres über auf Titelseiten abgebildet. Der Grund hierfür ist recht simpel: Sobald eine Brünette auf dem Cover erscheint, geht der Umsatz um durchschnittlich 15 Prozent zurück. Wird die Frau gegen einen Mann ausgetauscht, bricht der Umsatz um durchschnittlich 33 Prozent ein. Weswegen selbst attraktive Männer wie Brad Pitt oder George Clooney frühestens auf Seite 3 zu finden sind.

  12. @13:
    Auf die Wiederholung eines „Tatort“ warten:
    „Lastrumer Mischung“ o.ä.
    Da ist Frau Schaffrath zu sehen…
    Ob es lohnt, deswegen wachzubleiben?

  13. @14 Sonny
    Bei einem Mann oder einer brünetten Frau auf dem Cover brauchen also wesentlich weniger Menschen eine Fernsehzeitschrift für die nächsten 14 Tage?
    Ich mein wenn man die eh nur wegen der Wankvorlage kauft, reicht doch eigentlich ein einmaliger Erwerb im Jahr, da die 2-3 Bilder, wie gezeigt, eh ständig rotieren.
    Entweder versteh ich Männer nicht oder ich hab früher, als ich noch TV-Programme kaufte, etwas grundlegend falsch gemacht. da ich anhand des Programmteils entschied und das Cover ignorierte.
    Jetzt kaufe ich nur noch ARTE-Magazin und könnte nicht sagen was dort jeweils auf dem Cover ist. Ziemlich sicher aber keine Barbiegesichter aus dem Photoshop-Bausatz.

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