Ali Baba und die 40 Polizisten

Lokalzeitungen, das sind die, denen die Menschen noch vertrauen. Die sind vor Ort, die gehen hin, die sind dabei, die schreiben nicht einfach ab.

Also, wenn sie es sich leisten wollen.

Als am Mittwoch in Berlin ein Spielplatz eröffnet wurde, der vorher bundesweit für Schlagzeilen sorgte, weil er von Rechten und Rechtsextremen zu einem Symbol für den Untergang des Abendlandes gemacht wurde, stand in der so genannten „Berliner Zeitung“ darüber kein Artikel eines eigenen Mitarbeiters. Man behalf sich mit einem Bericht der Nachrichtenagentur dpa und präsentierte ihn so:

Ausriss: „Berliner Zeitung“

Das war ein bisschen unglücklich, denn tatsächlich fand die Eröffnung nicht unter Polizeischutz statt. Das bestätigen die Neuköllner Bezirksbürgermeisterin, Augenzeugen und die Polizei selbst. Offenbar standen aus anderem Grund Polizeifahrzeuge nicht weit vom Geschehen entfernt, die vom dpa-Korrespondenten falsch interpretiert wurden.

„Posse um Ali-Baba-Spielplatz – Eröffnung unter Polizeischutz“, war sein Bericht überschrieben. Nachdem die AfD die Gestaltung im Stil von Tausendundeiner Nacht zum Beleg für den angeblichen Vormarsch des Islam gemacht hatte, habe es so viele und so heftige hasserfüllte Kommentare gegeben, „dass die Eröffnung des Spielplatzes am Mittwoch sicherheitshalber unter Polizeischutz stand“.

Nachdem die Agentur auf den Fehler hingewiesen wurde, korrigierte sie sich am Donnerstagmittag.

Doch auch einen Tag später haben mehrere Online-Medien diese Berichtigung nicht zur Kenntnis genommen.

„Focus Online“ nicht:

Screenshot: focus.de

Die „Welt“ nicht:

Screenshot: welt.de

Die „WAZ“ nicht:

Screenshot: waz.de

Die Kinder-„WAZ“ nicht:

Screenshot: derwesten.de

T-Online nicht:

Screenshot: t-online.de

„Spiegel Online“ und der Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) haben ihre Berichte heute früh transparent berichtigt. Die „Berliner Morgenpost“ gestern schon.

Auch auf den Online-Seiten der „Berliner Zeitung“ ist die dpa-Meldung inzwischen korrigiert. Klammheimlich, ohne irgendeinen Hinweis. Und der „Berliner Kurier“ muss aus seinem Artikel zum Thema irgendwann die Worte „Unter massivem Polizeischutz“ gelöscht haben, die da ursprünglich standen.

Dass auch „Bild“-Zeitung und ihre lokale Schwester „B.Z.“ berichteten, dass es Polizeischutz gegeben habe, ist besonders erstaunlich, denn die Journalistin, die für beide Blätter berichtete, war offensichtlich selbst vor Ort. Auf Nachfrage stellt heraus, dass diese Information allein auf der dpa-Meldung beruhte; die Artikel wurden jetzt transparent korrigiert.

So ist das. Ein angekündigtes Ereignis, das im Vorfeld für große mediale Aufregung gesorgt hat, finden mitten in einer Großstadt statt, aber selbst lokale Medien schicken teilweise keinen eigenen Berichterstatter, sondern übernehmen eine Agenturmeldung. Die Agenturmeldung ist in einem zentralen Punkt falsch, weil der Berichterstatter nicht nachfragt. Selbst Medien, die eine eigene Reporterin vor Ort hatten, verlassen sich am Ende auf die falsche Darstellung der Agenturmeldung. Und der Fehler wird dann teilweise klammheimlich, teilweise gar nicht korrigiert.

Ist das nicht traurig?

9 Kommentare

  1. Ich vermute, dass die Journalisten entweder in Eile waren oder keine Zeit hatten, weil sie auf dem Weg zur 87. Konferenz zu ‚wie problematisch sind Fake news?‘ waren…

  2. Mal kurz zwei Grundregeln.
    1. Lieber mit dpa falsch als alleine richtig.
    2. Die Agenturen sind bezahlt, da brauchen wir keinen hinschicken. (Meist kündigen Agenturen ja vorher an, wo sie auftauchen werden)

  3. Ja gut, ein wenig enttäuscht bin ich nur von der Mopo und rbb, aber immerhin wurde es transparent berichtigt. Springer würde sich reißerisch-hetzerische Überschriften auch dann nicht entgehen lassen, wenn sie es besser wüssten. Angenommen die bz schickt da jemanden hin und der/die sieht Polizei, da machen die sich die Schlagzeile doch nicht kaputt indem sie nachfragen.

  4. …wann ist wieder zunehmender Mond in nächster Entfernung zur Erde? Und damit, wenn man will, blutrot?
    Hmpf…….

  5. Die Geringschätzung des Lokalen hat Tradition. Ein Beispiel aus den 80er Jahren: Großbrand in einem Pharmabetrieb. Anruf in der Zentralredaktion: „Wir haben hier einen Großbrand.“ Antwort: „Ist wohl nicht so wichtig. Könnt ihr ja morgen was zu machen.“ 20 Minuten später aufgeregter Rückruf: „DPA meldet einen Großbrand bei euch. Dazu brauchen wir unbedingt ganz schnell einen Bericht. Wir stell die Seite 3 um.“

  6. Beim Versuch, folgenden Kommentar unter dem entsprechenden Artikel-Teaser der Berliner Zeitung (https://www.facebook.com/berlinerzeitung/posts/2217400701607175) auf FB zu posten, wurde dieser mehrfach als „SPAM“ gekennzeichnet – seltsam, was?
    „So so, unter Polizeischutz … Ganz beiläufig auch ein Lehrstück vom Niedergang des Lokaljournalismus. Traurig, nicht wahr? – Aber warum dann noch eine Lokalzeitung? https://uebermedien.de/23410/ali-baba-und-die-40-polizisten/“

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