Dauerempörte Deutsche

Es ist noch gar nicht so lange her, da waren die Deutschen in Zürich nicht so wohlgelitten.

Laut seien sie.
Raumnehmend.
Jobnehmend.
Sich zu schade, wenigstens Schwyzerdütsch zu lernen.

So etwas las man nicht nur nur im Boulevardblatt „Blick“ oder der Gratis-Zeitung „20 Minuten“, sondern auch in einem seriösen Medium wie dem „Tagesanzeiger“. Ja, eine Zeitlang bestimmten die doofen Deutschen regelrecht die Schlagzeilen.

Das ist vorbei, die Schweizer haben wieder wichtigere Themen. Laut sind jetzt eher die Chinesen oder Russen, und wer als Deutscher kein Schwyzerdütsch spricht, ist selbst schuld, denn mittlerweile ist es recht schwer geworden, in Zürich jemanden zu treffen, der sich auf Hochdeutsch einlässt. Nicht mal bei der Bestellung eines Biers.

Der kritische Blick auf die Deutschen ist aber noch da. Manchmal erwischt er einen unvorbereitet, zum Beispiel beim Frühstück. Der angebliche Nebenjob des ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff bei einer türkischen Modefirma ist Thema eines Kommentars in der „Neuen Zürcher Zeitung“. Überschrift: „Ehrensöldner in der Modebranche“. Eigentlich, schreibt der Autor, habe Wulff allenfalls Mitleid verdient – „in Deutschland überwiegt aber naturgemäss die Empörung.“

So sieht man uns also: als ein hyperventilierendes Volk, das selten den richtigen Ton trifft und um alles viel Bohei macht.

Ich muss sagen, das hat Charme. Es geht einem ja selbst mächtig auf den Geist, dass es oft bei deutschen Politikern oder Journalisten so selten eine Nummer kleiner geht. Und so freut man sich als deutscher Gastleser, wenn die NZZ für deutsche Politiker wie Sahra Wagenknecht, Christian Lindner oder CSU-Typen vor allem ein Attribut vorhält: scheinheilig. Bei Lindner auch: anbiedernd.

Das Besondere ist, dass diese kühlen Einschätzungen mitnichten in Kommentaren erfolgen, sondern im Nachrichtenteil. Wer auf deutschen Journalistenschulen gelernt hat, dass man Meinung und Nachricht säuberlich zu trennen hat, ist bei der NZZ definitiv fehl am Platz. Hier werden teilweise vernichtende Urteile ganz beiläufig in die Artikel eingebaut.

Trump pöbelhaft.
Kim Jong-un irre.
Manduro durchgeknallt.

In der NZZ sind das keine Meinungen, sondern Fakten.

Ausriss: NZZ

Auf das journalistische Genre der Reportage verzichtet die NZZ hingegen komplett, jedenfalls findet sich in dieser herrlich trockenen Zeitung manchmal tagelang kein einziges gutes Lesestück. Eine gestern auf der Titelseite angekündigte Geschichte über illegale Partys in der Zürcher Umgebung entpuppt sich leider als Sammlung sprachlicher Zöpfe. „Harte Technobeats dröhnen“, „Bässe wummern“, „eine junge Frau tanzt über den Waldboden.“ Puh.

Einen großen Teil der Zeitung machen Stücke von Gastautoren aus, und man wundert sich, wer hier alles ein Podium findet. Zum Beispiel ein emeritierter Professor für alte Geschichte von der Universität Rostock, der auf einer ganzen Seite die krude These vertritt, dass „unsere Kultur unter einer Verfemung der Dankbarkeit in fast allen kulturellen Hinsichten leidet“. Wenn man sich durch diesen jenseits des akademischen Betriebs im Grunde undruckbaren Text quält, erfährt man, dass es die junge Generation mit dem kritischen Geschichtsblick übertreibt und dringend eine Portion Vorfahrenliebe nötig hätte, eine Dosis Hölderlin und viel Kant.

In Deutschland hätte vielleicht ein diensthabender Redakteur angesichts der weltweiten sozialen Verwerfungen vorsichtig zurückgefragt, ob man nicht das politische und wirtschaftliche Wirken der vergangenen Jahrzehnte in Frage stellen müsse. Und ob sich die Dankbarkeit auch auf die Nazis beziehen solle.

Es gibt aber auch glückliche Trouvaillen wie die erfrischend respektlose Entzauberung des Silicon Valleys durch den (nicht emeritierten) Stanford-Professor Adrian Daub. Mit guruhaften Inszenierungen, zu denen ein altruistischer Duktus genauso gehört wie schwarze Rollkragenpullover und Flip-Flops, würden mediokre Geschäftsideen camoufliert und in einer willfährigen Medienlandschaft zu Geniestreichen umgelogen: „Wird hier lediglich der gute alte Kapitalismus ins Künstlertum verklärt?“ Worte, die in einer Zeitung, die aussieht wie ein Börsenblatt und gemeinhin als Hort der reinen wirtschaftsliberalen Lehre gilt, noch mehr Wucht haben.

Erfrischend ist übrigens auch der Sportteil. Fußball ist hier schon mal weniger wichtig als die Para-Leichtathletik-WM. Eine ganze Seite mit Bildern von sehbehinderten Kugelstoßern – und ein ganz kleiner Artikel über den FC Bayern. So soll es sein.

17 Kommentare

  1. Die deutschen Medien benutzen auch mitunter harsche und wertende Worte, um Politiker/Profisportler zu beschreiben (allen voran natürlich die „Bild“). Denke, das ist kein Schweizer Phänomen. Journalismus soll meiner Beobachtung nach sehr meinungsstark sein, offenbar haben einige Zeitschriften Probleme, das mit den journalistischen Grundlagen zu verbinden und klar zu trennen.

    Über weniger Bayern München und mehr Breitensport in den Massenmedien würde ich mich auch freuen. Aber das kommt ja nur vor, wenn jemand Gold gewinnt (s. Ludwig/Walkenhorst). Magazine wie No Sports zeigen, dass, selbst wenn die Qualität stimmt, ohne Fußball wenig läuft.

  2. Na ja, die NZZ ist schon ein wenig schrullig. Und das hängt dann auch an den Stammautoren. Selbst die Leser der NZZ wissen, was sie von einem Eric Gujer zu erwarten haben, und was nicht. Und der Deutsche Heribert Seifert schreibt außer für die NZZ auch noch für ef. Seifert hat schon immer über Deutschland geschrieben und sich dabei auch schon immer einschlägig grandiose Fehlurteile erlaubt.
    Es ist nicht richtig zu glauben, dass man in der NZZ Schweizer Meinungen liest, nicht richtiger als der Glaube, man werde in Schweizer Krankenhäusern von Schweizer Ärzten behandelt.
    Vermutlich tragen auch deutsche Autoren in der Schweiz, die über deutsche Themen deutsche Meinungen vertreten, dort zu einem Gefühl der Überfremdung bei. Die Reaktion auf dieses Überfremdungsgefühl kann dann wiederum gebührend gefeiert werden.

  3. Und nun? Empfehlen Sie die NZZ für deutsche Leser oder nicht? Oder nur für bestimmte Leser. Es gibt ja jetzt eine spezielle Ausgabe der NZZ für Leser in Deutschland.

  4. #2: Wo steht, das etwas empfohlen werden muss. Dies ist eine persönlich gefärbte „Kritik“ einer Tageszeitung. Was man mit duesen Infirmatiinen macht, bleibt hedem selbst überlassen. Das ist vielleicht anders als in Medien, die sie sonst gerne konsumieren.
    Wenn ich dort mal mitlese, um zu wissen, was andere so daran stört, habe ich immer das Gefühl, die Meinung des Autors soll mich vom selbst nachdenken abhalten.

  5. @1 „grandiose Fehlurteile“: Ich habe zufällig vor kurzem die Textsammlung „Zwischen den Kriegen“ von Haffner gelesen, und es ist aus heutiger Sicht tatsächlich grotesk, welcher Fehleinschätzung Haffner unterliegt. Er wollte buchstäblich eine Kontinuität des Faschismus angesichts der staatlichen Reaktion auf die 68er Studentenproteste herbeischreiben, mit Beiträgen wie „Die Bestie erwacht“ (Bestie = Faschismus natürlich).
    So sehr man Haffner aufgrund seiner Beobachtungen zu Deutschland und dem Nationalsozialismus schätzen mag, irgendwann schien ihm leider der Kontakt zur Realität abhandengekommen zu sein. Insofern kann man den NZZ-Kommentar durchaus nachvollziehen.

  6. @ Kathi Schmitz #7
    „Kontinuität des Faschismus angesichts der staatlichen Reaktion auf die 68er Studentenproteste herbeischreiben“
    Diese Kontinuität wollte er nicht herbeischreiben, sondern diese Kontinuität gab es. Was Staat und Springer-Medien mit der Studentenbewegung 1967/68 bis hin zur Deckung des glasklaren Mordes an Benno Ohnesorg gemacht haben, rechtfertigt dieses Urteil.
    Jedes Wort, das Haffner wenige Tage nach den Ereignissen in seinem Stern-Beitrag „Die Nacht der langen Knüppel“ geschrieben hat, ist heute rehabilitiert. Lesen Sie mal die Originalartikel der Berliner Springerpresse, die der Verlag in einem bemerkenswerten Archiv bereitgestellt hat:
    „Ein Verletzter wird ins Krankenhaus gebracht“,“Auf der Straße zusammengebrochen. Wann kommt Hilfe?“
    Gruselt es Ihnen nicht ein wenig, wenn Sie das lesen?
    Die Fotos selbst zeigen Ohnesorg, der grundlos in den Kopf geschossen worden war und danach noch ewig im Krankenwagen herumgefahren wurde, bis er wirklich tot war. Mich wundert es nicht, dass die Studentenbewegung danach teilweise in den Terrorismus gerutscht ist. Wer am 2. Juni Augenzeuge der Ereignisse war, musste an der lügnerischen und hetzerischen Berichterstattung und den Schauprozessen um Kurras verzweifeln.

  7. Ich schätze den Blick von aussen nach Deutschland, den die NZZ veröffentlicht. Dieser kann sehr erhellend sein.

    Beispiel: Während hierzulande die meisten Medien noch die Willkommenskultur zelebrierten und Skeptiker gerne in eine unmoralische Ecke gestellt haben, statt einen kritischen Blick auf die Folgen von Merkels Politik der grenzenlose und obergrenzenlose Zuwanderung zu haben, hat die NZZ dieses Versagen durchschaut.
    u.a. https://www.nzz.ch/feuilleton/medien/minenfeld-migration-1.18562659

  8. @8: Wenn Empörung hinter den Äußerungen Haffners stand so ist dies zwar verständlich, aber Empörung ist nicht unbedingt ein guter Ratgeber. Es blieb ja nicht bei einem Beitrag, sondern es folgten weitere, mit Titeln wie „Ist die Bundesrepublik noch zu retten?“, und darin redet er von Bürgerkrieg, wie ein neuer dritter Krieg eines faschistischen Deutschland dessen endgültiger Untergang wäre, und er vergleicht die Studenten mit dem Aufstand des Warschauer Ghetto.

    Um es freundlich auszudrücken, er schießt hier einfach übers Ziel hinaus, letztlich kam einiges anders als von ihm erwartet, sein Urteilsvermögen hat ihn einfach im Stich gelassen, und auch wenn wir heute den Luxus haben, rückblickend schauen zu können, soviel Kritik an Haffner sollte doch erlaubt sein.

  9. @Dieter Weller / #9
    Es ist eben häufig kein „Blick von außen“, wie schon der geschätzte Kommentarkollege Müller in #2 schrieb. Auch der von Ihnen verlinkte Artikel stammt von einem deutschen Journalisten, der als rechter Agitator einschlägig bekannt ist. Dass so jemand die Willkommenskultur nicht so recht zu schätzen weiß, ist kaum verwunderlich und so erfrischend wie ein abgestandenes Glas lauwarme Cola.

  10. @11: Dies legt nahe, es handle sich hier lediglich um jemand, der in der NZZ seinem Selbsthass als Deutscher nachgeht. Die Frage bleibt, wieso die NZZ dies veröffentlicht.

  11. @Kathi Schmitz / #12: Ich würde das nicht als Selbsthass bezeichnen. Es ist nur die übliche Angst der Rechten vor „Überfremdung“. Es geht da weniger um das Land als um rechts oder links. Und dann ist auch die Frage, warum die NZZ das druckt, nicht mehr schwer zu beantworten: Weil sie eben ein (gemäßigt) rechtes Blatt ist. Man sollte halt nur nicht glauben, hier einen unabhängigen Blick von außen vor sich zu haben. (Zumal man sich sowieso fragen kann, wie „außen“ die Schweiz in diesen Debatten ist…)

  12. @13: Man könnte auch eine andere Interpretation anlegen dahingehend, dass in der Schweiz durchaus noch eine andere publizistische Sichtweise möglich ist, bezugnehmend auf:
    http://www.zeit.de/2017/30/fluechtlinge-medien-berichterstattung-studie

    Ich lese die NZZ nun nicht regelmäßig, sie als Plattform rechter Meinungen zu betrachten ist mir aber in der Tat neu. Für mich war sie eigentlich ein gutbürgerlich-liberales Blatt. Daher drängt sich eigentlich die Frage auf, ob sich nicht in Wahrheit die Definition dessen gewandelt hat, was heutzutage als rechts gilt.

  13. @Kathi Schmitz / #14: Es hat sich höchstens gewandelt, dass bürgerliche Rechte und Rechtsliberale nicht mehr als rechts gelten wollen, es aber inhaltlich nach wie vor sind. Und so viel anders ist der Ton in Welt und FAZ (ebenso gutbürgerliche wie rechte Blätter, schon immer) auch nicht.

  14. Ich kosnumiere die NZZ und andere ausländische Medien gern. Insbesondere weil man dort einen anderen Blick auf das land, die deutsche Politik und ebenfalls die deutschen Medien hat. Ach ja, die deutschen Medien – von gefärbter Berichterstattung kann man bei hiesigen Medien natürlich nicht sprechen.. Niemals..

  15. @15: Nein das ist keineswegs neu, der Begriff „rechts“ im politischen Zusammenhang ist in Deutschland seit dem Krieg verbrannt, niemand, der im Politikbetrieb ernsthaft teilhaben will, kann und will sich selbst als rechts bezeichnen. Dafür ist rechts=rechtsextrem zu sehr in den Köpfen verankert. In Frankreich gibt es ein ähnliches Phänomen (Sinistrisme).

    Neu ist demgegenüber, dass Rechtsextreme Richtung Mainstream streben und sich ein gemäßigtes Äußeres geben (alt right).

    Auch die Gleichung bürgerlich=konservativ (=rechts in Ihrem Sinne) ist heute nicht mehr schlüssig, spätestens seit in Baden-Württemberg, dem spießigsten Bundesland Deutschlands, die Grünen zur stärksten Partei wurden.

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