Wie Bahn, Post und ARD schlechten Journalismus unterstützen

Im Magazin der Deutschen Bahn konnte man neulich einiges über die Regenbogenpresse lernen. Im großen Interview sprach dort nämlich Florian Silbereisen über den Kampf um sein Privatleben und die üblen Methoden der Klatschjournalisten:

An Tankstellen oder Supermarktkassen wird mir manchmal schwindlig, wenn ich auf den Titelseiten sehe, welche Seelenqualen ich mal wieder durchlebt haben soll. Jede Woche erscheinen Dutzende Klatschblätter mit neuen Dramen über mich. Meist ist es Gott sei Dank aber so, dass meine Trennung in dem einen Blatt durch meine Hochzeit in dem anderen Blatt wieder aufgehoben wird. Oft stehen die beiden Blätter sogar nebeneinander im Regal. Wenn es allerdings allzu bunt wird oder wenn Freunde oder Familienmitglieder mit reingezogen werden, muss der Jurist ran.

Es komme auch vor, dass Reporter „Situationen inszenieren, die dann aus einem Versteck fotografiert werden“, erzählte Silbereisen. Er habe sogar schon erlebt, „dass sie Menschen in Polizeiuniformen auftreten lassen, um besonders interessant aussehende Fotos zu bekommen“. Selbst seine Mülltonne sei von Klatschjournalisten schon durchsucht worden.

Auch meine Garage wurde mehrfach genauestens inspiziert. Es wird durch die Fenster in meine Wohnung hineinfotografiert und so weiter und so fort.

Das alles stand, wie gesagt, im Magazin der Deutschen Bahn, das noch mehrfach betonte, wie schlimm die Regenbogenpresse doch sei und wie sehr Stars wie Florian Silbereisen darunter zu leiden hätten.

Das ist schon ein bisschen überraschend.

Denn die Deutsche Bahn ist eines der wenigen großen Unternehmen, die regelmäßig Anzeigen in den Klatschblättern schalten – und somit deren Unjournalismus mit erheblichen Summen unterstützen. Allein im letzten halben Jahr hat die Bahn in Blättern wie „Die Aktuelle“ oder „Das goldene Blatt“ Werbeplätze im Wert von weit über 100.000 Euro gekauft.

Wir haben mal bei der Bahn nachgefragt, ob ihr eigentlich bewusst ist, dass sie damit das grenzüberschreitende Treiben der Regenbogenpresse mitfinanziert und ob sie auch in Zukunft Werbung darin machen will. Ein Sprecher antwortete:

Uns ist bekannt, dass die genannten Zeitschriften nicht die gleiche journalistische Tiefe haben wie zum Beispiel die F.A.Z., gleichwohl beabsichtigen wir, auch weiterhin darin Anzeigen zu schalten.

Nicht die gleiche journalistische Tiefe wie die F.A.Z.? Das ist mal eine hübsche Formulierung. Uns ist bewusst, dass der Staatschef von Nordkorea nicht die gleiche demokratische Tiefe hat wie zum Beispiel Angela Merkel, aber was soll’s, unsere Unterstützung hat er!

Tatsächlich gibt es, von der Pharmaindustrie mal abgesehen, nur wenige Firmen, die in der Regenbogenpresse werben. In vielen Fällen wohl einfach deshalb, weil sich deren Leserschaft nicht mit ihrer Zielgruppe deckt. In einigen womöglich aber auch, weil sie dieses Werbeumfeld für bedenklich halten und ihre Anzeigen schlichtweg nicht in einem Blatt sehen wollen, dessen Geschäftsmodell darin besteht, Lügen zu verbreiten und die Rechte prominenter Menschen zu verletzen.

Die Deutsche Bahn hat damit kein Problem.

Die Deutsche Post auch nicht. Mehr als 800.000 Euro hat das Unternehmen (laut den Anzeigenpreislisten der Verlage) in den vergangenen sechs Monaten für Werbung in der Regenbogenpresse ausgegeben, oft erscheinen gleich mehrere Anzeigen in derselben Ausgabe. Ein Post-Sprecher erklärte dazu auf Anfrage:

Das wesentliche Kriterium bei der Anzeigenschaltung ist für uns – wie für andere Werbetreibende auch – die Frage, wie wir am besten unsere Zielgruppen erreichen. Wir maßen uns dabei nicht an, Werturteile über einzelne Publikationen zu fällen. Ausnahmen bilden hier natürlich Medien außerhalb des demokratischen Spektrums. Für Beschwerden hinsichtlich der journalistischen Berichterstattung ist im Übrigen der Presserat zuständig.

Solange sie keinen Nazikram machen, ist der Post also egal, was in den Blättern passiert, in der sie ihre Anzeigen platziert.

Ganz ähnlich sieht es auch Das Erste, das ebenfalls regelmäßig in der Klatschpresse wirbt. Ein Sprecher teilte uns mit:

Die Marketingaktivitäten des Ersten dienen nicht dazu, bestimmte journalistische Inhalte zu fördern oder zu sanktionieren. Dabei gilt die Regel, dass keine Werbeträger und -umfelder mit extremistischen bzw. politisch polarisierenden, diskriminierenden, sexistischen oder kriminellen Inhalten belegt werden.

Erfundene, verleumderische und persönlichkeitsrechtsverletzende Inhalte sind aber okay. So hat Das Erste in der Regenbogenpresse in einem halben Jahr Werbung im Wert von über 100.000 Euro geschaltet.

Einige dieser Anzeigen wurden über den Rundfunkbeitrag finanziert. Anfang des Jahres etwa wurde in verschiedenen Blättern (z.B. „Freizeitwoche“ und „Die Aktuelle“) ganzseitig für die Sendung „Brisant“ geworben. Und weil „Brisant“ nicht werbefinanziert ist, wurden die Anzeigen dafür aus den Beitragseinnahmen bezahlt.

Falls Sie sich also fragen, wer die Lügengeschichten, die Mülldurchsuchungen und anderen Rechtsverletzungen der Knalljournaille eigentlich finanziert: Unter anderem die Deutsche Bahn, die Deutsche Post und das Erste Deutsche Fernsehen. Und: Ob Sie wollen oder nicht – indirekt auch Sie.

16 Kommentare

  1. Das Problem ist tatsächlich, wo man die Grenze ziehen sollte. In einigen Ländern Europas etea betreiben Regierungen „Landschaftspflege“, in dem sie Publikationen mit geheimer Berichterstattung mit Anzeigen staatlicher Stellen und Unternehmen überhäufen, während kritische Presse grundsätzlich vom staatlichen Werbegeld ausgenommen ist. (Und in Ungarn ist es noch extremer, da wird auch die Privatwirtschaft vom Staat unter Druck gesetzt, wo sie zu werben hat und wo nicht, ich schweife ab.)

    Meine Kritik ist daher eher, dass die ARD Sendungen produziert, die sich vom Niveau her an die der Blätter anpasst. Aber solange es diese Sendungen gibt, ist es nur konsequent, bei der Zielgruppe zu werben, genauso wie Post und Bahn.

  2. Die Behauptung, dass die Anzeigen für „Brisant“ vom Gebührenzahler bezahlt werden, würde ich vorsichtshalber nochmal überprüfen. Die AS&S bietet jedenfalls Werbeplätze rund um die Sendung an und daher könnte die Sendung bereits zum Vorabendprogramm zählen, dessen Produktion und in Folge auch dessen Bewerbung in anderen Medien aus den Werbeeinnahmen der ARD Werbung getragen wird.

  3. Ich habe gleich zwei Probleme mit der Kritik im Artikel. Nehmen wir als Beispiel die Deutsche Bahn, um dem Punkt auszuweichen, ob die ÖR überhaupt Werbung in Zeitschriften schalten sollten.

    1. Man sollte auch in diesem Fall zwischen Berichterstattung und Marketing unterscheiden. Es ist dem Magazin nicht anzulasten, dass der Mutterkonzern finanziell unterstützt, was im Magazin kritisiert wird. Es wäre zwar toll gewesen, wenn es in der gleichen Ausgabe direkt noch ein kritisches Interview mit dem Marketing gegeben hätte. Aber das ist doch eine unabhängige, journalistische Entscheidung.

    2. Die Bahn darf ihr Ziel, mehr Personen davon zu überzeugen den Zug zu nehmen, dort vertreten, wo sie meint, die Zielgruppe damit zur erreichen. Kritik wäre gerechtfertigt, wenn man im Bahnmarketing es gar nicht in solchen Kategorien dächte. Anscheinend scheint es aber eine Abwägung zwischen dem Ziel, mehr Individualverkehr auf die Schiene zu bringen, und der Notwendigkeit, irgendjemanden mit den Werbegeldern zu finanzieren, zu geben. So klingt das ein bisschen wie: Dass die bösen Pharmariesen keine Skrupel bei der Werbung kennen – ok, aber von der Deutschen Bahn hätten wir schon mehr Haltung erwartet.

    (Punkt 2 hat für mich übrigens nichts damit zu tun, ob man als Kunde die Verteilung von Werbegeldern bewerten und mit in seine Kaufentscheidungen einbeziehen sollte- oder sogar andere dazu aufrufen. Es scheint sich für die DB ja zu lohnen in diesem Umfeld Werbung zu schalten. Sollte der Imageschaden den Werbeeffekt übersteigen, wird sich die DB höchstwahrscheinlich umentscheiden. Nur hat das mit Scheinheiligkeit, die als Vorwurf aus dem Artikel klingt, nichts zu tun.)

  4. Die ARD startet einen Portal gegen Fake-News, den Faktenfinder. Patrick Gensing, Redakteur bei Tagesschau.de und Faktenfinder-Projektleiter, erklärt die Intention hinter dem neuen Portal: „Der Kampf gegen gezielte Falschmeldungen und Desinformation lässt sich nicht durch Gesetze gewinnen. Es ist vielmehr Aufgabe von Journalisten und Medien, über dieses Problem aufzuklären.“

    Die ARD bekämpft etwas, was sie mitproduziert.

  5. Die Leser dieser Gazetten sind nun mal eine der wertvollsten denkbaren Zielgruppen:
    – Leichtgläubig, vertrauensselig und jederzeit bereit den Verstand für die wahren großen Gefühle zu opfern, die durch weniger unkritische Besoffenheit geschändet und entwertet würden
    -Best ager mit viel frei verfügbarem Konsumkapital (Prä-Prekariats-Agenda-Erwerbslebenbiographie)

    Da passen Pharma und Senioren-Bahncard perfekt in redaktionelles Umfeld und Lesertypologie. Lifta wird sich dort auch finden, oder?

    Inwiefern sich z.B. die Bahn dadurch einen real bedeutsamen Imageschaden einhandeln soll, erschliesst sich mir nicht.

    Zunächst dürfte das Thema nirgends so präsent sein, dass die Bahn einen auch nur irgendwie messbaren Impact aufspüren könnte.
    Dann schadet werben in der Bild ja bisher auch nicht.
    Und der Rest geht im allgemeinen Quengelrauschen unter.

    Aus den hiergenannten Gründen auf Werbung in althergebrachten Lügenpresse-Erzeugnissen zu verzichten, kann einer der Entscheider gerne mal vorschlagen, wenn er sich gerade eh umorientieren wollte.

  6. Die Kritik in diesem Artikel ist aus meiner Sicht aus moralischen Gründen und mit Blick auf journalistische Standards voll und ganz berechtigt. Ein Aspekt sollte aber noch hinzugefügt werden: Florian Silbereisen & Co könnten jederzeit gegen all diese unsinnigen Stories und Schlagzeilen juristisch vorgehen, sprich: Der Jurist könnte jederzeit „ran“ – nicht nur, „wenn Freunde oder Familienmitglieder mit reingezogen werden“, um es im hier zitierten Silbereisen-Satz auszudrücken. Die Frage ist: Warum machen Prominente das nicht? Meine Mutmaßung: Weil sie wissen, dass auch solche News ihnen und ihrem „Marktwert“ oft helfen. Hinzu kommt, dass Prominente mit ihrer PR-Maschinerie („nur dieses Foto, bitte“, alle Zitate abgestimmt & gerne massiv verändert, Statement wird geliefert, Interview nur unter diesen & jenen Bedingungen) in der Regel auch nicht gerade einen großen Beitrag leisten, hohe journalistische Standards einzuhalten. Das (zugegeben etwas zynisch anmutende) Fazit: Aus wirtschaftlichen Interessen scheinen offenbar alle ganz gut damit leben zu können mit dem Prinzip „1x PR-Fabrikations-Interview in Bunte, 1x frei erfundener Quatsch im Neuen Blatt“ (Bezug auf Bunte & Neues Blatt nur beispielhaft gemeint, nicht mit Fakten belegbar).

  7. @Mats Schönauer: ein richtiger und wichtiger Artikel, so scheint es mir. Aufklärung ist immer gut. Mein Hinweis ( oder renne ich jetzt offene Scheunentore ein ? ) geht in Richtung der großen Internetportale. Wenn ich bei web.de oder gmx.net einfach nur auf meine mailbox zugreifen willl, dann werde ich „ringsumher“ von Nachrichten ( zunächst Überschriftszeilen ) bombardiert, daß man meinen könnte, diese Regenbogenpresse sind alles nur Anfänger, und die Profis sind hier im Internet zu hause. Ich kann nur empfehlen, die dortigen ( und anderswo im Internet ) Schrottnews ebenso aufs Korn zu nehmen.

  8. Auf einer anderen Ebene sollte man auch mal fragen, welche Rechtfertigung es überhaupt für Werbung für ÖRR gibt. Und das gleichgültig, ob diese nun direkt über Gebühren oder bspw. durch Werbeeinnahmen finanziert wird. In letzterem Fall sollte vielleicht besser auf beiderlei Werbung verzichtet werden.

  9. @VONFERNSEHER

    Ergänzend und korrigierend zum 1. Punkt:

    Das Bahn-Magazin (Ich nehme mal an, hier geht es um die „mobil“) hat recht wenig mit dem DB-Konzern zu tun. Um nicht zu sagen: gar nichts.

    Es wird von Gruner + Jahr im Auftrag redaktionell verantwortet und produziert. Die Redakteure dort werden kaum Einfluss auf das Marketing der Deutschen Bahn haben, denn das Magazin selbst ist ein Marketing-Instrument.

  10. @Thomas K.
    “ Die Redakteure dort werden kaum Einfluss auf das Marketing der Deutschen Bahn haben, denn das Magazin selbst ist ein Marketing-Instrument.“

    Dann wendet die Marketing-Abteilung der Bahn ein Marketing-Instrument an über das sie keine Kontrolle hat?
    *verwirrtbin*

  11. @Thomas K., Klaus Trophobie

    Das Marketinginstrument ist hier ja das Zurverfügungstellen einer kostenlosen Zeitschrift, in der man selbst auch preisgünstig werben kann. Mir ging es darum, dass der journalistische Inhalt die Insassen unterhalten (und vielleicht sogar informieren) soll und nicht etwa interne Vorgänge der DB beleuchten muss.

  12. @Klaus Trophobie

    Das Heft wird, wie von mir schon beschrieben, nicht vom Marketing der Bahn erstellt, sondern extern von G+J. Die G+J-Redakteure haben natürlich keinen Einfluss darauf, ob die Bahn nun parallel in Eigenregie in irgendwelchen Klatsch-Zeitschriften wirbt.

    Ich bezweifel auch, dass die G+J-Redakteure wissen oder wissen müssen, wie die Bahn sonst wirbt. Die DB-Zeitschrift hat ja nicht den Anspruch, ein investigatives Recherche-Magazin zu sein.

  13. @Thomas K.
    Das G+J nix dazu kann ist klar.
    Aber die Marketing-Abteilung der Bahn wird sich das Blatt ja wohl gelegentlich ansehen und könnte bei Widersprüchen im Konzept dazwischen gehen. Immerhin wissen die wo sie ihre Werbung schalten.

    Das Pharma ebenso Werbung in der Regenbogenpresse schaltet ist zwar auch nicht schön, aber von denen sind bislang keine Veröffentlichungen kontra Regebogenpresse oder Fake-News aufgefallen.

  14. #14
    Und genau durch diese Umkehrung wird ja der Mangel in der Argumentation sichtbar. Demnach wäre es für die ARD solange in Ordnung in den Klatschblättern zu werben, wie es keiner Redaktion in einem der Sender einfiele die Vorgehensweise von Klatschblättern zu kritisieren. Für mich ist das unsinnig.

    Es kann z.B. zapp Klatschblätter kritisieren und die Degeto Vorabendprogramme in eben jenen bewerben, ohne dass die ARD einen Teil ihrer Legitimität einbüßte.

  15. Man sollte aber auch nicht glauben, nur weil im Interview der Zeitschrift „DB mobil“ kritisch über die Regenbogenpresse geschrieben wird, wäre dies eine Zeitschrift des Fortschritts und der Freiheit.

    Ich habe mich selbst mal damit auseinandergesetzt, welches altbackene Geschlechterverständnis in diesem Magazin verbreitet wird, und daß selbst gegenüber den Kinder mit Comic-Episoden das gesellschaftlich längst überwunden geglaubte Geschlechtermodell des draufgängerischen frechen Jungen und des ihn anhimmelnden süßen Mädchens als Normalität dargestellt wird:

    http://www.rehbein-dortmund.de/heteronormativitaet.html

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