Journalisten sehnen sich nach Politik auf Gummistiefelhöhe

Hagen Strauß weiß, was Berlin in der Notsituation mit zehntausenden stromlosen Haushalten fehlte: „Jetzt braucht es die Gummistiefel.“ So war sein Kommentar in der Print-Ausgabe der „Rheinischen Post“ am Dienstag überschrieben. Der Berliner Regierende Bürgermeister habe eine große Chance verpasst, führte er darin aus:
„Jedenfalls muss jeder Spitzenpolitiker seit der Jahrhundertflut im Jahr 2002 in Ostdeutschland Gummistiefel im Schrank haben.“
Bevor man sich nun ausmalt, wie Kai Wegner ausg…

Danke, sehr schön an diesem übersichtlichen Beispiel dargestellt, dass Medien von Politikern oft reine Performance und Gefühlstransport fordern. Ob Performance und Gefühl überzeugt haben, entscheiden die Medien dann wieder selbst. Dazu lässt sich ja leicht eine Meinung haben.
Wenn sich diese Unart auf das Genre der Kommentare beschränken würde, könnte man es wenigstens leichter ignorieren…
Naja, das Ganze ist natürlich reichlich albern, und wohlfeile Kommentare sind schnell geschrieben – ob er nun am Ort ist oder nicht, trägt für die Sache wenig aus. Dennoch sollte ein Berufspolitiker (im Wahljahr!) wissen, wie wichtig Bilder fürs Image sind. Gerade in der Krise. Eine Karriere kann mit einem Auftritt vor Katastrophenkulisse durchstarten (Schmidt, Platzeck), verlängert werden (Schröder) oder enden (Laschet).
Hinfahren, mit ein paar Leuten reden und konkrete Hilfen versprechen, wäre für Wegners politische Zukunft sicher klug gewesen. Nun wurde auch noch öffentlich, dass er am Samstagmittag – also kurz nach Beginn des Desasters – Tennisspielen war, „um den Kopf frei zu bekommen“. Das ist schon ziemlich instinktlos.
Die Meldung der „Zeit“ liest sich schon schön absurd:
https://www.zeit.de/politik/deutschland/2026-01/berlin-stromausfall-kai-wegner-tennis
Sehr befreiend sind aber die ersten Kommentare darunter von Menschen, die die „Zeit“ für die Berichterstattung auslachen. Hoffentlich lesen die Redakteure das auch.
Steht der Politker an jedem Feldbett, betreibt er Inszenierung. Steht er nicht, funktioniert er nicht als Krisenmanager. Die Kritik ist erwart- und austauschbar, vor Allem aber unglaubwürdig, weil vorprogrammiert.
Ist schon witzig, Schröder hat damals für die Inszenierung ja richtig einen auf den Deckel bekommen. Und jetzt fordern die Journalisten (aus ihren geheizten Heimen im Homeoffice – Skandal!), dass jeder Politiker die Gummistiefelkommunikation beherrschen muss.
Ich kann Journalisten, die nicht aus Solidarität mit den Betroffenen den eigenen FI-Schalter umlegen und mitfrieren, nicht ernst nehmen. /s
Zeigt sich der Politiker, insbesondere wenn der Ort des Geschehens in seinem Verantwortungsbereich liegt, nicht, macht er es falsch. Zeigt er sich, wird er der Symbolpolitik geziehen (ausgenommen er bringt, wie Schröder, etwas Handfestes mit) – oder macht wie Laschet einen Fehler im falschen Moment.
Anne Spiegel hat ihre Nichtanwesenheit (stattdessen Familienurlaub im Wohnmobil) bei der Ahrkatastrophe das Amt gekostet, auch wenn sie als Rechtfertigung angeführt hatte, alle Maßnahmen seien schließlich Sache des Innenministeriums. Eine Flut hat aber auch etwas mit Umwelt zu tun. Diesen Zusammenhang sollte man als Umweltministerin schon erkennen können und daraus für sich selbst etwas ableiten.
Der Regionalpräsident von Andalusien war bei rasant ansteigenden Pegelständen 2024 mit einer Journalistin im Restaurant zum Essen verabredet. Die behördlichen Katastrophenmeldungen gingen erst raus, als die Flutwellen längst bereits zahlreiche Ortschaften erreicht hatten.
Nach langem Sträuben trat er nach einem Jahr zurück.
Spätestens an diesen Beispielen sollte man als Politiker erkannt haben, was in so einer Situation zu tun ist.
@Anderer Max:
Journalisten kann man nicht abwählen, Politiker schon.
(Man könnte anführen, dass der Strom schneller wieder da war als gedacht, und dass das auch was wert ist, aber egal…)
Unterirdische Medienarbeit, ohne Frage. Allein, ein klein wenig gönn ich es ihm auch. Denn allzu oft schon hat er genau mit diesem populistischen Quatsch gespielt und Menschen damit geschadet.
@ Mycroft: Naja, ein Journalist, der keine Klicks bekommt, wird seinen Job auch nicht lange haben. Und die Klicks richten sich nicht nach dem sachlich richtigen Inhalt eines Artikels, sondern nach seiner Marktdurchdringung – wobei Headlines wie „Tennisbürgermeister lässt seine Bevölkerung im Stich“ besser performen dürften.
Aber die Wiederwahl eines Politikers hängt ja nun auch nicht zwangsläufig an seinen Leistungen, sondern an der wahrgenommenen Leistung, die sich wiederum gut mit (journalistischen) Headlines steuern lässt.
Da meine ich sowas wie:
Heizungsgesetz unter Habeck: Wir werden alle sterben.
Heizungsgesetz unter Merz: Coole Sache.
Schuldenbremse-Aufhebung unter Habeck: Wir werden alle sterben.
Schuldenbremse-Aufhebung unter Merz: Noch vor der Amtseinführung mit Stimmen der Linkspartei.
Alles kein Problem, wenn die CxU es macht.
Alles beim Alten.
@Anderer Max (#8):
Jetzt schauen Sie nochmal kurz nach, welches Parteibuch der Herr Wegner hat, und fragen sich dann bitte, ob Sie es sich mit Ihrer recht simplen Manipulationsthese nicht doch zu einfach machen.
Selbstverständlich mache ich es mir zu einfach. Man könnte das Polemik nennen. Herr Wegner ist bei der CDU; bekannt.
Dann differenzierter:
Rechtskonservative Medien haben ja momentan das Problem, dass sie einerseits die Merkel-Wähler, anderseits die AFD-Wähler ansprechen müssen (Kernzielgruppe). So eine CDU-Kampagne wie früher bei der Diekmann-BILD wird es schlicht nicht mehr geben, weil da könnte man es sich mit dem rechten Rand verscherzen, denn CDU ist „Altpartei“. Daher momentan keine Schutzkampagne durch Springer für die CxU. Das kommt einem komisch vor, sehe ich ein.
Weiter rechte „News-Portale“® wie NIUS oder Tichy sind eh immer gegen alles, was nicht AFD ist. Und links von der Bildzeitung wird natürlich keine Rücksicht auf ein CDU-Parteibuch genommen.
Also ja, ungewöhnlich ist momentan nur, dass der Springerverlag momentan kein CDU-Parteiblatt herausgibt.