Notizblog (51)

Journalisten sehnen sich nach Politik auf Gummistiefelhöhe

Es gibt berechtigte und auch ganz grundsätzliche Fragen zum Umgang der Berliner Politik mit dem Stromausfall. Aber viel einfacher ist es natürlich, sich auf die Frage zu konzentrieren, ob der Regierende Bürgermeister nicht hätte vor Ort sein müssen – am besten in Gummistiefeln.
Schwarze Gummistiefel im Schnee.
Foto: Canva

Hagen Strauß weiß, was Berlin in der Notsituation mit zehntausenden stromlosen Haushalten fehlte: „Jetzt braucht es die Gummistiefel.“ So war sein Kommentar in der Print-Ausgabe der „Rheinischen Post“ am Dienstag überschrieben. Der Berliner Regierende Bürgermeister habe eine große Chance verpasst, führte er darin aus: 

„Jedenfalls muss jeder Spitzenpolitiker seit der Jahrhundertflut im Jahr 2002 in Ostdeutschland Gummistiefel im Schrank haben.“

Bevor man sich nun ausmalt, wie Kai Wegner ausgerechnet in Gummistiefeln mit kalten Füßen über die vereisten Bürgersteige Zehlendorfs geglitscht wäre – Strauß meinte das nicht ganz wörtlich, sondern im übertragenen Sinne:

„Soll heißen, er muss wissen, dass er nun zupacken muss und vor Ort zu sein hat. Dass er als Krisenmanager funktionieren muss. Es darf sozusagen kein Feldbett in einer Notunterkunft geben, an dem er nicht gestanden hat.“  

Sozusagen. Auch das meint der Kommentator also nicht wörtlich; es dürfen ein paar Feldbetten unbesucht bleiben. Die Feldbetten sind ebenso ein Symbol wie die Gummistiefel, die Gerhard Schröder bei seinem Besuch in den sächsischen Hochwassergebieten 2002 trug, wie überhaupt die ganze Idee, dass sich ein Staatsvertreter bei einer solchen Katastrophe möglichst schnell vor Ort blicken lassen muss, eine Frage der Symbolik ist.

Dunkle Straßen und Häuser: Luftaufnahme von Berlin-Zehlendorf während des Stromausfalls.
Suchbild Berlin-Zehlendorf: Wo ist Wegner?Foto: IMAGO / Emmanuele Contini

2002: Mit „viel Empathie“ im Flutgebiet

Nun ist auch symbolisches Handeln wichtig in der Politik. Dafür steht nicht zuletzt das endlos herbeizitierte Beispiel Schröders, der die Bundestagswahl 2002 nur deshalb noch knapp gegen Edmund Stoiber gewinnen konnte, weil er sich – in den Worten von Kommentator Hagen Strauß – „die Gummistiefel angezogen [hat] und mit viel Empathie durchs Flutgebiet gestapft ist“. Diese oft zu lesende Nacherzählung lässt allerdings unter anderem weg, dass Schröder und mehrere Minister nicht nur Präsenz vor Ort zeigten (von einem „regelrechten Katastrophentourismus“ schrieb der damalige Korrespondent der „Neuen Zürcher Zeitung“, Eric Gujer), sondern Unterstützung in Höhe von Hunderten Millionen Euro zusagten und dadurch sofort Tatkraft demonstrierten.

Kai Wegner hat die Chance zu einer Selbstinszenierung als empathisch stapfender Stadtvater vergeben, indem er sich erst Stunden nach dem Anschlag auf die Stromversorgung in den Sozialen Medien zu Wort meldete und erst am folgenden Tag vor Ort zeigte. Zu diesem Zeitpunkt war aber schon so oft öffentlich gefragt worden, wo er eigentlich steckte, dass dann jedes Bild von ihm mit Rettungskräften oder Betroffenen wie eine notdürftige Aktion zur Korrektur einer ganz anderen Symbolik wirkt: der des abwesenden Nicht-Kümmerers.

Berechtigte und eine einfache Frage

Es gibt berechtigte Fragen, ob die Verantwortlichen in Berlin schnell genug alles in die Wege geleitet haben, um mit der außerordentlichen Krise umzugehen. Es gibt auch ganz grundsätzliche Fragen zum Schutz der kritischen Infrastruktur. Aber viel einfacher ist es natürlich, sich auf die Frage zu konzentrieren, ob der Regierende Bürgermeister nicht hätte vor Ort sein müssen – selbst wenn man einräumt, dass diese Symbolik womöglich auf Kosten konkreter Hilfe gehen könnte. Vielleicht ist ein Bürgermeister sogar in seinem Homeoffice, in dem er sich zur Koordinierung verschiedener Stellen „eingeschlossen“ haben will, wie Wegner absurderweise beteuerte, besser aufgehoben als umringt von Kameras und Mikrofonen in einem Wohngebiet ohne Mobilfunknetz.

Vielen Medien scheint aber die Frage, was Wegner getan hat, zweitrangig gegenüber der, ob Wegner beim Irgendwas-Tun oder wenigstens Dabei-Sein gesehen wurde. Beispielhaft dafür steht ein Kommentar aus der „Berliner Zeitung“. Chef vom Dienst Benjamin Lamoureux begann ihn mit den Worten: 

„Was macht man als Spitzenpolitiker, wenn die eigene Bevölkerung von einer Katastrophe heimgesucht wird? Man zieht sich wahlweise eine dicke Jacke oder Gummistiefel an und geht raus zu den Menschen.“

Es gelte eine einfache Regel: „Wer in der Krise nicht gesehen wird, hat sie schon halb verloren.“ Es geht nicht um das Lindern von Problemen, nicht um die Lösung von Schwierigkeiten, nicht um das Beherrschen der Krise: Es geht darum, wer eine Krise gewinnt oder verliert

Lautstarkes Beschwören

Natürlich ist es richtig, dass in solchen Krisen-Situationen Politiker glänzen oder versagen können, aber die Art, wie hier der bloße Anschein absolut gesetzt wird, ist schon bemerkenswert. Vor allem, weil die Medien durch diese Art der Berichterstattung die von ihr beschriebenen Effekte überhaupt erst befördern. „Verliert“ Kai Wegner die Krise, weil die Menschen ihn in den ersten Stunden vermisst haben, oder weil eine Vielzahl von Medien sein Fehlen lautstark beschwört?

Die „Berliner Zeitung“ schrieb:

„Nach dem linksradikalen Terroranschlag auf das Stromnetz im Südwesten Berlins hat niemand erwartet, dass Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner hilft, ein Stromkabel zu reparieren, Bewohner aus dunklen Häusern zu begleiten oder Notstromaggregate zu bedienen. Vielmehr geht es um Präsenz und ein Gefühl, dass jemand die Lage nicht nur verwaltet, sondern mit seinen Bürgerinnen und Bürgern aushält.“ 

Es geht nicht um Taten, sondern um „ein Gefühl“. Und dann auch noch um das Gefühl, dass er eine Lage „aushält“. Tatsächlich suggerierte auch das Kommunikationsmagazin „KOM“, dass der Bürgermeister wenigstens mitfrieren sollte: 

„Während Helfer bei Minusgraden die Versorgung der Menschen versuchen sicherzustellen und viele in ihren Wohnungen frieren, sitzt der Regierende Bürgermeister im warmen Homeoffice und telefoniert. Ein verheerendes Bild.“

NZZ: Übertreibung und Populismus

Die „Neue Zürcher Zeitung“ schaffte es, auf die vielstimmigen Wo-war-Wegner-Rufe heute noch einen draufzusetzen, indem sie rief: Wo waren eigentlich Merz und Steinmeier? Dass sich weder der Bundeskanzler noch der Bundespräsident zum Anschlag auf die Stromversorgung geäußert hätten, sei „unsäglich“, kommentierte Jonas Hermann. 

Im Versuch, im dichten Feld rechtskonservativer Medien aufzufallen, setzte die NZZ auf Übertreibung und Populismus. Die „Attacke auf die Berliner Stromversorgung“ nannte sie „den wohl größten Anschlag in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“ – „geht man nur nach der Reichweite“. 

Sie zählte auf, dass Merz Steinmeier am Montag öffentlich zum Geburtstag gratulierte, den ehemaligen Kanzler Konrad Adenauer würdigte und seinen Büroleiter Jacob Schrot entließ. „Dafür war Zeit, für die Menschen in Not nicht.“

„Dabei wäre eine Wortmeldung nur das Minimum gewesen. Merz und Steinmeier fliegen nonstop um die Welt, sitzen für eine einzige Dienstreise zum Teil mehr als fünfundzwanzig Stunden im Flugzeug. Für eine Fahrt zu den Betroffenen im Berliner Südwesten hätten sie kaum mehr als fünfundzwanzig Minuten gebraucht.“

Und natürlich Gummistiefel.

15 Kommentare

  1. Danke, sehr schön an diesem übersichtlichen Beispiel dargestellt, dass Medien von Politikern oft reine Performance und Gefühlstransport fordern. Ob Performance und Gefühl überzeugt haben, entscheiden die Medien dann wieder selbst. Dazu lässt sich ja leicht eine Meinung haben.

    Wenn sich diese Unart auf das Genre der Kommentare beschränken würde, könnte man es wenigstens leichter ignorieren…

  2. Naja, das Ganze ist natürlich reichlich albern, und wohlfeile Kommentare sind schnell geschrieben – ob er nun am Ort ist oder nicht, trägt für die Sache wenig aus. Dennoch sollte ein Berufspolitiker (im Wahljahr!) wissen, wie wichtig Bilder fürs Image sind. Gerade in der Krise. Eine Karriere kann mit einem Auftritt vor Katastrophenkulisse durchstarten (Schmidt, Platzeck), verlängert werden (Schröder) oder enden (Laschet).

    Hinfahren, mit ein paar Leuten reden und konkrete Hilfen versprechen, wäre für Wegners politische Zukunft sicher klug gewesen. Nun wurde auch noch öffentlich, dass er am Samstagmittag – also kurz nach Beginn des Desasters – Tennisspielen war, „um den Kopf frei zu bekommen“. Das ist schon ziemlich instinktlos.

  3. Steht der Politker an jedem Feldbett, betreibt er Inszenierung. Steht er nicht, funktioniert er nicht als Krisenmanager. Die Kritik ist erwart- und austauschbar, vor Allem aber unglaubwürdig, weil vorprogrammiert.
    Ist schon witzig, Schröder hat damals für die Inszenierung ja richtig einen auf den Deckel bekommen. Und jetzt fordern die Journalisten (aus ihren geheizten Heimen im Homeoffice – Skandal!), dass jeder Politiker die Gummistiefelkommunikation beherrschen muss.
    Ich kann Journalisten, die nicht aus Solidarität mit den Betroffenen den eigenen FI-Schalter umlegen und mitfrieren, nicht ernst nehmen. /s

  4. Zeigt sich der Politiker, insbesondere wenn der Ort des Geschehens in seinem Verantwortungsbereich liegt, nicht, macht er es falsch. Zeigt er sich, wird er der Symbolpolitik geziehen (ausgenommen er bringt, wie Schröder, etwas Handfestes mit) – oder macht wie Laschet einen Fehler im falschen Moment.

    Anne Spiegel hat ihre Nichtanwesenheit (stattdessen Familienurlaub im Wohnmobil) bei der Ahrkatastrophe das Amt gekostet, auch wenn sie als Rechtfertigung angeführt hatte, alle Maßnahmen seien schließlich Sache des Innenministeriums. Eine Flut hat aber auch etwas mit Umwelt zu tun. Diesen Zusammenhang sollte man als Umweltministerin schon erkennen können und daraus für sich selbst etwas ableiten.

    Der Regionalpräsident von Andalusien war bei rasant ansteigenden Pegelständen 2024 mit einer Journalistin im Restaurant zum Essen verabredet. Die behördlichen Katastrophenmeldungen gingen erst raus, als die Flutwellen längst bereits zahlreiche Ortschaften erreicht hatten.
    Nach langem Sträuben trat er nach einem Jahr zurück.

    Spätestens an diesen Beispielen sollte man als Politiker erkannt haben, was in so einer Situation zu tun ist.

  5. @Anderer Max:
    Journalisten kann man nicht abwählen, Politiker schon.

    (Man könnte anführen, dass der Strom schneller wieder da war als gedacht, und dass das auch was wert ist, aber egal…)

  6. Unterirdische Medienarbeit, ohne Frage. Allein, ein klein wenig gönn ich es ihm auch. Denn allzu oft schon hat er genau mit diesem populistischen Quatsch gespielt und Menschen damit geschadet.

  7. @ Mycroft: Naja, ein Journalist, der keine Klicks bekommt, wird seinen Job auch nicht lange haben. Und die Klicks richten sich nicht nach dem sachlich richtigen Inhalt eines Artikels, sondern nach seiner Marktdurchdringung – wobei Headlines wie „Tennisbürgermeister lässt seine Bevölkerung im Stich“ besser performen dürften.
    Aber die Wiederwahl eines Politikers hängt ja nun auch nicht zwangsläufig an seinen Leistungen, sondern an der wahrgenommenen Leistung, die sich wiederum gut mit (journalistischen) Headlines steuern lässt.
    Da meine ich sowas wie:
    Heizungsgesetz unter Habeck: Wir werden alle sterben.
    Heizungsgesetz unter Merz: Coole Sache.
    Schuldenbremse-Aufhebung unter Habeck: Wir werden alle sterben.
    Schuldenbremse-Aufhebung unter Merz: Noch vor der Amtseinführung mit Stimmen der Linkspartei.
    Alles kein Problem, wenn die CxU es macht.
    Alles beim Alten.

  8. @Anderer Max (#8):

    Alles kein Problem, wenn die CxU es macht.

    Jetzt schauen Sie nochmal kurz nach, welches Parteibuch der Herr Wegner hat, und fragen sich dann bitte, ob Sie es sich mit Ihrer recht simplen Manipulationsthese nicht doch zu einfach machen.

  9. Selbstverständlich mache ich es mir zu einfach. Man könnte das Polemik nennen. Herr Wegner ist bei der CDU; bekannt.

    Dann differenzierter:
    Rechtskonservative Medien haben ja momentan das Problem, dass sie einerseits die Merkel-Wähler, anderseits die AFD-Wähler ansprechen müssen (Kernzielgruppe). So eine CDU-Kampagne wie früher bei der Diekmann-BILD wird es schlicht nicht mehr geben, weil da könnte man es sich mit dem rechten Rand verscherzen, denn CDU ist „Altpartei“. Daher momentan keine Schutzkampagne durch Springer für die CxU. Das kommt einem komisch vor, sehe ich ein.
    Weiter rechte „News-Portale“® wie NIUS oder Tichy sind eh immer gegen alles, was nicht AFD ist. Und links von der Bildzeitung wird natürlich keine Rücksicht auf ein CDU-Parteibuch genommen.

    Also ja, ungewöhnlich ist momentan nur, dass der Springerverlag momentan kein CDU-Parteiblatt herausgibt.

  10. Ok, anders formuliert:
    Der Politiker zeigt Empathie durch „Gummistiefel“, der Journalist durch Empörung vom gemütlichen Homeoffice aus über deren Fehlen. Nicht darüber, ob das Krisenmanagement schlecht oder eigentlich ganz vorbildlich war.

    Dass rechte Journalisten sich am liebsten über linke Politiker empören und umgekehrt, ist dann eben Haltung. Also linke Journalisten über rechte Politiker, nicht rechte Politiker über linke Journalisten.

  11. Die „Neue Zürcher Zeitung“ schaffte es, auf die vielstimmigen Wo-war-Wegner-Rufe heute noch einen draufzusetzen, indem sie rief: Wo waren eigentlich Merz und Steinmeier? Dass sich weder der Bundeskanzler noch der Bundespräsident zum Anschlag auf die Stromversorgung geäußert hätten, sei „unsäglich“

    Die Fallhöhe.

    Als ein paar Champagnerkids auf Sylt nicht verbotene Gesänge gegrölt haben, das konnten Bundeskanzler und Bundespräsident nicht unkommentiert durchgehen lassen. Bei dieser furchtbarsten Staatskrise seit der Gründung der Bundesrepublik konnten … nein, mussten … sie sich positionieren. Couragiert.

    Desgleichen vor zwei Jahren, als das gemeinwohlorientierte Medienhaus Correctiv in einer mehrfach preisgekrönten Recherche aufdeckte, dass die AfD zig Trillionen Ausländer deportieren wird. Wannseekonferenz 2.0!
    Auch da haben Bundespräsident und Bundeskanzler sich nicht im Homeoffice eingeschlossen, sondern waren mitten dabei, bei den couragierten Demos gegen die Deportationsdiktatur.

    Da wurden Maßstäbe gesetzt – vor deren Hintergrund der NZZ-Kommentar vielleicht immer noch supergut ist, aber eben nicht mehr so ganz aus dem Rahmen gefallen wirkt.

  12. Über das Suchbild musste ich lachen. Sehr schön!
    In meiner politischen Naivität kann ich mir gut vorstellen, dass verantwortliche Politiker, die immerhin an Katastrophenschutz und Katastrophenplänen mitwirken – sich vor Ort ein differenziertes Bild machen, wie diese in der Praxis funktionieren.
    Das sehe ich hinter den Besuchen an Katastrophenorten.
    Dass es als Schaulaufen wahrgenommen werden kann, liegt dann im Detaillierungsgrad der journalistischen Darstellung, oder?

  13. „Wir schlagen zurück – und überlassen den Linksextremisten und Klimaextremisten nicht das Feld.“

  14. @ FrankD
    Waren Sie schon mal auf dem einen oder anderen Social-Media-Account von AfD’lern? Da wird deportiert, bis der Arzt kommt. Bis hin zur Ausbürgerung unliebsamer Künstler und Journalisten, egal welcher Nationalität. Jüngstes Haßobjekt ist Hape Kerkeling. DJT läßt grüßen.

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