Hasswort (64)

Rechtsruck

Rechtsextreme Ansichten waren nicht plötzlich da. Sie sind Jahr für Jahr salonfähiger geworden. Wer trotzdem von einem „Rechtsruck“ spricht, hat schon akzeptiert, dass die extreme Rechte die Gesellschaft dominiert.

Wir alle kennen es, uns zu etwas aufzuraffen: „Mensch, gib Dir mal einen Ruck!“ Oder alle zusammen im selben Moment kräftig anzupacken: „Hau Ruck!“

Ein Ruck ist eine „schnelle, kurze Bewegung, die durch einen plötzlichen Stoß, Zug ausgelöst wird“ (Digitales Wörterbuch der Deutschen Sprache). Der frühere Bundespräsident Roman Herzog sagte 1997 in seiner viel zitierten Berliner Rede: „Durch Deutschland muss ein Ruck gehen.“ Er wollte so den Anstoß geben, Rezession, Arbeitslosigkeit und Reformblockaden zu überwinden.

7 Kommentare

  1. Ich möchte eine Sache bestreiten: Dass die AfD stetig in den Wahlergebnissen und Umfragen angestiegen wäre. Es gab eine Zeit, da hatten wir Hoffnungen, sie aus Landtagen wieder heraus zu bekommen.
    Lustigerweise war das auch die Zeit, in der die Medien sich nicht so sehr um diese Partei gekümmert hat. Wo sie nicht bei jedem Pups im Fernsehen zu sehen war. Das kann zusammenhängen, muss es nicht, das würde ich den Forschern überlassen.

    Was mich wirklich stört ist, dass die AfD dauernd vom ÖRR hofiert wird. Ja, die labern dann was von „Neutralität“ und so, aber komischerweise gilt das nur für den Rand, der Menschen unwürdig behandeln möchte, nicht für den Anderen! Und ja, „Die Linke“ sitzt auch im Bundestag!

  2. Weitgehend Zustimmung – und ich fühle mich ertappt.
    Dennoch: ein Aber. Ich habe extra nichts zum Beitrag zur Fernsehserie „Die Schwarzwaldklinik“ geschrieben. Gedacht habe ich mir jedoch: Ist „konservativ“ 2026 mit „konservativ“ Mitte der 80er Jahre in etwa gleichzusetzen? Ist es nicht vielmehr so, dass vor dem eigenen Abteilfenster ein Zug in die Gegenrichtung vorbeifuhr, was den Eindruck vermittelte, man bewege sich selbst nach vorn, während nur die anderen beschleunigt rückwärts fuhren?

    Ist etwas nicht konservativ, nur weil es heute rechts abgehängt wird? Es gab den erstaunlich altersgeläuterten (weise wäre zu viel gesagt) Heiner Geißler, es gab Blüm und auch Töpfer, Frau Süßmuth – und sonst jede Menge Entwicklungen, die den Weg für später einmal 16 Jahre Merkel bahnten. Nach dem Ende der Ära Merkel ging ein Ruck durch die Union – man kann es nicht anders sagen. Und Merz hat mit seiner Themensetzung die AfD noch einmal verdoppelt.

    Es gibt also beides: die langsame, stetige Entwicklung – und darin mindestens einen Ruck.

  3. „…weil es den Wunsch nährt, dass man das Problem genauso ruckartig wieder rückgängig machen könne. Das zeigt die wiederkehrende Debatte um ein „AfD-Verbot“: „Damit der Spuk endlich ein Ende hat!““

    In diesem Fall würde ich widersprechen. oder es zumindest anzweifeln dass es viele Leute gibt die denken durch ein AFD Verbot würden wir auch deren Ansichten einfach „ruckartig“ loswerden.
    Eine der Hauptintentionen ist es doch erstmal diesen Verfassungsfeinden keine weiteren Steuergelder mehr zukommen zu lassen. Und ihnen Zeit zu rauben die sie in Bildung einer neuen Partei investieren müssen, mit Hoffnung dass sie sich nicht einigen können und es mehrere kleine Parteien gibt usw

    Ansonsten bin ich ganz bei ihnen und danke für den Text.

  4. Der „Ruck“ ist so ein bisschen wie die „Welle“ in der Migrationsdiskussion. Etwas Unveränderliches, „Natürliches“, Unvermeidbares. Und daher als sprachliches Mittel anzusehen.
    Ein bisschen ironisch finde ich dann, dass aber am Ende des Textes eine nautische „Rechtsdrift“ festgestellt wird – Also eine Abweichung vom (richtigen) Steuerkurs.

  5. Ein Ruck ist eher etwas künstliches, beabsichtigtes als ein Naturereignis. Aber jetzt wissen wir ja, wer an der Rechts_drift_ die Schuld trägt: die Redaktionen, die irgendwelche Wörter ohne nachzudenken verwenden.

    Nebenbei, „salonfähig“ bezieht sich auf die Oberschicht. Arbeiter- und Kleinbürgerwohnungen haben keine Salons. Wenn etwas „salonfähig“ geworden ist, wird es nicht mehr als „armselig“, „prollig“ oder ähnliches geringgeschätzt.
    Jetzt bin ich allerdings der Ansicht, dass die meisten rechten Einstellungen und Ansichten schon immer „salonfähig“ waren, insofern gibt es im „Salon“ nicht nur keinen Ruck nach rechts, sondern noch nicht einmal eine Drift: das ist der Kurs dort.

  6. Eric Wallis schreibt, dass „rechtsextreme Einstellungen“ salonfähiger geworden seien. Das ist ein Unterschied. Für die Nachkriegszeit gilt zumindest: Offener Rechtsextremismus war im bürgerlichen Salon eher ein No-Go.

    Ein Teil des gegenwärtigen Kulturkampfes funktioniert über Elitenbashing – zumindest gegenüber Akademiker:innen und Institutionen, die Expertise beanspruchen. Dass daran inzwischen auch Teile der Eliten selbst mitwirken, ist eine der bizarren Blüten des Postfaktischen.

    Deshalb wird übrigens auch das Bashing gegen den ÖRR durch Rechtsextreme, derzeit führende Konservative und Kampagnenmedien nicht aufhören, selbst wenn sich Verantwortliche noch so kleinmachen und winseln: Der ÖRR kann auf Dauer Postfaktisches nicht unkommentiert und ohne fundierte Recherche stehen lassen. Das widerspricht seinem Auftrag.

    Ein großer Teil der Politik der Genannten funktioniert jedoch gerade über „alternative Fakten“ – ob bei Energie, Klima oder Technologien. Die vielbeschworene „Ergebnisoffenheit“ bedeutet dann oft nur, dass Lobbyinteressen am Ende glänzend verdienen können. Damit dieses Ergebnis „offen“ bleibt, muss das Faktische eben weichen.

  7. Der „Salon“ ist der Großbürger, der Fabrikdirektor und dergleichen, der auf den Durchschnittsbürger herabblickt (auch wenn der zufällig einen Doktortitel hat). Und was im „Salon“ passiert, ist nicht unbedingt „offen“. Und gerade in der Nachkriegszeit gab es wohl eine Menge nicht-offener Rechtsextremisten, viele davon in der Schicht, die sich im Salon trifft, und die nicht direkt dieselbe ist wie die akademische „Elite“.
    Insbesondere die Klassengesellschaft wird im „Salon“ für besonders gut und richtig gehalten, womit der Salon der natürliche Feind aller Menschen ist, die die Klassengesellschaft überwinden wollen. Dass im „Salon“ also jetzt noch anderes rechtes Gedankengut akzeptiert wird, schockiert mich nun wirklich nicht.

    Mir ist schon klar, dass hier mit „ist nicht mehr salonfähig“ gemeint sein soll: „ist nicht mehr verpönt.“ Aber wir sind hier beim Hasswort.

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