Rechtsextreme Ansichten waren nicht plötzlich da. Sie sind Jahr für Jahr salonfähiger geworden. Wer trotzdem von einem „Rechtsruck“ spricht, hat schon akzeptiert, dass die extreme Rechte die Gesellschaft dominiert.
Wir alle kennen es, uns zu etwas aufzuraffen: „Mensch, gib Dir mal einen Ruck!“ Oder alle zusammen im selben Moment kräftig anzupacken: „Hau Ruck!“
Ein Ruck ist eine „schnelle, kurze Bewegung, die durch einen plötzlichen Stoß, Zug ausgelöst wird“ (Digitales Wörterbuch der Deutschen Sprache). Der frühere Bundespräsident Roman Herzog sagte 1997 in seiner viel zitierten Berliner Rede: „Durch Deutschland muss ein Ruck gehen.“ Er wollte so den Anstoß geben, Rezession, Arbeitslosigkeit und Reformblockaden zu überwinden.
Hasswort
Es gibt präzise und poetische, wichtige und wunderbare Wörter. In dieser Rubrik geht es um die anderen: Begriffe, die überflüssig, irreführend oder einfach nur nervig sind – und trotzdem ständig in Medien auftauchen. Auf welche Wörter unsere Gastautor:innen schon geschimpft haben, können Sie hier nachlesen.
Wenn es um den aktuellen Zustand unserer Gesellschaft und die Wahlergebnisse der AfD geht, ist der Begriff „Rechtsruck“ allerdings eine schlechte Wahl. Rechtsextreme Einstellungen sind schrittweise salonfähiger geworden. Die AfD war zwar irgendwann da, aber das ist fast 13 Jahre her. Seit ihrer Gründung steigen ihre Wahlergebnisse immer weiter an.
Viele hinterfragen den Begriff gar nicht mehr
Von Plötzlichkeit kann also nicht die Rede sein. Trotzdem schreiben Medien immer wieder vom „Rechtsruck“ (gerade erst stand der Begriff auch in einem Übermedien-Text). Vielleicht wollen Journalisten damit angesichts der deutschen Geschichte eine besondere Betroffenheit vermitteln. Vielleicht geht es ihnen darum, Inhalte zu verkaufen: Zuspitzung als Mittel der Dramatisierung. Und natürlich ist der Begriff inzwischen so verbreitet, dass Redaktionen ihn womöglich gar nicht mehr hinterfragen.
Vielleicht steckt dahinter auch ein aktivistischer Gedanke. Plötzliche Probleme verursachen größeren Handlungsdruck: Wir kümmern uns schneller um eine auf einmal verstopfte Rohrleitung als um eine sich langsam zusetzende. Bei als schleichend geframten Prozessen wie dem Klimawandel bleibt hingegen der Handlungsdruck aus: „Das ist ja noch lange hin!“
Die viel wichtigere Frage ist aber: Was passiert, wenn Medien immer wieder über einen „Ruck“ berichten?
Wer vom „Ruck“ spricht, hat ihn schon akzeptiert
Wenn man einen schleichenden Prozess ständig als ruckartig beschreibt, dann ist das, als ob uns jemand ständig erschrecken wollen würde. Irgendwann nehmen wir das nicht mehr ernst. Wir sind drauf vorbereitet: „Ach, du schon wieder!“ Die Schockwirkung ist weg und mit ihr der Handlungsdruck.
Das Ruckframing wirkt darüber hinaus wie eine sich selbsterfüllende Prophezeiung: Das Wesen des Rucks ist seine Prozesslosigkeit. Benennen wir ihn, ist er bereits geschehen. So werden sprachlich vollendete Tatsachen geschaffen, die ganz im Sinne der extremen Rechten liegen dürften. Wer vom Rechtsruck spricht, hat den neuen Zustand bereits anerkannt, und das, obwohl drei Viertel der Menschen rechtsextreme Einstellungen weiterhin ablehnen.
Beim Blick in die Vergangenheit verbirgt das Framing vom „Rechtsruck“, dass es diese extrem rechten Ansichten und Einstellungen bereits gab, als CDU und SPD noch jeweils 40 Prozent der Wählenden mobilisieren konnten. Nach vorne geschaut, erschwert es die Bearbeitung des Problems, weil es den Wunsch nährt, dass man das Problem genauso ruckartig wieder rückgängig machen könne. Das zeigt die wiederkehrende Debatte um ein „AfD-Verbot“: „Damit der Spuk endlich ein Ende hat!“
Kampf gegen Rechtsextremismus ist mühsam
Dieses Denken mag politisch bequem sein. Es verschleiert jedoch, dass demokratische Einstellungen erst in langfristiger und teurer Bildungs- und Präventionsarbeit entstehen. Ja, schleichende Prozesse sind nur schleichend zu stoppen. Es gibt kein plötzliches Wundermittel gegen eine zunehmende Rechtsdrift. Es gibt, wie Sachsens CDU-Innenminister Armin Schuster sagt, höchstens „Wirkungstreffer“.
Letztlich stellt der Begriff „Rechtsruck“ all denjenigen, die Rechtsextremismus ablehnen und dagegen anarbeiten, ein Bein. Denn demokratiefreundlicher wäre es, den Rechtsextremen nichts Ruckartiges, Abgeschlossenes, Fertiges anzudichten.
Der Autor
Foto: Johannes Buldmann
Eric Wallis analysiert als Wortgucker und freier Autor politischen Sprachgebrauch. Er hat über Kampagnensprache promoviert. In Mecklenburg-Vorpommern leitete er ein Landesdemokratiezentrum und arbeitet heute hauptsächlich für Greenpeace. Nebenberuflich widmet er sich der Analyse und Verbesserung von Kampagnen.
Ich möchte eine Sache bestreiten: Dass die AfD stetig in den Wahlergebnissen und Umfragen angestiegen wäre. Es gab eine Zeit, da hatten wir Hoffnungen, sie aus Landtagen wieder heraus zu bekommen.
Lustigerweise war das auch die Zeit, in der die Medien sich nicht so sehr um diese Partei gekümmert hat. Wo sie nicht bei jedem Pups im Fernsehen zu sehen war. Das kann zusammenhängen, muss es nicht, das würde ich den Forschern überlassen.
Was mich wirklich stört ist, dass die AfD dauernd vom ÖRR hofiert wird. Ja, die labern dann was von „Neutralität“ und so, aber komischerweise gilt das nur für den Rand, der Menschen unwürdig behandeln möchte, nicht für den Anderen! Und ja, „Die Linke“ sitzt auch im Bundestag!
Weitgehend Zustimmung – und ich fühle mich ertappt.
Dennoch: ein Aber. Ich habe extra nichts zum Beitrag zur Fernsehserie „Die Schwarzwaldklinik“ geschrieben. Gedacht habe ich mir jedoch: Ist „konservativ“ 2026 mit „konservativ“ Mitte der 80er Jahre in etwa gleichzusetzen? Ist es nicht vielmehr so, dass vor dem eigenen Abteilfenster ein Zug in die Gegenrichtung vorbeifuhr, was den Eindruck vermittelte, man bewege sich selbst nach vorn, während nur die anderen beschleunigt rückwärts fuhren?
Ist etwas nicht konservativ, nur weil es heute rechts abgehängt wird? Es gab den erstaunlich altersgeläuterten (weise wäre zu viel gesagt) Heiner Geißler, es gab Blüm und auch Töpfer, Frau Süßmuth – und sonst jede Menge Entwicklungen, die den Weg für später einmal 16 Jahre Merkel bahnten. Nach dem Ende der Ära Merkel ging ein Ruck durch die Union – man kann es nicht anders sagen. Und Merz hat mit seiner Themensetzung die AfD noch einmal verdoppelt.
Es gibt also beides: die langsame, stetige Entwicklung – und darin mindestens einen Ruck.
„…weil es den Wunsch nährt, dass man das Problem genauso ruckartig wieder rückgängig machen könne. Das zeigt die wiederkehrende Debatte um ein „AfD-Verbot“: „Damit der Spuk endlich ein Ende hat!““
In diesem Fall würde ich widersprechen. oder es zumindest anzweifeln dass es viele Leute gibt die denken durch ein AFD Verbot würden wir auch deren Ansichten einfach „ruckartig“ loswerden.
Eine der Hauptintentionen ist es doch erstmal diesen Verfassungsfeinden keine weiteren Steuergelder mehr zukommen zu lassen. Und ihnen Zeit zu rauben die sie in Bildung einer neuen Partei investieren müssen, mit Hoffnung dass sie sich nicht einigen können und es mehrere kleine Parteien gibt usw
Ansonsten bin ich ganz bei ihnen und danke für den Text.
Der „Ruck“ ist so ein bisschen wie die „Welle“ in der Migrationsdiskussion. Etwas Unveränderliches, „Natürliches“, Unvermeidbares. Und daher als sprachliches Mittel anzusehen.
Ein bisschen ironisch finde ich dann, dass aber am Ende des Textes eine nautische „Rechtsdrift“ festgestellt wird – Also eine Abweichung vom (richtigen) Steuerkurs.
Ein Ruck ist eher etwas künstliches, beabsichtigtes als ein Naturereignis. Aber jetzt wissen wir ja, wer an der Rechts_drift_ die Schuld trägt: die Redaktionen, die irgendwelche Wörter ohne nachzudenken verwenden.
Nebenbei, „salonfähig“ bezieht sich auf die Oberschicht. Arbeiter- und Kleinbürgerwohnungen haben keine Salons. Wenn etwas „salonfähig“ geworden ist, wird es nicht mehr als „armselig“, „prollig“ oder ähnliches geringgeschätzt.
Jetzt bin ich allerdings der Ansicht, dass die meisten rechten Einstellungen und Ansichten schon immer „salonfähig“ waren, insofern gibt es im „Salon“ nicht nur keinen Ruck nach rechts, sondern noch nicht einmal eine Drift: das ist der Kurs dort.
Eric Wallis schreibt, dass „rechtsextreme Einstellungen“ salonfähiger geworden seien. Das ist ein Unterschied. Für die Nachkriegszeit gilt zumindest: Offener Rechtsextremismus war im bürgerlichen Salon eher ein No-Go.
Ein Teil des gegenwärtigen Kulturkampfes funktioniert über Elitenbashing – zumindest gegenüber Akademiker:innen und Institutionen, die Expertise beanspruchen. Dass daran inzwischen auch Teile der Eliten selbst mitwirken, ist eine der bizarren Blüten des Postfaktischen.
Deshalb wird übrigens auch das Bashing gegen den ÖRR durch Rechtsextreme, derzeit führende Konservative und Kampagnenmedien nicht aufhören, selbst wenn sich Verantwortliche noch so kleinmachen und winseln: Der ÖRR kann auf Dauer Postfaktisches nicht unkommentiert und ohne fundierte Recherche stehen lassen. Das widerspricht seinem Auftrag.
Ein großer Teil der Politik der Genannten funktioniert jedoch gerade über „alternative Fakten“ – ob bei Energie, Klima oder Technologien. Die vielbeschworene „Ergebnisoffenheit“ bedeutet dann oft nur, dass Lobbyinteressen am Ende glänzend verdienen können. Damit dieses Ergebnis „offen“ bleibt, muss das Faktische eben weichen.
Der „Salon“ ist der Großbürger, der Fabrikdirektor und dergleichen, der auf den Durchschnittsbürger herabblickt (auch wenn der zufällig einen Doktortitel hat). Und was im „Salon“ passiert, ist nicht unbedingt „offen“. Und gerade in der Nachkriegszeit gab es wohl eine Menge nicht-offener Rechtsextremisten, viele davon in der Schicht, die sich im Salon trifft, und die nicht direkt dieselbe ist wie die akademische „Elite“.
Insbesondere die Klassengesellschaft wird im „Salon“ für besonders gut und richtig gehalten, womit der Salon der natürliche Feind aller Menschen ist, die die Klassengesellschaft überwinden wollen. Dass im „Salon“ also jetzt noch anderes rechtes Gedankengut akzeptiert wird, schockiert mich nun wirklich nicht.
Mir ist schon klar, dass hier mit „ist nicht mehr salonfähig“ gemeint sein soll: „ist nicht mehr verpönt.“ Aber wir sind hier beim Hasswort.
@Mycroft Ihre „Salon“-Definition ist schon bemerkenswert praktisch: Sie erklären kurzerhand, der Salon sei der Fabrikdirektor bzw. Großbürger – und damit ist die Metapher so verengt, dass sie exakt auf Ihr Feindbild passt. Das ist weniger Analyse als Zuschneiden.
Historisch wie semantisch ist das schwer nachvollziehbar ( vgl. „Salonkultur“ ).
Natürlich gibt es eine fortlaufende Tradition des Rechtsextremismus. Auch in den Salons der Republik. Sie fand auf dieser Ebene aber eher kodifiziert statt, weil sie eben nicht respektabel ( salonfähig ) war.
Ansonsten begegnet uns die Salon Metapher heute vor allem im kulturellen Bereich ( „der literarische Salon“ usw. ).
„@Mycroft Ihre „Salon“-Definition ist schon bemerkenswert praktisch: Sie erklären kurzerhand, der Salon sei der Fabrikdirektor bzw. Großbürger – und damit ist die Metapher so verengt, dass sie exakt auf Ihr Feindbild passt.“
Was für ein Feindbild? Ich mache nur das, was man in der Hasswort-Kolumne halt so macht: einen Begriff möglichst wörtlich nehmen, die irreführenden Konnotationen aufzählen und schlussfolgern, dass man den Begriff nicht mehr so verwenden sollte, wie es getan wird, oder am besten gar nicht mehr.
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Ich möchte eine Sache bestreiten: Dass die AfD stetig in den Wahlergebnissen und Umfragen angestiegen wäre. Es gab eine Zeit, da hatten wir Hoffnungen, sie aus Landtagen wieder heraus zu bekommen.
Lustigerweise war das auch die Zeit, in der die Medien sich nicht so sehr um diese Partei gekümmert hat. Wo sie nicht bei jedem Pups im Fernsehen zu sehen war. Das kann zusammenhängen, muss es nicht, das würde ich den Forschern überlassen.
Was mich wirklich stört ist, dass die AfD dauernd vom ÖRR hofiert wird. Ja, die labern dann was von „Neutralität“ und so, aber komischerweise gilt das nur für den Rand, der Menschen unwürdig behandeln möchte, nicht für den Anderen! Und ja, „Die Linke“ sitzt auch im Bundestag!
Weitgehend Zustimmung – und ich fühle mich ertappt.
Dennoch: ein Aber. Ich habe extra nichts zum Beitrag zur Fernsehserie „Die Schwarzwaldklinik“ geschrieben. Gedacht habe ich mir jedoch: Ist „konservativ“ 2026 mit „konservativ“ Mitte der 80er Jahre in etwa gleichzusetzen? Ist es nicht vielmehr so, dass vor dem eigenen Abteilfenster ein Zug in die Gegenrichtung vorbeifuhr, was den Eindruck vermittelte, man bewege sich selbst nach vorn, während nur die anderen beschleunigt rückwärts fuhren?
Ist etwas nicht konservativ, nur weil es heute rechts abgehängt wird? Es gab den erstaunlich altersgeläuterten (weise wäre zu viel gesagt) Heiner Geißler, es gab Blüm und auch Töpfer, Frau Süßmuth – und sonst jede Menge Entwicklungen, die den Weg für später einmal 16 Jahre Merkel bahnten. Nach dem Ende der Ära Merkel ging ein Ruck durch die Union – man kann es nicht anders sagen. Und Merz hat mit seiner Themensetzung die AfD noch einmal verdoppelt.
Es gibt also beides: die langsame, stetige Entwicklung – und darin mindestens einen Ruck.
„…weil es den Wunsch nährt, dass man das Problem genauso ruckartig wieder rückgängig machen könne. Das zeigt die wiederkehrende Debatte um ein „AfD-Verbot“: „Damit der Spuk endlich ein Ende hat!““
In diesem Fall würde ich widersprechen. oder es zumindest anzweifeln dass es viele Leute gibt die denken durch ein AFD Verbot würden wir auch deren Ansichten einfach „ruckartig“ loswerden.
Eine der Hauptintentionen ist es doch erstmal diesen Verfassungsfeinden keine weiteren Steuergelder mehr zukommen zu lassen. Und ihnen Zeit zu rauben die sie in Bildung einer neuen Partei investieren müssen, mit Hoffnung dass sie sich nicht einigen können und es mehrere kleine Parteien gibt usw
Ansonsten bin ich ganz bei ihnen und danke für den Text.
Der „Ruck“ ist so ein bisschen wie die „Welle“ in der Migrationsdiskussion. Etwas Unveränderliches, „Natürliches“, Unvermeidbares. Und daher als sprachliches Mittel anzusehen.
Ein bisschen ironisch finde ich dann, dass aber am Ende des Textes eine nautische „Rechtsdrift“ festgestellt wird – Also eine Abweichung vom (richtigen) Steuerkurs.
Ein Ruck ist eher etwas künstliches, beabsichtigtes als ein Naturereignis. Aber jetzt wissen wir ja, wer an der Rechts_drift_ die Schuld trägt: die Redaktionen, die irgendwelche Wörter ohne nachzudenken verwenden.
Nebenbei, „salonfähig“ bezieht sich auf die Oberschicht. Arbeiter- und Kleinbürgerwohnungen haben keine Salons. Wenn etwas „salonfähig“ geworden ist, wird es nicht mehr als „armselig“, „prollig“ oder ähnliches geringgeschätzt.
Jetzt bin ich allerdings der Ansicht, dass die meisten rechten Einstellungen und Ansichten schon immer „salonfähig“ waren, insofern gibt es im „Salon“ nicht nur keinen Ruck nach rechts, sondern noch nicht einmal eine Drift: das ist der Kurs dort.
Eric Wallis schreibt, dass „rechtsextreme Einstellungen“ salonfähiger geworden seien. Das ist ein Unterschied. Für die Nachkriegszeit gilt zumindest: Offener Rechtsextremismus war im bürgerlichen Salon eher ein No-Go.
Ein Teil des gegenwärtigen Kulturkampfes funktioniert über Elitenbashing – zumindest gegenüber Akademiker:innen und Institutionen, die Expertise beanspruchen. Dass daran inzwischen auch Teile der Eliten selbst mitwirken, ist eine der bizarren Blüten des Postfaktischen.
Deshalb wird übrigens auch das Bashing gegen den ÖRR durch Rechtsextreme, derzeit führende Konservative und Kampagnenmedien nicht aufhören, selbst wenn sich Verantwortliche noch so kleinmachen und winseln: Der ÖRR kann auf Dauer Postfaktisches nicht unkommentiert und ohne fundierte Recherche stehen lassen. Das widerspricht seinem Auftrag.
Ein großer Teil der Politik der Genannten funktioniert jedoch gerade über „alternative Fakten“ – ob bei Energie, Klima oder Technologien. Die vielbeschworene „Ergebnisoffenheit“ bedeutet dann oft nur, dass Lobbyinteressen am Ende glänzend verdienen können. Damit dieses Ergebnis „offen“ bleibt, muss das Faktische eben weichen.
Der „Salon“ ist der Großbürger, der Fabrikdirektor und dergleichen, der auf den Durchschnittsbürger herabblickt (auch wenn der zufällig einen Doktortitel hat). Und was im „Salon“ passiert, ist nicht unbedingt „offen“. Und gerade in der Nachkriegszeit gab es wohl eine Menge nicht-offener Rechtsextremisten, viele davon in der Schicht, die sich im Salon trifft, und die nicht direkt dieselbe ist wie die akademische „Elite“.
Insbesondere die Klassengesellschaft wird im „Salon“ für besonders gut und richtig gehalten, womit der Salon der natürliche Feind aller Menschen ist, die die Klassengesellschaft überwinden wollen. Dass im „Salon“ also jetzt noch anderes rechtes Gedankengut akzeptiert wird, schockiert mich nun wirklich nicht.
Mir ist schon klar, dass hier mit „ist nicht mehr salonfähig“ gemeint sein soll: „ist nicht mehr verpönt.“ Aber wir sind hier beim Hasswort.
@Mycroft Ihre „Salon“-Definition ist schon bemerkenswert praktisch: Sie erklären kurzerhand, der Salon sei der Fabrikdirektor bzw. Großbürger – und damit ist die Metapher so verengt, dass sie exakt auf Ihr Feindbild passt. Das ist weniger Analyse als Zuschneiden.
Historisch wie semantisch ist das schwer nachvollziehbar ( vgl. „Salonkultur“ ).
Natürlich gibt es eine fortlaufende Tradition des Rechtsextremismus. Auch in den Salons der Republik. Sie fand auf dieser Ebene aber eher kodifiziert statt, weil sie eben nicht respektabel ( salonfähig ) war.
Ansonsten begegnet uns die Salon Metapher heute vor allem im kulturellen Bereich ( „der literarische Salon“ usw. ).
„@Mycroft Ihre „Salon“-Definition ist schon bemerkenswert praktisch: Sie erklären kurzerhand, der Salon sei der Fabrikdirektor bzw. Großbürger – und damit ist die Metapher so verengt, dass sie exakt auf Ihr Feindbild passt.“
Was für ein Feindbild? Ich mache nur das, was man in der Hasswort-Kolumne halt so macht: einen Begriff möglichst wörtlich nehmen, die irreführenden Konnotationen aufzählen und schlussfolgern, dass man den Begriff nicht mehr so verwenden sollte, wie es getan wird, oder am besten gar nicht mehr.