Wort und Totschlag

Der Machtkampf um die Sprache: Was wird man ja wohl noch sagen dürfen, und wer bestimmt das? Kann man die Welt verbessern, indem man die Sprache verändert? Was bringt „Political Correctness“, und was ist das überhaupt?

Sascha Lobo und Stefan Niggemeier diskutieren in der vierten Folge unseres Übermedien-Podcasts – nicht nur – über die „Schlitzaugen“ von Günther Oettinger und den Schwarzen-Humor von Guido Cantz.

„Zur Lage der Medien“ ist eine Coproduktion mit dem Podcast-Label Viertausendhertz.

viertausendherz

Medien besser kritisieren. Mit Ihrer Unterstützung.

 
Medien besser kritisieren.

26 Kommentare

  1. Irgendwie hat sich Sascha da verheddert: Wenn Nazis von „Kulturbereicherern“ sprechen, dann doch nicht deshalb, weil sie sich nicht mehr trauen, Nazibegriffe zu verwenden, sondern weil sie, wie er ja richtig sagt, Begriffe der Feinde sarkastisch verwenden wollen. Das Phänomen gibt es ja nun auch schon viele, viele Jahre lang. Das ist in etwa so, wie wenn bei einer Asyl-„Infoveranstaltung“ die „Besorgten“ im Chor hönisch „Höhöhö“ grunzen, sobald jemand Partei für Asylsuchende ergreift.

  2. Menschen mit Migrationshintergrund: Die wahrgenommene Verselbstständigung des Begriffs kommt ja eigentlich nur davon, dass der „Migrationshintergrund“ weißer Menschen in unserer Gesellschaft nicht gesehen wird. Wer weiß ist bzw. so gelesen wird, gilt automatisch als deutsche Person und damit Standard. Nur nichtweiße Menschen werden gefragt, wo sie wirklich™ herkommen bzw. was ihr „Hintergrund“ ist.

  3. @ali – Ich habe das jetzt nicht nochmal nachgehört, aber vielleicht habe ich das live missverständlich ausgedrückt. Mir ging es um den sarkastischen Umgang mit PC-Regeln von rechtsextremer Seite. Diesen Umgang halte ich für eine Reaktion auf PC, eine unreife, pseudowitzige, hilfsfaschistoide, ja – aber eine Reaktion. Die sozialen Medien und ihre Spirale der Hassrede sind tatsächliche eine Gelegenheit für viele, „endlich offen sagen zu können“, was sie immer schon denken und fühlen. Schon in dieser Formulierung ist verborgen, dass eine gewisse Hemmung zumindest einmal bestanden haben muss. Und weil ich nicht glaube, dass diese Hemmung „Anstand“ war – sehe ich nur die Möglichkeit, dass man sich bisher nicht getraut hat. Begriffe wie „Südschweden“ für schwarze Menschen zu verwenden, obwohl in ihren Köpfen immer das N-Wort feindselig gärt, glaube ich, zeugt eben auch von einer gewissen Feigheit, also Furcht vor den Folgen in einer „PC-Gesellschaft“, wie diese Leute es empfinden. Nicht bei allen, aber doch bei den vielen, vielen Mitläufer-Gestalten.

  4. Eine interessante und größtenteils sehr differenzierte Diskussion. Danke dafür.
    Ich hätte allerdings gerne ein paar ganz konkrete Beispiele dafür gehört, welche schrecklichen Konsequenzen drohen, wenn man sich in Deutschland nicht PC ausdrückt. Das wurde meiner Ansicht nach in der Diskussion einfach zu sehr als Fakt vorausgesetzt. Wo sind die Massen, die in Deutschland durch PC geknechtet werden und verängstigt jedes Wort durchleuchten, beovr sie es äußern? Wer wurde denn wirklich ausgegrenzt, beschimpft, bedroht oder gefeuert, weil er oder sie sich nicht PC ausgedrückt hat? Ist das nicht eher eine Schutzbehauptung der PC-Kritiker?

  5. @chicha – Danke für das Kompliment. Ein interessanter Hinweis, was die die Perspektive der Frage betrifft. Diese Beispiele gibt es in großer Zahl, sie fühlen sich „von innen“ bloß anders an als „von außen“. Was oft geschieht und was auch am häufigsten referenziert wird, wenn man mit solchen Leuten spricht: dass jemand als Nazi bezeichnet worden ist, „obwohl er doch extra betont hat, kein Nazi zu sein“ oder „nur weil er mit Merkels Flüchtlingspolitik nicht einverstanden ist“ (beides Zitate/Paraphrasen von Fällen, die ich auf Facebook beobachtet habe). Und öffentlich oder halböffentlich im Friendeskreis als Nazi bezeichnet zu werden, das wird tatsächlich als schreckliche Konsequenz betrachtet von nicht wenigen. Das ist die untere Seite des Spektrums „schreckliche Konsequenzen“. Die obere Seite sind die in diesen Kreisen so oft wie intensiv herumgereichten Fälle, wo nach Ansicht der Anti-PC-Fraktion „eine Bemerkung gereicht hat, um ein Leben zu zerstören“. Es wird dann der österreichische Porsche-Lehrling hervorgezogen, Justine Sacco oder irgendwelche Politiker, die wegen problematischer Bemerkungen zurücktreten mussten. Oder, um die häufigste Einlassung der (rechtsextremen, gibt ja viele verschiedene) Anti-PC-Front zu zitieren: https://perlen-aus-freital.tumblr.com/ – Diese Seite (die ich dokumentativ gut finde) geht die Arbeitgeber der identifizierten Extremisten offensiv an, mit dem ausdrücklichen Ziel, dass die betreffenden Leute entlassen werden. Diese Form von Aktivismus tänzelt aus meiner persönlichen Sicht schillernd an der Grenze von „okay, vielleicht richtig“ und „katastrophal falsch“, ich sehe also sowohl gute Gründe für wie auch gegen dieses Vorgehen. Was aber völlig eindeutig ist: aus dem Blickwinkel der rechtsextremen PC-Gegner ist es in diesen, öffentlich dokumentierten Fällen nicht etwa die menschenfeindliche Grundhaltung, die den Betreffenden ihre Entlassung/Verwarnung eingebracht hat (wie ich es betrachten würde) – sondern ein einzelner Satz, zu dem sie sich „mal hinreißen“ lassen haben.

  6. @5 Chicha: Gegenfrage: Wenn der Rassismusvorwurf so unschädlich sein soll, warum reagieren die Leute vom Conne Island in Leipzig dann so patzig darauf, wenn sie ihn selber zu hören bekommen, weil sie sexuell übergriffige PoC bzw. Geflüchtete hinauswerfen? Warum nehmen sie den Rassismusvorwurf nicht so demütig hin, wie sie es von denjenigen erwarten, denen sie ihn selbst anhängen?

    Was mir in der Diskussion zu kurz gekommen ist, ist dieses Phänomen, dass das Normativieren von politisch korrekter Sprache in bestimmten Subkulturen und Szenen ein enorm wirkungsvolles Machtmittel in den Händen derjenigen ist, die damit am offensivsten operieren. Das sind Leute, die sich sehr erfolgreich als Großmeister des richtigen Bewusstseins inszenieren können, weil sie das intakte Schamgefühl derjenigen ausnutzen, die pc-mäßig nicht immer hundertprozentig auf dem Quivive sind. Die Schamlosen außerhalb dieser Szenen dagegen fühlen sich höchstens zufällig mal auf den Schlips getreten, wenn sie das „Pech“ haben, mit Verfechtern diskriminierungsfreier Sprache aneinander zu geraten, haben dann aber viel eher das Gefühl, im Recht zu sein. Meiner Erfahrung nach belastet ein sehr eifriges und umfassendes Verfechten antidiskriminatorischer Konzepte viel eher die Bemühten als die Gleichgültigen. Umgekehrt begünstigt es die fanatischen Eiferer auf den entgegengesetzten Polen: einerseits die pc-Großmeister, weil es ihre Szenenmacht stärkt, und andererseits die beinharten Rassisten, weil es Futter für ihre Propaganda liefert.

  7. Sprache – also bestimmte Sprachregelungen und Formulierungen – wird von beiden Seiten auch als Mittel benutzt, die jeweilige „Seitenzugehörigkeit“ anzuzeigen.
    So ähnlich wie bei „Lüdenscheid-Nord“.

    Die Idee, dass wir unser Bewusstsein ändern könnten, indem wir unsere Sprache ändern, ist widersinnig.
    Bevor ich meine Sprache ändere, muss ich doch bewusst darüber nachdenken, d.h., ich ändere erst mein Bewusstsein, dann meine Sprache.
    Natürlich hat Sprache etwas mit Höflichkeit zu tun, aber die Wirkmächtigkeit wird manchmal übertrieben. Beispiel:

    „Das ist Klaus, Klaus ist behindert.“
    Reduziert Klaus auf seine Behinderung.
    „Das ist Klaus, Klaus ist ein Mensch mit Behinderung.“
    Dass Klaus kein Eichhörnchen ist, konnte man sich doch fast denken, oder?
    „Das ist Klaus, Klaus ist ein Mensch, der eine Behinderung hat.“
    Immer noch keine weitere Information über Klaus‘ Persönlichkeit
    in einer doppelt so langen Satzkonstruktion. Wenn der erste Satz Klaus auf seine Behinderung reduziert, betont der zweite Satz diese Behinderung und der dritte bläht das Thema deutlich auf, ohne weitere Infos zu liefern. Wie z.B., was macht Klaus eigentlich so beruflich? Wie alt ist Klaus? Oder welche Behinderung hat Klaus überhaupt? Vermutlich ist er stumm, weil er nicht für sich selber reden kann.

    Der andere Nebeneffekt bei xy-gerechter Sprache ist der, dass man, um nirgends anzuecken, einfach über bestimmte Menschen und Dinge nicht mehr redet.

  8. Auch von mir vielen Dank für diese anregende Diskussion. Als älterer Ostler habe ich mit Denk- und Sprechverboten meine eigenen Erfahrungen. Viele von uns sind „geframt“ mit Begriffspaaren wie „ausbeuterischer Kapitalismus“ und „heldenhafter Kampf der Sowjetvölker“. Ich bin deshalb eher dafür dass jeder so reden sollte wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Allerdings mit einigen Ausnahmen die nämlich dann eintreten wenn sich Menschen und Menschengruppen in ihrer MEHREHEIT von der Wortwahl ausgegrenzt oder diffamiert fühlen. Und da beginnt das Problem denn jeder Zuwanderer, jede Frau jeder Behinderte hat mit ein Recht auf seine eigene Befindlichkeit.
    Ich bin der Meinung dass PC-Exzesse wie sie besonders im universitären Umfeld stattfinden die Vorbehalte eher noch verstärken und somit konterproduktiv sind. Von der Martenseinisierung war ja schon die Rede.
    Zwei Beispiele find ich besonders interessant und das ist mir bei Eurer Diskussion etwas zu kurz gekommen:
    1. Homosexualität. Hier wurde der herabwürdigende Begriff *schwul* von der Community einfach okkupiert und erfolgreich zu eine Identifikationsbegriff gemacht. Das konnte bei den Lesben ebenfalls erfolgreich wiederholt werden. Hier haben die Konservativen übrigens über den Begriff „Homoehe“ wieder ein Schimpfwort in die politische Debatte eingeschmuggelt und dies wurde von den Massenmedien leider widerspruchslos übernommen
    2. Zigeuner. Hier gab es Teile der Community die den Begriff ebenso aufwerten wollten. Man hätte dabei ganz gut an den Philoziganismus der deutschen Romantik anknüpfen können. Zumal der Begriff „Zigeuner“ von sich aus gar kein Schimpfwort ist wie man in Frankreich und Spanien sehen kann. Dies wurde von Zentralrat der Sinti und Roma abgelehnt mit der Begründung dass im dritten Reich und auch schon vorher mit dem Z-Wort Sinti und Roma diffamiert und verfolgt wurden und so der Ermordung Tausender sprachlicher Vorschub geleistet wurde. Nach dieser Logik dürfte man heute auch nicht mehr das Wort „Jude“ aussprechen und es gibt tatsächlich viele Deutsche die damit Probleme haben lieber von Bürgern jüdischen Glaubens oder Ähnlichem reden. Keinem Juden würde es allerdings einfallen sich nicht einen Juden zu nennen.

  9. Insgesamt war die Diskussion durchaus interessant. Dennoch fehlt auch mir ein wenig die Auseinandersetzung mit der Frage, wer denn eigentlich mit welcher Autorität und Berechtigung festlegt, welche Sprachregelungen als politisch korrekt gelten sollen und welche nicht. In einigen Fällen stellt sich diese Frage nicht wirklich; dass beispielsweise die Bezeichnung „Schlitzaugen“ kein Ausdruck von Respekt oder Feingefühl ist, liegt auf der Hand. Jedoch existieren auch genug Fälle, in denen die jeweiligen sprachlichen Festlegungen als relativ arbiträr erscheinen; und da ist es durchaus interessant, wer die Sprache normieren möchte, und mit welchem „Recht “ er einfordert, dass alle anderen seinen Wünschen folgen mögen.

    Es ist wohl davon auszugehen, dass in vielen Fällen sprachliche Tabuisierungen nicht ursprünglich aus der Mitte der jeweils betroffenen Gruppe herrühren, sondern von einigen wenigen Aktivisten stammen, die man als intellektuelle Elite betrachten kann. Das ist nicht zwingend negativ zu sehen. Viele Anstöße oder Anregungen kommen von Eliten. Und manchmal werden sie von der „breiten Masse“ gerne angenommen, da sie auf ein bis dahin latentes gesellschaftliches Bedürfnis stoßen.

    Allerdings dürfte es auch problematischere Beispiele geben. Wenn die politisch korrekten und unkorrekten Bezeichnungen immer wieder wechseln, teilweise in kurzer Zeit; und wenn ein Ausdruck, der von Aktivisten gestern noch neu eingeführt und propagiert wurde, morgen als unkorrekt gilt und übermorgen vielleicht wieder als korrekt: dann erscheint der ganze Prozess doch als etwas willkürlich. (Man denke etwa an die Begriffsgeschichte bei der Bezeichnung der Schwarzen. Einmal war der Ausdruck Schwarze korrekt, dann offenbar nicht, und inzwischen ist er es wieder.)

    Hier fragt man sich, ob eine solche Entwicklung wirklich den Bedürfnissen und Wünschen der Menschen aus den betroffenen Gruppen selbst entspricht und in ihrem Interesse ist. In manchen Fällen zumindest scheinen die meisten Betroffenen die Sache lockerer sehen als die „Wächter“ der politischen Korrektheit. So ist es beispielsweise den meisten Schwarzen in den USA egal, ob man sie als „Schwarze“ oder als „Afroamerikaner“ bezeichnet. (Zumindest war das noch 2007 so.)
    http://www.gallup.com/poll/28816/black-african-american.aspx

    Es besteht hier IMHIO die Gefahr, dass einige wenige Leute – ggf. auch ohne breite spontane Unterstützung aus den betroffenen Gruppen – in einer ziemlich beliebigen Weise Sprachregelungen für den Rest der Welt prägen können. Walter (Kommentar 7) hat von den „Großmeistern des richtigen Bewusstseins“ gesprochen; solche Leute dürfte es auch geben.

    In der Diskussion zwischen den Herren Niggemeier und Lobo hatte einer von beiden – ich weiß nicht mehr welcher – gemeint, dass man manchmal womöglich verunsichert sei, weil man gar nicht sicher wisse, was jeweils gerade korrekt sei und was nicht. Dies könne sich ja schließlich schnell ändern.
    Diese Haltung scheint mir einen etwas unkritischer Umgang mit diesem Phänomen darzustellen. Es wird anscheinend einfach fraglos akzeptiert, dass autoritative und „objektiv vorgegebene“ sprachliche Normen des politisch Korrekten existieren, denen man sich unterzuordnen habe, ohne dass man zuerst nach ihrem Ursprung oder der Rechtfertigung für ihre Geltung fragen sollte. Eine kritische Diskussion speziell der Genese und Legitimation politischer korrekter Sprachnormen hat mir in der Debatte gefehlt.

    Zum Problem der Legitimierung von politisch korrektem Sprachvorschriften tritt noch eine andere Schwierigkeit hinzu: dass nämlich die jeweiligen als „maßgeblich“ geltenden Stimmen sich auch gar nicht immer einig sind. So ist der politisch korrekte Ausdruck hierzulande „Sinti und Roma“ – so fordert es der Zentralrat der Deutschen Sinti und Roma. In Rumänien hingegen, so jedenfalls der Focus, wird diese Nomenklatur eher abgelehnt, und die Betroffenen würden dort den Ausdruck „Zigeuner“ bevorzugen. Welches Wort sollte man dann etwa für ein internationales Publikum wählen?

    Es existieren m.E. schon Formen der politischen Korrektheit, die auch Leute verunsichern können, die sich durchaus um Anstand (auch in der Sprache) bemühen.

    Wie wäre es, wenn man – von besonderen Fällen abgesehen – nur dann normative Sprachvorschriften, die eine bestimmte Gruppe betreffen, akzeptieren würde, wenn in dieser Gruppe selbst ein einigermaßen breiter sprachlicher Konsens besteht, der zudem auch noch eine gewisse Beständigkeit aufweist? Damit würde man einerseits die Wünsche der Betroffenen respektieren, andererseits aber vermeiden, sich zum Spielball kurzfristig wechselnder Moden zu machen, die womöglich nur die unbeständigen Forderungen von einigen wenigen Aktivisten repräsentieren.

    Ich möchte hier noch auf den erwähnten (dreiseitigen) Artikel hinweisen; auch wenn er im Focus erschienen ist, scheint er mir nicht uninteressant zu sein, und er ist auch relativ ausgewogen:
    http://www.focus.de/wissen/mensch/philosophie/vom-neger-zum-afroamerikaner-wer-braucht-eine-politisch-korrekte-sprache_id_3696453.html

    @ Sascha Lobo:

    „Diese Form von Aktivismus tänzelt aus meiner persönlichen Sicht schillernd an der Grenze von ‚okay, vielleicht richtig‘ und ‚katastrophal falsch‘, ich sehe also sowohl gute Gründe für wie auch gegen dieses Vorgehen.“

    Für Rechtsextremisten habe ich wenig Sympathien. Aber es gibt da diesen alten und treffenden Spruch: „Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant.“

    Wohlgemerkt wird hier gar nicht darauf angestellt, wer der Denunziant und der Denunzierte jeweils sind. Es existiert wohl so etwas wie ein allgemeines menschliches Gefühl dafür, dass die Denunziation selbst dann etwas Widerwärtiges an sich hat, wenn sie Menschen trifft, die man samt ihren Ansichten eigentlich strikt ablehnt.

    Natürlich: Wenn jemand beispielsweise vorhat, einen Brandanschlag auf ein Asylbewerberheim zu verüben, dann darf man ihn nicht nur anzeigen (bei der Polizei wohlgemerkt), sondern soll dies sogar tun. Aber „hässliche Meinungsäußerungen“ sind etwas anderes. Auf sie dadurch zu reagieren, dass man versucht, die persönliche oder berufliche Existenz ihrer Urheber zu zerstören, ist eine Methode, die eigentlich weit eher zu einer totalitären als einer liberalen demokratischen Gesinnung passt. Es ist eine Vorgehensweise, für die mir fast schon Worte wie „faschistoid“ und „Gesinnungspolizei“ einfallen. Nehmen wir einmal an, es käme in einigen Jahren zu einer deutlichen Rechtsverschiebung hierzulande, und politisch stark linkslastige Ansichten würden als inakzeptabel gelten. Und dann würden Rechtsgerichtete eine Jagd auf Linke veranstalten und anrüchige Zitate an die Arbeitnehmer melden, um das Privat-Leben der missliebigen Leute zu ruinieren…
    Sollte die Kritik dann lauten, dass es in diesem Fall zwar die Falschen trifft, dass die Methode selbst aber durchaus gut und richtig ist?

  10. Andrew Vachss hat in der Kinderpornographie-Diskussion einen wichtigen Aspekt genannt der Aufmerksamkeit verlangt aber selten wahrgenommen wird..(z.B Gesetzgebung in Schweden-Definition der K.P in Bezug auf Mangas keine Abb. von realen Personen,also nicht strafbewehrt)
    Die Grenzen für Verletzungen sollen aufgeweicht werden.
    Steter Tropfen höhlt den Stein.
    Das „wir“ sagen „och das ist nicht schlimm“ und solange bis wir garnicht mehr den Mist der vorgeht wahrnehmen!
    In wie weit das steuerbar ist…weiss ich nicht.
    Versucht wird es bestimmt!

  11. @LLL

    Um mal ein paar Zitate von ihnen aufzulisten: „Es ist wohl davon auszugehen…“, „In manchen Fällen zumindest scheinen die meisten Betroffenen die Sache lockerer sehen…“, „Es wird anscheinend einfach fraglos akzeptiert..:“, „Es existieren m.E. schon Formen der politischen Korrektheit …“. Fällt ihnen etwas auf? Sie vermuten und „meinen“ ziemlich viel. Das ist ja meistens ein Zeichen dafür, dass man sich mit einer Sache nur oberflächlich beschäftigt hat. Tatsächlich brauche sie vermutlich (hihi) nicht viel Zeit, um Antworten auf ihr Vermutungen zu finden. Aber den Focus als „Argument“ heranzuziehen zeigt, dass sie sich anscheinend lieber mit Informationen versorgen, die ihre Meinungen bestätigen.

  12. @ MIKEFROMMFFM:

    Na, da haben Sie mich aber mal erwischt; in der Tat habe ich vorsichtig formuliert und kaum definitive Behauptungen aufgestellt. Eine sehr unwissenschaftliche Vorgehensweise. Wer ein wenig wissenschaftliche Literatur kennt, der weiß ja, dass Einschränkungen, Abwägungen und der Konjunktiv gerade bei der Beschreibung komplexer sozialer Phänomene kaum je zu finden sind. Ich Böser. Entweder hätte ich alles genau und sicher wissen und dann in apodiktischem Tonfall schreiben müssen – oder alternativ hätte ich besser ganz schweigen sollen.

    Immerhin habe ich direkt nach dem Satz „In manchen Fällen zumindest scheinen die meisten Betroffenen die Sache lockerer sehen…“ eine Quelle angegeben, auf die man sich selbst in der sozial-wissenschaftlichen Literatur beziehen dürfte, nämlich systematische Untersuchungen des Gallup-Instituts. Dessen Ergebnisse können als valides Belegbeispiel für meine direkt vorhergehende Aussage gelten. Insofern hätte man ja fast schon meinen können, dass meine Formulierung an dieser Stelle eher einen vorsichtigen Stil als blanke Unwissenheit widergespiegelt haben könnte.

    Aber in der Tat: Ich stütze mich auf einiges, was ich da oder dort gelesen habe, oder auf das, was sehr naheliegend ist. Profund oder gar wissenschaftlich habe ich mich mit dem Thema „Political Correctness“ bisher nicht beschäftigt. Da bin ich hier sicher die große Ausnahme; die anderen, die hier kommentieren, haben sich gewiss viel gründlicher und professioneller mit dieser Thematik befasst; und deren Aussagen sind ohne Zweifel auch weit fundierter als die meinen (auch wenn ich bisher wohl der einzige war, der hier eine wissenschaftliche Quelle mit einbringt). Deshalb ist es auch absolut gerechtfertigt, dass Sie mir – und mir allein – fehlende Professionalität vorwerfen.

    Und Sie haben mich gleich nochmals erwischt: Ja, ich habe auf den Focus hingewiesen – weil mir der Artikel jedenfalls für eine Presse-Erzeugnis und im Vergleich als relativ gut erschien. Dass der Focus im Allgemeinen nicht für seine überragende Qualität bekannt ist, weiß ich auch und hatte ich ja indirekt angemerkt. Ich hatte den Artikel aber als solchen bewertet, weil ich genetische Fehlschlüsse irgendwie nicht so richtig mag. Aber das ist wohl auch kritikwürdig.

    Dafür haben Sie dann immerhin einen schönen Text verfasst: Nicht zur Sache selbst, sondern dazu, dass ich mich vorsichtig ausdrücke und einen Focus-Artikel brauchbar fand.

    Offen gesagt verstehe ich nicht, wieso Sie diesen Kommentar geschrieben haben. Und ich verstehe mich selbst nicht, dass ich auf ihn auch noch geantwortet habe… Aber ich schlage vor, dass wir keine Meta-Diskussion über Indikativ und Konjunktiv führen, sondern lieber bei Wunsch eine Diskussion zum Thema selbst.

  13. Ich übersetze mal ein Teil des beinahe 1000 Wörter fassenden Geschwafels LLLs ins verständliche und lesbare Deutsch:

    Ich erkenne das Selbstbenennungsrecht von Bevölkerungsgruppen nicht an, weshalb ich mir abstruse Forderungen überlege, damit ich nur nicht beim Ausleben meiner Privilegien behelligt werde. Selbstverständlich habe ich absolut keine Ahnung von der Materie, weshalb ich davon ausgehe, dass es für Schwarze Menschen ausschließlich eine akzeptierte Bezeichnung gibt, die die fiesen PC-Wächter nach Lust und Laune austauschen, um uns fertig zu machen.

    (61 Wörter)

  14. @ Ali Schwarzer:

    Wie wäre es eigentlich, wenn Sie sachlich blieben? Ich greife Sie schließlich auch nicht persönlich an. Bereits in einer anderen Diskussion (der zu ihrem Text „Warum ich über den Schwarzen Mann als böse Überraschung nicht lachen kann“) ist mir jedoch aufgefallen, dass Sie offenbar leicht mit Unterstellungen und stereotypen Klischees („white privilege“) zur Hand sind, wenn Leute irgendwo eine andere Auffassung haben als Sie selbst.

    In diesem Zusammenhang eine Frage: Freuen Sie sich denn, wenn Sie auch klaren Widerspruch und deutliche Kritik bekommen? Oder ist jeder Dissens für Sie ein Zeichen von Rassismus oder wenigstens Ignoranz? Falls die erste Antwort zutrifft und Sie Kritik wertschätzen, dann lassen Sie uns doch wissen, in welchen zentralen Punkten man Ihnen gerne widersprechen und eine andere Meinung vertreten darf, ohne sich dadurch ihren Unmut zuzuziehen.

    Zudem haben Sie meinen Beitrag offenbar entweder nicht sorgfältig gelesen – dass Sie in diesem Fall seine Essenz zusammenfassen wollen, ist seltsam. Oder Sie haben ihn nicht wirklich verstanden. Ich wiederhole eine zentrale Passage, die deutlich genug sein sollte:

    „Wie wäre es, wenn man – von besonderen Fällen abgesehen – nur dann normative Sprachvorschriften, die eine bestimmte Gruppe betreffen, akzeptieren würde, wenn in dieser Gruppe selbst ein einigermaßen breiter sprachlicher Konsens besteht, der zudem auch noch eine gewisse Beständigkeit aufweist? Damit würde man einerseits die Wünsche der Betroffenen respektieren, andererseits aber vermeiden, sich zum Spielball kurzfristig wechselnder Moden zu machen, die womöglich nur die unbeständigen Forderungen von einigen wenigen Aktivisten repräsentieren.“

    Wem es zentral um die Befindlichkeiten der „normalen Betroffenen“ selbst geht, nicht aber um die Bestrebungen gewisser selbsternannter Wächter der Political Correctness: Was sollte so jemand gegen meine Position einzuwenden haben?

  15. @ Ali Schwarzer, #3:

    „Menschen mit Migrationshintergrund: Die wahrgenommene Verselbstständigung des Begriffs kommt ja eigentlich nur davon, dass der ‚Migrationshintergrund‘ weißer Menschen in unserer Gesellschaft nicht gesehen wird. Wer weiß ist bzw. so gelesen wird, gilt automatisch als deutsche Person und damit Standard. Nur nichtweiße Menschen werden gefragt, wo sie wirklich™ herkommen bzw. was ihr ‚Hintergrund‘ ist.“

    In dieser Pauschalität stimmt das so kaum. Wenn jemand beispielsweise einen deutlichen Akzent hat, werden sich viele Leute vermutlich dennoch für seinen Hintergrund interessieren. Ebenso wenn jemand einen sehr exotischen Vor- UND Nachnamen hat. Damit sei wohlgemerkt NICHT infrage gestellt, dass Menschen mit dunkler Hautfarbe * oftmals auf mehr Vorbehalte und weniger Akzeptanz stoßen mögen als die anderen genannten Gruppen.

    * Das Sie in einer anderen Diskussion den Ausdruck „Menschen mit dunkler Hautfarbe“ ja für rassistisch erklärt haben, sei so viel gesagt: Ich benutze ihn hier nicht als Ausdruck für „Schwarze“ allein, sondern beispielsweise auch für Menschen mit „arabischem“ Aussehen, die üblicherweise nicht als „Schwarze“ bezeichnet werden und sich selbst wohl auch kaum selbst so definieren würden. „Dunkle Hautfarbe“ ist hier also ein Oberbegriff. Falls Sie mir einen stichhaltigen Beweis dafür liefern, dass die meisten schwarzen Menschen diese Bezeichnung selbst im Sinne eine Oberbegriffs als „rassistisch“ empfinden, kann ich auf ihn verzichten; man möge mir dann aber bitte mitteilen, welcher Oberbegriff denn dann der politisch korrekte ist. Bis zur Präsentation des besagten Beweises behalte ich mir allerdings das Recht vor, diesen sprachlich völlig neutralen Ausdruck weiterhin zu gebrauchen.

  16. Sehr geehrter Herr Schwarzer,

    bitte haben Sie Verständnis für Herr oder Frau LLL:
    sofern LLL sich zu Gruppe der „Deutschen“ zählt, ist festzustellen, dass die meisten Menschen (wenig überraschend – die Weißen besonders) sich wenig bis gar nicht darum kümmern, wie Deutsche sich selber nennen.
    Die meisten Weißen bezeichnen uns (hier ist das Wort mal angemessen) nach einem antiken Wort, das schon in der Antike keine Eigenbezeichnung war, nach Teilstämmen, mit denen sich die meisten von uns nicht identifizieren, oder mit einer Ableitung von „stumm“, was natürlich behindertenfeindlich ist, da stumme Menschen sich eigentlich nicht gefallen lassen müssen, dass man Deutsche „stummisch“ nennt.

    Also sehen Sie es LLL bitte nach, wenn ihr oder ihm das Selbstbenennungsrecht völlig unbekannt ist.

  17. Sehr geehrter Herr Schwarzer,

    bitte haben Sie Verständnis für Herr oder Frau LLL:
    sofern LLL sich zu Gruppe der „Deutschen“ zählt, ist festzustellen, dass die meisten Menschen (wenig überraschend – die Weißen besonders) sich wenig bis gar nicht darum kümmern, wie Deutsche sich selber nennen.
    Die meisten Weißen bezeichnen uns (hier ist das Wort mal angemessen) nach einem antiken Wort, das schon in der Antike keine Eigenbezeichnung war, nach Teilstämmen, mit denen sich die meisten von uns nicht identifizieren, oder mit einer Ableitung von „stumm“, was natürlich behindertenfeindlich ist, da stumme Menschen sich eigentlich nicht gefallen lassen müssen, dass man Deutsche „stummisch“ nennt.

    Also sehen Sie es LLL bitte nach, wenn ihr oder ihm das Selbstbenennungsrecht völlig unbekannt ist.

  18. Nur eine Frage: Werden die beiden Kommentare von mir (einer zu diesem und einer zu einem anderen Artikel) noch freigeschaltet? (Besonders unfreundlich sind sie – im Vergleich zu vielen anderen Kommentaren – m.E. kaum.)

  19. Leider ist die Seite kaputt – der einfache Download-Link fehlt. Wäre schön, wenn ihr den nachreichen könntet. Danke!

  20. Eine rein technische Anmerkung: Der Podcast ist, wenn ich ihn herunterlade, im WAV-Format. Das ist ein unkomprimiertes Format und dürfte manchen mobilen Nutzer einen Großteil des monatlichen Inklusivvolumens kosten. Funktioniert der Podcast nicht auch im wesentlich platzsparenderen MP3-Format?

  21. Nur falls das wg. des Hängens in der Warteschleife untergegangen sein sollte: Ich hatte zwei Kommentare (16 und 17) verfasst, und im ersten weise ich Herrn Schwarzers Kritik zurück und stelle ihm die (bis dato unbeantwortete) Frage, welche Kritik an seiner Auffassung er denn grundsätzlich als legitim erachte würde.

  22. Die größte Überraschung des Gespräches war für mich eine unerfüllte Erwartung, die ich aber menschlich angenehm fand. Ich hatte mit einem reellen theoretischen Unterbau für „Political Correctness“ gerechnet, da kam erstaunlich wenig. Bei Stefan Niggemeier schien er gar nicht so ausgeprägt sein zu sollen, er sagte nach meiner Erinnerung ja auch, dass es um Höflichkeit und Emphatie ginge, die man als Theorie gar nicht so hoch hängen müsste. Angenehm und völlig d’accord. Bei Sascha Lobo blieb es im Wesentlichen auch bei einem Wittgenstein-Drop, er stellte das individuelle und gesellschaftlich bewusstseinsleitende Potential der Sprache nur ein klein bisschen mehr in den Vordergrund, auch völlig d’accord, in dieser Intensität sicher korrekt. Ich maße der Sprache glaube ich sogar mehr bewusstseinsbildende und gesellschaftsleitende Kraft als die beiden zu.

    Auch in diesem Gespräch ließ sich aber wieder erkennen, was die „Correctness“ bei vielen zu einem unbeliebten Phänomen macht. Dass sie mit unterschiedlichen Maß und unterschiedlicher Empathie angewandt wird. Für sich selbst erklärt Lobo, warum er den Begriff „dumm“ kontextgerecht je nachdem doch weiter gern verwendet (ich hätte weniger Hemmungen), bei der Verwendung des Begriffes Rassist, der eigentlich ein gesellschaftliches Todesurteil sein sollte, ist ihm der Kontext fern und kennt er keine Hemmungen. Er bezeichnet die Langnase Oettinger wegen (s)einer Schlitzaugen-Äußerung als Rassist, den CSU-Scheuer hat er irgendwo anders mal als Rassist bezeichnet wegen dessen ministrierenden und fussballspielenden Senegalsen und hier erfreut er sich ganz am Ende auch nochmal daran, dass er den Rassismus des Herrmann offen gelegt habe (ich hab mir das tatsächlich mal auf Youtube angeschaut, in der Sequenz äußern sich einfach beide nur ziemlich dumm, öffentlich-rechtliches RTL2). Bei nicht so grün/links/liberal/rot/progressiv denkenden Menschen wie uns fehlt es Lobo an jeder Empathie, da entwickelt er ein Rassismus-Tourette. Ohne jede feinsinnige Empathie, die Stefan Niggemeier schön am Beispiel des Wortes „Behinderter“ illustrierte.

    Es geht mir hier nicht um die genannten Politiker, die müssen das abkönnen und wer weiß, vielleicht sind wirklich Rassisten darunter. Eine liberale, empathische Höflichkeit muss aber in alle Richtungen gelten, auch in Richtung der Andersdenkenden und -sprechenden, gerade auch, damit ihr wünschenswerte bewusstseinsprägende Wirkung zukommen kann. Sonst verkommt sie zum reinen Ausgrenzungsinstrument. Mit der Folge, dass uns für die Worte ausgehen für die wahren Schweine, mit der Folge, dass diese Schweine sich reinwaschen in den leichtfertigen Beschimpfungen der anderen und mit der Folge, dass wir die Menschen verlieren, die sich noch an ihren letzten „Schlitzauge“-Satz erinnern und sich allein dafür ebenfalls als Rassist beschimpft sehen. Auch hier ist aber der Kontext wichtig. Man wird den Begriff immer rügen dürfen und müssen, sicher aber nicht immer mit der größten Keule, die zur Verfügung steht. Mit solcher Ausgrenzung dieser Leute machen wir die wahren Rassisten und Faschisten stark, zumal die – worauf Lobo zu Recht hingewiesen hat – längst eine Sprache gefunden haben, die sich unseren Correctness-Erregungen entzieht bzw. diese nur noch kalkuliert nutzt.

    Meine Bitte vor allem an Sascha Lobo, der es ohne Zweifel gut meint: Spiel denen nicht in die Karten.

  23. Sascha Lobo: „Huch, ich hab´ja Migrationshintergrund.“

    Vielen Dank für die Erkenntnisreisen.
    Im Prinzip ist ja jeder Migrant. Man kan ja sofern man Migration auf Landesgrenzen definiert z.B. nur mal die Willkürlichkeit der Grenzziehungen hinterfragen. Und ein Neugeborenes ist ja auch ein Migrant, ins Leben..

Einen Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.