Wie wir mit der Hetze fertig geworden sind

Die Schließung einer beliebten Kneipe, die Renovierung einer Kirche, das Urteil gegen einen Brandstifter, der in der Region sein Unwesen getrieben hatte: Es wäre eine ziemlich gewöhnliche Samstagsausgabe gewesen, die wir beim „Zollern-Alb-Kurier“ am 15. August 2014 produziert hatten. Die Nachricht, die uns zwei Jahre lang jeden Tag und manche Nacht beschäftigen sollte, landete erst am späten Freitagnachmittag im E-Mail-Eingang: Die damalige baden-württembergische Integrationsministerin Bilkay Öney kündigte an, in einer seit Kurzem leerstehenden Kaserne in Meßstetten – einer Kleinstadt auf der Schwäbischen Alb – bis zu tausend Flüchtlinge unterbringen zu wollen.

Wie werden die Bürger auf diese Nachricht reagieren? Geht das überhaupt gut, sind das nicht zu viele für Meßstetten? Wird es zu Zwischenfällen kommen? Es waren kritische Fragen, die sich die Kollegen stellten, während wir hektisch unsere Samstagsausgabe umbauten.

Auf seine Art kritisch äußerte sich dann auch der Mann, der am Samstagmorgen seiner Wut am Telefon freien Lauf ließ: Wir würden schon sehen, was wir von denen haben. Die sollen gefälligst fortbleiben, und vor allem solle ich aufhören, Kommentare bei Facebook zu löschen. Andernfalls käme er vorbei und regle das auf seine Art. Eine unverhohlene Drohung, wie die meisten in den folgenden zwei Jahren freilich an die falsche Adresse, aber: eine Drohung.

Das kannte ich nicht. Ein Jahr zuvor hatte mir der Verlag den Aufbau der Onlineredaktion anvertraut. Die Zukunft meiner Heimatzeitung mitgestalten zu dürfen, in die ich einst als 17-Jähriger meine ersten Artikel geschrieben hatte, empfand ich als Ehre. Vor allem unsere Arbeit bei Facebook war eine kleine Erfolgsgeschichte: Unsere Seite wurde schnell zum lieb gewonnenen und viel beachteten Kommunikationskanal – nach innen wie nach außen. Leser lobten unsere Arbeit – das fühlt sich zugegebenermaßen gut an in einer Zeit, in der wir wie alle Zeitungshäuser um die richtigen Wege ringen.

Die Kontrolle verloren

Natürlich, im Netz weht ein rauer Wind. Nachdem ein Jäger einen Hund an sein Auto gekettet und durch den Ort geschleift hatte, traf uns ein ausgewachsener Shitstorm, weil ich nicht so gut fand, dass sich Leute auf unserer Facebookseite verabreden wollten, um den Mann zu lynchen. Und es gab einfachere Tage als die, an denen wir Lesern erklären mussten, warum wir eine Bezahlschranke einführen. Doch was ab dem 16. August 2014 – jenem Tag, als wir darüber berichtet hatten, dass in Meßstetten Flüchtlinge untergebracht werden sollen – passierte, war neu.

Wohlwollend ausgedrückt könnte man sagen: Selten hatten wir so viel Reichweite wie an diesen Tagen. Kritischer ausgedrückt könnte man sagen: Wir hatten die Kontrolle verloren. Manchmal gingen auf unserer Facebookseite im Minutentakt Kommentare ein, in denen sich Menschen ausmalten, wie sie Flüchtlinge an die Wand stellen und erschießen. Wie sie Gas in unsere Redaktion lassen. Oder ihr Haus abfackeln, wenn sie Flüchtlinge aufnehmen müssten. Menschen schrieben solche Dinge unter Klarnamen. Feuerwehrleute, Ortsvorsteher, Akademiker.

Mehr noch als Behörden und Politiker, mehr auch als andere Medien in der Region, standen wir online plötzlich im Fokus jener, die anscheinend nur noch hassten. Dass wir bei Facebook in den Monaten zuvor ganz erfolgreich gearbeitet hatten, war auf einmal Fluch und Segen zugleich. Bei uns spielte die Musik – unglücklicherweise nicht nur die schöne. Flapsig formuliert: Wir standen an der Front. All das, was in jenen Tagen auf uns einprasselte, fühlte sich an wie ein Kampf. Ein Kampf, bei dem wir auf vermeintlich verlorenem Posten standen: auf der einen Seite viele böse Hetzer, auf der anderen wir, seinerzeit zwei einigermaßen übernächtigte Onlineredakteure, die versuchten, ihre Zeitung im Netz zu retten, Kommentare moderierten und viele davon löschten.

Wir kennen die Leute mit dem Hass

Viele Medien haben sich seither auf die Suche nach den Leuten gemacht, die blanken Hass in ihre Kommentarspalten kippen. Die FAZ fand im September 2014 ein besonderes Exemplar. Unter der Überschrift „Ich bin der Troll“ erzählt sie die Geschichte des Frührentners Uwe Ostertag, der seinen Alltag damit verbringt, systematisch Stimmung in Kommentarspalten der Medien zu machen.

In der Lokalredaktion müssen wir da gar nicht so lange suchen; oftmals wissen wir, mit wem wir es zu tun haben. Unser Feuerwehrmann, der bei Facebook ein brennendes Flüchtlingsheim in Sachsen feiert? Ein paar Nächte zuvor hatte er sich beim Großbrand vor unserer Haustür noch rührend um eine ausländische Familie gekümmert.

Ich weiß ohnehin nicht, was bei Menschen falsch läuft, die brennende Flüchtlingsheime feiern. Dazu kam nun noch eine berufliche Dimension: Wie sollte ich Kollegen in der Redaktion, die langsam, aber sicher ihre Freude am Netz entdeckt hatten, fortan ermuntern, mit unseren Lesern zu diskutieren, wenn sie dort bestenfalls bepöbelt und schlimmstenfalls mit dem Tode bedroht werden? „Geht ins Netz, redet mit den Leuten, die beißen nicht“, hatte ich den Kollegen bis zu diesem Tag immer gesagt.

Doch Leute bissen plötzlich, und es schien, als wären sie viele. Auch weil diejenigen Leser, die üblicherweise durch kluge oder humorvolle Kommentare aufgefallen waren, unseren Kommentarspalten von heute auf morgen fernblieben. Die Klügeren hatten nachgegeben.

Kein Platz für Erschießungsfantasien aller Art

Ich tat daraufhin, was ich dachte, tun zu müssen: Ich schrieb auf, warum wir all die bösen Kommentare löschen, was man bei uns sagen darf und was nicht und dass das alles nichts mit Zensur zu tun hat. Und dass auf den Kanälen unserer Zeitung kein Platz ist für Hetze, Rassismus und Erschießungsfantasien aller Art. Solche Dinge.

Dafür bekommt man Applaus von zurechnungsfähigen Menschen, der das Stimmungsbild im Netz ein bisschen gerade rückt. Die Sache hat allerdings einen Haken: Während sich die Lügenpresse-Schreier permanent von der „Lügenpresse“ in die rechte Ecke gestellt sehen, werfen einen ebendiese Leute selbst ruckzuck in die linke. Ich versuche bis heute zu verstehen, wieso es Ausdruck (m)einer politischen Haltung oder eine besonders abgefahrene Erwartung sein soll, wenn ich Menschen darum bitte, Redakteure unseres Hauses doch bitte inhaltlich zu kritisieren anstatt sie in Kommentaren bei Facebook hemmungslos zu beschimpfen. Doch für die, die glauben, dass wir ihnen den Mund verbieten wollen, ist der Fall in aller Regel klar: linksgrünversiffter Mainstreamjournalist eben.

Das ist, vorsichtig ausgedrückt, ein bisschen anstrengend. Zumal ich nie auch nur eine Zeile über den politischen Kurs der Kanzlerin in der Flüchtlingsfrage geschrieben habe, zum Beispiel. Eigentlich wollte ich nur unsere kleine Facebookseite retten, auf der wir so viel Freude mit unseren Lesern hatten – und auf der wir uns üblicherweise mit anderen Fragen beschäftigen: Soll der Landkreis eine Zentralklink bekommen? Wer wird neuer Trainer unseres Handballbundesligisten? Solche Sachen.

Ich habe auch noch nie eine Zeile über Christian Wulff geschrieben oder über Jörg Kachelmann. Das hält Menschen, die hinter allem eine Verschwörung wittern, aber noch lange nicht davon ab, mir das Versagen „der“ Medien in diesen Fällen um die Ohren zu werfen – häufiger noch als beispielsweise die Berichterstattung zur Ukraine-Krise. Mich ärgert das. Ich gebe Menschen, die hinter allem eine Verschwörung wittern, nämlich nicht so gerne Recht.

Das sieht, nachts um zwei im Facebookchat, dann ungefähr so aus:

Leser: Ihr seid doch eh alle von oben gesteuert und müsst alle das Gleiche schreiben!!!

Ich: Aber nein. Sehen Sie, wir kommen morgens zur Redaktionskonferenz zusammen. Da sitzen eine Menge Redakteure am Tisch, jüngere, ältere, mit einer Menge Meinungen und diskutieren, wie wir die Themen des Tages aufbereiten. Und es wäre falsch zu sagen, dass es da besonders kuschelig zugeht. Es wäre auch falsch zu sagen, dass wir von irgendjemandem Anweisungen bekommen.

Leser: Ach kommen Sie, mir können Sie nichts erzählen. Haben Sie Udo Ulfkotte gelesen?

Ich: Den würde ich eher mit Vorsicht genießen. Schauen Sie mal: https://krautreporter.de/46–die-wahrheit-uber-die-lugen-der-journalisten

Leser: Und was sagen Sie dazu? Man weiß doch, wie Medien arbeiten, denen geht’s doch nur um die Kohle: http://www.bildblog.de/41854/bettina-wulffs-fruehstueck-mit-kai-diekmann/

Ich: Die Kritik an der Berichterstattung über Wulff teile ich.

Leser: Echt?

Ich: Absolut. Aber darf ich darauf hinweisen, dass der, der völlig zu Recht die Wulff-Berichterstattung kritisiert, der ist, der auch ganz gut erklärt, wieso Ulfkotte mit Vorsicht zu genießen ist? Ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass Stefan Niggemeier sagen will, dass Medien systematisch von oben gesteuert sind. Das Bildblog ist aber eine gute Idee, wenn wir über Flüchtlingsberichterstattung reden: http://www.bildblog.de/60433/schutzwesten-gegen-asylbewerber (Das ist auch der Grund, wieso Sie im Zollern-Alb-Kurier nicht lesen, dass der Lidl in Meßstetten von Flüchtlingen ausgeplündert und geschlossen worden ist. Sie können aber auch einfach dort vorbeifahren und mit eigenen Augen sehen, dass Leute dort einkaufen …)

Leser: Na ja, ich finde gut, dass Sie mit mir diskutieren, aber der Niggemeier weiß auch nicht alles. Aber mir ist klar, dass Sie das sagen müssen. Sie müssen das tun, um Ihren Arbeitsplatz nicht zu verlieren.

Ich: Kommen Sie doch mal auf einen Kaffee vorbei; ich zeige Ihnen gern, wie wir arbeiten.

Leser: Ich überleg’s mir. (Anmerkung: Bis heute ist keiner vorbei gekommen.) Aber Sie sagen ja selbst: Der Niggemeier kritisiert die Medien zu Recht. Und mein Bauchgefühl sagt mir, dass an dem, was Ulfkotte sagt, auch was dran ist.

Man sitzt dann da und verzweifelt an seinem Leser, der ohne mit der Wimper zu zucken Udo Ulfkotte und Stefan Niggemeier in einen Topf wirft, um zu belegen, dass man Medien nicht über den Weg trauen kann. (Und wenn man die Arbeit von Stefan Niggemeier schätzt, ist das der Moment, in dem man immer leise weinen möchte.)

Erklären, wie wir arbeiten

Dennoch lohnt es sich, immer und immer wieder zu erklären, wie wir arbeiten – auch wenn unsere „Kritiker“ nicht so gerne zu uns Kaffee trinken kommen. Also, ein Beispiel:

Die Landeserstaufnahmestelle (LEA) Meßstetten ist im vergangenen Jahr – wie die meisten in Deutschland – mit mehreren Tausenden Flüchtlingen hoffnungslos überbelegt, die Stimmung angespannt. An einem Abend im November kommt es an der Essensausgabe zu einer heftigen Massenschlägerei. Die Lage ist völlig unklar; aus allen Richtungen rasen Polizeifahrzeuge mit Blaulicht in Richtung der Erstaufnahmestelle. (Man muss wissen: Ernstzunehmende Straftaten seitens der Flüchtlinge hatte es in der Stadt entgegen aller Gerüchte nie gegeben; in der Aufnahmestelle selbst kam es hingegen zu Auseinandersetzungen.) Ich erfahre aus Polizeikreisen schnell, dass es sich diesmal um eine große Sache handeln muss; es sollen Eisenstangen im Spiel sein und Steine fliegen.

Entsprechend groß fällt das Polizeiaufgebot aus, die Beamten wissen nicht, was sie erwartet. Ich versuche, jemandem im Führungs- und Lagezentrum der Polizei ans Telefon zu bekommen, klappere Kontakte des Roten Kreuzes ab, in der Hoffnung, mir ein Bild machen zu können. Nach nicht allzu langer Zeit veröffentliche ich online eine knappe erste Meldung mit wenigen, aber gesicherten Informationen.

Für viele zu spät. Per Facebook hatten uns bereits zu dem Zeitpunkt, als die Polizei noch auf dem Weg (!) zum Einsatzort war, zahlreiche wütende Nachrichten erreicht, in denen Leser vermuteten, dass wir wohl wieder alles verschweigen wollen, da sie weder auf zak.de noch auf unserer Facebookseite etwas gefunden hatten. In E-Mails wurden wir aufgefordert, endlich (!) zu berichten. Offenbar waren eine Menge Leute zutiefst davon überzeugt, dass wir den Vorfall verschweigen würden. In den Monaten zuvor hatten teils absurde Gerüchte zeitweise die ganze Region verunsichert.

Nachdem wir tags darauf umfangreicher über die Schlägerei berichtet hatten, rief mich eine ältere Leserin aus einer Nachbargemeinde Meßstettens an. Sie war sicher, dass es entgegen unserer Berichterstattung in der Zeitung Tote gegeben haben muss. „Sonst wären da nicht so viele Polizeiautos hochgefahren, das kann gar nicht anders sein.“ Nun war die Schlussfolgerung, dass es Tote gegeben hatte, Unsinn. Zweifelsfrei hatte die Frau aber große Angst.

Kein Kampf gegen Windmühlen

Ich habe mir daraufhin die Mühe gemacht und auf alle Nachrichten und E-Mails sehr ausführlich geantwortet, erklärt, wann ich von der Auseinandersetzung erfahren habe, was ich dann getan habe, mit wem ich telefoniert habe. Warum es nicht sinnvoll ist, ungeprüfte Informationen zu verbreiten. Und dass eine halbe Stunde eine lange Zeit für jemanden ist, der auf eine Nachricht wartet, aber eine kurze für jemanden, der versucht, die Polizei ans Telefon zu kriegen, die gerade ihren größten Einsatz des Jahres zu koordinieren hat. Mit einigen der Leser hatte ich daraufhin längere Zeit Kontakt; sie zeigten ernsthaftes Interesse an der Arbeit unserer Redaktion, von der sie – teils jahrzehntelange treue Abonnenten – keine große Vorstellung hatten.

Das ist nicht vergnügungssteuerpflichtig, aber auch nicht – wie wir lange Zeit dachten – ein Kampf gegen Windmühlen. Im Gegenteil. Einige der Leser, die uns damals unterstellt hatten, ungefähr alles vertuschen zu wollen, melden sich heute regelmäßig auf der Facebookseite unserer Zeitung zu Wort und machen, wie wir scherzhaft sagen, einen guten Job. Wir beobachten mit Freude, wie sie nunmehr ihrerseits – nicht nur beim Flüchtlingsthema – anderen Lesern erklären, wie wir arbeiten, uns in Schutz nehmen und neuerdings sogar unsere Paywall verteidigen.

Das könnte ein Zeichen dafür sein, dass wir nicht nur eine vernünftige Fehlerkultur brauchen, sondern vor allem eine ernstzunehmende Erklärkultur.

Wir erreichen zwar Menschen mit abgeschlossenen Weltbildern nicht (und jene die wahlweise Flüchtlinge oder uns erschießen wollen auch nicht so gut). Aber beim „Zollern-Alb-Kurier“ haben wir in den vergangenen zwei Jahren eines gelernt: Es lohnt sich, jenen, die an uns zweifeln, unsere Arbeit haarklein zu erklären. Wer mit den Menschen redet, stellt fest: Ziemlich oft mangelt es schlicht an Medienkompetenz. Wir müssen uns vielleicht, während wir über dem nächsten großen Storytellingsnapchatding brüten, klarmachen: Ein nicht zu unterschätzender Anteil unserer Leser weiß überhaupt nicht, wie wir arbeiten, kennt nicht den Unterschied zwischen einem Bericht und einem Kommentar und bedauerlicherweise auch nicht den Unterschied zwischen Medienkritik und wilder Pöbelei.

Man kann das belächeln. Oder die Leute ernst nehmen – und bestenfalls zu Verbündeten machen. Und man kann sich, natürlich, die Frage stellen, ob das überhaupt die Aufgabe von uns Journalisten ist, noch dazu in kleinen Redaktionen. Mir ist schon klar, und das ist bei uns nicht anders: Das Personal in so einer Lokalredaktion ist überschaubar. Aber unsere Leser sind es auch. In diesen Tagen kann man das gerade im Lokalen als echte Chance begreifen.

 

Linktipp: Sandra Müller und Katharina Thoms aus dem SWR-Studio Tübingen begleiten die LEA Meßstetten und das Drumherum in einer sehenswerten (und für den „Grimme Online Award“ nominierten) Langzeitreportage.

Mehr zum Thema beim „Zollern-Alb-Kurier“:

 
Medien besser kritisieren.

23 Kommentare

  1. Schön, dass es noch (weitere) Helden in der Medienwelt gibt und schön, dass ihr Tun offenbar auch etwas bewirkt hat. Das ist wahrlich verdienter Lohn für die Mühe.

    Aber man muss schon eine robuste Psyche und gesunden Optimismus haben, um diese Haltung dauerhaft einzunehmen, Respekt! Ich könnte das nicht, ich hab mich vor Jahren schon mehr und mehr aus etwaiigen Kommentar-Bereichen zurückgezogen; Dass ich es hier wieder zaghaft mache, ist eine Ausnahme die unmittelbar damit zusammenhängt, dass mir Übermedien mit jedem Tag besser gefällt.

    Generell glaube ich aber (noch), dass Hetzer, Trolle und „Marktschreier“ vor allem nur viel, viel Lärm machen und für niemanden anderen als sich selbst sprechen. Hinter jedem Kommentar-Schreiber gibt es 10 weitere, die schweigen, was weder Zustimmung noch Ablehnung bedeutet. Sie schütteln womöglich nur häufig den Kopf, so wie ich es tue. ;-)

  2. Herr Würz ich danke Ihnen wirklich aufrichtig für diesen wundervollen Beitrag.
    Anfangs wollte ich schon fast weinen, da ich diesen schieren Hass einfach nicht verstehen kann.
    Und dann beschreiben Sie mit einer bewundernswerten Ruhe wie Sie eben die noch bewundernswertere Geduld aufbringen und eine Sorgfalt an den Tag legen, die ich seit langer Zeit bei einigen Ihrer Kollegen vermisse (gerade seitdem diese schlimmen Lügenpresse-Vorwürfe da sind, wird das leider auch irgendwie nicht besser).
    Ich wünsche Ihnen, dass Sie weiterhin so hartnäckig ruhig und freundlich bleiben, weder Ihren Mut und die Puste verlieren!

  3. Genau, es lohnt sich nämlich voll, sich mit seinen Kommentatoren auseinanderzusetzen. Macht zwar Mühe, aber am Ende ist es das wert. Man kann und sollte es als echte Chance begreifen, sogar in kleineren Redaktionen.

  4. Es deckt sich mit meinen Erfahrungen, dass eine sachliche Diskussionskultur auch bei zunächst verbissenen und fixierten Meinungen immer noch dazu führen kann, dass Leute ihre Ansichten hinterfragen, obwohl man bei der Art ihrer Argumentation teilweise davon ausgehen musste, dass es scheinbar keinen Zeck hat, mit ihnen zu reden.
    Im Medienbereich setzt die oben beschriebene Vorgehensweise aber gleich vier Dinge voraus, die es gleichzeitig zu erfüllen gilt:
    Man muss die Zeit erstmal freimachen, um den Leuten individuell zu antworten. Dabei muss man sich, trotz abstruser Anschuldigungen, so artikulieren, dass der Adressat sich auf Augenhöhe angesprochen fühlt.
    Dennoch muss die Erklärung dem Empfängerhorizont angepasst werden. Und last but not least: Man muss erstmal tatsächlich und belegbar gute Arbeit leisten, da sich ansonsten bei aller Mühe nicht wirklich etwas erklären lässt.
    Und diese vier Voraussetzungen so zu vereinen, dass der beschriebene Effekt entsteht, ist leider schwierig zu leisten. Deswegen wird dieses gute Beispiel kaum Schule machen.

  5. Ein wirklich sehr guter Beitrag. Vielen, vielen Dank dafür! Ich hoffe, dass sich manch andere Medienhäuser/Zeitungen von dieser Umgangsweise eine dicke, dicke Portion abschauen und annehmen.

  6. @Nimmermued: Genau, find ich auch. Ist ja nicht nur sinnvoll für die Arbeit gegen Extremismus, sondern macht auch gegenüber der eigenen Zielgruppe ein irre sympathisches Bild, wenn man sich mit deren Kommentaren und fragen aufrichtig auseinandersetzt.

  7. @1 Calixtus
    A troll is not a troll. Ja, es gibt es schon auch, das Modell ‚Ostertag‘, das schrotschüssig durch die Foren marodiert. Das sind Nervtöten: manchmal nutzen sie statements, die sie rechtslastig erscheinen lassen (egtl. haben sie gar keinen Standpunkt), manchmal nutzen sie nur destruktive Rhetorikfiguren, manchmal – aber selten – sind sie sogar unterhaltsam.

    Schlimmer sind die, die sich wie Trolle gebärden, aber ganz klar eine Agenda verfolgen.

  8. „Wir beobachten mit Freude, wie sie nunmehr ihrerseits […] uns in Schutz nehmen und neuerdings sogar unsere Paywall verteidigen.

    Das könnte ein Zeichen dafür sein, dass wir nicht nur eine vernünftige Fehlerkultur brauchen, sondern vor allem eine ernstzunehmende Erklärkultur.“

    Sehr schön, daß dies so zum Erfolg geführt hat. Die Schlußfolgerung teile ich unbedingt; ich bin überzeugt, daß man sich als Außenstehender oftmals kein Bild von der nicht sichtbaren Arbeit macht, die $Beruf mit sich bringt – nicht aus Ignoranz oder bösem Willen, sondern einfach weil man es nicht besser weiß. Da kann eine ernstgemeinte Erklärung jenseits von Floskeln viel helfen.

    Daß es bei plumpen Provokationen auch sinnvoll sein kann, unernst zu reagieren, steht auf einem anderen Blatt: http://www.focus.de/digital/internet/heul-doch-du-brombeersohn-smoothie-hersteller-wehrt-sich-gegen-lookismus-vorwuerfe_id_4597380.html

    PS: Ist BB-Code in den Kommentaren eigentlich erlaubt? Damit ließen sich die Links etwas geschickter einbinden.

  9. Eine merkwuerdige Geschichte. Auf der einen Seite der erschreckend duennhaeutige Lokaljournalist Michael Wuerz, auf der anderen seine absolut plumpen User, die glauben, mit Drohungen verhindern zu koennen, daß er ihre Kommentare loescht. Geht es wirklich so steinzeitlich zu auf der Schwaebischen Alb? Zu Oeney: Die wird schon gewußt haben, warum sie ueber Meßstetten erst am spaeten Freitagnachmittag unterrichtet. Die wird gehofft haben, daß es die heikle Meldung nicht mehr in die Samstagsausgabe schafft.

  10. @Jessica:
    Welche „heikle“ Meldung?
    Wieso ist der Redakteur dünnhäutig?
    Wieso sollte Hass auf Flüchtlinge ein alleiniges Problem der schwäbischen Alb sein?

  11. Hallo Max, kommen Sie etwa von dort? Ich habe ueber die Schwaebische Alb lediglich eine Frage in den Raum gestellt, mehr nicht. Die Meldung war Meßstetten, das habe ich eindeutig geschrieben. Der Redakteur wirkt auf mich schon ziemlich duennhaeutig fuer einen Journalisten mit jahrelanger Berufserfahrung, geradezu weinerlich.

  12. @Jessica
    Warum dünnhäutig und weinerlich? Wie kann einen denn als Mensch so etwas kalt lassen, angefeindet zu werden und sich täglich mit Hasskommentaren auseinandersetzen zu müssen? Ob Journalist oder nicht spielt da doch keine Rolle.

  13. Und da war er, der Troll.

    „Ich frag ja nur.“

    Eines der beliebtesten rhetorischen Mittel bei denen, die etwas sagen wollen, ohne es zu sagen.

    Man muss nicht dünnhäutig sein, um den hass im Netz widerlich zu finden. Es genügt, im Netz genauso wie im realen leben ein zivilisierter Mensch zu sein.

  14. @9 Jessica
    „Erstaunlich dünnhäutig“? Was an diesem Bericht lässt den schreibenden Redakteur für Dich dünnhäutig aussehen?

    Für mich ein entscheidendes Kriterium bei Links, die Argumente unterstützen sollen, sind tatsächlich die Unkenntnisse über journalistische Textsorten. Oft wird einem als „Argument“ ein Meinungsartikel oder eine Kolumne um die Ohren gehauen, der Broder oder der Tichy haben es doch auch gesagt. Oder eben Ulfkotte.

  15. #15 Petra Ristow

    Danke für Ihr Interesse. Die Trolle über Ihnen sollte man nicht füttern.

    Ich finde es schon erstaunlich, wenn ein langjähriger Journalist im Jahr 2016 immer noch verwundert dreinschaut, wenn er im Internet auf Kritik, sei es unberechtigt, rhetorisch kunstvoll oder nicht, stößt. Wenn es zu häßlich wird, kann man solche Menschen auch ignorieren.

    Allzuviel Larmoyanz wirkt da immer ein wenig unprofessionell.

  16. Das ist ein schöner und sehr verdienter Erfolg!

    Was ich mich aber angesichts solcher Berichte immer frage:

    „Manchmal gingen auf unserer Facebookseite im Minutentakt Kommentare ein, in denen sich Menschen ausmalten, wie sie Flüchtlinge an die Wand stellen und erschießen. Wie sie Gas in unsere Redaktion lassen. Oder ihr Haus abfackeln, wenn sie Flüchtlinge aufnehmen müssten. Menschen schrieben solche Dinge unter Klarnamen. Feuerwehrleute, Ortsvorsteher, Akademiker.“

    ist: Warum zeigt man die nicht alle an? Morddrohungen, Gewaltfantasien, Aufrufe zu Straftaten – das ist doch alles strafrechtsrelevant.
    Wenn wirklich alle oder zumindest viele Publisher/innen regelmäßig und berechenbar sämtliche derartigen Äußerungen bzw. deren Verfasser/innen anzeigen würden, wäre das zumindest eine deutliche Demonstration dafür, dass man für das Gewaltmonopol des Staates eintritt und sich nichts gefallen lässt.
    Warum passiert das nicht bzw. nur in Einzelfällen?

  17. Ich finde den Artikel sehr gut.
    Warum ich der Presse nicht mehr glaube lag an die völlig positive darstellung von ard und zdf. Es wurden probleme absichtlich beschönigt und weggelassen. Nur Frauen und kinder kamen in den berichten vor.
    genau dieses Verhalten hat viele Bürger
    Den glauben an die Berichterstattung genommen.
    Da reicht kein guter einzelbeitrag.
    Wir schaffen das ist für mich das unwort 2015

  18. Ich möchte mich noch dem Beitrag von „JUB 68“ anschließen, der schön darlegt, warum dieses gute Beispiel nur ein Einzelfall bleiben wird: Sich so zu verhalten wie der Zollern-Alb-Kurier ist harte Arbeit, für die man die richtigen Leute mit Kompetenz (keine Praktikanten) und Durchhaltevermögen braucht.

    @RAOUL: „Daß es bei plumpen Provokationen auch sinnvoll sein kann, unernst zu reagieren, steht auf einem anderen Blatt“ und dann folgt ausgerechnet ein Link zu dem „True Fruits“-Fall, bei der Hersteller von teuren Fruchtsäften Sexismus und Lookismus als Werbestilmittel benutzt und Kritik von Kundenseite daran einfach lächerlich macht. Das ist allenfalls geschäftlich „sinnvoll“ (wenn überhaupt), ansonsten aber unter aller Kanone und erst recht kein gutes Beispiel für den Umgang miteinander.

  19. @Jörg Julifs #18
    Sehe ich das richtig: monatelang habe ich gefühlt Dutzende von Beschwerden in Kommentaren gelesen, dass die Kriegsflüchtenden ja kaum solche sein könnten, es kämen ja nur junge Männer.
    Dann versuchen die großen Medienanbieter, diesem Gerücht den Boden zu entziehen, indem sie beweisen, dass es eben nicht nur Männer (jung) sind.

    Und dann wird denselben Medien Lüge vorgeworfen, weil sie ja nicht die ganze Wahrheit zeigen?

  20. Kann man nicht einfach akzeptieren, dass manche Menschen par tout nicht miteinander leben wollen?
    Es ist doch auch nicht im Sinne derer, die dafür sind Flüchtlinge aufzunehmen, wenn eine aggressive Stimmung im Land entsteht, die zu Mord und Totschlag taugt oder ist das Kalkül?
    Die Alternative wäre militärisch einzugreifen. Sicherheitszone schaffen, notfalls ohne UN-Mandat. Warum hörte man seinerzeit da eigentlich nicht auf Erdogans Vorschlag? Die Idee war gut, die Nato hätte das geschafft. Niemand will Krieg, mit Ausnahme von ein paar Verrückten. Aber in und um Aleppo wiederholt sich in weit schlimmerer Form was Anfang und Mitte der Neunziger auf dem Balkan geschah. Wieder rächt sich die westliche Zögerlichkeit. Die Flüchtlingskrise ist ein weiterer Sargnagel Europas gewesen.

    Abgesehen davon verwechseln Journalisten heutzutage Journalismus mit Politik. Journalismus bedeutet (und ich muss das wissen, ich habe es studiert) objektiv über Relevantes zu berichten. Journalismus bedeutet nicht, für die gute Sache zu kämpfen. Insofern sind Journalisten auch keine Helden. Journalisten sind Berichterstatter. Jede Überhöhung schadet ihrer Glaubwürdigkeit.

  21. Na, wer hätte was anderes erwartet? :-)
    Unabhängig von der Presselandschaft und deren Wirkung zeigt sich einmal mehr, dass Medienkompetenz offenbar Mangelware in Deutschland ist.
    Dies völlig unabhängig davon, was man von der Regierung(sarbeit) halten will…

  22. @21. Liebherr Nicht

    „Die Flüchtlingskrise ist ein weiterer Sargnagel Europas…“

    Nein. Vielleicht der EU, aber Europa, also der Kontinent als solcher, wird es überstehen. Ist aber auch kompliziert, gell? Es gibt Europa, es gibt die EU, es gibt Euroland, und es gibt daraus resultierende Schnittmengen (Begriff aus der Mengenlehre, Emil Steinberger erklärt’s Ihnen).

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