Kiffer legt keine Rohrbombe vor Flüchtlingsheim

Das ist eine sonderbare Geschichte, und sie ist gar nicht einfach aufzudröseln, weil es Widersprüche gibt, Unklarheiten. Aber versuchen wir es kurz, weil es interessant illustriert, wie Falschmeldungen entstehen können.

Vor ein paar Tagen, es begann am Wochenende, machte eine Meldung die Runde, die von vielen empört weitergeleitet und kommentiert wurde.

"Thüringer Allgemeine" 13.3.2016

Screenshot: thueringer-allgemeine.de

Eine „Rohrbombe“ sollte also explodiert sein, und zwar vor einem Flüchtlingsheim in Eisenach, Thüringen. Menschen, hieß es, seien dabei nicht zu Schaden gekommen, dafür sei durch die Explosion eine „Außenlampe“ beschädigt worden. Es schien also, als habe es (mal wieder) einen Anschlag auf Flüchtlinge gegeben, aber dieses Mal eben nicht „nur“ einen Brandanschlag gegen ein künftiges, noch leer stehendes Heim; es sollte eine „Rohrbombe“ hochgegangen sein vor einem Haus, in dem bereits 15 syrische Flüchtlinge leben.

Nun aber stellt sich alles ganz anders dar: Bei dem Gegenstand, der vor dem Haus gefunden wurde, handelt es sich gar nicht um eine „Rohrbombe“, sondern um eine Wasserpfeife! Das gab das LKA Thüringen heute bekannt:

Die Analyse ergab zweifelsfrei, dass es sich bei dem Gegenstand nicht um eine unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtung handelt, sondern dieser ausschließlich Rückstände von Cannabis und Tabak enthielt. Der Verdacht des Vorliegens eines explosiven Gemisches konnte nicht bestätigt werden.

Tja nun. Keine Bombe. Kein Anschlag. Nur eine Wasserpfeife, die allerdings sorgfältig beklebt und mit Hakenkreuz und blöden Sprüchen dekoriert worden war, zum Beispiel stand, wie Bilder zeigen, „Verückter Mongo“ [sic!] drauf. Um ein ausländerfeindliches Statement dürfte es sich also handeln, wegen des Hakenkreuzes, nur eben nicht um eine Bombe.

Screenshot MDR: Keine Bombe
Screenshot: „Thüringen Journal“ 14.3.2016

Wie aber kam die überhaupt in die Welt? Wer hat sie erfunden? Nach allem, was wir derzeit wissen, lief es offenbar so:

4. März 2016
Am Morgen dieses Freitages findet ein syrischer Flüchtling vor dem Haus, in dem er untergebracht ist, einen Gegenstand – besagte Hakenkreuz-Pfeife. Im „Thüringen Journal“ des MDR berichtet er später davon. In dem Beitrag heißt es auch, der Syrer habe am selben Tag die Caritas, die für das Haus zuständig ist, informiert. Die Caritas bestätigt das nach unserer Anfrage. Man habe dann, so der Leiter der Einrichtung, die Polizei verständigt. Die fährt aber offenbar nicht gleich zum Tat- bzw. Fundort, sondern beraumt einen Aussage-Termin für den kommenden Montag an. Ist ja Wochenende.

7. März 2016
Der syrische Flüchtling erscheint, trotz Termin, nicht bei der Polizei, um eine Aussage zu machen. Im MDR-Beitrag scheint es, als sei er überrascht und ein wenig beleidigt gewesen, weil die Polizei nicht schneller reagierte. Er sagt: „Jedem Menschen, dem man das erzählt, der holt sofort die Polizei. Aber in diesem Fall… gut, dann ist das wohl kein Problem.“

Was nach dem geplatzten Termin passiert, ob die Polizei bereits ermittelt, auch ohne Anzeige und Aussage des Flüchtlings, ob sie Hinweise bekommt, all das ist unklar. Wie der MDR berichtet, habe die Polizei erst acht Tage später begonnen, zu ermitteln. Die „Eisenacher Presse“ schreibt hingegen, dass die Polizei „auf die Tat eher zufällig aufmerksam gemacht wurde, als man mit Bewohnern des Hauses in einer anderen Angelegenheit sprach.“

Nach außen jedenfalls dringt in dieser Zeit nichts. Keine Meldung.

Die kommt erst eine Woche später.

13. März 2016
An diesem Samstag, vermeldet die Landespolizeidirektion Thüringen:

Medieninformation der Polizei
Ausriss: Polizei

Eine „Rohrbombe“ also. So steht es nun da.

Weiter heißt es, der Polizei sei „erst am Samstagabend (12.3.2016)“ gemeldet worden, „dass es in der Nacht zum 04.03.2016 zu einem Vorfall vor einem Wohnhaus in Eisenach“ gekommen sei:

Gegen 02.00 Uhr hat ein Unbekannter eine selbst gebaute Rohrbombe gezündet.

„Erst am Samstagabend“? Der Mann aus Syrien hat sich doch, laut Caritas, schon früher gemeldet. Andererseits berichtet „Bild“, die Flüchtlinge hätten sich erst später bei der Polizei gemeldet, nicht schon am Tag des Funds, Zitat: „Wir wussten anfangs nicht, wie wir uns verhalten sollen.“ Was stimmt nun?

Von einer Explosion berichtet der Syrer, der den Gegenstand fand, im MDR-Bericht nichts, nur von dem Fund. Beim LKA, das die Ermittlungen nun übernommen hat, kann man nicht genau sagen, woher diese Information kommt. Angeblich sollen Nachbarn einen Knall gehört haben. Aber: Muss es eine „Rohrbombe“ gewesen sein? Oder etwas anderes? Scheint nun so.

Die Flüchtlinge selbst sagen laut „Bild“, es habe in der Vergangenheit öfter vor ihrer Unterkunft geknallt: „Unbekannte warfen Knallkörper an unser Haus. Wir dachten erst, dies sei erneut der Fall.“ Und vielleicht war es das ja auch.

Noch am Tag, an dem die Pressemitteilung der Polizei rausgeht, berichten erste Medien, und zwar alle mit demselben Tenor, immerhin hat die Polizei das so gemeldet. Und manche spitzen es noch mal zu, wie „Bild“:

"Bild" 13.3.2016

Screenshot: Bild.de 13.3.2016

An diesem Tag melden sich, wahrscheinlich nach Presseanfragen, auch erste Politiker zu Wort, die den vermeintlichen Anschlag verurteilen.

14.3.2016
Manche Medien zweifeln an der Geschichte. Die „Eisenacher Presse“, zum Beispiel, schreibt, der Fall werfe „viele Fragen“ auf. Eine davon ist auch, bis heute, wie die vermeintlich durch die „Explosion“ beschädigte „Außenlampe“ ins Spiel kam, von der etwa der MDR hier berichtet. In der Pressemitteilung der Polizei steht davon nichts, im Gegenteil, dort steht: „Verletzt wurde niemand, auch zu einer Beschädigung des Gebäudes kam es nicht.“

17.3.2016
Heute kommt dann die oben genannte Pressemitteilung des LKA, die alles in einem anderen, viel harmloseren Licht erscheinen lässt.


Abgesehen von den möglichen Ermittlungspannen in diesem Fall, lautet eine Frage nun: Wenn alles so undurchsichtig ist, wie auch die Polizei jetzt eingesteht – weshalb meldete sie den Vorfall erst so, als wäre er ein Fakt?

Ein Sprecher des LKA Thüringen bedauert das. „Ich kann mich dafür nur entschuldigen, dass die Meldung so rausgegangen ist“, sagt er zerknirscht. Allerdings befinde sich die Polizei ja in einem Dilemma: „Wenn wir zu spät berichten, werden wir angezählt – und wenn wir zu früh berichten, auch.“

Und genau hier liegt das Problem.

Kürzlich erst sagte ein Sprecher der Kieler Polizei, man berichte lieber rasch einen Vorab-Stand der Dinge und korrigiere sich später, als in den Verdacht zu geraten, etwas zu deckeln. Diese Angst grassiert insbesondere, seit in Köln und anderswo in der Silvesternacht Frauen sexuell belästigt wurden. Seither wird diskutiert, inwiefern die Nationalität der Täter eine Rolle spielt und genannt werden sollte. Und Journalisten wie Polizisten fürchten, immer wenn es um Flüchtlinge geht, der Vertuschung bezichtigt zu werden.

Dieser Fall zeigt, wie andere zuvor, wie schnell viele Indizien zu einem angeblichen Fakt verrührt werden, der sich später aber als falsch herausstellt. Hilft uns das weiter? Wäre es, zumal wenn es so viele Ungereimtheiten gibt, nicht besser, erst zu berichten, wenn mehr Klarheit herrscht, auch als Polizei? Oder wenigstens vorsichtiger, vielleicht im Konjunktiv? Denn der Effekt ist ja immer derselbe: Die eilig berichteten Fälle, ob es nun um Gewalt durch Ausländer oder gegen sie geht, wird, mal von Rechts, mal von Links, als leuchtendes Beispiel hochgehalten. Und selbst wenn es sich als unwahr herausstellt, reicht es vielen noch, denn: Es könnte ja trotzdem so gewesen sein. Wir diskutieren also häufig auf der Grundlage von: nichts.

In diesem Fall war es wohl auch das Wochenende, dass die Sache in diese Schieflage brachte. Der LKA-Sprecher erklärt, es gebe interne Meldungen, die von den Streifenpolizisten abgeliefert und jeweils als „pressefrei“ oder eben „nicht pressefrei“ gekennzeichnet werden. Aus den „pressefreien“ Meldungen machen Polizeisprecher dann Meldungen. Sie müssen sich also auf das verlassen, was sie intern erfahren. Und in der Eisenacher Meldung stand dann am Ende viel Ungeklärtes drin. Man hätte es besser nicht verbreitet.

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7 Kommentare

  1. Naja, eine Wasserpfeife kann auch einschlage wie eine Bombe… kommt halt auf den Stoff an :-D

  2. Man sollte die dortige Polizeitruppe umschulen und in die Blechbüchsenarmee eingliedern.

  3. „Verrückter Mongo“ muss nicht unbedingt ein Ausländerfeindliches Statement sein.Scheint eher als hätte der Besitzer zuviel „New Kids“ gesehen.Da kommt der Spruch öfters mal vor.

  4. Immerhin war der Täter handwerklich so versiert, dass ihm keine technischen Pannen unterlaufen sind: Die Wasserpfeife, die keine Rohrbombe war, ist wie geplant nicht explodiert. Ich finde, das weist auf gefährliche technische Fähigkeiten hin, ja geradezu auf einen Ring von Wasserpfeifenattentätern, die sich lange vorbereitet haben, um so etwas wirklich perfekt durchzuführen.

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