Die Macht des Raunens

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Stoff für preisgekrönte Journalisten. Foto: Dietmar Gust

Albrecht Müller von den „Nachdenkseiten“, die sich als Teil der „Gegenöffentlichkeit“ gegen den „Mainstream“ verstehen, hat sich geärgert. Über die Auszeichnung von Anja Reschke als „Journalistin des Jahres“. Über unsere Berichte darüber. Und darüber, dass seine „Nachdenkseiten“ unsere Berichte einfach verlinkt hatten.

Er sieht in dem Fall sogar ein Beispiel für das „Versagen der Medien als kritischer und informierender Instanz“, das wiederum ein wesentlicher Grund für den „Vertrauensverlust der Medien“ sei.

Sein Artikel ist allerdings selbst ein Beispiel für eine Methode der Journalismuskritik, die Recherche durch Raunen ersetzt. Er beschränkt sich nicht darauf, Tatsachen und Auslassungen zu kritisieren, sondern stellt Fragen in den Raum, ohne sie zu beantworten. Da stehen sie dann bedeutungsschwanger rum und wirken gleich viel brisanter, als es jede konkrete Antwort könnte.

Unser Versagen dröselt Müller wie folgt auf:

Frau Reschke hat eine Dankesrede gehalten. Das sich als medienkritisch verstehende Portal „Über Medien“ hat auf die Preisverleihung hingewiesen und zugleich die Rede von Frau Reschke veröffentlicht. (…) Weder in Frau Reschkes Dankesrede noch in der Ankündigung des Portals „Über Medien“ werden wir über die wichtigsten Umstände der Preisverleihung informiert:

Wir erfahren nicht, wer die preisverleihende Instanz genau ist. (…) Warum nicht? Frau Reschke bedankt sich nicht einmal beim Stifter des Preises. Das ist ungewöhnlich. Auf dem zur Preisverleihung abgebildeten Foto erkennen wir im Hintergrund der Preisträgerin, dass der Preisverleiher offensichtlich ein Magazin mit dem Namen „medium magazin für Journalisten“ ist. Wir erfahren nicht, wer hinter diesem Magazin steckt. Wir müssen recherchieren, um ein paar Informationen über das „medium magazin“, über die Redaktion und den Eigentümer zu erhalten.

Müller hat Recht: Unserer Dokumentation der Rede haben einige Informationen zum Preis selbst gefehlt. Das haben wir jetzt nachgeholt.

Aber schon hier mischt er die berechtigte Kritik an einem fachlichen Fehler mit Formulierungen, die den Verdacht nahelegen, dass etwas vertuscht werden soll. Sherlock Müller schafft es zwar, mithilfe des Fotos von Anja Reschke den Namen des Preisstifters zu ermitteln, aber vor allem ist er damit beschäftigt, laut zu Staunen: Warum bedankt sich Frau Reschke nicht bei dem? Sollte der eigentlich geheim bleiben? Hat das „Medium Magazin“ einen blöden Fehler gemacht, als sie ihren Namen so unglücklich angebracht haben, dass der auf allen Fotos von der Veranstaltung zu sehen ist? Überhaupt: Wieso durfte da jemand fotografieren? Und wieso durften wir ein Foto einfach veröffentlichen?

Müller geht an die Veranstaltung heran, als handele es sich um einen Geheimbund. Weiter in seinem Text:

Wir erfahren nicht, ob der Preis mit einer finanziellen Anerkennung verbunden ist.

Wir erfahren nicht, wer die offensichtlich große und solide ausgerichtete Preisverleihung bezahlt hat.

Um Antworten auf diese Fragen zu erhalten, müsste man tatsächlich zum Äußersten gehen und eine Suchmaschine bemühen. Das „Medium Magazin“ hat sie nämlich eigens in einer Pressemitteilung vor Müller versteckt. Dort erfahren wir, dass der Preis nicht dotiert ist und Daimler, Otto sowie Total die Verleihung „freundlich unterstützt“ haben.

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Offizielles Geheimes Foto von der Veranstaltung Foto: Dietmar Gust

Aber Müller hat auch Fragen an uns:

Wir würden gerne wissen, was das Portal „Über Medien“ mit der Preisverleihung zu tun hat. Schließlich soll es sich doch um ein medienkritisches Portal halten. Einer der beiden Träger des Portals, Stefan Niggemeier, macht am Rande der Feier Interviews mit verschiedenen Journalisten und anderen Personen. Irgendwie kritisch sind diese Interviews nicht. Ist „Über Medien“ mit dem Preisstifter verbandelt? Waren die Interviews eine Auftragsarbeit?

Hätte Müller gefragt, hätten wir ihm gern geantwortet, dass wir nichts mit der Preisverleihung zu tun hatten, sondern als Gäste bzw. Berichterstatter da waren; dass ich früher mal für das „Medium Magazin“ geschrieben habe; dass die Interviews keine Auftragsarbeit waren.

Wenn Müller aber diesen Absatz einleitet mit „Wir würden gerne wissen…“, dann sagt er die Unwahrheit. Wenn er das hätte wissen wollen, hätte er gefragt. Er wollte es nicht wissen. Er wollte es lieber nicht wissen, damit er umso vielsagender fragen konnte.

Seine Fragen gehen immer noch weiter:

Wir erfahren nicht, wer die Jury gebildet hat und welche 80 Personen für die Preisträgerin Reschke gestimmt haben.

Nur mit Mühe können wir nachvollziehen, wer sonst noch unter den vielen Preisträgern dieses Jahres 2016 ist und wer früher die Journalisten des Jahres waren.

Ich bin mir nicht sicher, ob man es wirklich der Veranstaltung vorwerfen kann, dass es Albrecht Müller zu viel „Mühe“ war, auf die Homepage des „Medium Magazins“ zu gehen, und dort einen Link auf diese Seite zu finden, wo alle Preisträger dieses Jahres samt Begründungen stehen.

Nachdem ich Müller gestern einige Antworten auf seine Fragen gemailt habe, schrieb er unter anderem zurück, ihm sei vieles noch klarer geworden über die fehlende Unabhängigkeit dieser Seite, nachdem er darüber informiert worden sei, dass Boris Rosenkranz, mit dem ich sie betreibe, für den NDR und dessen Medienmagazin „Zapp“ arbeite. Ich kann mir nur ausmalen, wie das war, als der unbekannte Informant dem „Nachdenkseiten“-Macher diese brisante Hintergrundinformation zusteckte, die man sonst ungefähr nirgends findet.

Man könnte das alles natürlich als lächerliche Kleinigkeit abtun, aber ich habe mich geärgert über Müllers Artikel. Nicht, weil er uns kritisiert, sondern weil er das mit zweifelhaften Methoden tut. Er fordert kritischen Journalismus, und tatsächlich hat kritischer Journalismus etwas damit zu tun, Fragen zu stellen. Kritischer Journalismus belässt es aber nicht dabei, sondern sucht Antworten (insbesondere, wenn sie nur einen Klick entfernt liegen).

Müllers Angriff ärgert mich aus zwei Gründen. Zum einen, weil es eine demagogische Form der Diffamierung ist – und weil ich fürchte, dass diese Form nicht untypisch ist für die Art, wie die öffentliche Diskussion zunehmend geführt wird. Er kritisiert nicht das, was ist, sondern das, was sein könnte, wenn man sich nicht die Mühe macht, herauszufinden, ob das auch ist.

Natürlich kann man viel kritisieren an diesem Preis, an der Wahl, der Zusammensetzung der Jury, dem Rahmen, den Sponsoren, der Dankesrede, unserer Berichterstattung (und, wie gesagt, teilweise auch zu recht). Aber Müller hat erkannt, dass es noch viel brisanter ist, zum Beispiel nicht das konkrete Sponsoring zu kritisieren, sondern in den Raum zu stellen, wer das wohl gesponsert habe und warum man das wohl nicht ohne Mühe erfahre. Es ist ein Schattenboxen. Er liefert den Lesern seiner „kritischen Website“ die Zutaten, mit denen sie sich eine Westentaschenverschwörungstheorie basteln können. Er verlässt sich nicht auf die Macht der Aufklärung. Er nutzt die Macht des Raunens.

Und das ärgert mich aus dem zweiten Grund besonders, weil ich glaube, dass er mit seiner Kritik, dass Journalisten immer noch nicht verstanden haben, welchen Anteil sie mit ihrer oft kampagnenhaften Berichterstattung an ihrem eigenen Vertrauensverlust haben, in vielen Punkten Recht hat. Er will diese Kritik aber durch das Geraune noch brisanter wirken lassen – und entwertet sie dadurch.

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44 Kommentare

  1. Selbst Schüler, die zu faul für die Recherche mit Google sind, rufen zumindest Wikipedia auf, um von dort den Text für ihre Hausaufgaben zu kopieren. Im Wikipedia-Artikel zum Medium Magazin werden die Fragen bereits größtenteils beantwortet inkl. die bisherigen Preisträger. Wenn selbst erklärte Kritiker nicht mal das hinkriegen, dann muss man von Böswilligkeit ausgehen. Das Traurige ist, dass deren sonderlichen Ergüsse vermutlich wesentlich häufiger bei Facebook geteilt werden als diese (ja eigentlich banale) Richtigstellung.

  2. Sherlock Müller? Zuviel der Ehre, er hat wohl eher die schwach ausgebildeten detektivischen Fähigkeiten von Dr. Watson an den Tag gelegt!

    Als ehemaliger Preisträger bekommen Sie doch automatisch eine Einladung zur jährlichen Verleihung, nehme ich an?

  3. Man kann von kritischer Berichterstattung erwarten, dass Sie den Leser über Umstände und Einflüsse auf das Berichtete informiert und sich nicht darauf beschränkt, die Recherche über Zusammenhänge dem Leser zu überlassen, sei sie auch noch so wenig aufwendig. Danach zu fragen, warum das im konkreten Fall ausgeblieben ist, finde ich jetzt nicht so abwegig.

  4. Ich schätze sehr die ökonomischen Analysen der Nachdenkseiten und z.B. die Berichterstattung im Zuge der heißen Phase der „Grexit“-Debatte war eine wirkliche Bereicherung der ansonsten eher oberflächlichen Darstellung in den klassischen Medien.

    Tja, aber leider sind es tatsächlich solche Methoden wir in diesem Fall, mit denen sich Hr. Müller selbst diskreditiert. Ich finde das sehr bedauerlich, denn ich teile auch Albrecht Müllers Ansicht, dass Fr. Reschkes Auftritt hier deutlich überbewertet wird.

    Herr Müller, sollten Sie das lesen: Bitte überlegen Sie sich genau, wen Sie wie einen „Feind“ behandeln, und ob es nicht hin und wieder besser wäre mit an sich Aufgeschlossenen in einen konstruktiven Diskurs einzutreten. Ihrer Sache und der allgemeinen Erkenntnis ist damit viel besser gedient!

  5. Niggi! Albrecht!

    Nicht streiten! Nicht ausgerechnet ihr beide.

    Das wirft meine harterabreitete Scheinrealität auseinander…

  6. Wenn Müller jetzt noch anfängt investigativ zu rescherchieren, könnte er enthüllen, dass Golineh Atai letztes Jahr für ihre herausragende Ukraine Berichterstattung als Journalistin des Jahres ausgezeichnet wurde. Da bekommt er dann bestimmt einen Herzkasper.

  7. Schade, daß ein älterer Herr, dessen Wirken ich seit sehr vielen Jahren schätze und regelmäßig wahrnehme, sich zu solch billiger/platter Polemik hinreißen läßt. Er weiß es schließlich besser! Ist in letzter Zeit leider nicht das erste Beispiel merkwürdiger Selbstdarstellung. Altersstarrsinn, Verbissenheit ob mangelnder Anerkennung des „Ruhmes“ alter Tage? Es fällt schwer, gegen André (1) zu argumentieren. Ich hoffe, er kommt wieder in die Spur.

  8. Waren das denn tatsächliche Fragen, die Herr Müller hatte, oder wollte er damit nur demonstrieren, was in dem Artikel seiner Meinung nach alles fehlte?

    Wenn ich wissen möchte, welche Biere auf Glyphosat getestet wurden, kann ich das natürlich per Suchmaschine herausfinden. Ich kann aber gleichzeitig tagesschau.de den Vowurf machen, diese Information nicht mitzuliefern.

  9. Albrecht Müller hat zwar schon Recht mit einigen Fragen – vielleicht hätte man einen Disclaimer anfügen müssen -, aber bei dem Reschke-Beitrag, so weit ich mich erinnere, ging es doch nur um die Wiedergabe des Vortrags, ansonsten wäre es ja ein anderer Artikel mit einer anderen Rahmung geworden. Vielleicht verspürt da jemand Konkurrenzdruck.

  10. Ich habe folgende Vermutung:

    Herr Müller übt ja Kritik an der gegenwärtig in Deutschland betriebenen Politik. Gleichzeitig übt er Kritik an den Medien, weil beides für ihn zusammenhängt.

    Nun könnte es sein, dass er denkt, Sie, Herr Niggemeier, wollten zwar Medienkritik betreiben, ohne aber dabei politische Kritik zu äußern. Und das stört ihn, weil das seiner Meinung nach nicht möglich ist.

    Ich weiß nicht, ob Sie Medienkritik nur mit einer nicht oder wenig politischen Dimension betreiben wollen, Herr Niggemeier. Ich könnte mir aber vorstellen, dass Herr Müller das vielleicht denkt.

    Bitte verstehen Sie mich somit nicht falsch. Auch Herr Müller möge mich bitte nicht falsch verstehen. Ich betone noch mal; es ist nur eine Vermutung, die in keinster Weise zutreffend sein muss.

  11. Herr Müller ist halt auch nur Mensch. Wenn man jahrelang „recht hat“, dann wird Recherche irgendwann lästig. Dieser Prozess hat schon vor langer Zeit eingesetzt und schreitet kontinuierlich fort.

    Ich hatte ihm 2011 mal eine Mail dazu geschrieben. Da hat er sogar noch geantwortet und sich für die Mahnung bedankt.

  12. Und trifft schon irgendwie auch den alten hauptstreitpunkt zwischen einen marxisten und einem “realisten“ bzw. Positivisten. :-)

  13. „…schrieb er unter anderem zurück, ihm sei vieles noch klarer geworden über die fehlende Unabhängigkeit dieser Seite, nachdem er darüber informiert worden sei, dass Boris Rosenkranz, mit dem ich sie betreibe, für den NDR und dessen Medienmagazin „Zapp“ arbeite.“

    @Stefan

    Du hättest vielleicht hier noch kurz erwähnen können, weshalb Müller auf „Zapp“ nicht so gut zu sprechen ist. Wenn man weiß, dass „Zapp“ die „Nachdenkseiten“ mal in einem Atemzug mit Kopp-Online, PI und Compact genannt hat, dann wird zumindest die Reaktion von Müller in der von mir zitierten Passage etwas deutlicher.

    Zum Rest: Zustimmung.

  14. Es mag ja sein, dass Müller all die zitierten Stellen irgendwo geschrieben hat; in dem verlinkten Artikel stehen sie jedenfalls nicht.
    Das scheint überhaupt das grundsätzliche Problem zu sein:
    Die Angaben, die sich Leser Müller als substantielle Ergänzung zu einem Beitrag über den „Journalisten des Jahres“ wünscht, soll er sich irgendwo zusammengoogeln.
    Die Textstellen, die ich vermisse, soll ich mir sicher auch über irgendeinen Link auf Müllers Seite suchen.
    Ich bin mir nicht sicher, ob sich dieses Grundprinzip „Du vermisst in meinem Text eine Aussage, also such sie Dir doch irgendwo!“
    wirklich zielführend ist, für beide Seiten.

  15. Die Nachdenkseiten habe ich mir vor einigen Jahren mal angesehen und schnell der Aluhut Fraktion zugeordnet. Vielleicht bin ich damit im Unrecht, aber ich bin immer skeptisch wenn jemand für sich in Anspruch nimmt, besser als die „sogenannten etablierten Medien“ zu sein.

    Die etablierten Medien sind ja nicht umsonst etabliert. Es gibt ja einen Grund weswegen ich eher einem Artikel der Zeit glaube, als einem dahergelaufenen Hinterhofblog. Die etablierten Medien, vom rechten Rand gerne als „gleichgeschaltet“ verachtet, berichten vor allem deswegen immer recht ähnlich, weil Sie in aller Regel gesunden Menschenverstand walten lassen. Ein vernünftig denkender Mensch findet es halt eher bescheiden wenn Flüchtlingsunterkünfte angezündet, oder Menschen im Mittelmeer versenkt werden sollen. Das hat mit „Gleichschaltung“ nichts zu tun. Es ist geradezu erwartbar, dass große Medien bei fast allen Themen zu ähnlichen Ergebnissen kommen, von den ganz linken und ganz rechten Blättern mal abgesehen.

    Ich finde es durchaus wichtig, dass es auch Journalisten gibt die den allgemeinen Medienbetrieb kritisch begleiten. Wenn diese dann aber, wie in diesem Fall Herr Müller, mit den selben dreckigen Taschenspielertricks arbeiten, dann kann man es direkt sein lassen.

  16. Ach komm, den ollen Aluhutträger auch noch mit einem Artikel adeln?
    Die RausFindSeiten sind ja mal ganz launig für zwischendurch, aber halt auch nicht mehr Fakten als auf nem Homöopathiekongress.
    Schade eigentlich.

  17. @Tobias
    Realsatire oder ins eigene Knie geschossen:
    Ich finde es durchaus wichtig, dass es auch Journalisten gibt die den allgemeinen Medienbetrieb kritisch begleiten. Wenn diese dann aber, wie in diesem Fall Herr Müller, mit den selben dreckigen Taschenspielertricks arbeiten[wie die etablierten Medien?], dann kann man es direkt sein lassen.

    Die etablierten Medien sind ja nicht umsonst etabliert.
    Eben. Mit sehr, sehr viel Geld.

  18. Ehrlich gesagt kannte ich dieses Medium Magazin auch nicht.

    A. Müller hat eine klare Haltung. Genau wie die von ihm kritisierten „Alpha-Journalisten 2.0 , die neuen deutschen Wortführer“ (wie von Medium Magazin-Chefin Milz 2009 in Buchform abgefeiert) … nur halt eine andere.
    Entsprechend kommt es auch bei ihm fallweise zu „einseitigen Teilerzählungen“, wie er das selbst bezeichnet.

    Richtig ist, man KANN leicht mehr zum MM herausfinden. Man muss es aber auch, weil doch viele Fakten verschämt tiefer gehängt wurden, auch hier und jetzt.

    Mal abgesehen vom erwähnten Buchtitel der Fr. Milz, der semantisch schon stark nach dem Milieu der „Young-Global-Leader“-Ausbildungsprogramme kommt (Bekannte Zöglinge z.B. Rösler und vuz-Guttenberg), sind die Gründer des MM doch interessant genug, um sie in diesem Kontext jetzt AUCH HIER ungefragt zu erwähnen:

    a) Stefan Kornelius, also einer der für „einseitige Teilerzählungen“ meistverdächtigten Transatlantiker, ein Schlüsselprotagonist der sog. Vertrauensverlustdebatte. Für Müller ist das natürlich nicht nebensächlich. Für mich auch nicht, er hat schließlich den letzten Anstoß dazu gegeben, mich vom SZ-Abonnenten zum Nichtleser zu transformieren.

    b) Ich musste das wirklich mehrfach lesen, um es zu glauben: Kai Dieckmann! Gründete MM! Gemeinsam mit Kornelius! 1986! Jetzt muss ich mich disziplinieren! Hier rollen sich gerade mannigfaltige VT-Ansätze zur freien Verwendung aus…

    Dazu die schräge Sponsoren-Gruppe und die Tendenz, oft die selben Personen mehrfach und/oder eigene Mitglieder/Mitarbeiter auszuzeichnen.

    Wenn man dann noch erinnert, wie Zapp Müllers Seite gemeinsam mit „Mein Kampf“ und dem Koppverlag in einem „Familienfoto“ arrangierte, versteht man mehr. Wie derlei Methoden fruchten, erkennt man hier ja auch an den wohlfeilen „Aluhut-“ Kommentaren hier. Man kann die NDS und AM’s Haltung hinreichend fundiert kritisieren. Aber die überkonformistischen „Aluhut“-Plapperer muss man nur auf die Fährte setzen, um eine maximale Dosis billigster Schubladenpropaganda zu induzieren.

    Alles kein Drama und Müller auch nicht der letzte aufrechte Held. Diese ganzen Tauschbörsenartigen Preisverleihereien in den jeweiligen inzestuösen Zirkeln: Geschenkt. Nur, dass dieser MM-Preis scheinbar nur einer mehr von dieser Sorte zu sein scheint: Wusste ich nicht.

    Die Kritik von A.M. geht tatsächlich zu weit und simuliert(?) teils auch alberne Unkenntnis … aber sie spricht etwas an, was mir entgangen war, nämlich den Mangel an proaktiver Transparenz in der Berichte über diese Preisverleihung.
    Deshalb springt mir die Replik schon auch etwas zu kurz.

    Egal: Ich lese beides weiter, hier und dort. Licht und Schatten gibt es überall.

  19. @Symboltroll: Darf ich noch einmal daran erinnern, dass wir gar nicht im engeren Sinne über die Preisverleihung berichtet haben? Wir haben sie zum Anlass genommen, viele Leute nach dem komischen Begriff „Haltung“ zu befragen, der in der Preisbegründung für Frau Reschke vorkommt. Und wir haben Reschkes Rede dokumentiert, die ich tatsächlich für bemerkenswert halte. Dass man diese Rede auch missglückt, ungenügend, entlarvend finden kann, liegt in der Natur der Sache. Wir dokumentieren sie ja nicht, damit die Leute alle rufen „Hurra, was für eine tolle Rede“, sondern als Anregung, als Anstoß zu einer Diskussion. Ich persönlich finde es einen guten Anstoß.

    Ich würde behaupten, für beides – die Umfrage und die Rede – braucht man keine längeren Erforschungen, wer den Preis unter welchen Umständen vergibt und wer das Magazin, das den Preis gestiftet hat, vor 30 Jahren mitgegründet hat.

    Ich bin wirklich dafür, Dinge kritisch zu hinterfragen, aber ich bin auch dafür, die Kirche im Dorf zu lassen. Man kann die Inzucht solcher Preisverleihungen mit gutem Recht beklagen. (Ich glaube, dass sie eher in der Natur der Sache begründet liegt als in irgendeiner Art von Vetternwirtschaft, aber der Kreis der Leute, die die Preise vergibt, ist relativ klein, und der Kreis der Leute, die sie bekommt, auch.) Man kann die Preisverleihung deshalb auch mit gutem Recht für komplett irrelevant halten.

    Und wenn man will, kann man auch kritisieren, wer das Magazin vor 30 Jahren mitgegründet hat, das diese Preise heute vergibt. Aber wollen wir wirklich diesen Preis auf dieser Grundlage bewerten? Reicht es nicht völlig, sich anzugucken, wer jetzt gewählt und wer jetzt gewonnen hat – und darauf eine eventuelle Kritik begründen?

    Dieser Fundamentalismus, der da mitschwingt, der stößt mich ab. Was wären denn konkret die Verschwörungstheorien um Diekmann, Kornelius und Milz?

    Müller hat ein Problem damit, dass es Sponsoren gab. Okay. Dann soll er sagen: Ich finde es blöd, dass es Sponsoren gab, und dann können wir darüber streiten, ob das blöd ist, warum das blöd ist, etc. (Ich habe, glaube ich, immer noch so einen Metallbehälter zuhause für Waschmittel aus dem Jahr, in dem Henkel Sponsor war. Buhu.) Aber dieses Geraune, dass man ja gar nicht weiß, wer Sponsor ist, und diese Suggestion, dass da was verheimlicht werden soll – das ist nicht Aufklärung, wie Müller sie sich auf die Fahnen geschrieben hat, das ist das Gegenteil davon.

    (Sorry für den Rant.)

  20. @SN #27:

    So schlampig von mir. Sie hatte einen anderlautenden Beitrag in dem Buch, dessen Titel also nicht von ihr ist.

  21. Das sind witzigerweise die Punkte, über die ich mich in einem eurer ersten Artikel geärgert habe. Da wurde auch ins Internet gefragt, ob es vielleicht sein könne, dass die sehr ausführliche Berichterstattung zu einem Feuerwerk ein Gefallen seitens RTL an die Feuerwerkfirma gewesen war. Den implizierten Vorwurf fand ich ein wenig zu hart, um nicht wenigstens auch dort mal anzuklopfen.
    Aber dann dachte ich, dass das vielleicht nur ein Pre-Release-Dummy war, und im Gegensatz zu den Nachdenkseiten hat die Art Raunartikel hier ja auch kein System.

  22. Richtig ist, dass der Beitrag mit Reschkes Rede einer der schwachen auf diesem Portal war. Wirklich „bemerkenswert“ war an der Rede kaum etwas. Die Rede und diese Bewertung wird man auch in Zeitschriften wie „Bunte“ so ähnlich finden können. „Erwartbar“ war also wohl gemeint.

  23. Ich finde Ihre Kritik ziemlich platt.

    Müller sagt: „Wir erfahren nicht.“ Und zwar in der Übermedien-Veröffentlichung. Es ist doch müssig, ihm nachzurufen, daß er es anderswo hätte herausfinden können.

    Er hat halt den Anspruch geäußert, die Publikation der Reschke-Rede in einen Gesamtkontext eingebettet zu bekommen, und kritisiert, daß Sie das nicht geleistet haben. Was ich persönlich zwar völlig überzogen finde. Aber „Suchen Sie sich die Ihnen fehlenden Infos halt anderswo“, ist sicher nicht die Antwort. Sonst könnte mir Frau Reschke auf den Vorwurf des Agenda-Journalismus in Sachen Flüchtlingen bei Panorama und auch Zapp gleich zurufen: „Für weitere Informationen, die aber nicht in unser Weltbild passen, lesen Sie halt die FAZ oder gehen gleich zur AfD“ oder ähnlich.

  24. @Hendrik: Aber Müller belässt es ja nicht bei dem Vorwurf an uns, dass wir (seiner Meinung nach wichtige) Informationen nicht erwähnt haben. Er formuliert eine ganze Reihe von Fragen, die den Eindruck erwecken, bei dieser Preisverleihung gebe es Gemauschel und Geheimniskrämerei.

    Er formuliert die Fragen (die wir angeblich hätten beantworten müssen), beantwortet sie aber selbst auch nicht – weil die Geschichte als Geraune viel spannender klingt.

  25. Nachdem hier keine Substanz mehr nachgekommen ist, sage ich mal, dass die Kritik an den Nachdenkseiten ziemlich spitzfindig war und vielleicht dem Kritik-Proporz geschuldet.
    Niemand bezweifelt schließlich, dass die Nachdenkseiten Fehler machen, Vorurteile und Schlagseite haben neben allem, was sie auch gut machen. Ein Problem ist es nur, wenn die große Mehrheit der Medien dieselben Fehler macht und dieselbe Schlagseite hat und diese auch noch für die Wahrheit hält. Ein Problem ist es, wenn die vielbeschworene Buntheit in Wahrheit katzgrau ist. Damit hat ein einzelner und unabhängiger Klecks wie die Nachdenkseiten nun einmal wenig zu tun.

  26. @Andreas Müller: Genau, wir haben jetzt mal die Linken kritisiert, damit wir nicht immer nur die Rechten kritisieren. Sie sind uns auf die Schlichte gekommen. Das Leben muss aufregend sein, wenn man immer ein Motiv hinter dem Motiv zu kennen meint.

  27. Ich glaube eher nicht, dass Sie die Frage bereuen werden. Ich sehe aber durchaus, dass, wer etablierte Medien manchmal vorführt (Achtung: Lob), aufpassen muss, von diesen nicht selbst in die ominöse“Gegenöffentlichkeit“ verbannt zu werden, also zu den Buhmännern im Wandschrank.
    Als Mittel zur Vermeidung dieses grauenhaften Schicksal könnte man versucht sein, hin und wieder selbst einen Buhmann aus dem Wandschrank zu holen und der reinen Form halber wegen eines kleineren Vergehens, aber doch hinreichend demonstrativ, abzuwatschen.

  28. @Andreas Müller: Sie haben uns wirklich durchschaut. Es hat sicher nichts damit zu tun, dass die „Nachdenkseiten“ uns für unsere Berichterstattung kritisiert haben und ich mich über die Art der Kritik geärgert habe.

  29. Die Kritik der Nachdenkseiten finde ich nachvollziehbar aber ein wenig überzogen. Schnelle Gegenkritik gerät dann oft auf noch dünneres Eis. La vengeance est un plat qui se mange froid.

  30. Der hier vorgestellte und relativierte Artikel hat mich als Leser der NDS auch etwas gestört; ich muss aber zugeben, dass ich mir – nach Lektüre der Einleitung – auch nur die Mühe eines Überfliegens gemacht habe.

    Oben wurde appelliert, dass die nun entstandene Auseinandersetzung nicht dazu führen darf, dass beide Angebote (NDS und uebermedien) nicht mehr ihrer Aufgabe nachkommen bzw. das konstruktive Element nicht verloren gehen darf. Ich „fühle“ ähnlich, hege ich doch eine Hochachtung gegenüber beiden Medien. Nüchtern betrachtet halte ich dieses Geplänkel allerdings durchaus für konstruktiv, allein schon ob der im Anschluss hier in den Kommentaren folgenden Debatte.

    Ich hoffe sehr, dass beide Seiten erkennen, dass es sich bei den jeweiligen Vorwürfen um ärgerliche, aber im Verhältnis nicht dramatische Verfehlungen handelt und man gut daran täte, die gute Arbeit weiterzuführen. Diesbezüglich hege ich bei den NDS zwar wesentlich mehr Sorge als bei diesem schönen neuen Projekt. Ich halte aber beide für so wesentlich und notwendig, dass ich versuche optimistisch zu bleiben.

    Daher: bitte weiter (Betonung auf weiter) so!

  31. Die Macht des Raunens trifft auf die Schwäche des Verübelns!
    Der Schlips auf den Herr Müller getreten ist, muss sich wohl sehr lang gezogen haben.

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