Ganz in Weiß, mit einem Brühwurst-Rausch

Ein Magazin über den schönsten Tag des Lebens, um mal eine Phrase zu benutzen, kann man natürlich nicht steil genug angehen, trotzdem war ich schon ein bisschen beeindruckt von den ersten Vorspännen im „Braut & Bräutigam Magazin“: „Am Hochzeitstag werden Sie von den Schmetterlingen im Bauch gut auf Trab gehalten“ zum Beispiel, was wahrscheinlich aber noch im Bereich mittlerer Phrasendichte, ähm, galoppiert, das echte Jahrmarkt-Fahrgeschäfts-Ansager-Deutsch kommt erst im zweiten Heftvorspann, dem des News-Teils, der „Up To Date“ heißt und mit „Marry-Mix – Das gibt’s Neues“ überschrieben ist: „Sind Sie startklar für eine geballte Ladung Hochzeits-Input? Dann halten Sie sich fest – wir haben Aktuelles und Außergewöhnliches in petto.“

Ich halte mal mich und ganz grundsätzlich fest, dass ich bereit bin für eine geballte Ladung Hochzeits-Input, aber ich habe ein paar Anmerkungen zu diesem Vorspann. Es fängt damit an, dass am Ende ein Punkt steht. Ich glaube nicht an den Punkt als Satzzeichen am Ende von Vorspännen und Bildunterschriften, da gehört einfach nichts hin, aber in Wahrheit erwähne ich das vor allem, um die Stilblüte mit dem Punkt am Ende am Anfang zu produzieren, haha.

Was ich eigentlich sagen will: Ihr habt doch was genommen, oder? Halten Sie sich fest für Hochzeits-Input? Ich sage es mal so: Mein erster Eindruck vom „Braut & Bräutigam Magazin“ war der von einer an den Rand der Hysterie überdrehten, zwanghaft gut gelaunten, hypersensiblen und dabei irgendwie natur-highen Kreischboje, für die keine Kleinigkeit zu egal ist, um deshalb nicht Lautstärke zu entwickeln und Alarmdeutsch zu sprechen.

Kurz: Das Magazin benimmt sich wie eine Braut. Auf eine verquere Art ist es der größte Geniestreich der ganzen aktuellen Presselandschaft. Wenn es Absicht ist. Sonst ist es der glücklichste Zufall.

Jedenfalls kündige ich jetzt schon die mich am glücklichsten machende Bildunterschrift des ganzen Jahres an. Wir werden gleich zusammen lachen, uns in den Armen liegen und die Welt für einen guten Ort halten, versprochen, weil diese Bildunterschrift so unfassbar genial ist, auch in ihrer einzigartigen, bizarren Sinnlichkeit. Aber Moment, wir sind hier noch am Anfang, und, um mal eine Phrase zu bemühen, das Beste kommt zum Schluss*.

Die Nachricht, die man im „Up To Date“-Teil als erstes liest, ist übrigens die, dass man Diamanten auf verschiedene Arten schleifen kann, und dann funkeln sie schön, und welche Form man nimmt, ist Geschmackssache. Ja, das steht da. Und ja, es ist weder neu, noch außergewöhnlich, noch fällt mir sonst irgendetwas ein, das den Abdruck dieses fröhlichen Nichts rechtfertigen würde, und so verfestigte sich mein erster Eindruck, aber das war, wie gesagt, bevor mir die Brillanz des ganzen Dings endlich klar wurde, und das meine ich nur so halb ironisch**.

Ich halte mich nur ein paar Sekunden mit dem optischen Konzept auf, wenn’s recht ist: Das ganze Heft ist voller Frauen in weißen Kleidern. Auch in den Anzeigen: Frauen in weißen Kleidern. Und noch mehr davon. Und noch mehr. Und alles sehen so glücklich aus, und ich als jemand, der dieses Jahr auf sechs Hochzeiten war (!)*** und auf mindestens fünfen davon geheult hat, erwische ich mich ein bisschen beim Schwelgen.

Ich hab auch mal geheiratet, und es war ein großartiges Fest, und die Frau im weißen Kleid war unfassbar schön und überhaupt: Heiraten wäre ein super Hobby. Ich kann mir vorstellen, dass man sich seine Hochzeit ausmalt und sich solche Magazine kauft, lange Jahre bevor es tatsächlich ernst wird. Und dann findet man hier Tipps, wie man seine Hochzeitsfotos noch schöner macht, indem man sie bestickt, wir man Einladungskarten gestaltet und dass man den männlichen Hochzeitsgästen doch eine Whisky- oder Zigarrenbar anbieten sollte und all solches Zeug. Da wären wir alle noch drauf gekommen, wenn wir es gewollt hätten.

Und dann plötzlich, auf Seite 34, tritt mich dieses Magazin ohne Warnung in die Seite: Da ist eine Tortenfigur von einem Pärchen, das aus zwei Bräutigame, äh, Bräutigams, Bräutigamen, jedenfalls zwei Männern besteht, mit der Adresse eines Konditors, wo man diese Dinger bestellen kann. Und ich schwöre, ich bin bis zu diesem Moment, ohne einen einzigen Gedanken daran verschwendet zu haben, völlig selbstverständlich davon ausgegangen, Hochzeitsmagazine wären irgendwie reaktionär. Ich bin echt ein Spacken.

Am „Braut Magazin“ habe ich bemerkt, dass ich manchmal denke, ohne zu denken, weil ich, ohne je darüber nachzudenken, davon ausgegangen bin, es wäre einfach in jeder Ausgabe ziemlich genau das gleiche drin, nämlich die gerade aktuelle Braut-, Ring- und Was-weiß-ich-denn-Mode. Und das ist sie auch.

Was ich beim Nichtnachdenken nicht bedacht hatte: Auch ein „Braut Magazin“ muss redaktionelle Ideen heben. Und die hat es. Da sind Geschichten über: „Ehegelübde, ja oder nein“****, Geschichten über Heiratsanträge und irgendwas über Einhörner*****, eine cheesy Hochzeits-Foto-Lovestory (!) und eine Geschichte über interkulturelle Ehen und die Hochzeiten, die sie feiern, wenn sie zum Beispiel christliche und muslimische Bräuche mit- und nebeneinander abfeiern, was die Redaktion von „Braut Magazin“ total abfeiert, was ich wiederum abfeiere, und jetzt sind wir alle glücklich, obwohl jetzt erst der angekündigte Knüller kommt: Die interkulturelle Liebesgeschichte von Petra und Giovanni happyendet in weißem Kleid und schwarzem Anzug auf einer weißen Vespa, und man kann vor dem inneren Auge den oder die Art DirektorIn dieses weißweißschwarzen Heftes auf- und abhibbeln sehen, weil auf den Bildern des Festes ein roter Fleck zu sehen ist.

Der rote Fleck ist eine von diesen tollen, riesigen, megakomplizierten mechanischen Aufschnittaufschneidemaschinen, die so teuer sind, dass selbst im Manufactum-Katalog steht, das rechnet sich im Leben nicht, die muss man liebhaben******. Mit dieser Maschine wurde für den Empfang auf der deutschitalienischen Hochzeit die Mortadella frisch aufgeschnitten. Nun ist Mortadella zufällig das schönste Wort überhaupt, getoppt nur durch die aus der Kinderabteilung der Wursttheke bekannte Gesichtsmortadella. Dreimal laut Mortadella sagen schüttet mehr Endorphine aus als eine Hochzeitsnacht. Und so ist unter dem Bild des lachenden Brautpaares auf der weißen Vespa ein Bild von einer roten Aufschnittmaschine mit der für alle Zeiten legendärsten Bildunterschrift aller Hochzeitsmagazine weltweit: „Für den Empfang wurde die Mortadella frisch aufgeschnitten.“******* Es ist das, was ich in Zukunft als Maßstab für eine gelungene Hochzeit benutzen werde, aber ich werde es als Code benutzen, unabhängig vom gereichten Aufschnitt: Wenn eine Hochzeit gelungen ist, dann werde ich sagen, „das war so eine Hochzeit, da haben sie für den Empfang die Mortadella frisch aufgeschnitten!“

Allerdings werde ich es, wie bestimmt schon aufgefallen ist, mit Ausrufezeichen am Ende sagen. Punkte am Ende von Bildunterschriften sind die Satzzeichen des Satans.

Ich schreib jetzt noch was, damit das Highlight nicht am Ende des Textes steht: Ich fülle ernsthaft gerade meine Scheidungspapiere aus, wahre Geschichte, kein Scherz. Und ich dachte nicht, dass ich das nochmal sage, aber nach dem „Braut Magazin“ hab ich plötzlich wieder Appetit. Auf Einhorn-Mortadella. Ich bin schließlich nicht klug.

Braut & Bräutigam Magazin
Brautmedia GmbH
5,90 Euro

*) Und wer jetzt zum Schluss gescrollt hat, um sich meinen Text zu ersparen, dem aber sage ich: Der kluge Mann setzt das Highlight irgendwo im letzten Drittel, nicht ganz am Schluss. Hier kommt jetzt auch kein Punkt, übrigens

**) Leitsatz in der Journalistenschule: „Ironie versteht der Leser nicht“. Das stimmt sicher oft. Mit Halbironie schafft man es aber, alle Leser ganz sicher zu enttäuschen. Das kann nicht das Ziel sein, aber immerhin behält man so als Autor die volle Kontrolle über die Rezeption seines Textes, und das gibt mir gerade das Gefühl sanfter Überlegenheit. Man muss auch für sich selbst schreiben können

***) Und noch eine vor sich hat. Ich liebe euren Optimismus, ihr Pappnasen!

****) Leichter Punktabzug aus subjektiver Sicht, weil es ein Pro&Contra-Format ist. Ich hasse das

*****) Dass dieses Magazin im Heute verwurzelt ist, sieht man neben den Einhörnern auch daran, dass echt viele abgebildete Bräutigame, -gams, -gamen zusselige Hipsterbärte haben

******) Wie eine Braut. Höhö! (Alle Satzzeichen außer dem Punkt gehen übrigens)

*******) Auch noch mit einem süßen Tippfehler im Original: „Mortdella“! Hach!

7 Kommentare

  1. Funfact:
    Wenn zwei Männer heiraten, sind das trotzdem Brautleute.
    Nicht wegen des generischen Femininums, sondern weil bei zusammengesetzten Wörtern alle außer dem letzten die Grundform haben, um Komposita nicht noch länger werden zu lassen, als die irre deutsche Sprache so schon zulässt.

    Ergo sind auch Heteros und Lesben auf Partnersuche, obwohl das Wort scheinbar für Schwule und Heteras reserviert ist.

    Hachja, und Mortadella aus Einhornfleisch enthält super viele Endorphine, weshalb die armen Tiere auch schon fast ausgestorben sind. Ich hoffe, Ihr seid jetzt glücklich!

  2. @ Mycroft

    Endolphinhaltige Gesichtsmortadella aus Einhornfleisch verstößt sicher nicht nur gegen Artenschutzbestimmungen, sondern auch gegen das Betäubungsmittelgesetz.

    Die Frage, ob Endelphine oder Einhornfleisch glücklich machen, ist also eher rhetorischer Art, meinen Sie nicht?

    Es wäre aber vielleicht dennoch schön, eine oder ein TierethikerIn mit dem Forschungsschwerpunkt Fantastologie oder angewandte Neologismologie (Bitte keine Elfen!) könnte sich dazu mal äußern… oder wenigstens der Zoll*.

    Was das Ratespiel um den Plural vom Bräutigam anbelangt, tippe ich auf: die Bräutigämse.

    * Aber der weiß bestimmt wieder nicht, wie Einhornfleisch aussieht und Endolphin ist für ihn nur ein Fremdwort.

    PS: Mal eine Frage zur Sternchen-Debatte: Wieso sollten Tooltips technisch nicht realisierbar sein?

    Und bzgl. des kürzlich erwähnten Pro-Tipps: Ich dachte, der wäre Gedächtnistraining und diese Kolumne die wöchentliche Möglichkeit (sonst denkt man ja eh nie dran) eben jenes Gedächtnis mal zu trainieren. ☺

  3. Seltsam. Soll so ein normaler Smiley aussehen? Der sieht nicht so aus, als wenn es ihm gut ginge.

  4. Ich will jetzt nicht meckern, aber teilweise klingt der Text wie mittelmäßig aus dem Amerikanischen übersetzt. Stilmittel? Noch stutziger hat mich dann die ganz offensichtlich amerikanische (d.h. im Deutschen schlicht falsche) Interpunktion hier gemacht:

    Wenn eine Hochzeit gelungen ist, dann werde ich sagen, „das war so eine Hochzeit, da haben sie für den Empfang die Mortadella frisch aufgeschnitten!“

    Untergräbt irgendwie ein bisschen die eigene Intention … (Oder mir entzieht sich an dieser Stelle die Satire – passiert mir manchmal.)

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