Das Klick-Geschäft mit Angela Merkel

Es gibt Menschen, die glauben, bei der deutschen Ausgabe der „Huffington Post“ handle es sich um so etwas wie ein journalistisches Angebot. Das ist lustig. Denn nach einem längeren Blick auf die Seite ahnt man, dass es dort nicht darum geht, aufzuklären oder klüger zu machen, wie andernorts im Journalismus.

Vielleicht hilft es deshalb, um zu verstehen, was die „Huffington Post“ ausmacht, sie nicht als journalistisches Angebot zu betrachten, sondern als Geschäft, das mit schnellen Klicks schnell Geld verdienen will.

Wie bei jedem Geschäft braucht es Waren, die sich gut verkaufen. In diesem Fall: Schlagzeilen. In Zeiten von Social Media lässt sich leicht überprüfen, welche davon laufen, und die werden reproduziert, solange es geht.

Seit Beginn des Jahres liefert die „Huffington Post“ zum Beispiel verlässlich: Merkel-Bashing. Das läuft gerade. Und so richtig gut, im geschäftlichen Sinne, läuft es, wenn es in den Geschichten darum geht, wie schlimm Angela Merkel agiert. Oder dass sie krank ist, womöglich gefährlich. Und deshalb, eigentlich, mal zurücktreten müsste.

Mit solchen Meldungen zieht man derzeit Leser.

Die erste und einfachste Variante einer negativen Merkel-Schlagzeile ist: Irgendwer kritisiert die Kanzlerin, irgendwo. Die „Huffington Post“ tippt das dann ab und bringt es, mit Bezug auf die Quelle, noch mal groß raus.

Screenshot "Huffington Post" 14012016
„Huffington Post“ 14.1.2016
Screenshot "Huffington Post" 29012016
„Huffington Post“ 29.1.2016
Screenshot "Huffington Post" 30012016
„Huffington Post“ 30.1.2016

Das ist an sich nicht verwerflich: Wenn Persönlichkeiten Angela Merkel kritisieren, kann das eine Meldung sein. Es ist ja nicht verboten, Merkel zu kritisieren oder solche Kritik zu veröffentlichen. Im Gegenteil. Ihr Handeln als Regierungschefin muss selbstverständlich von Medien kritisch begleitet werden. Nur, wie gesagt: Es scheint, dass es der „Huffington Post“ um so viel Differenziertheit gar nicht geht. Sondern um die günstig produzierte, weil häufig abgeschriebene Geschichte. Und deren knackige Schlagzeile.

Die zweite Variante für eine negative Merkel-Schlagzeile ist: Die „Huffington Post“ interviewt selbst jemanden, bei dem die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass er oder sie etwas gegen Merkel sagt. Bestes Beispiel: Das Interview mit Hans-Joachim Maaz, in dem der Psychiater Angela Merkel eine narzisstische Erkrankung unterstellt, mittels Ferndiagnose, nachdem Maaz sich zuvor an anderer Stelle schon abschätzig zu Merkel geäußert hatte.

"Huffington Post" 24.1.2016

Merkels vermeintlicher, vom Psychiater angedichteter Narzissmus wird in der Überschrift zum Fakt gemacht. Und auf Facebook lautete die Zeile damals: „Sie steht vor einem psychischen Zusammenbruch.“ Auch das, als wäre es ein Fakt. Das irre Interview hat sich irre verbreitet, auf Facebook wurde es mehr als 7.000 Mal geteilt. Mehr als 22.000 Menschen gefällt das.

Die dritte Variante für eine negative Merkel-Schlagzeile ist: das Ultimatum.

Bei der „Huffington Post“ haben sie große Lust, runter zu zählen, wie lange es noch dauert, bis Angela Merkel irgendwas macht oder passiert, zum Beispiel: bis sie endlich zurücktritt.

Screenshot "Huffington Post" 19012016
„Huffington Post“ 19.1.2016
Screenshot "Huffington Post" 19012016
„Huffington Post“ 19.1.2016
Screenshot "Huffington Post" 20012016
„Huffington Post“ 20.1.2016
Screenshot "Huffington Post" 22012016
„Huffington Post“ 22.1.2016
Screenshot "Huffington Post" 22.1.2016
„Huffington Post“ 22.1.2016
Screenshot "Huffington Post" 5.2.2016
„Huffington Post“ 5.2.2016
Screenshot "Huffington Post" 07022016
„Huffington Post“ 7.2.2016

Auch bei den Ultimaten ist bemerkenswert, wie sie verkündet werden: als ließe sich Merkels Abgang datieren, als sei dies oder das aber echt „die letzte Chance“. Die Meldung, das „Aus für die Kanzlerin“ stehe „schon im März“ bevor, hat die „Huffington Post“ vom „Deutschlandfunk“ abgeschrieben – und ordentlich zugespitzt: In dem Interview redet der ehemalige Stoiber-Berater Michael Spreng zwar davon, die Landtagswahlen im März könnten ein Wendepunkt für Merkel sein, aber er sagt auch: „Ich bin kein Prophet!“ (Weil ihn die Moderatorin immer wieder zu einer Vorhersage bringen will.) Er sagt jedenfalls nicht, dass Merkel im März abtritt. Er sagt, die Chancen, dass sie „Ende des Jahres“ noch im Amt sei, stünden – in seinen Augen – 50 zu 50.

Aber, ach. Die „Huffington Post“ biegt sich das zurecht und hat schon mal – Variante vier für negative Merkel-Schlagzeilen – die Nachfolge geregelt.

Screenshot "Huffington Post" 25012016

Es gibt noch zahlreiche weitere Varianten, wie die „Huffington Post“ mit Angela Merkel Klicks absahnt. Und Likes und Shares und Kommentare. Am eindrücklichsten zeigt sich das auf der „Huffpo“-Facebook-Seite, wo die Artikel beworben werden. Manches ist Merkel-Clickbaiting in Reinform:

Screenshot "facebook.com/huffingtonpostde"
Screenshot "facebook.com/huffingtonpostde"

 

Oder garniert mit einer lakonischen Frage oder Bemerkung.

Screenshot "facebook.com/huffingtonpostde"
Screenshot "facebook.com/huffingtonpostde"
Screenshot "facebook.com/huffingtonpostde" 

„Ende in Sicht?“ – Wohl nicht.

Die Reihe ließe sich beliebig fortsetzen, und auch die Bilder würden dabei nicht abwechslungsreicher oder womöglich schmeichelnder für Merkel. Und all diese Meldungen, Posts und Überschriften locken tausendfach besorgte Klicker und Kommentatoren an. Dann wird gegrölt und gegeifert, bis sich die Zeilen biegen, manchmal ohne den Text überhaupt gelesen zu haben.

Der „Huffington Post“ ist das, wie es aussieht, nur recht. Ihr Chefredakteur freut sich über die vielen Kommentare, auch über „hitzige Diskussionen“. Viel Traffic suggeriert eben Relevanz und treibt die Einnahmen in die Höhe. Um das zu erreichen, ist der „Huffington Post“ offenbar jedes Mittel billig, auch: so laut wie eben möglich gegen Angela Merkel zu feuern.

Deshalb ist es nur logisch, dass die Themenseite der „Huffington Post“ zu Angela Merkel nicht mit dem neuesten Artikel aufmacht, sondern mit diesem, drei Jahre alten Werk zu Merkels 60. Geburtstag:

Screenshot "Huffington Post"

Screenshot: „Huffington Post“

Medien besser kritisieren. Mit Ihrer Unterstützung.

 
Medien besser kritisieren.

8 Kommentare

  1. „Das Klick-Geschäft mit Angela Merkel“ – und das ist keine „günstig produzierte“, nicht selbst recherchierte Geschichte? Undkeine knackige Schlagzeile?
    Sofort weiterlesen für 3.99 Euro im Monat? Für diese Null-Nummer? nein danke.

  2. Wird mir auf ewig n Rätsel bleiben woher hater ihre Energie ziehen. Und ich wäre immer noch dabei sowas wie Sabine einfach wegzulöschen. Ich für meinen Teil werd mich heute nach Feierabend mal nem Aboabschluss widmen weils schon die 4. Geschichte ist bei der ich mich ärgere nicht weiterlesen zu können.

  3. Solche Artikel machen mich ratlos. An der Sache mit den Paralleluniversen muß wohl irgendwas dran sein.

    Im Netz wollen Leute *unterhalten* werden. Der Leser will ein paar Minuten überbrücken und geht darum schnell mal zu SPON, faz.net oder eben HuffPost. Manchmal gibt es vielleicht noch das Deckmäntelchen des journalistischen Anscheins, aber im wesentlichen geht es um eins: Unterhaltung.

    Und das war übrigens auch früher so. Nur gab es in den 80ern und 90ern noch nicht so viel Unterhaltungskonkurrenz zur Tageszeitung. Die begann ja im Grunde erst richtig mit dem Frühstücksfernsehen.

    Vielleicht wäre es endlich mal an der Zeit, sich von der großen Lebenslüge der Journalisten zu verabschieden: daß es der Mehrzahl der Leser auf journalistische Qualität ankommt.

  4. Ein klein wenig kommt man sich bei diesem Beitrag vor, wie im Teufelskreis der Abmahnindustrie. Die einen verklagen einen wegen angeblicher Straftaten und fordern kostenpflichtige Unterlassungserklärungen. Die anderen versprechen einem Rechtsschutz dagegen. Beides zum gleichen Preis. Das hat was von John Maynard Keynes „Loch graben und wieder zuschütten“ als Maßnahme zur Ankurbelung von Wirtschaft.

  5. Ich bitte auch um eine Analyse der Pro-Offen-Grenzen-Artikel bei SPON. ZON, SZ seit 6 Monaten. Ich lese hier sehr intensiv und komme in den Monaten 1-5 zu gefühlten 98% pro Merkel. In den letzten Tagen wird die Berichterstattung einen Hauch kritischer, zumindest bei SPON und ZON. Ich wiederhole : eine Hauch! SZ ist unverändert linksregressiv, hier fabelT Prantl noch vor wenigen Tagen von Merkels Souveränität und Geradlinigkeit (man, wie habe ich einst Prantls Kommentare geschätzt) und Cornelius ist der letzte, der immer noch Merkels Pull leugnet.

  6. “ „Das Klick-Geschäft mit Angela Merkel“ – und das ist keine „günstig produzierte“, nicht selbst recherchierte Geschichte? Undkeine knackige Schlagzeile?“

    Wenn, ja wenn hier im Wochenrhythmus stets die HuffPo niedergeschrieben würde, mit aus der Luft gegriffenen Mutmaßungen, tendenziösem Schreibstil und ohne jede inhaltliche Differenzierung, Abwägung oder nachvollziehbare Beurteilung… dann, ja dann hätte Ihre Kritik à la „Ihr macht doch auch nix anderes!“ vielleicht eine Grundlage.

    So aber handelt es sich schlicht um ein spezifisches Stück wohlbegründeter Medienkritik, und das ist nunmal der erklärte Kernbereich dieser Seite.

  7. @6 Kugen
    Was die SZ angeht, kann ich nur voll und ganz zustimmen. Ich war auch mal ein treuer Leser dieser Zeitung und Prantls: vor knapp 2 Jahren dann schlagartig aufgewacht und das Abo gekündigt, nicht wegen Prantls Kommentaren, sondern wegen offensichtlicher langjähriger Desinfo von Leyendecker & Co zugunsten von Staatsinteressen:
    http://www.sueddeutsche.de/politik/jahre-nach-barschels-tod-der-ewige-fall-1.1492882
    Leyendecker wurde schon lange zuvor von Heinrich Wille als penetranter Desinformant bloßgestellt in seinem Barschel-Buch „Ein Mord, der keiner sein durfte“. Der Mord ist nach menschlichem Ermessen erwiesen, die Deckung für die Mörder durch deutsche Behörden ist erwiesen, nur die Täter und das Motiv nicht. Aber Leyendecker desinformiert einfach unbeirrt weiter, wie seit fast 30 Jahren.
    Es ist klar, dass sich derzeit mit Anti-Merkel-Schlagzeilen besser Geld verdienen lässt als mit Pro-Merkel. Der Hunger nach ersterem Sättigungsprodukt ist eindeutig größer: Mangelerscheinungen. Das ist Marktwirtschaft und sagt nichts über die Qualität des einzelnen Angebots aus. Auch Produkte, die einen echten Bedarf befriedigen sollen, wie das der HuffPost, können mangelhaft sein. Die SZ allerdings produziert am Bedarf vorbei. Viele Leser türmen so wie ich. Ist Prantl ein Überzeugungstäter oder nur unfähig? Ist die SZ deshalb ein Pleitekandidat? Darüber muss man nachdenken.

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