Herr Rundfunkrat fragt Herrn Fernsehrat

Wie funktioniert die Aufsicht des öffentlich-rechtlichen Rundfunks? Was passiert, wenn Zuschauer Programmbeschwerden einreichen? Und was machen eigentlich diese so genannten Freundeskreise, die immer im Hintergrund tagen? Zwei Mitglieder der Kontrollgremien des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF) und des Westdeutschen Rundfunks (WDR) unterhalten sich über ihre Aufgaben dort, was gut funktioniert und wo es Verbesserungsbedarf gibt.

Wer wählt wen?

Leonhard Dobusch: Hallo, Herr Bieber! Schön, dass wir uns hier mal austauschen über unsere Tätigkeiten in verwandten Aufsichtsgremien. Der WDR-Rundfunkrat und der ZDF-Fernsehrat erfüllen ja beide dieselbe Aufgabe: Sie kontrollieren die Sender – und treffen wichtige Entscheidungen. Sie wählen zum Beispiel den Verwaltungsrat, das andere Kontroll-Gremium, und alle fünf Jahre den Intendanten. Und ansonsten wird ja immer betont, der Fernsehrat habe eine nachfolgende Kontrollfunktion – also, erst wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, dürfen wir sagen, dass das aber nicht gut war.

Christoph Bieber: Ja, im WDR-Rundfunkrat ist das ähnlich. Eine weitere wichtige Entscheidung ist die Bestätigung der Direktorenposten, in Unternehmen würde man vom Vice-President sprechen. Zu Beginn meiner Zeit im Rundfunkrat ging es gleich darum, eine neue Hörfunkdirektorin zu wählen, eine sehr umstrittene Entscheidung: Valerie Weber war damals bei einem Privatsender, als sie vorgeschlagen wurde. Da gab es teilweise religionskriegsartige Zustände innerhalb des WDR. Viele Mitarbeiter haben mobil gemacht gegen Weber. Bei der Wahl des Fernseh-Direktors war das anders, weil Jörg Schönenborn ja aus dem WDR stammt. Das hat im Vergleich kaum Aufmerksamkeit bekommen. Und beide wurden gewählt, auch Frau Weber.

Leonhard Dobusch: Also vom Rundfunkrat gewählt, ja?

Christoph Bieber: Gewählt im Sinne von: bestätigt. Der Intendant macht einen Vorschlag, dem sich das Gremium natürlich verschließen könnte. Damit würde man dem Intendant das Leben eine ganze Ecke schwerer machen. Aber meistens wird der Vorschlag einfach angenommen. Ansonsten hat der Rundfunkrat, durch das Gesetz geregelt, eine Zustimmungspflicht bei Investitionen, etwa: Rechten für Sportveranstaltungen oder sehr großen Produktionen ab einem Etat von zwei Millionen Euro.

Leonhard Dobusch: Obwohl es zwei unterschiedlich große Sender sind, ist der ZDF-Fernsehrat mit 60 Mitgliedern so groß wie der WDR-Rundfunkrat.

Christoph Bieber: Ja. Der WDR ist natürlich ein eminent großer Sender, der so ein großes Gremium braucht. Aber ohne Ironie: Vor der bisher letzten Renovierung des WDR-Gesetzes waren es weniger Mitglieder, es kamen dann immer mal wieder welche hinzu durch Fraktionen, die überraschend in den Landtag gewählt wurden. Ich auch. Erst mit dem neuen WDR-Gesetz aus dem vergangenen Jahr ist die Zahl auf 60 Mitglieder gestiegen. Das zentrale Argument war natürlich, die Vielfalt zu erhöhen und die Repräsentation zu verbessern, weil mehr Gruppen Vertreter schicken können. Aber es gibt immer noch Sitze, die sich mehrere Verbände teilen. Sie rotieren also.

Menschen sitzen mit Laptops, Kaffee und Gebäck an langen Tischreihen
Sitzung des ZDF-Fernsehrats Anfang Juni Foto: ZDF / Ralph Orlowski

Leonhard Dobusch: Rotierende Sitze kenne ich nicht vom ZDF-Fernsehrat. Es ist bei uns allerdings auch so, dass die Länder teilweise an Verbände delegieren, jemanden in den Fernsehrat zu entsenden. Ich sitze dort zum Beispiel für den Bereich Internet, den das Land Berlin beschickt. Berlin hat das aber delegiert, an gleich vier Vereine, darunter auch der Chaos Computer Club. Die vier Vereine mussten sich dann auf eine Person einigen.

Und auch der Fernsehrat hat erst seit kurzem 60 Mitglieder, er wurde nach einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts verkleinert. Vorher waren es 77 Mitglieder. Jetzt ist es trotzdem vielfältiger als zuvor, weil der Anteil der Regierungsvertreter auf ein Drittel begrenzt wurde. Dieses Drittel wurde auch ausgeschöpft, es gibt eine Regierungsbank mit 20 Vertretern, die unter anderem aus Staatskanzleien nominiert werden, und 40 Mitglieder, die formal von Verbänden entsandt werden. Wenn man sich aber den Hintergrund der Fernsehräte ansieht, hat sicher gut die Hälfte eine politische Vergangenheit.

Christoph Bieber: Bei uns gibt es noch ein paar Besonderheiten. Die Piraten-Fraktion im nordrhein-westfälischen Landtag hatte den Posten ausgeschrieben, den sie besetzen darf, und ich habe mich beworben. Im WDR gibt es seit dem vergangenem Jahr noch zwei weitere frei gewählte Mitglieder. Man konnte sich als Bürger um einen Sitz im Rundfunkrat bewerben. Mehr als 130 Menschen haben mitgemacht. Der Rundfunkrat hat dann eine Auswahl getroffen und am Ende in einem komplexen Wahlverfahren zwei Vertreter und Nachrücker ausgewählt, um so die Bevölkerung noch mal direkt zu repräsentieren.

Leonhard Dobusch: Bei uns gibt es nicht einmal Vertreter. Immer nur eine Person. Scheidet sie aus dem Gremium aus, muss eine Person des jeweiligen anderen Geschlechts folgen. Das wurde so neu im Gesetz verankert. Wenn ich also aufhöre, muss meine Nachfolgerin eine Frau sein. Und drei Sitze sind unbesetzt, einer davon vom Bundesverband der Zeitungsverleger. Hier müsste man die Frage stellen, ob es überhaupt gut ist, dass die einen Sitz haben, wenn sie es binnen eines Jahres nicht schaffen, jemanden zu entsenden.

60 Leute haben sich zu einem Gruppenfoto aufgestellt
Der WDR-Rundfunkrat in voller Pracht Foto: WDR / Herby Sachs

Christoph Bieber: Bei uns kommen in den Sitzungen auch Vertreter des Senders und des Verwaltungsrats hinzu, zum Teil auch Gäste und Publikum, weil der Rundfunkrat schon länger öffentlich tagt. Es sind riesige Sitzungen, man bräuchte eigentlich einen mittelgroßen Plenarsaal dafür. Im WDR gibt es aber keinen geeigneten Raum mehr. Wir waren mal in der Kantine und sind jetzt ausgelagert in ein Museum. Man würde ja lieber in dem Sender arbeiten, den man da kontrolliert. Aber leider dauert es noch, bis das neue Filmhaus fertig gebaut ist, und solange tourt der Rundfunkrat durch Köln. Schwierig. Manchmal sitzt das Publikum den Mitgliedern im Rücken, manchmal in der Mitte, sozusagen umzingelt vom Rundfunkrat. Ist das beim ZDF besser gelöst?

Leonhard Dobusch: Das klappt ganz gut, bei uns sitzen neben dem Vorsitzenden des Fernsehrats auch eine große Zahl ZDF-Vertreter dabei und das Publikum an den Rändern. Der Verwaltungsrat ist nicht immer vollzählig anwesend. Den gibt es bei euch ja auch, den Verwaltungsrat. Ist er auch das viel einflussreichere Gremium?

Christoph Bieber: Ja, er ist jedenfalls näher dran an substantiellen und materiellen Entscheidungen. Ich glaube, es sind auch direktere Wege zwischen den Verantwortlichen des Senders und den Mitgliedern des Verwaltungsrates. Es ist eben ein kleineres Gremium, schneller handlungsfähig und besser greifbar. Natürlich gibt es bei bestimmten Fragen einen Austausch zwischen den beiden Gremien, wenn es um Finanzen geht, zum Beispiel. Aber bei Entscheidungen in der Senderleitung ist in der Tat der Verwaltungsrat stärker.

Leonhard Dobusch: Der ja zu zwei Dritteln vom Rundfunkrat gewählt wird.

Christoph Bieber: Ja, beim WDR-Rundfunkrat gibt es ein Verfahren, bei dem Kandidaten vorgeschlagen werden. Womit wir schon beim nächsten Thema wären: Die Vorschläge machen die Freundeskreise. Anschließend stellen sich die Kandidaten dem Rundfunkrat vor und werden in einer Wahl bestimmt.

Leonhard Dobusch: Bei uns war die Wahl der Verwaltungsräte, die auch über Freundeskreise lief, durchaus kompetitiv, es gab doppelt so viele Kandidatinnen und Kandidaten wie Plätze. Und wie läuft das bei euch, wenn Zuschauer Programmbeschwerden einreichen?

Christoph Bieber: Bei den Beschwerden ist der Rundfunkrat immer die letzte Runde des Verfahrens. Erst geht die Beschwerde an die Redaktion, Justitiariat und Intendanz, die sich dann dazu verhalten. Wenn ein Beschwerdeführer danach immer noch der Meinung ist, es geht so nicht, kommt der Rundfunkrat ins Spiel und trifft eine Entscheidung – gewissermaßen nachgelagert zur geballten Verfahrenskompetenz des Senders. Für das Publikum ist es mitunter schwierig, die Argumente in einem Medienjuristendeutsch nachzuvollziehen. Trotzdem sind diese Beschwerdeverfahren schon etwas, worüber man sich Gehör verschaffen kann. Von dem direkten Durchgriff auf Entscheidungen, die da getroffen werden, kann aber natürlich keine Rede sein.

„Am meisten wird in den Freundeskreisen diskutiert“

Leonhard Dobusch: In meinem ersten Jahr wurde keiner einzigen Beschwerde stattgegeben. Alles wurde ganz kurz abgehandelt. Dass Spannendste war noch die Böhmermann-Diskussion, die vom alten Fernsehrat sozusagen geerbt wurde; da ging es um das Erdogan-Schmähgedicht. Da wurde auch mal kontroverser diskutiert im Plenum – aber sonst?

Am meisten wird in den Freundeskreisen diskutiert, ohne Öffentlichkeit. Es gibt ja die großen Fernsehratssitzungen, die öffentlich sind, aber fast schon gescriptet, wie man im Fernsehen sagen würde. Dort passiert wirklich nichts Überraschendes. Sie dauern immer von 9 Uhr bis 12.30 Uhr, dann ist Pressekonferenz, es gibt Essen und alle müssen zum Flughafen. Jede längere Wortmeldung wird kritisch beäugt, es ist wirklich ein Durchzug, da wird bloß abgehandelt. Manchmal gibt es Vorträge, aber nicht wie in Parlamenten, wo es hin und her geht. Wirklich selten, dass etwas kontrovers diskutiert wird.

Während es teilweise in den Ausschüssen und vor allem in den Freundeskreisen anders ist, zumindest in dem Freundeskreis, in dem ich bin. Beides, Freundeskreise und die Ausschüsse, sind aber beim ZDF-Fernsehrat nicht öffentlich. Wenn man das thematisiert, heißt es von durchaus kritischer Seite, man könnte diese Ausschüsse natürlich öffentlich machen. Aber das Problem sei, dass dann dort auch nicht mehr diskutiert werde. Es würde sich alles in die Freundeskreise oder irgendwelche informellen Zirkel verlagern. Eine Kollegin meinte, sie habe es so bei der Bundestagsenquete „Internet und Digitale Gesellschaft“ erlebt, wo alles öffentlich war. Was dazu geführt habe, dass vor allem Selbstdarsteller geredet hätten. Die Entscheidungen seien erst recht ausgelagert worden, in den Hintergrund.

Christoph Bieber: Bei uns sind die Rundfunkratssitzungen etwas länger, vier Stunden sind eigentlich Standard. Es kann aber auch darüber hinaus gehen, gar nicht so selten sogar. Und wir haben ja sowieso zehn Sitzungen im Jahr.

Leonhard Dobusch: Zehn? Unser Plenum tagt bloß viermal im Jahr, dreimal in Mainz, einmal im ZDF-Hauptstadtstudio in Berlin.

Christoph Bieber: Naja, bei einer Tagesordnung von manchmal 14 Punkten ist natürlich klar, dass es nie genug Zeit gibt für eine substanzielle Diskussion. Aber da ist schon mehr Raum für Austausch bei uns. Wir haben noch einmal zusätzlich acht bis zehn Sitzungen in den Ausschüssen, das ist auch nicht wenig. Die Freundeskreise treffen sich meist an den Vormittagen vor den Rundfunkratssitzungen und tagen in getrennten Sitzungen, manchmal auch gemeinsam. Sie haben somit natürlich einen besseren Zugriff auf Informationen, als es für die wenigen Einzelmitglieder der Fall ist, die in keinem Freundeskreis sind.

Leonhard Dobusch: Interessant, dass du keinem Freundeskreis angehörst. Im ZDF-Fernsehrat gibt es zwei Freundeskreise, einen roten und einen schwarzen, die aber offiziell so nicht genannt werden. Spannend ist, dass sich durch das Urteil des Bundesverfassungsgerichts fast nichts geändert hat. Man merkt, dass der Anteil der unkontrollierbaren „freien Radikalen“ unter den Fernsehratsmitgliedern gestiegen ist, aber noch keine kritische Menge erreicht hat, sodass die Routine substantiell erschüttert würde.

Die Freundeskreise gruppieren sich um jeweils einen Vorsitzenden, bei den Roten ist das Frank Werneke, der stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft Verdi, bei den Schwarzen Franz Josef Jung, der ehemalige Bundesminister von der CDU. Bei uns ist es meines Wissens nach so, dass es niemanden gibt, der keinem Freundeskreis angehört. Es gibt wenig Gespräche über die Freundeskreise hinweg. Aber ich weiß, dass die Freundeskreise durchaus unterschiedlich funktionieren.

Der schwarze Freundeskreis Jung ist immer schneller fertig, es wird viel weniger diskutiert, es gibt auch kaum Abstimmungen, und wenn, wird per Akklamation entschieden. Im roten Freundeskreis Werneke ist es anders. Es wird intensiv diskutiert, und es gibt sehr viele formale Abstimmungen, also mit Stimmzettel und in geheimer Wahl. Es geht sogar los bei der Wahl einen Vorstandes des Freundeskreises, was es auch deutlich macht, dass das hier ganz klar eine Fraktion ist und nichts anderes. Mit Fraktionsvorstand, Fraktionsvorsitzendem und Stellvertretern. Es gibt klare Verfahren, Tagesordnungen, eben wie bei einer Fraktionssitzung. Das finde ich auch nicht nur schlecht. Im WDR ist es ja ein bisschen anders: Bei euch gibt es drei Freundeskreise, oder?

Christoph Bieber: Ja, genau: rot, schwarz und grau. Grau sind die Mitglieder, die sich nicht durch eine Parteizugehörigkeit dingfest machen lassen, wobei der rote und der schwarze Freundeskreis auch nicht auf Parteizugehörigkeit beschränkt sind, es geht da um das passende ideologische Spektrum.

Leonhard Dobusch: Ja, bei uns ist zum Beispiel ein Grüner, der Mitglied einer schwarz-grünen Landesregierung ist, Mitglied des schwarzen Freundeskreises. Auch solche Gründe kann das haben.

Christoph Bieber: Ich habe schon versucht, in den grauen Freundeskreis aufgenommen zu werden. Die Piraten sind eher zufällig eine Partei geworden, und sie wollten sich ja gerade nicht in einem ideologischen Spektrum verorten, sondern als Stimme der normalen Leute im Parlament. So sollte der Vertreter in dieser Logik eher grau und weder rot noch schwarz sein. Ich bin auch kein Mitglied der Piratenpartei. Trotzdem hat es im grauen Freundeskreis Diskussionen gegeben, die am Ende dazu geführt haben, man könne mich nicht in diesen Freundeskreis aufnehmen, obwohl ich als Person dafür geeignet wäre. Aber man wollte keinen Präzedenzfall schaffen.

Für mich stellt sich somit das Problem, dass ich an bestimmten Informationenflüssen nicht teilhabe, was dazu führt, dass ich in manchen Plenumssitzungen immer noch mal Sachen nachfragen muss, die alle anderen schon aus den Freundeskreisen kennen. Gerade bei den Personalfragen ist es tatsächlich so, dass sich die Kandidaten für die Direktorenposten natürlich in allen Freundeskreisen vorstellen und ihr Programm darlegen. Das ist auch bei wichtigen Entscheidungen so, wenn im Sender etwas umstrukturiert werden soll, was der Zustimmung des Rundfunkrats bedarf. Wenn das Programmschema geändert werden soll, zum Beispiel.

So etwas würde man dann als Direktor in den Freundeskreisen vorbereiten und dafür werben, um sich idealerweise gleich dort Mehrheiten zu sichern. Insofern ist deine Analogie, dass es sich um Fraktionen handelt, total zutreffend. Diejenigen, die außen vor bleiben, sind von diesen Prozessen, Mehrheiten zu bilden und Entscheidungen vorab zu treffen, abgeschnitten.

Leonhard Dobusch: Wie viele Mitglieder sind denn in keinem Freundeskreis bei euch?

Christoph Bieber: Im vorigen Rundfunkrat waren es, so weit ich weiß: zwei, der Kollege von den Linken und ich.

Der rote und der schwarze Block im Fernsehrat

Leonhard Dobusch: Ich habe das Gefühl, dass die Freundeskreise im Fernsehrat offener sind. Jemandem verbieten, daran teilzunehmen, wäre völlig unüblich. Die Roten sind froh über jeden, der kommt, weil sie so ein Argument mehr gegenüber den Schwarzen haben, wenn etwas ausdiskutiert wird. Wer mehr Leute hat, darf dann zum Beispiel einen Ausschussvorsitzenden mehr besetzen. Bei uns ist es im Moment so, dass der rote Freundeskreis größer ist als der schwarze. Das war lange Zeit anders. Aber die Proportionen ziehen sich wirklich durch alles, selbst in der Sitzordnung der öffentlichen Sitzungen schlägt sich das nieder: hier der rote Block, dort der schwarze. Das hat sich aber seither aufgeweicht, einige der neuen Mitglieder, zu denen auch ich zähle, versuchen diese geblockte Sitzordnung bewusst zu vermeiden.

Die Fernsehratsvorsitzende Marlehn Thieme stammt etwa aus dem schwarzen Freundeskreis. Das ist in Ordnung für den roten Freundeskreis, weil dafür die Verwaltungsratsvorsitzende von den Roten kommt, neuerdings Malu Dreyer (SPD), die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin. Und bei den Ausschüssen ist es so: Einer bestimmt den Vorsitzenden oder den Stellvertreter und umgekehrt. Somit werden die Ausschüsse auch 50/50 aufgeteilt. Bei den acht Mitgliedern im Verwaltungsrat, die vom Fernsehrat gewählt werden, gibt es wiederum eine Vorwahl von vier roten und vier schwarzen Mitgliedern im jeweiligen jeweiligen Freundeskreis. Im großen Plenum werden sie dann nur noch abgesegnet. Da gibt es auch kein „Hearing“ mehr. Die stellen sich zwar vor, aber das war es dann.

Christoph Bieber: Bei uns sind es zwar drei Lager, aber den grauen Freundeskreises charakterisiert ja gerade, keinem parteipolitischen Lager nahezustehen. Das ist ja das Sammelbecken aller, die gerade nicht über ein politisches Amt oder einen politischen Akteur entsendet wurden. Im Grunde ist es der Teil, der die Gesellschaft repräsentiert. Die Kirchen, die Gewerkschaften…

Leonhard Dobusch: Die Gewerkschaften sind bei den Grauen?

Christoph Bieber: Ja, die sind aber auch mit im roten Freundeskreis, da gibt es dann durchaus auch Überlappungen. Während die Industrie-und Handelskammer und Unternehmerverbände natürlich die Nähe zum schwarzen Freundeskreis aufweisen und es da Überlappungen und Vernetzungen zwischen den Kreisen gibt. Aber tatsächlich vorgesprochen oder auch Stimmenmacht gesammelt wird auch bei den Grauen. Dort liegt tendenziell die Vetomacht bei Abstimmungen. Natürlich gibt es da Personen, die hin- und hergerissen sind zwischen den Grauen und einer anderen Farbe. An denen hängt es im Zweifel bei strittigen Entscheidungen, wem sie folgen. Wenn es knapp wird, sind sie das Zünglein an der Waage. Wenn der graue Freundeskreis sich einig ist in einer Personalie, kann eigentlich keiner mehr etwas dagegen tun.

„Es gibt Argumente gegen mehr Öffentlichkeit“

Aber ich möchte noch etwas zur Öffentlichkeit der Sitzungen sagen. Der Rundfunkrat als ganzer ist öffentlich, die Zahl der Zuschauer liegt zwischen zehn und 50. In der Regel sind auch immer Vertreter vom WDR unter den Zuschauern. Das ist also eine sehr spezielle Öffentlichkeit.

Die Ausschusssitzungen hingegen sind nicht öffentlich, die Freundeskreise ja auch nicht. Das ist auch wieder ambivalent zu beurteilen. Es ist natürlich schon so, dass man in den Ausschusssitzungen anders arbeiten kann, auch weil die Gruppen kleiner sind. Es werden dort auch unternehmensinterne Zahlen bewegt. Es gibt Inhalte, die für Öffentlichkeit durchaus ohne Probleme zugänglich gemacht werden können. Es gibt aber auch Entscheidungen, zum Teil personell, die betreffen auch wirtschaftliche Entscheidungen innerhalb des Unternehmens. Es herrscht ein harter Wettbewerb, bei dem die Öffentlich-Rechtlichen mitmischen. Da gibt es dann schon Argumente zu sagen, warum nicht alles öffentlich gemacht werden soll.

Ich würde es genau so sehen wie du: In dem Moment, wo man Ausschusssitzungen öffentlich macht, würde es zu einer Verlagerung in andere Foren führen, die dann nicht öffentlich wären. Dann würde die Bedeutung der Freundeskreise wichtiger werden, und es gäbe wahrscheinlich noch stärkere informelle Kontakte zwischen einzelnen Mitgliedern. Transparenter würde es dadurch nicht. Die Frage wäre auch: Ist es im Sinne des Outputs tatsächlich hilfreich, es öffentlicher zu machen? In diesen Sitzungen wird auch konfrontativ diskutiert, zwischen Vertretern aus dem Sender und zum Teil auch zwischen verschiedenen Lagern innerhalb des Senders.

Leonhard Dobusch: Das ist bei uns auch so.

Christoph Bieber: Das sind Dinge, die fänden nicht statt, wenn es öffentlich wäre. Insofern ist es eine Abwägung: Was gewinnt man durch weniger Transparenz an dieser Stelle? Das kennt man von der Piratenpartei, dass es nicht nur Gold ist, wenn man alles öffentlich macht. Sicher gäbe es aber auch Themen, die öffentlich stattfinden könnten, zum Beispiel Berichte und Diskussionen über medienpolitische Entwicklungen in Europa, Erfahrungen mit crossmedialen Angeboten, Daten aus der Medienforschung und so weiter.

Leonhard Dobusch: Wie löst Du für Dich dieses Problem? Ich hadere damit schon sehr. Es gibt einfach viele Dinge, zu denen ich Fragen stelle, die auch im öffentlichen Interesse sind, etwa wenn es um Netzneutralität geht. Da bekomme ich dann Antworten, und es wird im Ausschuss diskutiert – alles nicht öffentlich. Du bloggst ja auch, wie ich. Ich weiß manchmal nicht, was ich überhaupt schreiben kann. Gleichzeitig ist es doch absurd: Man soll hier die Öffentlichkeit vertreten, und dann kann ich sie nicht darüber informieren, was meine Fragen für Antworten erzeugt haben. Ich finde es wirklich schwierig.

Christoph Bieber: Ist es auch. Ich habe festgestellt, dass die Blog-Einträge tatsächlich vom Sender, der Geschäftsstelle des Rundfunkrates und auch von anderen Rundfunkratsmitgliedern gelesen werden. Das ist für mich eine Art Ersatz für den fehlenden Freundeskreis. Im Blog erscheint ein Thema auf dem Radar, auch wenn es zunächst keinen massiven Effekt im Sender hat. Das ist anders, wenn Texte den Weg zur „FAZ“ oder in die „Süddeutsche“ finden. So etwas wirkt stärker in den Sender zurück. Man ist auf einmal im Dialog mit Verantwortlichen, natürlich wieder hinter geschlossenen Türen.

Leonhard Dobusch: Wie in Parteien.

Christoph Bieber: Ja, aber das ist ein Instrument, das offenbar notwendig ist, um weitere Diskussionsprozesse anzustoßen. Ansonsten gilt natürlich schon, dass man ins Protokoll der Sitzung muss, um wahrgenommen zu werden. Damit ein Thema weiter verfolgt wird in den inneren Verfahren. Ich empfehle es auch denjenigen, die neu im Rundfunkrat sind. Dass man sich über diese formalen Kanäle Gehör verschaffen soll. Selbst wenn es dieses Problem gibt, was man davon öffentlich sagen kann. Ich wäge es natürlich auch bei jedem Blog-Eintrag, bei jedem Kommentar oder Tweet ab, was ich schreibe. Es wird auch vermehrt geschaut, wie wir mit Unterlagen umgehen. Jetzt steht nicht mehr nur „Vertraulich“ drauf, sondern „Vertrauliches Exemplar Prof. Dr. Bieber“, als Wasserzeichen.

Es ist ein schwieriger Spagat, ich werde es aber weitermachen und schauen, dass ich zu Themen, zu denen ich etwas sagen kann, auch weiterhin etwas öffentlich sage, genauso wie du. Um die digitalen Positionen, die es eben gibt in der Gesellschaft, dort hineinzutragen. Der Blick ist ja oft noch ganz stark durch alte Massenmedien geprägt. All das, was jetzt im digitalen Raum passiert, ist für viele, die dort Entscheidungen fällen, nur schwer verständlich.

Leonhard Dobusch: Gut, womit wir dann ja auch ein Thema hätten, worüber wir nächstes Mal sprechen können: über die Rundfunkaufsicht im digitalen Zeitalter. Herr Rundfunkrat, hat mich sehr gefreut, mit dir zu sprechen.

Christoph Bieber: Ja, Herr Fernsehrat, war auch mir ein Vergnügen, danke!

 

9 Kommentare

  1. Vielen Dank an Übermedien für solche interessante Gespräche.

    und ebenso ein ganz dickes Dankeschön an Christoph Bieber und Leonhard Dobusch für dieses Gespräch und für Ihre Arbeit in diesen Gremien.

    Bitte machen Sie weiter und berichten von Ihrer Arbeit im Rundfunk- bzw. Fernsehrat.

    Viele Grüße aus Bremen

    TJ

  2. „Sie kontrollieren die Sender – und treffen wichtige Entscheidungen.“

    Das ist schon Satire was da gesagt wird… oder wird das wirklich ernst gemeint?

    Welche wichtigen Entscheidungen werden denn getroffen? Das man IMMER dem zustimmt was der Intendant vorschlägt? (Personal/Programm) Oder das man alle Programmbeschwerden im Eiltempo ablehnt? Das man EIN Kandidat Wahlen für den Intendantenposten abhält? Das ist weder gute Arbeit noch werden wichtige Entscheidungen getroffen.

    Es tut mir leid aber ganz abstrus wird es wenn über die Strukturen geredet wird und keiner ein Problem damit hat.
    Inoffizielle Schwarze und rote Freundeskreise wo die Posten gegenseitig aufgeteilt wird. Entscheidungen die im Hinterzimmer getroffen werden. Ein Kontrollorgan das für ein Zwei Milliarden System zuständig ist und sich nur vier mal im Jahr trifft (für ein paar Stunden) Eine reale Zusammensetzung wo fast die Hälfte der Mitglieder eine politische Vergangenheit hat und wo die Parteien immer noch das sagen haben. Ich kann wirklich nicht Verstehen wie man sowas gut finden kann und sich nicht energisch für Reformen einsetzt.

    Mit solchen Strukturen und solcher abgelieferten „Arbeit“ wird die Akzeptanz des ÖR Systems weiter sinken.

  3. Vielen Dank fuer diesen Beitrag. Da sehe ich doch wieder meine Meinung bestaetigt: Der oeffentlich-rechtliche Rundfunk ist das Medium von ein paar Lobbygruppen und die Kontrolle ist voellig intransparent bis ungenuegend.

    Und meine Interessen sehe ich da auch nicht beruecksichtigt. Ich habe keine Lust das finanzieren zu muessen. Kann man das ganze System bitte ganz schnell abschaffen?

  4. Zu dem Gespräch (das als Audio sicherlich auch spannend gewesen wäre) gäbe es ja nun einiges zu sagen.

    Es ist geradezu unglaublich, mit welchem Schulterzucken die beiden Herren das Bestehen der „Freundeskreise“ als gegeben und zulässig hinnehmen. Die Politik hat in den Aufsichtsgremien einfach nichts zu suchen. Basta!

    Und beide Gremien sind in der Tat leider nur Abnickvereine. Ich frage mich wirklich, welche „Arbeit“ dort geleistet wird, worüber da ernsthaft diskutiert wird. Angeblich soll doch das Haus kontrolliert werden. Wie konnten die Kontrolleure dann diesen massiven Qualitätsverlust auf ganzer Linie der deutschen Sender in den vergangenen Jahren zulassen. Wie??

    Diese Gremien sind die noch größere Geldverschwendung in der Geldverschwendung, die sich hierzulande als öffentlich-rechtlicher Rundfunk bezeichnet.

  5. Naja, den beiden wuerde ich jetzt weniger einen Vorwurf machen. Die haben das System nicht geschaffen, aber bringen wenigstens ein wenig Aufklaerung.

    Schuldig sind vor allem die Lobbygruppen, die da gerade die macht haben.

  6. @TS66

    Nun ja, die Mitglieder der Räte sind auch Lobbygruppen. Die machen das nicht als Hobby, sondern vertreten Interessen – von wem auch immer.

  7. Ich denke auch die beiden gehören zu den engagiertesten in den Räten und wollen gute Arbeit machen. Aber leider ändert das nicht das die Struktur und die Arbeit der Räte untauglich ist. Daran ist hauptsächlich die Politik/Parteien schuld die seit 60 Jahren keine nennenswerte Reformen durchgeführt haben und lieber dort ihren Einfluss immer mehr ausgedehnt haben (über die Freundeskreise)

  8. @Thomas K.: Das weiss ich schon, dass diese Raete Lobbyisten sind. Aber halt nicht meine (und von denen, die die gleichen Interessen haben wie ich). Und dann auch noch intransparent.

    Das will ich nicht bezahlen.

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