Verlorene „Breitbart“-Leser wiedergefunden

Die nationalistische amerikanische Nachrichtenseite „Breitbart“ soll drastisch Leser verloren haben. Seit dem Amtsantritt von Donald Trump seien die Besucherzahlen eingebrochen, berichten mehrere deutsche Medien und berufen sich auf die Internetseite des US-Magazins „Vanity Fair“.

Ein Besucherrückgang wäre plausibel, denn Breitbart ist von einem wütenden Oppositionsmedium, das jeden echten oder vermeintlichen Fehltritt der Mächtigen zu einem riesigen Skandal aufbläst, zu einem Quasi-Regierungs-Medium geworden. Das ist natürlich nicht so aufregend und könnte sich gut negativ auf die Klickzahlen auswirken.

Ein bisschen weniger plausibel wird die Geschichte, wenn man sich den angeblichen Absturz von Breitbart.com konkret ansieht:

Das sind Zahlen der Firma Alexa, auf die sich „Vanity Fair“ bezieht. Sie geben an, auf welchem Platz der meistgelesenen Internetseiten der Welt Breitbart.com liegt. Innerhalb eines einzigen Tages, vom 6. auf den 7. Mai, ist „Breitbart“ von Platz 264 auf Platz 890 dieser Hitparade abgestürzt. Für einen solchen abrupten Einbruch muss es andere Gründe geben als die publizistische Ausrichtung von „Breitbart“ oder den Erfolg von Trump.

Der „Vanity Fair“-Artikel enthält folgende Grafik. Hier ist offensichtlich, dass Mitte Dezember und Mitte Mai irgendetwas ungewöhnliches passiert sein muss.

Des Rätsels Lösung: Breitbart.com hat sich Mitte Dezember von Alexa „zertifizieren“ lassen. Damit misst Alexa die Besucherzahlen direkt auf Breitbart.com. Die Werte von nicht zertifizierten Websites werden dagegen auf der Grundlage von Stichproben geschätzt. Offenbar sind sie deutlich niedriger – wenigstens im Fall von „Breitbart“.

Mitte Mai wurde diese Zertifizierung rückgängig gemacht – nach Angaben von „Breitbart“ aus Versehen. Dadurch fielen die Zahlen mit einem Mal wieder drastisch niedriger aus.

Inzwischen wurde die Zertifizierung wieder aktiviert, mit dem erwartbaren Ergebnis: Die Kurve ist wieder abrupt nach oben gesprungen.

„Breitbart“ selbst hatte – mit typischer Übertreibung und Häme – als erstes auf die technische Ursache hingewiesen; Alexa hat sie inzwischen gegenüber „Vanity Fair“ bestätigt.

Man hätte diese Hintergründe eigentlich gar nicht kennen müssen, um zu ahnen, dass die einfach Geschichte vom dramatischen Absturz so nicht stimmen konnte: Man hätte sich nur die Grafik ansehen müssen. Bei stern.de ist sie sogar direkt in den Artikel eingebaut.

Trotzdem berichteten deutsche Medien unbeirrt dramatisch: „Breitbart stürzt ab“, titelte „Deutschlandfunk Nova“:

Noch im Januar stand Breitbart in der Liste der am meisten besuchten US-Web-Seiten auf Platz 45. (…) Aber davon ist nicht mehr viel übrig. (…) Breitbart sackte auf Rang 281 ab.

Noch größer ist der Absturz in der „Frankfurter Allgemeine Zeitung“:

Es ist wenige Monate her, da waren der Sender Fox News und die Website Breitbart die Könige der amerikanischen Nachrichten-Landschaft. (…) Breitbart landete auf Rang 29 der meistbesuchten Seiten im Netz, vor der „Washington Post“ und der „Huffington Post“. (…) Anfang Mai war Breitbart auf Platz 281 der meistbesuchten Websites abgerutscht.

Man sieht in der Alexa-Grafik übrigens, dass die Popularität von Breitbart.com – trotz der Verwirrung durch die unterschiedlichen Messverfahren – tatsächlich eindeutig zurückgeht. Der Trend ist auf beiden Reiseflughöhen erkennbar. Nach der zertifizierten Zählung ist Breitbart.com in den vergangenen sechs Monaten vom 264. auf den 293. Platz gefallen. Das ist aber natürlich nicht annähernd so ein dramatischer Absturz.

„Vanity Fair“ – und in der Folge deutsche Medien wie die „Süddeutsche Zeitung“ – führen auch Berechnungen des Marktforschungsunternehmens Comscore an, um den Absturz von „Breitbart“ zu belegen. Die SZ schreibt:

Die lange von Trump-Berater Stephen Bannon geführte Seite Breitbart hat dem Institut Comscore zufolge zuletzt massiv an Nutzern verloren, die Zahl fiel von knapp 23 Millionen (November 2016) im April auf 10,7 Millionen.

Doch das ist ein unfairer Vergleich: Im November fanden die Präsidentschaftswahlen statt. In den letzten Tagen des Wahlkampfes und rund um den Termin war der Besucheransturm auf Nachrichtenseiten natürlich besonders hoch – höher als im April. Auch die „New York Times“ etwa verlor in diesem Vergleich online viele Leser: Statt 118 Millionen im November zählte ComScore im April nur 90 Millionen; washingtonpost.com fiel von 107 Millionen auf 79 Millionen.

Im Vergleich verlor „Breitbart“ zwar viel stärker. Aber sinnvoller als der Vergleich mit dem November wäre ein Jahresvergleich. Der findet sich sogar auch bei „Vanity Fair“: Von April 2016 auf April 2017 sank die Zahl der unique visitors von 12,3 Millionen auf 10,7 Millionen.

 
Medien besser kritisieren.

17 Kommentare

  1. Wetten, dass die erwähnten Medien das in der gleich großen Aufmachung richtig stellen werden, nachdem sie Herr Niggemeier darauf hingewiesen hat.

  2. Gemessen daran, was zumindest hierzulande alles über diese komische Seite aufgebauscht wurde, ist sie in den USA mit Platz 293 oder 10 Mio. Nutzern im Monat für meinen Geschmack doch relativ irrelevant.

    Mal zum Vergleich: Hierzulande haben nach AGOF-Zahlen ca. 10 Mio. Unique User die Portale von n-tv, Zeit und stern und sind selbst damit schon weit von der Spitze entfernt.

  3. Top. Man muß anscheinend mittlerweile wirklich jede Meldung überprüfen; erstaunlich, was bei „Qualitätsmedien“ (Eigenbezeichnung FAZ) einfach so hingerotzt wird.

  4. Sehr informativer Beitrag.
    Mir fehlt aber ein Aspekt: Was sind die Schätzungen bzw. auch Messungen einer Firma wie Alexa tatsächlich wert, wenn sie so voneinander abweichen? Hier kann man sich offensichtlich in Statistiken „einkaufen“ und nennt das dann „Zertifizierung“. Das ist das eigentlich Interessante hinter der kurzfristigen Aufregung.

  5. Okay, etwas länger gesagt: Die Zahlen von zertifizierten Websites sind vermutlich sehr viel Wert, weil sie ja tatsächlich Messungen an der Quelle sind. Dass die Schätzungen von nicht-zertifizierten Websites nur sehr grobe Schätzungen sind, die man mit Vorsicht genießen muss, ist auch klar. Besonders gefährlich wird es aber, wenn beides in den vergleichenden Statistiken zusammengeworfen wird. Den Effekt sieht man eindrucksvoll oben.

    Der Fehler liegt da durchaus auch bei Alexa. Alles spricht dafür, dass die Alexa-Ergebnisse, bei denen Breitbart ungefähr gleichauf liegt mit den anderen Seiten wie Buzzfeed oder nytimes.com, nur Ausdruck dieses Verzerrungseffekts sind.

  6. Bei einer zertifizierten Messung wird ein Skript von Alexa/Amazon direkt in den Code der Website eingebaut. Bei (nahezu) jedem Seitenaufruf wird dieser Code ausgeführt; also gezählt. Ohne dieses Messskript wird auf externe Daten zurückgegriffen. Suchmaschinenanfrage, Leute die mit einer Alexa-Wanze/Navigationsleiste surfen und ihren gesamten Surfverlauf übermitteln usw.

    Ein Punkt, der auch wiederum so eine „Messung“ massiv stören kann: Auch eine zertifizierte Messung kann durch die User manipuliert werden, in dem sie das Ausführen der Skripte verhindern. Vor allem IT-lastige Seiten sind unterrepräsentiert, auf den vor allem Leute mit AdBlockern, NoScript & Co. verkehren. Das Zählen wird so unterbunden. Ob nun ein Breitbart.com auch eher „Blocker“-Besucher hat, kann ich nicht einschätzen. Es zeigt aber eventuell, wie aussagekräftig solche „Messungen“ sind.

  7. P.S.: Was aber erstaunt, dass all das Hintergrundwissen über solche Reichweitenmessungen bei faz.net, stern.de usw. unbekannt sein sollen…

  8. @Leo Friedrich: Ich weiß nicht, ob man dieses Hintergrundwissen haben muss. (Der stern.de-Text scheint von deren Reiseredakteur geschrieben worden zu sein.) Aber es hätte ja gereicht, sich den Kurvenverlauf anzusehen, um zumindest zu stutzen – und sich dann schlau zu machen.

  9. Zertifiziert oder nicht, Seitenaufrufe kann man sich wie Twitter-Follower oder Facebook-Freunde im Netz bestellen. Warum also solche Zahlen überhaupt ernstnehmen?

  10. NDS-Leser gehen schon lange kritisch mir derlei Kurven von solchen „zertifizierten Messungen“ um.
    Ein Tipp! Übermedien sollte sich mit diesen Erkenntnissen bei correktiv oder bei den „Experten“ des Rechercheverbunds NDR/WDR und SZ andienen. Vielleicht lässt sich das vereint noch weiter skandalisieren und herausfinden, dass eventuell doch Putin dahintersteckt, um besser von wirklichen Skandalen abzulenken oder zu verschleiern?

  11. #15 Tut mir leid, aber Thomas ist wesentlich witziger – und ganz ehrlich, ich verstehe nicht, wieso Sie eine Kommentatorin wie Martha verteidigen. Mag sein, dass Thomas überspitzt und polemisch kommentiert, aber Martha ist einfach nur auf dem Kriegspfad für die AFD und alternative Medien. Deswegen ist der Marthapfahl ja auch so treffend…

  12. Da ich mit dem sinnbefreiten Kommentar #15 nicht mehr so richtig glücklich bin, ist es einigermaßen schade, dass Sie mich darauf ansprechen. Allerdings wußte ich auch nicht, dass es um Applaus geht.

    Im Übrigen kann ich Namensverballhornungen grundsätzlich nichts abgewinnen. Leider drückt #15 das nicht (unbedingt) aus. Ich bitte das zu entschuldigen.

    Ich würde Sie ja fragen, welche Effekte Sie sich von Polemik versprechen, wenn ich nicht den Eindruck hätte, Sie wären mit etwas Belustigung schon zufrieden. ;)

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