Bürgermeisterin öffentlich enthüllt

Eine Frau fährt mit ihrem Auto auf einen Parkplatz. Was sie dort genau macht, ist unklar. In einer großen Zeitung steht später, der Parkplatz sei „im Internet bekannt als Sex-Treffpunkt“, hinter den getönten Scheiben des Wagens sei es „heiß her“ gegangen. Bis der Ehemann der Frau auftauchte. Und die Polizei.

Die Zeitung, die den privaten Ausflug der Frau öffentlich machte, heißt „Bild am Sonntag“, und sie meint, es gebe dafür Grund genug. Denn die Frau ist Bürgermeisterin einer Kleinstadt in Baden-Württemberg, und das Auto, mit dem sie privat auf einen Parkplatz gefahren sein soll, der 90 Kilometer von ihrem Heimatort entfernt liegt, ist ihr Dienstwagen. Damit ist für „Bild am Sonntag“ ein öffentliches Interesse offenbar gegeben. Und ein vermeintlich legitimer Anlass, die Sache lüstern auf fast einer ganzen Seite auszubreiten.

"Bild am Sonntag" über die Hechinger Bürgermeisterin, Schlagzeile: "Bürgermeisterin vom eifersüchtigen Ehemann beim Sex im Dienstwagen erwischt"
„Bild am Sonntag“ enthüllt Privatsache Ausriss: BamS 14.5.2017

Doch so einfach ist es nicht. Als die Geschichte in der Welt war, teilte die Stadt mit, dass die Bürgermeisterin ihren Dienstwagen auch privat nutzen dürfe. So ist es offiziell geregelt. Sie könnte damit also überall hinfahren, in den Urlaub an die See, zur Apotheke, sie darf mit und in dem Auto machen, was sie möchte. Womit das latente Hauptargument für die Enthüllung, der Missbrauch des mit Steuergeld finanzierten Dienstwagens, hinfällig ist.

Die Angelegenheit machte schnell die Runde. Der Münchner „Merkur“, zum Beispiel, machte aus dem angeblichen Sex im Dienstwagen natürlich gleich mal „wilden Sex“, und RTL lieferte die Bilder zum Kopfkino: In einer „nachgestellten Szene“ zeigt der Sender, leicht verfremdet, einen Mann, der auf ein Auto starrt, in dem eine Frau auf einem anderen Mann sitzt. RTL hat auch eine Reporterin in die Stadt geschickt, damit sie dort Privathäuser filmt und Menschen befragt, was sie denn bitte von diesem Schmuddel-Skandal halten.

Exakt einen O-Ton hat RTL dann gesendet: „Ich denke“, sagt eine Bürgerin, „dass da die meisten nicht mit einverstanden sind, dass man private Sachen so verbreitet.“ Das scheint zu stimmen: In einem Video des „Schwarzwälder Boten“ sind tatsächlich die meisten der Meinung, man solle die Frau und ihr Privatleben in Ruhe lassen. Das schreiben auch viele Leser auf Facebook, in die Kommentare auf der Seite des „Schwarzwälder Boten“. Was den und andere Medien aber nicht davon abhält, weiter über die Privatsache zu berichten. Der „Schwarzwälder Bote“ erweist dabei den größten Hang zur Bigotterie.

Die Moral hochhalten, aber ausführlich berichten

Acht Artikel sind dort zu der Sache bisher erschienen. Der erste trägt den Titel „Bürgermeisterin wieder in den Schlagzeilen“; auf Facebook hat ihn der „Schwarzwäler Bote“ mit dem Hashtag „#Ehekrise“ verbreitet, und im Text ist von einer „anrüchigen Story“ die Rede, von einem ersten „privaten Zwist“ vor einiger Zeit, und dass es nun, auf diesem Parkplatz, „erneut zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen den Eheleuten“ gekommen sei. So eine private Ehekrise ist beim „Schwarzwälder Boten“ ein heißes öffentliches Thema.

Obwohl sie das eigentlich gar nicht gut finden. Andererseits nämlich berichtet der „Schwarzwälder Bote“ darüber, wie fies die „BamS“-Geschichte doch sei: Eine ganze Seite seien die „privaten Streitigkeiten“ der Zeitung wert gewesen, heißt es in einem der ersten Artikel. „Sicher ein unangemessen reißerischer Artikel über rein private Probleme, sicher auch peinlich für die Bürgermeisterin.“ Weil die Sache aber eben „rein privater Natur“ sei, solle sie „hier nicht ausgebreitet werden“, erklärt der „Schwarzwälder Bote“ – um die private Story dann doch noch in Teilen nachzuerzählen, nur wenige Stunden später.

Einerseits so pikiert tun, andererseits so ausführlich berichten – das muss man erst mal hinkriegen. Zumal der „Schwarzwälder Bote“ ja auch rumgefragt hat, wie die Menschen in der Kleinstadt die Berichte finden. Der überwiegende Tenor sei: Sie „lehnen eine Skandal-Berichterstattung aus dem Privatbereich der Bürgermeisterin ab.“ Im „Bild am Sonntag“-Artikel steht übrigens, ganz im Gegenteil, die Einwohner der Stadt würden „hinter vorgehaltener Hand fordern“, dass die „Skandal-Bürgermeisterin“ zurücktrete. Alles an diesem „BamS“-Text und was er ausgelöst hat, ist vernichtend.

Wo ist das öffentliche Interesse?

Es ist nichts bekannt, das es rechtfertigen würde, die Privatsache dieser Frau so auszuschlachten. Auch, wenn sie Bürgermeisterin ist. Auch, wenn es der (privat nutzbare) Dienstwagen war. Auch, wenn ihr Ehemann einen Peilsender an dem Wagen angebracht haben sollte, was zudem nicht bewiesen ist.

Wo ist das öffentliche Interesse? In der Tat gibt es politisch relevante Dinge, die man als (Lokal-)Journalist thematisieren kann. Zum Beispiel soll die Bürgermeisterin in den vergangenen Monaten häufiger krank und deshalb abwesend gewesen sein. Wenn diese Abwesenheit der Verwaltung der Stadt schadet, ist das natürlich ein Thema. Kommt halt drauf an, wie man es behandelt.

Der „Schwarzwälder Bote“ erwähnt das auch, und rechnet ordentlich deutsch vor, dass die Bürgermeisterin ja nachmittags auf den Parkplatz gefahren sei, und das mache: „Mindestens drei Stunden Abwesenheit. Dabei stapeln sich die Aktenberge auf ihrem Schreibtisch.“

Für die Stadt selbst aber ist das Fehlen der Bürgermeisterin im Moment offenbar kein Problem: Man sehe keinen Handlungsbedarf, sagte ein Sprecher der Freien Wähler dem „Schwarzwälder Boten“. Durch die bisherigen Abwesenheitszeiten der Bürgermeisterin seien „die Verwaltung und wir schon ganz gut eingeübt“. Nur einer aus der CDU klagt, das sei „kein Dauerzustand“. Ansonsten hält man sich im Rathaus und bei Behörden aber insgesamt bedeckt.

Wieso? Um die Privatsphäre der Bürgermeisterin zu schützen.

Medien besser kritisieren. Mit Ihrer Unterstützung.

 
Medien besser kritisieren.

20 Kommentare

  1. Die moderne Sicht auf die Ehe ist zutiefst schizophren geworden. Noch immer wird die Ehe gesetzlich geregelt und öffentlich zelebriert, wie es der öffentlichen Institution gebührt, die sie einmal war. Gleichzeitig wünscht man sich, sie solle der Privatsphäre zugerechnet werden, und die Gemeinschaft, die sie trägt (und mit Steuervorteilen begünstigt) möge sich für etwaige Verletzungen der Vereinbarung bitte nicht interessieren und sie nicht bestrafen.

  2. „Für die Stadt selbst aber ist das Fehlen der Bürgermeisterin im Moment offenbar kein Problem (…) Durch die bisherigen Abwesenheitszeiten der Bürgermeisterin seien „die Verwaltung und wir schon ganz gut eingeübt“.“

    Bedeutet: Die Stelle kann gestrichen werden.

  3. Eigentlich ist das eine herzerwärmende Geschichte über die Läuterung eines eifersüchtigen Ehemanns.

    Der Ehemann der Bürgermeisterin ist eifersüchtig. Er glaubt, daß seine Frau einen anderen hat. Er bringt einen Peilsender an ihrem Kraftfahrzeug an und folgt ihr heimlich. Und dann stellt er fest: Sie hat gar keinen anderen! Sondern sie fährt zu einem als Sex-Treffpunkt bekannten Parkplatz, um dort einfach nur unverbindlichen Sex zu haben. Es passiert alles anonym, es gibt keinen Nebenbuhler, keinen Liebhaber. Der Ehemann hat also keinen Grund mehr, eifersüchtig zu sein. Er kann sich darauf verlassen, daß seine Frau jeden Abend zu ihm nach Hause kommt. Alle sind glücklich.

    Aber nein: Selbst im 21. Jahrhundert taugt Sex außerhalb der Ehe immer noch als Skandal, der von der Presse genüsslich ausgewalzt wird.

  4. @Daniel Rehbein, #3
    Rein so interessehalber: Wäre es nicht viel interessanter, aus Zeitung-verkaufs-sicht, mal eine komplett andere Interpretation von so News zu lesen wie deine als immer die gleiche Emotion? „Jemand hatte irgendwie gesellschaftlich nicht anerkannten sex? SKANDAL!“ Da reicht doch die überschrift schon, mehr brauch ich nicht zu wissen. „Jemand hatte irgendwie gesellschaftlich nicht anerkannten sex: Welche vorteile es haben könnte“ Da muss ich wenigstens die Zeitung kaufen, ums rauszufinden.

    Wenn man von irgendner Neuigkeit hört und weiß „Ah, die dingens-zeitung wird das wieder als beängstigend/skandal darstellen“… wozu liest man dann überhaupt noch die dingens.

  5. Zeigt eigentlich nur eins: Obwohl viele erwachsene und jugendliche Menschen Sex haben ist Sex immer noch kein alltägliches Thema wie z.B. Durchfall – obwohl Durchfall hatten wir ja beim Wettbewerb der Geher bei den Olympischen Spielen.

    Ich mag die Kommentare der Schwarzwälder, man solle der Oberbürgermeisterin ihr Privatleben lassen. Ich finde es gut, wenn sie Sex hatte. Sex ist gut

    Der wahre Skandal sollte hier der Ehemann mit Peilsender sein. Ich denke, hier hat er gegen Datenschutz und das Recht auf Privatsphäre verstoßen: Hier sollte die Staatsanwaltschaft ermitteln.

    Und zu Bild: Wenn das in einem tiefmuslimischen Land passieren sollte, wäre hier der Skandal eine mögliche Strafe gegen die Frau und nicht ihr Ausflug ins Grüne

  6. 1. Nach allem was hier steht, eine offensichtliche Verletzung der Privatsphäre durch die BILD, ganz egal, ob die Bürgermeisterin den Wagen auch privat nutzen durfte oder nicht.

    2. Dass die BILD-Berichterstattung nach Bekanntwerden dann aber lokal Wellen schlägt und wahrgenommen wird, scheint mir weniger kritikwürdig, der Artikel „Bürgermeisterin wieder in den Schlagzeilen“ beim Schwarzwälder Boten auch eher normal. Die anderen hab ich nicht gesucht und gelesen.

    Sowas wie „Bürgermeisterin wieder in den Schlagzeilen“ ist dann unvermeidbar, eine Lokalzeitung kann ja nur schwer „das“ Stadtgespräch totschweigen, hier bei Übermedien wird ja auch nicht darauf verzichtet, den Schwarzwälder Boten zu nennen, wodurch dann auch klar wird, wo die Bürgermeisterin Bürgermeisterin ist. Und das muss Übermedien auch nicht (man fragt sich aber, warum die Stadt der Bürgermeisterin anders als der Rest im BILD-Bildausriss nicht gepixelt wurde?).

  7. @6Krimekri: Sie haben recht, ich hatte eine Bildzeile im Ausriss übersehen. Mein Fehler. Habe sie nun auch verpixelt. Danke für den Hinweis!

  8. Kurz gesagt: Mal wieder entpuppen sich die „Journalisten“ als Schweine – sie lieben es einfach, mit der Nase im Dreck zu wühlen…

  9. @3 und 5
    Wenn eine Beziehung (egal ob mit oder ohne Trauschein) mit der Erwartungshaltung einer monogamen Lebensweise einhergeht, wird das eigentlich zu Beginn der Beziehung geklärt. Sie sehen Sex mit anderen Personen außerhalb einer bestehenden Zweierbeziehung als unkompliziert und völlig normal an. Das möchte ich nicht bewerten. Gerade in einer sogenannten „offenen“ Beziehung, bei der beide vereinbart haben, dass unverbindlicher Sex mit anderen kein Problem sei, ist das Angelegenheit der Betroffenen, und wenn es denn tatsächlich so funktioniert, dass beide damit glücklich sind – toll.
    Sollte aber ein monogamer Lebenstil in der Beziehung vereinbart worden sein, ist es nachvollziehbar, wenn der eine verletzt ist, weil der andere die Vereinbarung bricht. Das der Verletzte dann ünerreagieren kann, sich Klarheiten verschaffen möchte, sich dabei daneben benimmt ist vor allem: menschlich.
    So wenig ich die vermeintliche Nomalität von unverbindlichen Sex bewerten möchte, sowenig möchte ich bewerten, wenn jemand auf eine monogame Beziehung Wert legt.
    Der Ehemann ist hier letztlich ebenso Opfer einer unseriösen Berichterstattung wie seine Frau. Beider Privatsphäre wird verletzt je nach Blickwinkel auf die Berichterstattung. Auch wenn Ihr Blickwinkel ein anderer ist, fahren Sie letztlich auf die unseriöse Berichtersattung ab. Sie bewerten. Sie weisen Schuld zu.
    In diesem Punkt unterscheiden Sie sich gar nicht so sehr von den Leuten, die sie eigentlich kritisieren wollen.

  10. @9 Jub 68
    Da habe ich mich wohl schlecht ausgedrückt.

    Ich sehe hier kein Vergehen im Amt als Bürgermeister oder sonst ein Verbrechen oder Ordnungswidrigkeit. Wenn das der Maßstab für die Berichterstattung ist, dann hat hier der Ehemann – wenn das mit dem Peilsender stimmt – gegen Recht verstoßen bzw. muss das geklärt werden.

    Was ich sagen wollte: Sex ist für mich kein Grund für eine Berichterstattung.

  11. @10
    Die Frage ist, ob der Ehemann, dessen Verhalten sicherlich auch strafrechtlich untersucht werden kann, hier der „wahre Skandal“ ist.
    Hätte man anders berichtet, nach dem Motto:
    Frau und Bürgermeisterin lebt ihre Sexualität aus, was eigentlich niemanden etwas angeht, aber absolut in Ordnung ist, was allerdings der verklemmte Ehemann nicht einsieht und sie deswegen illegal überwacht um dann das Ergebnis der Überwachung anzuzeigen. Was für ein verklemmter, ewig gestriger Schuft!
    Hätten Sie dann die Berichterstattung als akzeptabel empfunden?
    Meines Erachtens wäre das ebenso abstrus, wie die Art der Berichterstattung, die Boris Rosenkranz hier kritisiert.

  12. Der Fall zeigt (mal wieder) deutlich:
    Immer wieder treten Medien (sowohl die Großen als auch die Kleinen machen dabei mit) die Persönlichkeitsrechte durchs Land, die entsprechenden Stellen im Pressecodex finden keine Beachtung.
    Hier wird auf breiter Front eine Person öffentlich bloßgestellt und durch den Dreck gezogen.
    Der entstandene Schaden ist irreparable.
    Ich möchte nicht wissen, wie viele Menschen diesem psychologischen Druck in der Vergangenheit nicht stand gehalten haben – mit fatalen Konsequenzen.
    Um eine derartige Berichterstattung einzudämmen, müssten Gerichten Medienhäuser zu sehr hohen Schadensersatzzahlungen verurteilen.
    Etwa in diesem Stil:
    http://www.gala.de/stars/news/starfeed/hulk-hogan–31-millionen-dollar-schadensersatz-20039294.html
    Leider ist das in Dtl. nicht zu erwarten.
    Und so macht dieser „Journalismus“ immer weiter.

  13. Der angeblich anonyme Sex diente der Übergabe von Geld für Bau-aufträge!
    Alles ein ganz geschicktes Cover-up…
    Und tatsächlich hatte man auch noch eine Leiche im Kofferrraum,die der anonyme Sexpartner/Bau-Unternehmer entsorgen sollte…
    So wird die Sache doch interessant:
    Sex and Crime
    die von der Bild habens echt nicht mehr drauf,schade.
    Der diekmann muss da mal aufräumen und diesen Anfängern mal die Grundagen beibiegen-
    „Extrablatt“ mit Lemmon und Matthau,“Liberty Valance“ mit Wayne und Stewart wären ein Anfang um die journalistische Bildung zu befeuern.
    Harharhar

  14. Fehlt noch der Hinweis, dass die Bürgermeisterin durch ihr Privatleben ja „erpressbar“ sei.

    Ganz spießig gesagt, hoffentlich nimmt sie ihren Amtseid ernster als ihr Ehegelöbnis. Aber DAS scheint ja gar nicht Thema zu sein.

  15. Der wahre Skandal ist doch, dass die Politiker sich mit ihren eh schon teuren Dienstwagen (alle mit Stern, Propeller oder Ringen, drunter gehts ja nicht) auch noch auf Steuerzahlerkosten privat vergnügen dürfen.
    Der Rest ist typische Bigotterie.

  16. @ 14 mycroft
    Der bigotten Berichterstattung des Schwäbischen Boten kann man in mehreren Artikeln entnehmen, dass sie zum Zeitpunkt des Vorfalls bereits in Trennung von ihrem Ehemann lebte, die Trennung war mit einem Umzug verbunden, was auch zur Abgabe ihres Kreismandates führte. Sie hatte also, auch wenn der formelle Part noch ausstand, ihr Ehegelöbnis bereits aufgekündigt. Wenn man sich im Trennungsjahr befindet, ist man aus ethischer Sicht wohl nicht mehr zur Treue verpflichtet. Wenn sie die Beziehung bereits in dieser Form beendet hat, bevor sie sich neuen Begegnungen zuwendet, dann darf man schon unterstellen, dass ihr das Ehegelöbnis nicht völlig unwichtig war.
    Womit nun auch DAS ein Thema war und ich nun doch noch im Schwäbischen Boten gelesen habe, genau das was ich eigentlich vermeiden wollte.

  17. @Jub 68:
    Ich vermute mal, die Schlagzeile: „Bürgermeisterin wird von Ex-Mann gestalkt“ appelliert nicht so stark an die niederen Instinkte.

    Ob man im Trennungsjahr ethisch zur Treue verpflichtet ist, ist ein weites Feld. Was meinen Sie konkret mit „ethisch“: im Allgemeinen Sinn nach Kant? Mehr im moralischen Sinn? Im juristischen Sinn? Spontan gefragt bin ich der Meinung, dass das Trennungsjahr Gelegenheit geben soll, die geplante Scheidung noch zu überdenken, insofern gehört es noch zur Ehe. Frau Kraft darf sich in der Zeit nach ihrer Abwahl bis zum Beginn der nächsten Legislaturperiode ja auch nicht anders verhalten als als Ministerpräsidentin.
    Da ein Amt im Unterschied zur Ehe aber eine Ablauffrist hat, ist der Vergleich zugegebenermaßen etwas schief. ;-)

  18. @9 (JUB 68):

    Ich bin genauso wie Sie davon ausgegangen, daß in der betreffenden Ehe die Monogamie vereinbart wurde. Ansonsten wäre es von Vornherein unlogisch gewesen, daß der Ehemann eifersüchtig war. Und der Ehemann hat nun gemerkt: Seine Frau geht nicht fremd, sie hat lediglich anonymen unverbindlichen Sex. Es ist bloß Sex, mehr nicht! Es gibt keinen Liebhaber, die Ehefrau lebt also treu und monogam.

    Ich teile auch Ihre in #11 geäußerte Einschätzung, daß der Fall unabhängig von der Sichtweise nicht hätte veröffentlicht werden sollen. Nun ist er aber veröffentlicht worden, also sollte man kritisch darüber diskutieren, welcher Spin bei dieser Veröffentlichung mitgegeben wurde und ob der noch zeitgemäß ist.

  19. @18 Daniel Rehbein
    Das ist eine sehr eigenwillige Interpretation von Monogamie, die Sie da vornehmen. Ich denke, eine erhebliche Gruppe von Menschen würde unverbindlichen Sex ohne weitere Gefühle dennoch als Verletzung der Vereinbarung empfinden. Das muss man meiner Meinung nach genauso akzeptieren, wie Ihre unkonventielle Sichtweise der Dinge.

    @17 mycroft
    Ich meine das im moralischen Sinne, und das macht es schwierig. Was Sie da ausführen, entspricht ja tatsächlich dem Normzweck der Gesetzgebung, die das Trennungsjahr einfordert. Dennoch würde ich niemanden vorwerfen, wenn er in dieser Zeit bereits andere Beziehungen eingeht, egal in welcher Form. Man hat in dieser Situation die Trennung eigentlich vollzogen und sitzt eine nicht selbstbestimmte Frist ab. Den eigentlichen Bund hat man bereits aufgelöst, deswegen sehe ich keine Verpflichtung zur weiteren Treue im Trennungsjahr. Wer dieses Jahr tatsächlich benötigt, um sich über die Kosequenzen einer Scheidung klar zu werden, wird sich ohnehin nicht in weitere Konflikte stürzen. Ganz einfach: Man muss davon ausgehen, dass eine ganze Reihe von Leuten bereits vor dem Vollzug der Trennung intensiv geprüft haben, ob diese Entscheidung für sie richtig ist und dann das Trennungsjahr als eine Zeit empfinden, die man aushalten muss. Wendet man sich unter diesen Umständen bereits einem neuen Lebensentwurf zu, würde ich das nicht negativ bewerten. Ist das jetzt klarer geworden?
    Wir bewegen uns hier ohnehin auf einem Feld, wo es sehr schwierig wird, richtige und falsche Ansichten zu markieren.

  20. @JUB 68, #19:
    Ja, das ist jetzt deutlicher geworden. Da zumindest ihr Noch-Ehemann andere Vorstellungen vom „richtigen“ Verhalten im Trennungsjahr hat, gibt es wohl ein gewisses Diskussionspotential, aber der Artikel scheint mehr auf die Sensationsgeilheit der Leserschaft abzuzielen als auf Fragen zum Scheidungsrecht.
    So, wie nicht jeder Artikel über Schumacher die Gefahren von Skiunfällen darstellt.

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