Der „Freitag“ montiert aktuelle Fragen in fünf Wochen altes Interview

Die Wochenzeitung „Der Freitag“ hat am Dienstagmorgen ein langes Interview mit dem französischen Autor und Soziologen Didier Eribon veröffentlicht. Um Punkt 6 Uhr morgens erschien es auf der Internetseite der Zeitung – aber nur für wenige Stunden. Seit Dienstagabend ist es wieder verschwunden.

Screenshot des wieder gelöschten Interviews mit Didier Eribon in der Wochenzeitung "Der Freitag"

In dem Interview hatte der „Freitag“ Eribon zu den Präsidentschaftswahlen in Frankreich befragt, insbesondere zu den Kandidaten Marine Le Pen und Emmanuel Macron. Die erste Frage lautete:

Herr Eribon, der neue französische Politikstar Emmanuel Macron hat Marine Le Pen in der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen knapp geschlagen. Wird er der nächste französische Präsident?

Didier Eribon antwortete angeblich darauf:

Macron wird wahrscheinlich gewinnen.

Auch danach geht der „Freitag“ auf den Ausgang der ersten Wahlrunde ein.

Freitag: Er [Macron] lag nur 2,5 Punkte vor Le Pen.

Eribon: Ich habe gesehen, dass die deutsche Öffentlichkeit sich sehr auf Marine Le Pen konzentriert – gerade so, als ob sie gewinnen könnte. Die Wahrscheinlichkeit ist gering.

Das Problem ist nur: Diese erste Wahlrunde fand am 23. April 2017 statt, das Interview wurde aber bereits am 19. März 2017 geführt, also fünf Wochen vorher. Darauf hat Eribon gestern via Twitter hingewiesen: „Vorsicht“, schrieb er, „dieses Interview wurde einen Monat vor der ersten Runde geführt, und die Fragen wurden ohne meine Zustimmung verändert.“

Tweet des französischen Soziologen Didier Eribon, in dem er schreibt, dass das Interview mit ihm in der Zeitung "Der Freitag" einen Monat vor der ersten Wahlrunde in Frankreich erschienen sei, und dass die Zeitung die Fragen nachträglich und ohne seine Zustimmung geändert habe.

Auf Anfrage von Übermedien bekräftigt Eribon das. Das alte Gespräch sei so veröffentlicht worden, als handle es sich um ein aktuelles. Seine Antworten habe der „Freitag“ nicht geändert, „aber wenn man die Fragen verändert, verändert man auch die Bedeutung der Antworten“, schreibt Eribon. Hätte das Interview nach der ersten Runde stattgefunden, hätte er anders geantwortet. Aber dazu wäre es wahrscheinlich gar nicht gekommen: „Ich wollte zwischen den beiden Runden kein Interview geben und keine Artikel schreiben.“

Aus dem Text, der so auch in der Print-Ausgabe erschien, geht nirgends hervor, dass es ein altes Interview ist, das der „Freitag“ nachträglich aktualisiert hat. Im Vorspann heißt es nur vage, dass der Autor Eribon „in Berlin am Rande der Produktion einer Bühnenversion seines Buches […] getroffen“ habe. Wann das war, steht da nicht. Und jetzt steht es ohnehin gar nicht mehr auf der Seite, weil das Interview gestern zunächst kommentarlos und ohne Hinweis gelöscht wurde. Der Tweet dazu existierte aber die ganze Zeit.

Christian Füller, erst seit Ende Februar Chefredakteur des „Freitag“, findet, das sei ein „sehr tolles Interview“ gewesen. Füller bestätigt, dass es vor der ersten Wahlrunde geführt wurde; sie hätten es auch vorher bringen wollen, aber dann verschoben. Er selbst, sagt Füller, habe die ersten beiden Fragen „aktualisiert“ – ohne den Interviewten noch mal zu kontaktieren. Es sei sein Fehler, Eribon das Interview nicht mehr vorgelegt zu haben. Außerdem: „Herr Eribon hatte keine Autorisierung verlangt, wie in Frankreich so üblich.“

Offenbar ist es also ratsam, ausdrücklich auf eine Autorisierung zu bestehen, wenn man dem „Freitag“ ein Interview gibt; der Chefredakteur handhabt es bei Interviewanfragen an ihn genauso. Auf den Gedanken aber, dass es keine so gute Idee ist, in ein altes Gespräch einfach aktuelle Fragen zu montieren, ist Füller wohl nicht gekommen. Und er widerspricht auch Eribon: „Die Bedeutung des Interviews ist nicht verändert worden, das Narrativ ist dasselbe wie von ihm auch in anderen Zeitungen veröffentlicht.“

Trotzdem wurde das manipulierte Interview nun „im Einvernehmen mit Didier Eribon“ von der Seite genommen. Das werde für den Leser auch „transparent gemacht“, sagt Füller. Wie diese Transparenz aussieht, kann man nun auf der Seite nachlesen, auf der das Interview war. Dort steht, „in eigener Sache“:

Der hier verlinkte Text wurde gelöscht, weil er aufgrund eines redaktionellen Fehlers zu einem falschen Zeitpunkt erschien. Wir bitten, dies zu entschuldigen.

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13 Kommentare

  1. Natürlich verändert sich die Bedeutung, ob man Macron innerhalb eines Umfeldes ganz verschiedener Kandidaten kritisiert oder als einzigen Gegenkandidaten einer Recbtsextremistin. Abgesehen davon geht es gar nicht, zu gegebenen Antworten völlig neue Fragen hinzuzudichten oder alte Interviews als neu zu verkaufen. Wenn das dem Chefredakteur nicht klar ist, disqualifiziert das das ganze Blatt.

  2. Leider ist festzustellen, dass der Freitag unter/mit Herrn Füller (gelenkt/finanziert von Jakob Augstein) sich immer weiter Richtung MSM bewegt. Aber man darf dort eigentlich auch keine journalistisch korrekten Artikel erwarten, denn es ist ja – gemäß Selbstbeschreibung – ein Meinungsmedium.

  3. Mainstreammedien :-) Abkürzung stammt nicht von mir, lese sie halt in letzter Zeit sehr oft.

  4. Ja. liest man sehr oft. Wenn man sich vornehmlich auf rechten Webseiten rumtreibt. Oder anderswo Kommentare von deren sendungsbereiter Leserschaft lesen muß. Ein wunderbarer Trollindikator.

  5. Ich dachte eher an MicroSoft Mettwork.

    Den hier vorliegenden Fall finde ich mehr als bedenklich, schrammt sogar an Fälschung vorbei.
    Neue Fragen zu bekannten Antworten erfinden, diese in ein anderes Interview zu packen und dieses als tagesaktuell zu verkaufen bedarf schon einer gewissen kriminellen Energie.
    Und sich dann noch dafür zu loben und nicht einsehen wollen, was daran falsch sein könnte, ist das Erschreckenste.
    Wenn Gesetze gegen Fake News eingeführt werden sollten, hoffe ich auf viele Klagen gegen solch „journalistische“ Erzeugnisse.

  6. Demnächst in „Freitag“:
    Aktualisiertes Interview mit dem vor 5 Wochen Verstorbenen *, in dem er sich kritisch zu seiner Trauerfeier auslässt.
    * jeweils aktuellen Namen einfügen

  7. Bemerkenswert, wie sich „Der Freitag“ in nur wenigen Wochen (nach der Reski-Geschichte) damit selbst in die Bedeutungslosigkeit geschossen hat.

  8. @ KLAUS THOMAS HECK, # 8

    »Bemerkenswert, wie sich „Der Freitag“ in nur wenigen Wochen (nach der Reski-Geschichte) damit selbst in die Bedeutungslosigkeit geschossen hat.«

    Das ist ja das Gute an diesen Mainstream-Medien: Man muss nur lange genug warten, bis wieder ein Journalist bei einem der zahlreichen Artikel Mist baut und damit die gesamte Publikation in die Bedeutungslosigkeit schießt. Da haben’s die Alternativmedien natürlich leichter. Dort werden die Erwartungen nie enttäuscht.

  9. @ Axel E. aus B. #9
    „ein Journalist bei einem der zahlreichen Artikel Mist baut“
    Es ist immer bequem, einen solchen Fall zu einem individuellen Versagen zu erklären.
    Das scheint mir hier aber nicht so ganz zu passen, denn immerhin war der Chefredakteur im Spiel, also mutmaßlich mindestens 4 Augen.
    Wie sieht es da mit den systemischen Aspekten aus? Wie mit einer Kultur, in der ein so riskanter bewusster Betrug durch mehrere als möglich oder gar normal angesehen wird?

  10. #6 MyroSoft-Mettwork – Top.

    Seit der Reski Geschichte ist der Freitag mitsamt Augstein, für mich, abgehakt.
    Trifft scheinbar doch zu oft seinen Bild Kumpel zu „Scheingefechte“.
    Das haben mir meinen Eltern schon als Warnung auf den Lebensweg mit gegeben „Pass auf mit wem du dich abgibst, Bub“.
    In manchen Dingen hatten sie halt doch Recht.

  11. @ ANDREAS MÜLLER, #10

    »Es ist immer bequem, einen solchen Fall zu einem individuellen Versagen zu erklären.«

    Nein. Viel bequemer wäre es, jedes individuelle Versagen mit einem dahinterstehenden System zu erklären.

  12. @Axel B. / 9:

    Sie missverstehen mich. Ich bin selbst lange genug Redakteur und halte weder etwas von Verschwörungstheorien noch von diesem elenden Mainstreammedien-Gequatsche. Und Fehler macht jeder. Es ist aber doch nach diesen beiden Geschichten offenkundig, dass der „Freitag“ ein Führungsproblem hat. Von Herausgeber und Chefredakteur sollte man mehr Problembewusstsein, Transparenz und Verantwortungsgefühl erwarten können.

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