Fragen wir mal Dr. Laber

Journalisten lassen sich gerne von Psychologen und Ärzten Dinge erklären, auch weil das ordentlich was hermacht. Ärzte und Psychologen haben in der Regel studiert, das ist schon mal eindrucksvoll; dann tragen viele auch noch so ein Prof. oder Dr. vor dem Namen, und ihre Fachgebiete klingen mysteriös oder lateinisch oder beides. Wenn so jemand redet, kauft man dem gleich alles ab, schließlich der hat das gelernt; der weiß also, wovon er redet. Und dem journalistischen Beitrag verleiht so ein Weißkittel einen seriösen Glanz.

Das ist der Idealfall.

In der „Huffington Post“ erschien vorige Woche ein Interview mit einem Arzt, das auch strahlt, allerdings nicht vor Intelligenz. Der Arzt, der dort redet, heißt Hans-Joachim Maaz, er ist Anfang 70, Psychoanalytiker, und er trug den Dr. vor seinem Namen meistens durch Halle (Saale), wo er bis zu seinem Ruhestand (2008) Chefarzt war. Maaz hat einige Bücher veröffentlicht, eins erschien 1990 mit dem Titel: Der Gefühlsstau. Ein Psychogramm der DDR. Es machte Maaz bekannt. Und wenn heute Menschen über den Dr. reden, sagen sie, er lege „ganz Deutschland“ auf die Couch.

Das war jedenfalls mal so. Momentan liegt auf der Couch nur eine einzige Frau: die Kanzlerin. Vor einigen Monaten hatte Maaz bereits wissen lassen, Merkel scheine von „allen guten Geister verlassen“. Das war noch milde. Denn nun, sagt Maaz der „Huffington Post“, sei es „deutlich schlimmer geworden“!

Maaz über Merkel

Screenshot: tlz.de

Maaz behauptet jetzt, Merkel habe eine „narzisstische Grundproblematik“, ein „Selbstwertdefizit“ und ein „künstlich aufgeblasenes Selbstbild“; sie sei unsicher und offenbar „seelisch verpanzert“, lasse keinen an sich ran; ihr Verhalten sei „vollkommen irrational“; man müsse befürchten, sagt der Dr., dass sie den „Bezug zur Realität verloren“ habe; und wenn auch noch die Anerkennung für ihre Arbeit schwinde, dann:

Dann kommt die Einsamkeit, vielleicht der Alkohol und ein psychischer Zusammenbruch.

Vielleicht Alkohol, auf jeden Fall aber ein Kollaps – da ist sich Maaz sicher. Das restliche Interview strotzt nur so vor Mutmaßungen und behaupteten Tatsachen: Maaz zeichnet das Bild einer narzisstischen, realitätsfernen Frau mit Zügen von Größenwahn, der ein „psychischer oder psychosomatischer Zusammenbruch“ unmittelbar bevor stehe. Er sagt das mit der Erdschwere des erfahrenen Mediziners.

Zwischenüberschrift der "Huffington Post" – aus Geschwafel Fakten machen.

Zwischenüberschrift der „Huffington Post“ – aus Geschwafel Fakten machen.

Narzissmus ist eine Persönlichkeitsstörung. Um sie bei einem Menschen zu diagnostizieren, bedarf es, wie bei jeder psychologischen Diagnose, etlicher Sitzungen mit dem Klienten, und selbst dann können Unschärfen bleiben.

Maaz ist das egal. Er stellt trotzdem eine Ferndiagnose. Und Ärzte und Psychologen, die so arbeiten, gibt es inzwischen zuhauf. In den Schmutzblättchen, die beim Frisör liegen und in denen die Welt zurecht gelogen wird, lungern die größten dieser Scharlatane. Sie erkennen anhand eines Fotos, wie lange die Beziehung eines Prominenten-Paars noch andauern wird, sie schauen in Köpfe, erspüren Emotionen – manche legen nebenbei auch Karten. Als Dankeschön für ihre Expertise wird ihr Name und der Ort, an dem sie praktizieren, im Beitrag genannt. Das macht sie populär und beschert ihnen in der Regel neue Patienten.

Das ist das dämliche Dauergeschäft der Pseudo-Wissenschaftler – und es ist ein wenig egal. Schlimmer wird es, wenn etwas Weltbewegendes geschieht, das nach medizinischer Deutung verlangt.

Als voriges Jahr ein Flugzeug in den französischen Alpen gegen einen Berg raste, begann diese Deutungsmaschine zu rattern, da waren die Trümmer noch nicht mal kalt. Es ist ein menschlicher Reflex: Wissen zu wollen, wie das nur geschehen konnte, es zu verstehen, und in dieser Zeit auch noch möglichst schnell, möglichst sofort, selbst wenn die Faktenlage dünn ist und die Sache, um die es geht, komplex und schwer durchdringbar.

Als klar wurde, dass der Co-Pilot die Maschine absichtlich hatte abstürzen lassen, herrschte helle Aufregung, weil das so unfassbar war und offenbar ja irgendwas mit dem Kopf des Piloten nicht stimmte. Nur was? Die Psychologen und Ärzte, die damals auftraten, sagten meist, dass man ja noch fast nichts wisse und nicht spekulieren sollte – um dann genau das zu tun, minutenlang. Und die Journalisten fassten nach, damit sie halt irgendwas senden oder tippen können, zur Not ohne Erkenntniswert.

Spekulieren Sie doch mal.

Spekulieren Sie doch mal.

Geradezu exemplarisch ist das Interview, das n-tv damals mit Rainer Hellweg führte, Oberarzt an der Berliner Charité. Seit dem Absturz waren knapp 48 Stunden vergangen. Hellweg wand sich, sagte mehrfach, das sei ja alles nur Spekulation, spekulierte kurz drauf aber selbst, auf Nachfrage: Was der Pilot getan habe, könne auf eine narzisstische Kränkung hindeuten. Oder auf eine Depression. Oder, naja, vielleicht auch Drogen.

Anderer Sender: Deutsche Welle. „Was geht in dessen Kopf vor?“, fragte die Moderatorin die Ärztin und Psychologin Isabella Heuser am selben Tag. Allein die Frage ist schon bemerkenswert. Heuser sagte dann, sie glaube, dass es kein erweiterter Suizid gewesen sei, sondern ein Amoklauf. Aber: „Das ist natürlich schwer zu sagen.“

Mitteldeutsche Zeitung: Der Facharzt für Psychiatrie Manfred Wolfersdorf diagnostizierte, es handle „sich hierbei um einen erweiterten Suizid.“ Oder die Westdeutsche Allgemeine Zeitung: Der Psychologe Wolfgang Schmidbauer glaubte, es handle „sich hier wohl um einen kranken Menschen mit einer sogenannten bipolaren Störung.“ Und immer so weiter.

Ein anderes Beispiel für den Wahnsinn der Ferndiagnostik ist der Unfall des Rennfahrers Michael Schumacher, der im Dezember 2013 so schwer beim Skifahren stürzte, dass er seither nicht mehr in der Öffentlichkeit war. Schumacher befindet sich noch heute in der Rehabilitation. Und es ist klar, dass weltweit Fans Anteil daran nehmen; dass sie gerne wissen möchten, wie es Schumacher geht.

Damit reden sich dann Journalisten auch gerne raus, bei jeden großen Ereignis. Es heißt dann, dass es doch ein öffentliches Interesse gebe, zu wissen und zu berichten, was ist. Das Dumme ist nur: Es sagt ja keiner, was ist, weil es niemand weiß. Außer, im Fall Schumacher zum Beispiel: er selbst, seine Ärzte und sein engstes Umfeld.

Alle jene rücken allerdings wenig heraus – um ihr Privatestes zu schützen. Doch es gibt ja Ärzte, die Schumacher zwar nie behandelt haben, aber wissen, wie es mit ihm weitergeht. Schumachers Managerin Sabine Kehm betonte damals, wie sehr der Familie diese Ferndiagnosen missfielen. Das sei „in Teilen sehr verwerflich“, so Kehm, und die Interpretation des Gesundheitszustandes gehe „schwer an der Wirklichkeit vorbei“.

Sie bat deshalb die Medien – und die Ärzte – darum, die Ferndiagnosen einfach bleiben zu lassen, damit die Familie nicht dauernd korrigieren muss, und damit sich kein falsches Bild manifestiert. Es hielt nicht lange vor.

Ist es den Nahestehenden eines Schwerkranken, auch wenn es sich um einen Prominenten handelt, zu verdenken, dass sie Ruhe haben möchten? Dass die Angehörigen nicht am Kiosk lesen wollen, was angeblich ist? Beides ist gleichermaßen zynisch: Zu lesen, dass es mit dem Vater, Sohn, Mann bergauf geht, während man weiß, dass es auf der Kippe steht. Oder, wenn man Hoffnung schöpft, zu lesen, dass es nun echt keine Hoffnung mehr gebe.

Natürlich ist es legitim, gerade in einem Fall wie Schumacher, dass Journalisten mit Hilfe von Ärzten erklären, was das alles bedeutet, womit man (zum Glück) nicht täglich zu tun hat als Nicht-Mediziner: ein Schädel-Hirn-Trauma, ein Wachkoma, so eine Reha – es ist sogar ihre Aufgabe, das zu tun. Und es gibt gute, verantwortungsvolle Ärzte und Psychologen, die das gut und sachlich erklären können, und auch Medizin-Journalisten, die sich um Erkenntnis bemühen. Aber sie sind deutlich in der Unterzahl. Meistens tritt, vorwiegend männlich, Dr. Laber auf.

Bei Schumacher war das, zum Beispiel, Erich Riederer, ein Neurologe aus Zürich, der von Medien „Spezialarzt“ oder „Nerven-Spezialist“ genannt wird, aber nie Hellseher, obwohl er dieses Fach professionell bespielt. Im Interview mit dem Umsonstblatt „20minuten“ war er erst mal vorsichtig. Über den Zustand von Schumachers Gehirn könne er, so kurz nach dem Unfall, nichts sagen, sagte Riederer, „aufgrund der bisherigen Informationen, die wir ausschließlich von den Medien bekommen haben“.

Da war Riederer noch nicht im Training. Ein halbes Jahr später hatte er offenbar genug gelesen – nur eben die Krankenakte nicht. Riederer diktierte den Journalisten wieder etwas: „Ich könnte mir vorstellen“, sagte er. – „Alles andere würde mich sehr erstaunen.“ – „Vielleicht“ – „Je nachdem“– „Das dürfte bei Schumi auch der Fall sein.“ In einem Punkt war sich Riederer dann sicher: Er, Schumacher, werde für immer ein Invalider bleiben, ewig auf Hilfe angewiesen. Was dann viele andere munter abgeschrieben haben.

Im aktuellen Fall, also bei Dr. Maaz, ist es übrigens noch eine Spur perfider. Da geht es nicht nur um Aufmerksamkeit. Der psychiatrische Ansatz ist für Maaz ein Vehikel, um mal zu sagen, dass ihm Merkels Regierungsstil nicht passt. Er geht also nicht um die Psyche, sondern um Politik. Und zusammen mit der „Huffington Post“ macht er Stimmung gegen die Kanzlerin. Was er damit bewirkt, lässt sich in den Kommentaren zum Interview nachlesen.

Einige blasen der „Huffington Post“ den Marsch, was das für ein unsinniges Interview sei. Aber da sind eben auch sehr viele andere, die auf Maaz‘ Gerede voll einsteigen; die empfehlen, diese kranke Frau Merkel wegzusperren, wie man doch auch andere mit so einer Krankheit wegsperre. Maaz sorgt mit seiner „Diagnose“ auch dafür, psychische Krankheiten zu stigmatisieren und Betroffene auszugrenzen. Für tatsächlich psychisch kranke oder labile Menschen ein Schlag ins Gesicht.

Die Folge daraus ist gefährlich, aber vielleicht war das auch das Ziel. Der Volksseelendoktor Maaz heizt auf der einen Seite eine ohnehin überhitzte Debatte weiter an. Er geht sogar so weit, dass er Merkels angeblichen Narzissmus als „gefährlich für Deutschland“ einstuft. Damit liefert Maaz eine vermeintlich fundierte Legitimation für den Aufstand, der bereits in vollem Gange ist, auf rhetorisch inzwischen unterstem Niveau. Wie über Angela Merkel derzeit geurteilt und gerichtet wird, von allen Seiten, hat eine besondere Qualität, eine besonders niederträchtige.

Mit der „Huffington Post“ hat Maaz einen Verbündeten gefunden, eine Publikation, die ihre journalistische Verantwortung so grundlegend abgelegt hat, dass sie wirklich jeden Beitrag veröffentlicht, nur damit die Kommentarspalten überlaufen. Das wird dann wiederum als Erfolg gefeiert, selbst wenn dort mehr gehasst wird, als tatsächlich kommentiert.

Medien wie diese, die Hysterie schüren in Zeiten, in denen an Hysterie wahrlich kein Mangel besteht, scheren sich nicht um Aufklärung, sondern um Klicks und Auflage. Und Ärzte und Psychologen, die labern, bis noch ein Arzt kommt, missbrauchen den weitgehend guten Ruf ihres Berufsstandes, um sich hervorzutun – oder um Stimmung zu machen.

Nachtrag 5.2.2016. Leser haben uns darauf aufmerksam gemacht, dass im Text ein paar Bezeichnungen durcheinander gekommen sind. Vielen Dank! Wir haben das korrigiert. Und bitten, die Fehler zu entschuldigen.

Medien besser kritisieren. Mit Ihrer Unterstützung.

 
Medien besser kritisieren.

14 Kommentare

  1. Beeindruckende Auflistung und Analyse. Dafür zahlt man gerne das Abo (das eh schon sehr preiswert ist). Danke dafür!

  2. Ich schließe mich Theo voll und ganz an. (Ausgerechnet Maaz, man fasst es nicht, den „Gefühlsstau“ habe ich damals verschlungen)

  3. Lieber Herr Rosenkranz,
    in Ihrem Artikel
    gibt es Ärzte die Psychologen sind: Frau Heuser
    gibt es Ärzte die Psychoanalytiker sind: Hans-Joachim Maaz
    gibt es Ärzte die keine Psychologen sind: Rainer Hellweg, Manfred Wolfersdorf.
    gibt es keine Psychologen die keine Ärzte.
    Wenn Sie nicht die Berufgruppen kennen über die Sie schreiben, dann kann ich nachvollziehen warum alles für Sie mysteriös, lateinisch oder beides ist.

  4. „Der Psychologe Manfred Wolfersdorf diagnostizierte, es handle „sich hierbei um einen erweiterten Suizid.“ “
    Der „Erweiterte Suizid“ ist meiner Kenntnis nach keine psychologische Diagnose, sondern ein juristischer Begriff. Insofern handelte es sich zwar zum damaligen Zeitpunkt wohl um eine Spekulation, denn andere Möglichkeiten als ein Suizid konnten noch nicht sicher ausgeschlossen werden/sein, aber nicht um eine Diagnose. Also hat Manfred Wolfersdorf auch nicht „diagnostiziert“ sondern nur spekuliert.

    Meine 2 Ct.

  5. Sehr lesenswert, eine Kleinigkeit stört mich aber dennoch: Ein in der Psychiatrie tätiger Arzt ist kein Psychologe, sondern Psychiater (es sei denn er hat sowohl Medizin als auch Psychologie) studiert. Psychologe = jemand der Psychologie studiert hat, Psychiater = Arzt im entsprechenden Fachgebiet. Da passt bei einigen Akteuren im Artikel die Berufsbezeichnung nicht, Maas ist z.B. Psychiater. Für die Kernaussage spielt das hier sicher keine Rolle, es handelt sich aber um völlig verschiedene Studiengänge, nur dass beide nach absolvierter Psychotherapieausbildung therapeutisch arbeiten dürfen.

  6. Nun ist Boris Rosenkranz glücklicherweise nicht der einzige der das wahrnimmt. Ein Detail dieser Geschichte um Maaz berechtigt dann (wenn man es alttestamentarisch sehen möchte) ebenfalls zur Ferndiagnose:
    Die Distanzminderung, die unseriöse Beurteilung ohne verifizierte Befunde, die mangelnde Ethik (vor allem wenn er selbst an seine Ausführungen glaubt) usw. das alles deutet auf einen fortgeschrittenen geistigen Verfall hin.
    Was die Schuld der beteiligten Journalisten ein Stück vergrößert, sie versäumen nicht nur den Leser vor derlei Unsinn zu schützen, sie schützen Maaz ebensowenig vor dem Verlust seiner Reputation.

  7. Danke dafür.
    Ferndiagnosen sind natürlich ethisch verwerflich, da oft falsch oder wurscht oder beides. Im Fall von Frau Merkel ist das ja fast Rufmord. Es ist nicht so, dass Journalisten es versäumen, die Leser zu schützen. Sie gehen aktiv auf „Experten“ zu. Dieser Journalismus macht im Übrigen vor keiner Zunft halt und in allen gibt es moralisch ungefestigte, gefallsüchtige Exemplare. Insofern ist nicht Dr. Laber das Problem, sondern ihre eigene Zunft und natürlich die Produktionsbedingungen im real existierenden Kapitalismus.

  8. Medizin ist keine exakte Wissenschaft. Sie können mit der derselben Diagnose zu zwei verschiedenen Ärzten gehen und sie haben zwei Diagnosen. Das ist relativ normal. Die wichtigste Grundlage für eine Diagnose ist die Anamese. Sie berücksichtigt alle Informationen. Deswegen danke für den Artikel.

  9. Kennen Sie das auch – Sie halten eigentlich einige Stücke auf Autoren, Teams, Webplattformen – und plötzlich taucht da ein Artikel über ein Gebiet auf, dass Sie zufällig gut kennen und Sie stellen fest – meine Güte ist das schlecht was dort geschrieben steht.

    Ich bin lange Zeit Bildblog Fan, habe u.a. aufgrund des dortigen Engagements von @niggi ein Krautreporter-Abo abgeschlossen, hier bin ich noch kein Abonnent – und dieser Artikel trägt nun nicht gerade dazu bei, handwerklich gut gemachten Journalismus darzustellen.

    Wenn Lieschen Müller den Unterschied zwischen Arzt und Psychologe, zwischen Psychiater und Psychotherapeut nicht auf die Kette bekommt – gut, geschenkt. Alles irgendwas mit Psyche, gehen die Bekloppten hin.

    Wenn ich aber einen Artikel über Falsch- und Richtigaussagen und Ferndiagnosen verfasse, dann würde ich schon erwarten, zumindest die Basics klar zu recherchieren. Dazu gehört mal im Mindestmaß die Berufsgruppe der zitierten Leute.

    Eigentlich gehört dieser Artikel ins BildBlog. Wegen massiver inhaltlicher Fehler.

    Warten wir mal ab, wie es hier so mit Korrekturen läuft. Die macht ihr ja sicher sehr transparent, zeitnah (ach – geht schon nicht mehr?) und öffentlich (ach – sieht man ohne Abo jetzt nicht weil unter dem Artikel angegeben?).

  10. @Theo2 Vielen Dank, da ist in der Tat einiges durcheinander geraten. Nicht gut. Pardon. Ich habe das nun korrigiert und hoffentlich nichts übersehen.

    @caldwhyn Auch Ihnen vielen Dank. Sie waren sehr ernst. Aber, gut, hätte ich an ihrer Stelle auch hart kritisiert. Eins nur: „Alles irgendwas mit Psyche, gehen die Bekloppten hin.“ Lesen Sie den Text bis zum Ende. (Ist bald auch für Nicht-Abonnenten frei.) Mir geht es ausdrücklich auch darum, dass durch Ferndiagnosen psychisch Erkrankte stigmatisiert werden. Als Bekloppte. Das finde ich besonders schlimm.

    Was mich interessiert: Wie sehen Sie, neben der begrifflichen Kritik, generell dieses Thema? Also: Ferndiagnosen. Sie kennen sich ja aus.

  11. @Boris
    Danke erst mal für das Mitkommentieren!

    Ich wollte Ihnen nicht unterstellen, dass Sie das so gemeint haben, das ist aber die Einstellung, die man zuweilen immer noch trifft. Glücklicherweise werden die Leute mit dieser Einstellung hier kaum mitgelesen haben aber zu sehr verbreitet ist sie noch immer. Und genau vor diesem Hintergrund halte ich solcherlei „Ferndiagnostik“ auch für schädlich. Wobei es ja in der Regel genau genommen keine „Diagnostik“ im eigentlichen Sinne ist. Würden dort konkrete Diagnosen vergeben wäre es wohl leichter für die entsprechenden Standesorganisationen berufsrechtlich gegen solch einen Schmuh vorzugehen. Sofern da aber nur mit irgendwelchen „könnte vielleichts“ oder mit halbdiagnostischen Fachwörtern („narzistische Kränkung“) herumgeworfen wird ist mal ja noch auf der sicheren Seite. Gerade als „Fachperson“ in diesem Feld stinkt mir das aber tatsächlich auch gewaltig. Es ist in den letzten Jahrzehnten durchaus einiges an Hirnschmalz (von deutlich besseren Methodikern als mir) in die Entwicklung und Verifizierung von Kriterien für eine klare Diagnostik gesteckt worden, wenn dann solche Kollegen mit der Einstellung von anno dunnemals ihre Weisheiten öffentlich verbreiten sind wir gleich wieder (zu Recht!) beim Vorwurf der Beliebigkeit und Subjektivität psychiatrisch-psychotherapeutischer Diagnostik.
    Und vermutlich greifen nach solchen Artikeln gleich wieder ein paar depressive, ängstliche oder anderweitig psychisch belastete Menschen nicht zum Telefon um sich Hilfe zu suchen und leiden lieber noch ein paar Jahre weiter vor sich hin.
    Es gibt Statistiken, dass bei psychischen Erkrankungen durchschnittlich 8 Jahre bis zu einer adäquaten Behandlung vergehen, wenn wir jetzt fest in den Kopf aller Menschen einhämmern, dass man gleich zum Amokläufer wird wenn man mal depressive Verstimmungen hat, dann wird sich diese Zahl sicher nicht verbessern.
    Ich persönlich komme mir da auch immer ein wenig wie Don Quijote vor, wenn ich im privaten Umfeld mal wieder nach meiner Meinung gefragt werde und eben nicht gleich die „Diagnose aus der Hose“ stellen kann sondern erst mal sehr umschweifig ausholen muss um schließlich bei „da ich XY nicht kenne kann ich nichts Relevantes sagen und wenn ich ihn/sie/es kennen würde würde ich mich strafbar machen wenn ich auch nur sage, dass ich ihn/sie/es kenne“ zu landen. Bei engen Freunden kommt das zum Glück nicht mehr vor aber manch einer der mich nur locker kennt mag sich da auch denken „ach deshalb arbeitet der auf dem platten Land und ist nicht an der Charité, die Leute von dort wissen doch immer gleich alles“. Wissen die aber auch nicht – die werden bloß öfter bei laufender Kamera gefragt.

  12. Ich wollte den Artikel grade loben, die häufige Verwechslung von Psychologie und Psychiatrie vermieden zu haben, aber wie ich sehe, bedurfte es auch hier einer Korrektur, dann lobe ich eben die jetzt. ;)

    Ferndiagnostik durch Ärzten sind verachtenswert, widersprechen dem ärztlichen Berufsethos, sind de facto nichts als Quacksalberei und Scharlatanerie. Sie verursachen, dass ich mich jedesmal schäme, auch diesem Berufsstand anzugehören. Bei Maaz überraschte es mich nun und regte mich darum noch mal besonders auf.

  13. Der psychiatrische Ansatz ist für Maaz ein Vehikel, um mal zu sagen, dass ihm Merkels Regierungsstil nicht passt. Er geht also nicht um die Psyche, sondern um Politik.

    Das bringt es gut auf den Punkt. Auch wenn ich nicht grundsätzlich ausschließen würde, dass sich per psychologischer Ferndiagnose einiges Zutreffende und auch Erhellende zutage fördern lässt, dürfte diese Motivation hier ziemlich offensichtlich sein. Und weil das so ist, hat Dr. Maaz hier sich und seiner fachlichen Reputation sowie seiner Zunft insgesamt vermutlich mehr geschadet als der Bundeskanzlerin.

    Das Beispiel vom zum Absturz gebrachten Flugzeug ist aber doch etwas anders gelagert. Gerade das „exemplarische“ n-tv-Interview finde ich eigentlich nicht problematisch. Es ist m. E. nicht generell verwerflich, in solchen Fällen – entsprechend dem aktuellen Erkenntnisstand – zu spekulieren, einzugrenzen etc. Auch die Information, dass so etwas zwar äußerst selten vorkommt (mutmaßlich nicht nur „in unseren Breitengraden“), dann aber doch verschiedene Ursachen – narzisstische Kränkung, Depression, Intoxikation – haben kann, ist doch eine interessante Information. Und solange der rein spekulative Charakter der Aussage betont wird, halte ich das auch nicht für unseriös.

    Wieder anders ist es im Beispiel Schumacher. Auch hier denke ich, dass sich hier durchaus bestimmte fundierte Aussagen per Ferndiagnose machen lassen. Da ist die Frage eher, ob man dies auch tun sollte, sprich ob das die Öffentlichkeit auch etwas angeht (Antwort: nein). Aber das ist weniger ein Problem von Ferndiagnosen als von Privatsphäre.

    Fazit: Ferndiagnosen und Spekulationen müssen nicht per se anrüchig sein, aber jeder Experte sollte sich gut überlegen, aus welchem Grund und in welchem Kontext er sich dafür hergibt.

    Die Äußerungen von Maaz erinnern mich übrigens an ein schon etwas älteres Urteil des LAG Freiburg, in dem es um ein graphologisches Gutachten ging, das ein Arbeitgeber vor Einstellung einer Hausmeisterin(!) eingeholt hatte:
    Streitgegenstand war ein Gutachten, das ohne Zustimmung der einzustellenden Hausmeisterin eingeholt worden war. Den Inhalt des Gutachtens beschreibt das LAG Freiburg wie folgt:
    „Die Klägerin wird (darin) als eine nicht intelligente, schlaue, raffinierte, rachsüchtige, herrschsüchtige, durchtriebene, taktlose, schwatzhafte, kontaktarme, gefühls- und gemütskalte Intrigantin geschildert, der man nicht glauben kann und die hintergründig wähnend auf Rache sinnt. Sie sei … nicht in der Lage, echte und tiefe Beziehungen zu pflegen und zu ihren Mitarbeitern ein gutes Verhältnis zu haben. Die Klägerin wird sogar ‚wegen der ungenügenden Strichqualität‘ als krank bezeichnet, und es wird ihr deshalb eine psychische Behandlung empfohlen.“
    Das LAG hat den Auftraggeber des Gutachtens wegen einer Verletzung des Persönlichkeitsrechts der Hausmeisterin aus §§ 823 Abs. 1, 847 BGB analog zu 2.000,- DM Schmerzensgeld verurteilt.

    (Quelle: Meub, Michael; Arbeitsrecht, § 6, Ziff. 3.3, http://www.meub.de/Inhalte/arbeitsrecht/indiv_ar/ar_indiv_pdf/06_begrund/Par_6_Begruendung_neu.pdf)

    P.S.: der Satz „er trug den Dr. vor seinem Namen meistens durch Halle (Saale)“ schreit nach einem Rotschrift zum Unterkringeln.

  14. In dem Zusammenhang ist auch ein Interview interessant, das Herr Maaz am 1. März auf ZEIT ONLINE gegeben hat; da ging es um Narzissmus bei Spitzensportlern. Die Formulierungen sind zum Teil fast identisch mit denen zu Angela Merkels angeblichem Narzissmus.
    Am beeindruckendsten fand ich diesen Satz: „Im Grunde ist jedes Verhalten geeignet, einer narzisstischen Kompensation zu dienen. “
    Das macht es dem Ferndiagnostiker natürlich leicht.

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