„Goldene Kamera“ ist Hamburg und dem ZDF einen Preis wert

Gut zwei Wochen ist sie nun her, die desaströse Verleihung der „Goldenen Kamera“ im ZDF. Es gab einen kurzen Aufschrei, viel Gelächter, aber seither ist es überraschend ruhig. Zu unrecht. Weil es da noch ein paar Dinge gibt, über die man mal reden könnte, um nicht zu sagen: reden sollte.

Kurz zur Erinnerung:

Die Goldene Kamera ist die Perle unter den Medien-Awards der Branche: Kein anderer Preis vereint mehr Hollywoodgrößen sowie Stars aus der Musik- und Fernsehwelt auf seinem roten Teppich!

Gut, das muss man jetzt nicht so ganz Wort für Wort nehmen, denn der Satz stammt aus einem PR-Interview über die „Goldene Kamera“; gesagt hat ihn eine Frau, die für die „Goldene Kamera“ verantwortlich zeichnet: Julia Becker aus der Gesellschafterfamilie der Funke-Mediengruppe; und führen durfte das Interview Lars Haider, der Chefredakteur des „Hamburger Abendblatts“, das eine Zeitung der, Überraschung: Funke-Mediengruppe ist.

Screenshot: „Goldene Kamera 2017“ im ZDF

Julia Becker ist also ganz happy über die „Perle“, die sie und ihr Verlag da haben. Allerdings dürfte diese Happyness inzwischen einen mittelgroßen Schatten bekommen haben, denn die vorige Ausgabe der „Goldenen Kamera“ sahen mit nur 3,09 Millionen Zuschauern so wenige Menschen wie noch nie, und dann wurden die Ausrichter auch noch peinlich verladen: Die ProSieben-Sendung „Circus Halli Galli“ hatte dem ZDF und Funke ein deutsches Ryan-Gosling-Double als Preisträger untergejubelt, was diese erst bemerkten, als der auf der Bühne stand und sich für die „Goldene Kamera“ bedankte.

Blickt man nun, mit etwas Abstand, auf die ganze Show, die da live über den Sender ging, und auf die Leute im Hintergrund, die dafür verantwortlich sind und davon profitieren, stellt sich die Frage: Wieso sendet das ZDF so etwas? Eine überraschungsfreie Sendung, die von einem Zeitungsverlag organisiert wird. Zu Werbezwecken. Und mit öffentlichen Geldern gefördert.

Vor drei Jahren hat die Funke-Mediengruppe die Rechte der alten Marke „Goldene Kamera“ erworben, im Paket mit Zeitungen und Zeitschriften des Axel Springer Verlags, darunter das „Hamburger Abendblatt“ und die altehrwürdige „Hörzu“, die frühere Gastgeberin der „Goldenen Kamera“. Inzwischen fungiert Funke insgesamt als Ausrichterin, so kann Julia Becker ihren Essener Verlag im PR-Interview schön als „nationales Medienhaus“ bejubeln, „das alljährlich einen tollen Preis verleiht“. Der Funke-Markenkern sind offenbar nicht (mehr) die journalistischen Produkte. Becker bezeichnet tatsächlich den Preis als das „mediale Aushängeschild“ des Verlages.

Die „Goldene Kamera“ ist also eine Werbesendung der Funke-Mediengruppe, und ausgestrahlt wird sie, freundlicherweise, vom ZDF. Das war (fast) immer schon so, auch zu Springer-Zeiten. Erstmals 1966 verliehen, brachte sie dem Sender früher gute Quoten ein: In den Neunzigerjahren sahen so rund sechs, mal sieben Millionen Menschen zu; in den Achtzigerjahren auch mal zehn. Für einen Verlag eine gute Möglichkeit, sich als glamouröses Haus mit heißem Draht zur Prominenz zu inszenieren, und das öffentlich-rechtliche ZDF stellt dafür die Sendefläche. Die Chefs werden dann auch pompös begrüßt.

Dort im Publikum saß natürlich auch Olaf Scholz (SPD), Hamburgs Erster Bürgermeister. Auch er wollte ein bisschen Glamour und Werbung abhaben, immerhin hängt die Hansestadt finanziell mit drin: Seit 2015 bekommt die Funke-Mediengruppe jährlich 150.000 Euro dafür, dass sie ihren goldigen Firmenfeierpreis in Hamburg verleiht. Fast eine halbe Million Euro hat die Stadt also schon locker gemacht, finanziert aus den Einnahmen der Kultur- und Tourismustaxe, die seit 2013 erhoben wird – und womit sich die Stadt, laut Marketing-Text, „in die Reihe internationaler Metropolen wie New York, Barcelona oder Zürich“ eingefügt habe. Hamburger Bescheidenheit.

Doch die so genannte Bettensteuer, die von Hotels pro Nacht und Nase gezahlt werden muss, ist von Anfang an umstritten. Die FDP lehnt sie grundsätzlich ab, schon immer; die Grünen haben früh kritisiert, dass zu wenig Geld in die städtische Kulturszene fließe, stattdessen in Tourismus und (TV-)Events.

Von der „Goldene Kamera“ verspricht sich der Senat viel. Ende 2016 teilte er der Hamburgischen Bürgerschaft freudig mit, zu der Preisverleihung kämen „regelmäßig Oscar-Preisträger und -Preisträgerinnen sowie Nominierte“ (oder deren Doppelgänger), was „zu einer starken öffentlichen Aufmerksamkeit“ führe. Stolz heißt es: „In diesem Jahr“, also 2016, „wurde die Preisverleihung 160 Minuten live im ZDF übertragen“. Dafür gibt Hamburg gerne Geld.

Die „Goldene Kamera“ generiere, wie auch andere Events, „im Sinne des Standortmarketings und der Außendarstellung einen Mehrwert für unsere Stadt“, sagt Hansjörg Schmidt, der medienpolitische Sprecher der SPD, auf Anfrage von Übermedien. Die CDU sieht das ganz ähnlich: Die Show sei „renommiert und publikumswirksam“, so der frühere Sozialsenator Dietrich Wersich. Allerdings trage seine Partei nicht mit, dass die Sendung aus der Kultur- und Tourismustaxe mitfinanziert werde: „Die Mittel der Kulturtaxe sollten zuallererst der Kultur in Hamburg zu Gute kommen.“

Am schärfsten kritisiert die Linke, dass die „Goldenen Kamera“ gefördert wird. Schon 2014 hatte die Partei eine Anfrage dazu an den Hamburger Senat gestellt. Das Fördergeld für die „Goldene Kamera“ sei „etwas, worüber wir uns schon lange ärgern“, sagt Norbert Hackbusch, kulturpolitischer Sprecher der Linken. Auch seine Partei lehnt ab, dass für den Preis die Kulturtaxe angezapft wird, das sei unlogisch. „Ohnehin finde ich es problematisch, dass hier ein Medien-Unternehmen subventioniert wird“, sagt Hackbusch.

Die Frage, die sich mancher ZDF-Zuschauer und Zahler des Rundfunkbeitrags nun stellen wird: Wie viel kostet der Spaß eigentlich so insgesamt? Was für ein Honorar kriegt, zum Beispiel, eine Nicole Kidman, damit sie da den ganzen Abend rumsitzt und lächelt? Oder kommen die Hollywood-Stars, weil sie so gerührt sind, diesen bedeutenden deutschen Preis zu erhalten?

Fragt man beim ZDF an, gibt es spärliche bis gar keine Antworten. Auf die Frage etwa, wie viel Geld die „Goldene Kamera“ koste und wie sich ZDF und Funke-Mediengruppe diese Kosten aufteilen, schreibt das ZDF:

Zu vertraglichen Inhalten gibt das ZDF keine Auskunft.

Auch die Funke-Mediengruppe schweigt dazu und gibt fast gleich lautende Antworten wie der Sender. Das ZDF möchte nicht einmal sagen, wie lange es sich denn noch (vertraglich) mit Funke darauf verständigt hat, die „Goldene Kamera“ zu übertragen; und wie viel die Stars so bekommen, sei „nicht Gegenstand des Vertrags mit dem ZDF“. Nur so viel gibt der Sender preis:

Die „Goldene Kamera“ ist ein Lizenzankauf des ZDF. Die Funke-Mediengruppe veranstaltet die „Goldene Kamera“ und beauftragt die Firma Riverside Entertainment mit der Durchführung der Produktion.

Auch das ist dünn, aber dennoch interessant, auf verschiedenen Ebenen.

Unsere Frage war, wie das ZDF in die „redaktionelle und technische Planung und Produktion“ der Sendung involviert ist. Wenn die Antwort lautet, es sei ein „Lizenzeinkauf“, meint das wohl: gar nicht. Sicherheitshalber haben wir deshalb noch mal in Mainz nachgefragt, wofür dann die drei ZDF-Redakteure zuständig sind, die im Abspann der Sendung genannt werden. Antwort:

Die Betreuung der beiden Live-Shows (Pre-Show „Die 20 größten Momente“ und Preis-Gala) durch ZDF-Redakteure in der Vorbereitung in Mainz und vor Ort umfasst unter anderem regelmäßige Update-Termine mit dem Veranstalter, die Bild-Recherche und Rechteklärung für Einspieler und Bühnen-Hintergründe, Absprachen hinsichtlich Kommunikation und Online/Social Media sowie die Sendeabwicklung am Abend.

Inhaltlich also hat das ZDF bei der Sendung tatsächlich nichts zu sagen. Was bemerkenswert ist. Das ZDF strahlt die Werbe-Revue eines Zeitungs-Verlages aus, ohne Einfluss zu haben, was da so geschieht. Also, allenfalls indirekt, über die Produktionsfirma, denn Riverside Entertainment gehört zur Hälfte dem ZDF: 49 Prozent hält die ZDF-Tochter ZDF Enterprises und 51 Prozent die Studio Hamburg Productions, eine Unter-Unter-Unter-Tochter des NDR.

Allein das ganze Konstrukt ist schon toll, außerdem ist die Firma Riverside Entertainment eine alte Bekannte: Diese Firma war es, die 2014 eine Sendung produzierte, die auch im ZDF lief und dazu führte, dass der Unterhaltungschef seinen Stuhl räumen musste. Die Show „Deutschlands Beste“ sollte ein Promi-Ranking auf Basis eine repräsentativen Umfrage sein. Dann aber wurden einzelne Stars nach Gusto hochplatziert, andere nach unten. Kurz gesagt: Es wurde betrogen. Mit dabei war damals auch wieder die Funke-Mediengruppe. Die hatte „Hörzu“-Leser zusätzlich abstimmen lassen, im Internet und per Postkarte, was die repräsentative Umfrage ohnehin ad absurdum führte.

Alle Unternehmen, die damals an „Deutschlands Beste“ mitwirkten, haben nun also die „Goldene Kamera“ ausgerichtet, einen unheimlichen Flop, an dessen Ende die Funke-Mediengruppe nun auch noch ihre „Goldene Kamera“, das gute Stück, von „Circus HalliGalli“ zurückhaben will, statt sie einfach „Circus HalliGalli“ offiziell zu verleihen: für den brillant gebauten Film, den sie anschießend über ihren Scherz gemacht haben; spannendes Fernsehen, das auch zeigt, was die „Goldene Kamera“ ist: ein bezuschusstes Werbe-Event, bei dem Prominenz und zufällige Anwesenheit zu einem Preis gereichen.

Das ZDF hat sich bisher eher bedeckt gehalten zu der ganzen Sache. Am Abend des so genannten Gosling-Gates twitterte der Sender lediglich zwei Worte: „Ihr Schlingel“. Mit Tränenlachsmiley. Auf Anfrage teilt das ZDF mit: „Der Prank ist gelungen und hat uns alle überrascht. Wir werden im Nachgang mit dem Veranstalter der ‚Goldenen Kamera‘ die Vorfälle aufarbeiten.“

Medien besser kritisieren. Mit Ihrer Unterstützung.

 
Medien besser kritisieren.

6 Kommentare

  1. Das Schlimme ist: Es ist ja nicht nur diese ideenlose, langweilige und überaus peinliche Show mit dem ganzen skandalösen Hintergrund, den Herr Rosenkranz gerade sehr schön skizziert hat, sondern die ganze Systematik des öffentlich rechtlichen Rundfunks und des ZDFs im speziellen.

    Ich ärgere mich auch seit längerem über die Bild-Werbeveranstaltung „Ein Herz für Kinder“ bei der sich ausgerechnet „Bild“ als Menschenfreund und Samariter gerieren kann, während sie morgens noch Facebook-Bilder von Minderjährigen geklaut haben. Bildblog hat schon vor mindestens sieben (!) Jahren über die Intranzparenz dieser vermeintlichen Hilfsorganisation berichtet. Und das ZDF überträgt bereitwillig die Spendengala einer zwielichtigen privaten Organisation. Weshalb bekommen Greenpeace, Human Rights Watch oder Amnesty eigentlich keine eigenen Samstagabendshows im ZDF?

    Ich bin der Meinung, dass wir vor allem wegen des öffentlichen Bildungsauftrags und des Informationsbedürfnisses unbedingt einen öffentlich rechtlichen Rundfunk benötigen. Aber einen völlig neu gestalteten. Ich glaube kaum, dass dieser Rundfunk noch reformierbar ist und es deshalb nur über eine Abwicklung und einen Neuaufbau funktioniert. Wobei es danach nicht wirklich aussieht. Vermutlich sendet das ZDF auch noch in 30 Jahren diesen Müll.

    (Und: „TV-Ereignis des Jahres 2017!“ Echt? Wie kann Gätjen das sagen, ohne zu lachen?)

  2. Noch mehr zu hinterfragen ist in der Tat die jährliche Show „Ein Herz für Kinder“, wo Großkonzerne einerseits spendable Summen für einen guten Zweck geben, andererseits aber mit Logo und allem was dazu gehört zur besten Sendezeit Werbung für sich machen dürfen. Im Grunde zahlen sie also nur einen guten Preis für Werbung im Fernsehen und tun so, als täten sie das alles nur aus Mitmenschlichkeit.

  3. Sehr unterhaltsam auch der sehr kritische und emotionale gK ‚Rückblick‘ samt Analyse von Böhmermann im letzten FuF podcast. B.mann bietet sich an als neuer Moderator&Konzepter.

  4. Drei Hinweise hätte ich:
    1. Filmförderung folgt den gleichen Motiven und subventioniert auch Medienunternehmen. Und klar: Kann man doof finden.
    2. Produktionsfirmen von TV-Shows arbeiten in derRegel genau so: Es gibt eine redaktionelle Verbindung zum ausstrahlenden Sender, ansonsten wird die Sendung eben extern produziert, weil’s sonst sehr viel teurer wäre (Personal, Ausrüstung etc.). Jawohl: Kann man auch doof finden.
    3. Die Frage nach öffentlich-rechtlichen Honorar für Promis kann man immer stellen. Also nicht nur im Zusammenhang mit der Goldenen Kamera. Das ist der Punkt, an dem sich zumindest bei mir der Eindruck festigte, dass die Argumentation in diesem Stück etwas souveräner hätte sein können. Absolut: Kann man doof finden, ganz richtig.

  5. wie kann es eigentlich sein, dass ein zwangsbeitragsfinanzierter Sender sich weigert, seinen Beitragszahlern Auskunft über die Verwendung von dessen Beiträgen zu verweigern? Diese Arroganz ist so unerträglich wie die Kumpanei mit Verlagen der Knallpresse.

Einen Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.