Journalisten-Verband löscht Falschmeldung über Falschmeldung

Hendrik Zörner hat ein Problem mit RT Deutsch. Der von der russischen Regierung finanzierte Internet-Sender hatte neulich Matthias Platzeck zu Gast, den ehemaligen Vorsitzenden der SPD, was Zörner gar nicht gut fand. Der Pressesprecher des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV) schrieb daraufhin eine kleine Wutrede ins „DJV-Blog“ auf der Internetseite des DJV. Er fragte dort, was Platzeck denn „getrieben“ habe, sich von der „Putin treuen Propagandaschleuder“, dem „Kreml-Propagandakanal“ interviewen zu lassen. Seither hat Zörner noch ein weiteres Problem mit RT Deutsch.

Screenshot des Blog-Eintrags, den DJV-Pressesprecher Hendrik Zörner im DJV-Blog über den Sender RT Deutsch verfasst hat.
Teilweise falsch: Zörners Wutrede im DJV-Blog Screenshot: DJV-Blog

RT Deutsch, schrieb Zörner, sei doch „die Plattform, die das Märchen einer angeblichen Vergewaltigung in die Welt gesetzt und damit diplomatische Verwicklungen ausgelöst hat“. Was ihn zu dem Schluss führte, dass Platzeck hätte wissen müssen: „Wenn es in Deutschland eine Heimat von Fake News gibt, dann auf diesem Portal.“ Dass er das ausblende und denen ein Interview gebe, sei eine „Ohrfeige für die Qualitätsmedien“.

Was Zörner hier meint, ist als „Fall Lisa“ bekannt geworden. Eine 13-jährige Russlanddeutsche aus Berlin-Marzahn hatte Anfang 2016 behauptet, sie sei von „Südländern“ verschleppt und vergewaltigt worden. Doch das war eine Lüge. Die Medienberichte dazu waren deshalb Falschmeldungen, angefeuert vom russischen Fernsehen. Zörners Problem ist nun: Nicht RT Deutsch hat diese Geschichte als erste gebracht, sondern der Journalist Iwan Blagoij im russischen Pervij Kanal. So hat es unter anderem das Medienmagazin „Zapp“ berichtet. Nach eigenen Angaben hat RT Deutsch den Fall Lisa erstmals am 23.1.2016 aufgegriffen; eine Woche nach dem Pervij Kanal.

RT Deutsch pocht deshalb nun auf eine Richtigstellung und bezichtigt Zörner, der RT Deutsch der Verbreitung von Fake News bezichtigte, seinerseits Fake News zu verbreiten – so verrückt sind diese Zeiten schon. Der Pressesprecher des DJV hat in diesem Fall tatsächlich etwas Falsches in die Welt gesetzt, nicht der Sender. „Maybe – kann sein“, sagt Zörner auf Anfrage. Er habe das „nicht nachgeprüft“, also: weder bevor er seinen Blog-Eintrag schrieb, noch jetzt mal, nachdem es Kritik an seinen Zeilen gibt. Stattdessen hat er nun was gemacht? Genau: Den Eintrag einfach gelöscht. „Weil er so viel Wirbel verursacht hat.“ Außerdem lenke das alles von seiner Platzeck-Kritik ab.

Zörner hat ohnehin nur begrenzt Lust, sich auf Diskussionen einzulassen. Wie RT Deutsch schreibt und er auf Anfrage bestätigt, hat Zörner, als ein RT-Mitarbeiter anrief und ihn auf die falsche Behauptung ansprach, irgendwann einfach aufgelegt. Vorher soll er noch, laut RT Deutsch, mit „wutenbrannter Stimme“ gesprochen haben, aber daran kann sich Zörner nicht erinnern. Er habe halt nach einer Weile gesagt, dass alles gesagt sei. Dann war Schluss. Weil er mit denen sowieso nicht reden mag: „RT ist für mich kein Medium, sondern ein Propagandakanal.“ Darum.

Man kann halten von RT, was man will, aber in diesem Fall hat der Sender recht. Dass Zörner seinen Fake-News-Fehler dennoch nicht ganz eingestehen will, begründet er so: Erstens könne er weitere Beispiele nennen, in denen RT Deutsch Fake News verbreitet habe. (Auch wenn er die vermutlich erst mal nachschlagen müsste.) Außerdem: „Andere Medien würden in so einem Fall eine Gegendarstellung verlangen, das wäre in Ordnung.“ Hier werde er aber bedroht und beschimpft, nicht von RT Deutsch, aber von anderen Personen, per Mail und so. Deshalb: löschen, ducken, weitermachen.

Schon bald wird Hendrik Zörner wieder etwas bloggen, das ist gewiss. Er legt Wert darauf, dass dies nichts mit seinem Arbeitgeber, dem DJV, zu tun habe. Deshalb stehe da auch unter den Einträgen „Ein Kommentar von Hendrik Zörner“, was ja ganz logisch ist: Wenn der DJV-Pressesprecher im DJV-Blog auf der DJV-Internetseite etwas kommentiert, was sollte das dann auch mit dem DJV zu tun haben? Von dessen Vorsitzendem, Frank Überall, der auch ständig die Medienwelt kommentiert, ist bis dato übrigens kein Statement übermittelt, in dem er diese DJV-Blog-Praxis für gut heißt oder sich um das Ansehen des Journalismus sorgt.

Nachtrag, 2.3.2017. Der DJV-Vorsitzende Frank Überall und der DJV-Pressesprecher Hendrik Zörner haben zu der Sache nun im DJV-Blog einen Kommentar „in eigener Sache“ veröffentlicht.

24 Kommentare

  1. Kann es sein, dass langsam alle verrückt werden? Vielleicht sollten viele sich mehr an der frischen Luft bewegen, Sport treiben oder sich einen Hund anschaffen. Grüße an BamBam.

  2. War es damals nicht so dass das Mädchen *selbst* behauptet hatte sie sei entführt und vergewaltigt worden, und dass Russische Medien das Thema aufgegriffen haben, und im Grunde ähnlich unkritisch berichtet haben wie deutsche Medien beim Fall Kachelmann? Oder habe ich das falsch in Erinnerung?

  3. @2 Tilman: Ja, so steht es auch in der Wikipedia: Zunächst habe sie das selbst behauptet, sich dann in Widersprüchen verheddert – und nachdem die Polizei ihre Handy-Daten ausgewertet hatte, ergab sich, dass sie die besagte Nacht bei ihrem Freund zugebracht hatte.

  4. @Tilman: Ja das ist in der Tat das Problem; der Fall Lisa taugt einfach überhaupt nicht für „Propaganda“-Vorwürfe, und dass er dafür ständig heran gezogen wird, musste früher oder später mal jemand auf die Füße fallen. Das was sich Pervij Kanal & co. da geleistet haben ist einfach eins zu eins genau die Art von überhastetem und teilvorsätzlichem Sensationsjournalismus, den sich auch deutsche Medien öfter mal leisten. Siehe Kachelmann, oder Wulff.

    Dass einige Journalisten anscheinend nur noch in Propaganda-Schablonen denken können, sobald russische Medien so etwas machen – tja, so sind die Zeiten jetzt wohl wieder.

  5. Vielen Dank für den Hintergrund. Darüber haben auch schon die Nachdenkseiten berichtet. Allerdings sehe ich mich bestätigt warum ich euch abonniert habe, es geht nicht darum RT hochzujubeln, sondern wenn es nicht stimmt was über den Sender gesagt wird, es aufzuklären.
    Mit Zörner haben wir unseren „deutschen“ Trump identifiziert. War das nicht eine seiner erfolgreichen Strategien?
    Bin ich ertappt, mache so als wenn alle anderen nicht Recht haben :-).

  6. @7, Joachim:
    Der Nachdenkseiten-Artikel war höchst lächerlich, wie ich finde.
    Ich kann die Seite schon lange nicht mehr ernst nehmen.

  7. Was das mit dem DJV zu tun hat, diese Frage ist natürlich richtig gestellt. Und sie muss nicht das erste Mal so gestellt werden. Sie ist leider ein Dauerthema, die PM von ver.di zum gleichen Thema sind einfach inhaltlich besser aufbereitet und der Praxis in Redaktionen angepasst. Dass Frank Überall schweigt…. Im November 2015 hatte er versprochen, erst aufhören zu singen, wenn sie H. Grönemeyer nicht mehr in seine Arbeit einmischt. Gegen den Autorisierungswahn hat der DJV nichts getan. Wird wohl ein langes Lied.

  8. @ Luc (5): Weil dem so ist, setzt man ja üblicherweise ein „wie z.B. im“ vor den „Fall Lisa“. Dann hat man zumindest ein (eigentlich ungeeignetes) Beispiel, suggeriert aber, dass es noch eine ganze Reihe andere gibt. Die man gar nicht alle aufzählen kann. Weil es eben so viele sind…

  9. @8 Anderer Max @7 Joachim:
    Ich habe mir den Nachdenkseitenartikel durchgelesen und kann Ihre Kritik nicht nachvollziehen. An welcher Stelle wurde RT Deutsch „hochgejubelt“ bzw. worin bestand die Lächerlichkeit ?

  10. Mit dem Kommentar von Überall und Zörner „in eigener Sache“ ist die Sache für mich nicht erledigt.

    Die Suggestion Zörners, Matthias Platzeck wolle sich mit dem RT-Interview nur wieder ins Rampenlicht bringen ist schon unterste argumentum-ad-hominem-Schublade.

    Fake-News (oder Sensationsjournalismus wer will) ist kein rein russisches Problem. Erst kürzlich hat sich die BILD-Zeitung mit einer erfundenen Sex-Mob-Story, die sich in einem Frankfurter Szenelokal abgespielt haben soll, komplett blamiert und dem Berufsstand Journalismus massiv geschadet. Ob Herr Zörner auch Politiker , die diesem Blatt Interviews geben, gescholten hat? Nicht, dass ich wüsste.

    Wer aber permanent mit anderen Maßstäben misst, der bekommt früher oder später ein Glaubwürdigkeitsproblem.

    Auch die Haltung des DJV zu dem Urteil zu Hintergrundgesprächen lässt tief blicken, wie Norbert Häring erläutert
    http://norberthaering.de/de/27-german/news/790-adieu-djv-lisa

    Fazit: Den DJV kann man nicht mehr ernst nehmen.

  11. @12 Kyrsch: Doch, er war zwischenzeitlich gelöscht. Das hatte mir Herr Zörner auch telefonisch bestätigt. Die Version mit der Korrektur ist neu.

  12. Das ist einfach zu lustig: der Autor von einem Artikel, der RT Deutsch beschuldigt fake news zu verbreiten, gibt im gleichen Artikel zu, selbst fake news verbreitet zu haben.

  13. Dass der Verband sich nicht entschieden von der Forderung, man dürfe mit diesen oder jenen nicht reden, denen keine Interviews geben, distanziert, irritiert dann doch.
    Ist dies ernsthaft ihr Selbstverständnis?
    Ok, ist natürlich ihre Angelegenheit. Sie sind die Profis und werden wissen was sie tun? Ob dieses Selbstverständnis der anhaltenden Erosion der etablierten Medien entgegengewirkt? Ich weiß es nicht, habe aber entschiedene Zweifel.

    Ich wüsste schon sehr gern, ob sich die Haltung des Verbandes entschieden, das wäre mein Wunsch, von der seines bedeutenden Mitarbeiters, die er auf der Seite des Verbandes publiziert, unterscheidet. Und wenn nicht, warum.

  14. Diese neue Klarstellung enthält meiner Meinung nach wiederum einen Fehler, der so insbesondere bei Profijournalisten nicht vorkommen sollte bzw. einer näheren Erklärung bedürfte.
    Denn dort steht am Schluss: »Noch eine Anmerkungen zum DJV-Blog: In dieser Rubrik erscheint täglich ein als Kommentar des jeweiligen Verfassers gezeichneter Beitrag. Er gibt, wie das bei Kommentaren üblich ist, die Meinung des Autors wieder – nicht mehr und nicht weniger. Mögliche Kritik muss sich also gegen den Autor richten, nicht gegen den Deutschen Journalisten-Verband.«
    Wie es für deutsche Netzangebote vorgeschrieben ist wird im Impressum der Webseite ganz korrekt eine Person als »Verantwortlich im Sinne des Telemediengesetzes (TMG) und des § 55 Absatz 2 Rundfunkstaatsvertrag (RStV)« genannt.
    Zum einen kann solch eine Distanzierung ja nicht richtig funktionieren, den letztlich übernimmt eben eine verantwortliche Person in dieser Sache die Verantwortung.
    Hm, und wer könnte da in diesen speziellen Fall nun sein?
    Ich denke es ist schwach wenn sich ein Journalist von seinem eigenen Beitrag distanziert. Daß er sich als gleichzeitiger Herausgeber davon distanziert erscheint mir nicht plausibel oder sogar unmöglich.

    So wie dort behauptet ist also letztendlich niemand für die Publikation der Blogbeiträge presserechtlich verantwortlich? Oder der Herr Zörner zwar als Privatperson und Autor aber nicht als Herausgeber? Nein, wohl eher beides.

  15. Es ist zum Mäusemelken. Da predigen „die Vernünftigen“ immer noch, dass es sehr wohl seriösen Journalismus gibt, auch bei Mainstream-Medien, dass vernünftige Mainstream-Journalisten normalerweise sauber recherchieren und differenzieren und nach bestem Wissen und Gewissen so objektiv wie möglich berichten. Und natürlich wird man für diese Meinung ausgelacht und für dämlich gehalten, weil „die verarschen uns nach Strich und Faden, alles gelogen, alle gekauft…. bla bla…“

    Und dann kommt ausgerechnet so ein Typ vom DJV daher und verbockt es so richtig. Bläst irgendwelche „Hörensagen“-Geschichten raus und nimmt dabei ein Medium aufs Korn, das völlig zurecht einen Haufen Kritik verdient hätte – bloß halt nicht so…. Manchmal ärgere ich mich einfach so unglaublich!

  16. Wer finanziert die Deutsche Welle? Die Bundesregierung! Ist sie daher ad hoc der Propaganda verdächtig. Sicher nicht. Und wer sich die Äußerung des BR-Intendanten ansieht, dass Meinung und Meldung besser auseinander zu halten seien, hat schon den Eindruck, dass die Deutschen auch vor der eigenen Tür kehren sollten.

  17. Der Fall Zörner scheint mir – neben der notwendigen echten Richtigstellung einer falschen Tatsachenbehauptung (jenseits eines neuen und eines korrigierten Kommentars) – ein Fall für den Presserat zu sein.
    Gern auch für den Augenzeugen-Blog (eine mangels Relevanz einschlafende Methode: nur zwei konkrete Fälle im letzten Halbjahr) oder die seltsame Spaßaktion „No Hate Speech“ (vom „Bundeskontrollamt für gegen digitalen Hass“ der „Neuen Deutschen Medienmacher“) zu sein. Beides direkt daneben propagiert.

  18. «„Maybe – kann sein“, sagt Zörner auf Anfrage. Er habe das „nicht nachgeprüft“»

    Ähm, was war noch gleich die Aufgabe von Journalisten?

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