Rutschunfall bei „Netzwerk Recherche“-Recherche

Die Kommentare des Chefredakteurs sind nicht das einzige, was besonders ist am Branchendienst kress.de. Immer dienstags schreibt dort Paul-Josef Raue einen Text. Raue hat früher mehrere Regionalzeitungen geleitet und mit Wolf Schneider „Das neue Handbuch des Journalismus“ verfasst. Für kress.de hat er in einer Artikelserie über den „Journalismus der Zukunft“ mehrere „Pfeiler der Qualität“ ausgemacht (Nummer fünf, zum Beispiel: „Recherchiere immer!“)

Screenshot: kress.de

Für kress.de berichtete er am Dienstag auch von der Jahrestagung des „Netzwerkes Recherche“, die Ende vergangener Woche in Hamburg stattfand. Er saß selbst auf einem Podium und zitierte auf kress.de unter anderem, wie er von anderen zitiert wurde.

Im Übrigen fand er’s nicht so doll. Unter anderem fehlte ihm: Recherche. Ein Lokaljournalist, der von seiner Zeitung kaltgestellt worden sein soll, weil seine Texte dem Bürgermeister nicht gefielen, habe „lang und ungehindert von seiner Verbannung“ reden dürfen. „Eine Gegenrecherche fand nicht statt“, staunte Raue und schloss seinen Text mit dem womöglich mehrdeutig gemeinten Satz: „Netzwerk Recherche war am Ende.“

Zuvor hatte Raue ausführlich das Geschehen dokumentiert:

Die Medien-Prominenz, meist älter und erfahren, debattierte auf zahllosen Podien; die Jüngeren hörten in den oft überfüllten Räumen zu, nicht nur staunend.

Hans Leyendecker von der „Süddeutschen Zeitung“, der deutsche Investigativ-Papst, zeigte sich ein wenig gelangweilt und machte klar, dass ihn digitale Leser-Debatten nicht interessierten. Dagegen forscht „Freitag“-Herausgeber Jakob Augstein, fast zwanzig Jahre jünger, selbst in Hass-Kommentaren noch nach der eigentlichen Kritik.

Am Ende von langen und ermüdenden Debatten fragte Kuno Haberbusch, der Organisator der Jahreskonferenz: „Und warum passiert nichts?“ und verschob das Thema „Wie Medien mit Transparenz und Fehlern umgehen“ auf das Treffen im nächsten Jahr. Carolin Emcke, frisch gekürte Friedenspreisträgerin, will ihm dabei helfen ebenso wie Georg Mascolo, Ex-„Spiegel“-Chefredakteur und Chef des Rechercheverbunds von NDR, WDR und „Süddeutscher“. Also noch einmal im nächsten Jahr.

Die Jüngeren wunderten sich.

Und nicht nur die. Denn Hans Leyendecker hatte an der Tagung in diesem Jahr gar nicht teilgenommen. Auch Carolin Emcke war nicht anwesend. Jakob Augstein hatte sich jetzt nicht so geäußert, Georg Mascolo nicht, Kuno Haberbusch auch nicht. Es wurde auch nicht vereinbart, sich im nächsten Jahr über den Umgang von Medien mit Transparenz und Fehlern zu unterhalten – es gab ein solches Podium in diesem Jahr.

All das, was Raue in den zitierten Absätzen aufschreibt, hat sich nicht in diesem Jahr ereignet, sondern im vergangenen. Auch das abgebildete Veranstaltungsfoto ist nicht aus diesem Jahr. Aber Raue war zweifellos selbst in Hamburg, in diesem Jahr. Wie konnte dem erfahrenen und von sich geschätzten Chefredakteur so etwas passieren?

Es lag natürlich nicht daran, dass Raue zu wenig recherchiert hätte. Es war zuviel! Raue schreibt auf Anfrage:

Statt mich auf meine eigenen Beobachtungen bei der Jahrestagung zu verlassen, was ausreichend gewesen wäre, habe ich auch in den Tweets, Blogs, Fotos usw. zur Tagung geschaut und bin dabei auch in die vom vergangenen Jahr gerutscht (ohne es zu merken).

Er hat sich einfach nicht genug auf sich selbst verlassen! Und zwei weitere Fehler gemacht:

Ich habe die Quellen nicht ausreichend geprüft: Sie waren nicht falsch, aber sie waren alt und ungeeignet.

Und:

Ich hätte die Zitate nicht gebraucht für meine Kritik. Man braucht keine Bestätigung von anderen für sein eigenes Urteil.

Und man braucht für sein eigenes Urteil offenbar auch nicht genug Aufmerksamkeit, um zu merken, dass die Leute, die man zitiert, gar nicht vor Ort waren, oder dass die Veranstaltungen, die angeblich vermisst wurden, stattgefunden haben.

Inzwischen hat kress.de die falschen Absätze gelöscht und eine Anmerkung hinzugefügt:

KORREKTUR: In der ursprünglichen Fassung gab es Fehler, die in der aktuellen Fassung gestrichen sind: Zitate von Hans Leyendecker, Kuno Haberbusch, Jakob Augstein, Carolin Emcke und Georg Mascolo stammen aus der Jahreskonferenz 2015. Leyendecker und Emcke waren laut Referentenverzeichnis in diesem Jahr nicht auf den Podien. Wir bitten um Entschuldigung. Bülend Ürük, Chefredakteur

Es war aber wohl gar nicht so leicht, die Redaktion auf den erstaunlichen Fehler hinzuweisen. Kuno Haberbusch sagt, es habe mehrere Stunden gedauert, bis er Antwort auf seine Mails bekommen habe; die angegebene Telefonnummer „für den direkten Kontakt zur Redaktion“ führte immer auf den Anrufbeantworter.

3 Kommentare

  1. Am Sonntag habe ich beim Bügeln mit YouTube ebenfalls ein Video von 2015 für ein aktuelles gehalten. Bei den großen, zeitlosen Themen-Panels bei der Jahrestagung fällt das auch nicht weiter auf.

  2. …Und es ist zudem schade, dass P-J Raue in seinen Berichtchen zur nr-Konferenz – etwa beim Thema Lokaljournalismus – brisante Voten anderer Podiumsteilnehmer überhören und sie mit Blabla-Zitaten kleinschreiben wollte. Ob er meint, vor diesem Zerrspiegel irgendwie größer zu wirken? Nach diesem reichen Berufsleben hätte er sowas wirklich nicht nötig.

  3. Tja, peinlich sowas, wenn man sich sonst als Vorreiter der journalistischen Recherche-Sorgfalt gibt.

    Immerhin gibt er’s auf Nachfrage wenigstens zu – wenn auch natürlich mit Formulierungen, die ihn dabei nicht ZU blöd aussehen und ihn trotz allem noch irgendwie als Autorität wirken lassen sollen.

    Und nach dem gerechten Verriss des Ürük-Kommentars neulich sei auch diesem Mann noch ein kleines Kompliment angediehen: Es ist zwar nur ein sprachliches Detail, aber ich schätze es, wenn bei Anlässen wie diesem gesagt/geschrieben wird „wir bitten um Entschuldigung“ und nicht „wir entschuldigen uns“.

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