Neue Malisa-Studie

Diversität ist normal, wann bilden Medien das endlich ab?

2009 gründeten wir mit etwa 50 Journalist*innen einen Verein, die Neuen deutschen Medienmacher, damals noch im generischen Maskulinum. Wir wollten die Medienlandschaft aufmischen und für mehr Vielfalt im Journalismus werben. Viele kamen aus Einwandererfamilien und waren damit allein in der Redaktion. Außerdem waren wir genervt von der einseitigen, teilweise unterirdischen Berichterstattung in Sachen Migrationsgesellschaft.

Wir machten Blattkritiken und sprachen mit Redaktionsleiter*innen, damals fast nur Männer. Wir erzählten ihnen, warum ihre Berichterstattung oft diskriminierend ist und dass Menschen mit diversen Hinter- und Vordergründen fehlen. Fast überall stießen wir auf Empörung.

„Niemand wird hier diskriminiert“

„Was heißt bitte mehr Diversität? Wir stellen einfach die Besten ein“, hörten wir oft. Oder: „Es bewirbt sich halt niemand mit Migrationshintergrund bei uns.“ Oder: „Unsere Interviewpartner müssen schon richtig gut Deutsch können.“ Niemand, so versicherte man uns, würde hier diskriminiert. Und wo es keine Diskriminierung gibt, brauche es auch keine Strategie dagegen.

Wir aber wussten von Leuten, die sich bei Zeitungen oder Rundfunksendern bewarben und Absagen hörten wie: „Danke, wir haben schon eine Türkin/einen Polen“. Bei 500 Mitarbeitenden. Dass sie schon 499 Deutsche im Unternehmen hatten, störte sie nicht. Das ändert sich zum Glück gerade: Die Einsicht, dass Diversität gefördert werden muss, ist inzwischen in den meisten Medienhäusern angekommen. Aber es geht immer noch nur langsam voran.

Vor allem weiße, heterosexuelle Männer

Diese Woche stellte die Malisa-Stiftung von Schauspielerin Maria Furtwängler und ihrer Tochter Elisabeth eine Studie über Diversität im Fernsehen vor, die mit Zahlen belegt, warum der Bewusstseinswandel nötig ist. Die Studie ist sehr hilfreich, weil sie amtlich macht, wie viel Luft nach oben in Sachen Sichtbarkeit noch ist. Verglichen mit technischem Fortschritt ist es, als hätten wir nun endlich eine Tonspur, aber immer noch schwarz-weiß Bilder.

Es geht in der Studie nicht um die Redaktionen, sondern das TV-Programm. Und herausgekommen ist: Man sieht dort vor allem weiße, heterosexuelle Männer ohne Behinderung. Konkret sieht das so aus:

  • Der Anteil von Frauen im deutschen Fernsehen liegt bei 34 Prozent. Noch immer kommen also auf eine Frau zwei Männer. Vor allem im klassischen Journalismus („Information“) sind die Unterschiede eklatant: Drei Viertel aller Expert*innen sind Männer (74 Prozent). Immerhin: bei zentralen Rollen in Spielfilmen hat sich das Geschlechterverhältnis seit 2016 fast ausgeglichen, auch Frauen ab 40 Jahren sind etwas öfter zu sehen.
  • Die Sichtbarkeit von Menschen mit Migrationshintergrund steigt dagegen nur sehr langsam, von acht Prozent (2016) auf elf Prozent (2020). Damit ist der große Abstand zur gesellschaftlichen Realität gleich geblieben: 2016 lag der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund in der Bevölkerung bei 22 Prozent, 2020 bei 26 Prozent. Ein Viertel der Bevölkerung ist migrantisch geprägt, im Fernsehen nur ein Zehntel.
  • Der deutsche Film tut sich auch nach wie vor mit Homosexualität schwer: nur 0,9 Prozent der Protagonist*innen in fiktiven Formaten waren erkennbar lesbisch oder schwul.
  • Menschen mit sichtbarer Behinderung werden am wenigsten gezeigt. Die Quote lag im gesamten Fernsehprogramm 2020 bei lächerlichen 0,4 Prozent. Die Häufigkeit von Behinderungen in der Gesellschaft liegt laut Malisa-Stiftung bei 5 bis 6 Prozent.

Woran liegt das?

Diskriminierung muss nicht immer bewusst stattfinden und böse gemeint sein. Auch bequemes business as usual fördert Zustände wie in den Achtzigerjahren. Man erkennt sie zum Beispiel daran, dass Verantwortliche in Medien Entwicklungen auf der Straße oder in ihren Familien sehen, sie aber in der eigenen Arbeit ausblenden. Warum tun sie das?

Vermutlich einfach aus dem Grund, weil es lange gut ging. Auch Gastarbeiterfamilien haben früher „Schwarzwaldklinik“ geschaut: weiße Ärzte und Krankenschwestern, die Biodeutschen das Leben retten und sich innerhalb des heterosexuellen, weißen Kollegiums verlieben. Es gab ja sonst nichts. Damals. Keine Satelitenschüssel, kein Internet, keine Alternative. Aber das ist heute anders. Vor allem durch Streamingdienste wie Netflix und Co. hat sich der Druck enorm erhöht, Diversität abzubilden.

Viele Entscheider*innen in Medienhäusern denken offenbar immer noch, ihr Publikum sei so: weiß, binär-geschlechtlich, heterosexuell, ohne Behinderung, konservativ und nicht feministisch. Aber das ist falsch. In westdeutschen Städten und Ballungszentren liegt etwa der Anteil an Kindern und Jugendlichen aus Einwandererfamilien bei mindestens 50 Prozent, in Stuttgart bei rund 60, in Frankfurt am Main sogar bei rund 70. Diversität ist normal. Nur eben immer noch nicht in deutschen Medienhäusern.

Neue Perspektiven

Diversität im Journalismus heißt, Platz zu machen für Menschen mit neuen Perspektiven. Da das selten passiert, braucht es erfahrungsgemäß eine Quote. Und es heißt, einen Kulturwandel in der bisherigen Arbeitsweise zuzulassen. Oder in Workshops zu lernen, dass Diskriminierung überall stattfinden kann, auch bei einem selbst. Zu all dem sind aber viele nicht bereit.

Wenn große Talksendungen mal aussähen wie „BlackRockTalk“Screenshot: BlackRockTalk

Weil es eilt und einige andere Länder schon viel weiter sind, haben wir als Neue deutsche Medienmacher*innen dieses Jahr einen Diversity-Guide für deutsche Medien veröffentlicht. Wir rücken das Printexemplar nur raus, wenn die Chefetage uns zum Gespräch einlädt. Wir wollen sichergehen, dass sie unsere Argumente kennt, warum Diversity Chef*innensache sein muss.

Anders als vor zehn Jahren argumentieren wir nicht mehr mit Diskriminierung, Fairness und Gerechtigkeit. Diversität ist kein Charity-Projekt, mehr Vielfalt kein Akt der Nächstenliebe. Diversität ist das, was deutsche Medien im 21. Jahrhundert brauchen, wenn sie den Anschluss an die Gesellschaft nicht verpassen und glaubwürdig sein, kurz: überleben wollen. So gesehen ist die Aufforderung an Medien, diverser zu werden, die eigentliche Charity.

10 Kommentare

  1. So wenig, wie ich die Schwarzwald-Klinik vermisse, weiß ich nicht recht, ob ich ein Klischee-Fest durch ein anderes ersetzt wissen will.

    Wenn die _Sichtbarkeit_ das Problem ist – woran erkennt man als Zuschauer, ob eine Figur im Fernsehen schwul oder lesbisch ist?
    Die Häufigkeit von Behinderungen mag bei 5 bis 6 % liegen, aber die Häufigkeit von _sichtbaren_ Behinderungen ist kleiner, wenn wohl auch nicht bei 4 Promille. (Wie groß der Anteil an Journalisten oder Schauspielern mit sichtbarer Behinderung ist, wäre die nächste Frage.)
    25 % Migrationshintergrund schließen auch Menschen aus Polen oder Russland ein, denen man den Migrationshintergrund nicht ansieht, und sie mit schweren Akzenten sprechen lassen, ist jetzt vllt. auch nicht das Optimum. Also kann man genauso auch einen Deutschlanddeutschen nehmen, der einen Russlanddeutschen spielt, um Menschen mit Migrationshintergrund abzubilden.

    Aber völlige Zustimmung beim Frauenanteil. Eine Menge männlicher „Experten“ sind tatsächlich nicht so kompetent, wie sie behaupten.

  2. Jesus wird normalerweise als erst Anfang 30 dargestellt, dass er ein Mann war, ist historisch unumstritten, und seine sexuelle Orientierung ist tatsächlich unbekannt. Also keine Ahnung, was Sie meinen.

    Die Hautfarbe ist vermutlich ein mediterranes Braun gewesen, aber seinerzeit hat man darauf nicht geachtet.
    Auf europäischen Bildern sieht er mehr europäisch aus, auf afrikanischen mehr afrikanisch.

    Raten Sie mal, wie Buddha auf Buddhastatuen aussieht?

    Mohammed war gegen Bilder von sich, was ein sehr schlauer Move war.

  3. Dann habe ich die Lösung:
    Per AI Deep-Learning Algorithmen™ werden die Gesichter von Nichtweißen in der medialen Darstellung im blasseuropäischen Hautfarbenraum einfach weiß gemacht.
    Und weiße Menschen in Afrika werden einfach schwarz gemacht.
    Dann muss man auch nicht mehr so auf reale Bevölkerungsanteil-Zahlen schauen.
    Obviously /s

  4. Es geht ja nicht um Schwarz und Weiß, sondern um Migrationshintergrund oder nicht.
    Man könnte ja einfach bei jedem Charakter in einer Fernsehserie den Stammbaum einblenden.
    Jeder vierte hat dann, wie man so leicht erkennen kann, einen Migrationshintergrund.

  5. Ich habe auch den Eindruck dass wenn einmal versucht wird Diversität in z. B. eine fiktionale Produktion zu bringen so muss das dann immer gleich im Mittelpunkt stehen und dem Zuschauer ins Gesicht springen, so nach dem Motto: „SCHAUT MAL DAS SCHWULE TUNTIGE FILMPAAR!“. Oder wenn jemand im Rollstuhl sitzt hat das immer mit der Handlung zu tun. Warum kriegen die es nicht hin einfach mal eine Rolle mit einer behinderten Person zu besetzen ohne dass die Behinderung Teil der Rolle ist oder ohne dass erwähnt wird warum jemand im Rollstuhl sitzt.

  6. Der Schauspieler Bruno W. Pantel hat nach einer Beinamputation viele Nebenrollen in den bekannten Krimiserien der siebziger und achtziger Jahre gespielt, meistens Pförtner oder Hausmeister. Man sah die Gehbehinderung, der Grund wurde aber nie erklärt.
    Bei einer durchgehend größeren Rolle hat das wohl dramaturgische Gründe. Der Zuschauer möchte wissen, was es mit der Behinderung auf sich hat, wenn er das nicht erfährt oder es für den Film keine Rolle spielt ist das unbefriedigend und lenkt von der Handlung ab.
    Film ist eben Film und deshalb sollte ein guter Schauspieler auch einen schwulen oder Rollstuhlfahrer mimen dürfen, auch wenn er beides nicht ist. Das gilt auch für Schauspielerinnen!

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