Bewerbung beim Staatssender

Russia Today will also seriöser werden. Will ich zu Russia Today?

Auf meinem Laptop-Monitor sehe ich Alexander Korostelev, den Programmdirektor von RT DE. Er sitzt mir virtuell gegenüber, hinter ihm ein quadratisches, weiß umrahmtes Bürofenster, vor dem der graupel-graue Schmodderhimmel Berlins hängt. Während wir reden, schlägt der Hagel gegen das Glas. Es ist ungemütlich. Korostelev ist freundlich. Warm sogar. Er sucht nach Redakteuren für RT DE. Kann ich ihm helfen?

Zu jener Zeit, im April 2021, bin ich auf Jobsuche. Seit fast einem Jahrzehnt arbeite ich in Nachrichtenredaktionen; ich habe sechs Jahre in London gelebt und bin vor kurzem nach Deutschland zurückgekehrt. Um in den Rhythmus zu kommen und meine Angst vor Ablehnungen zu verlieren, entscheide ich mich, jeden zweiten Tag eine Bewerbung rauszuschicken.

Deine Karriere bei RT DE
Screenshot: de.rt.com

Auf LinkedIn sehe ich, dass eine Recruiting-Firma einen TV-Redakteur für RT DE sucht. RT steht natürlich für Russia Today, einen Sender, mit dem ich aus meiner Zeit in London vertraut bin. RT UK hat mehrere Sendungen im Programm, die ich schätze, weil sie nicht auf grelle Schlagzeilen aus sind, sondern Größen wie Noam Chomsky einen ununterbrochenen Redezeitraum von einer Viertelstunde und mehr einräumen.

RT USA wiederum hat dem geschätzten Pulitzerpreis-Träger Chris Hedges ein Sendeformat überlassen, in dem dieser über die Verfehlungen der amerikanischen Presse mit messerscharfen Analysen, schlagkräftigen Argumenten und zynischem Witz berichten darf. Eine Institution, die mit klugen Köpfen wie Seymour Hersh, Glenn Greenwald und Matt Taibbi in den Diskurs geht, finde ich leicht zu loben.

Gründe, sich bei RT DE zu bewerben Gründe, sich nicht bei RT DE zu bewerben
positiver Eindruck von RT International schlechter Ruf in Deutschland
Neugier Zeitverschwendung, da ich ohne Journalismus-Studium nie ausgewählt würde
Entwicklung von Bewerbungs-Routine Voraussetzung „Stressresistenz“, wie im Gesuch angegeben, nicht vorhanden
vielleicht gut bezahlt klingt nach harter Arbeit

 

RT möchte ein deutsches Fernsehprogramm aufbauen, in Berlin, in Adlershof. Von dort aus wird bereits die umstrittene Online-Redaktion betrieben. Ich bewerbe mich. Erfahrung als TV-Redakteur habe ich nicht. Aber was spielt das für eine Rolle? Ich habe auch keine Erfahrung als Ehemann von Jennifer Lopez und würde trotzdem in der Rolle aufgehen.

"Dein vielversprechendster Karriere-Kick"
Youtube-Werbespot: „Wir versprechen action nonstop“ Screenshot: RT DE

Ich möchte RT DE nicht vorverurteilen. Das tun bereits andere. Meine Wertschätzung für einzelne internationale Programme wiegt zu diesem Zeitpunkt schwerer, als abstraktere Skrupel es tun, für ein ausländisches Staats-Medium zu arbeiten.

Außerdem hat Alexander Korostelev in Interviews immer wieder versichert, er wolle RT (sowohl Online als auch im TV) wegholen aus der Schmuddelecke und mit seriösem Journalismus aufwarten, nicht länger als Verbreiter von Verschwörungstheorien, Kreml-Propaganda und rechtem Gedankengut auffallen. Wenn Menschen etwas behaupten, glaubt man ihnen natürlich. Pop-Wissenschaftler Timothy Levine gibt mir mit seiner Truth Default Theory (TDT) Recht. Die besagt, wir sind stets dazu geneigt, Menschen zu glauben, mit denen wir uns unterhalten – unter anderem, weil „die meisten Menschen die meiste Zeit über meist ehrlich sind.“ Q.E.D.

Nichts zu verlieren

Nach dem anfänglichen Vorstellungsgespräch mit der Recruiting-Firma werde ich vorgewarnt, RT sei mit der Einstellung von 200 Mitarbeitern so beschäftigt, dass mindestens zwei Wochen ins Land gehen werden, bevor ich eine Rückmeldung erfahre. Am nächsten Tag klingelt mein Handy. Alexander Korostelev möchte mich sprechen.

Korostelev ist Anfang 30, hat kurze schwarze Haare, eine strenge Brille mit schwarzem Rand und ein blasses Stoppelgesicht. Er lächelt nervös und wirkt leicht angespannt. Kein Wunder, wenn man 200 Stellen für einen neuen Fernsehsender besetzen muss. Entfernt erinnert er an einen Beamten aus einem John-le-Carré-Roman: gebildet, charmant, aber direkt und eifrig. Seine Freundlichkeit wirkt dabei nicht bemüht, sondern authentisch. Ich habe andere Arbeitgeber kennen gelernt, die sich nicht einmal um Freundlichkeit bemüht hatten.

Ich bin interessiert an der Stelle des Redakteurs, doch Misstrauen trage ich wie eine zweite Haut. Wenn ich montags auf den Kalender schaue, zweifele ich an, dass der nächste Tag wirklich ein Dienstag ist. Auf dem Arbeitsmarkt schützt die Skepsis. Paradoxerweise ermöglicht das Misstrauen es mir, frank und frei die Meinung zu sagen. Aufgrund meiner natürlichen Zweifel gibt es keinen Job, den ich um jeden Preis würde ausüben wollen.

Ich habe also nichts zu verlieren. „Ich habe mir einige Ihrer Artikel angesehen und dann die Autoren recherchiert“, sage ich. „Einige tun etwa auf Social Media oder in ihren Blogs das Coronavirus als harmlos ab. Ich möchte sagen, dass ich mich von solchen Theorien klar distanziere.“

Mehrere Redakteure tragen zu jenem Image bei, das RT laut Korostelev (zumindest in Deutschland) abschütteln möchte. In Interviews hatte Korostelev immer wieder betont, dass er für RT DE einen Kurswechsel mit gesetzten Segeln plant. Gegenüber der „Berliner Zeitung“ hatte er erklärt: „Wir stellen zusätzliche Fakten-Checker ein. Bei RT DE läuft die Arbeit an jedem Artikel bereits nach dem Mehr-Augen-Prinzip, um eine kompetente und professionelle Berichterstattung zu gewährleisten.“

Will man in diesem Umfeld arbeiten?

Doch welche Autoren fühlen sich von RT als Arbeitgeber angezogen? Die redaktionellen Beiträge sind anonym. Die Gast-Beiträge nicht. Werfen wir einen Blick auf den 17. Mai, einen Monat nach meiner Bewerbung und fünf Monate nach dem bekannt gegebenen angeblichen Kurswechsel. Auf der Startseite stehen am Abend vier Gast-Beiträge: „Keine Kurzstreckenflüge, kein Nord Stream 2, dafür Solardächer – die Pläne der Baerbock“, „Ächtung von Impfskeptikern: Hat da jemand COVID-Apartheid gesagt?“, „Das Internet als Forum für alle: Big Tech hat es in ein Gefängnis verwandelt“ und „Neue Räuberpistole: US-Beamte werfen russischem Geheimdienst ‚Schallangriffe‘ auf US-Agenten vor“.

Der erstgenannte Meinungsbeitrag stammt von Arthur Buchholz. Der hat für RT DE mehrere Jahre lang die satirische YouTube-Sendung „451 Grad“ moderiert. Der zweite Gast-Beitrag, der am 17. Mai auf der Startseite von RT DE steht, stammt von Jani Allan, einer amerikanischen Journalistin, die auf ihrer Homepage schreibt, der 7. November sei sicherlich nicht zufällig als Datum für die Siegesrede von Joe Biden (einem „defeated old man, the deeply, deeply corrupt old man“) gewählt worden: Am 7. November 1917 wurde schließlich auch Petrograd von der bolschewistischen Partei eingenommen.

Der dritte und vierte Gastbeitrag stammen von Nebojša Malić. In einem Tweet vergleicht Malić die von ihm empfundene Russland-Feindlichkeit des „US-Establishments“ mit dem Kreuzzug gegen den Bolschewismus im Zweiten Weltkrieg. Er veröffentlicht dazu die Fotografie eines französischen NS-Plakats von 1942, das den Kampf gegen die UdSSR verherrlicht – inklusive Hakenkreuzverzierung.

Wenn RT Journalisten beschäftigen will, die Corona-Verschwörern und Lockdown-Demonstranten fern sind, muss das Unternehmen mit entsprechendem Inhalt bereits bestechen können. Doch wer soll den schreiben, wenn Journalisten nicht mit Corona-Verschwörern und Lockdown-Demonstranten in Verbindung gebracht werden möchten? Für viele Reporter und Journalisten stellt sich die Frage, ob sie in einem unmoralischen Umfeld arbeiten können, ohne selbst unmoralisch zu werden. „Als Stephan Eicke eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Propagandisten verwandelt.“

Schön geschmeichelt

Alexander Korostelev weiß natürlich um den Ruf seines Unternehmens. „Nein, meine Freunde würden mir nicht die Freundschaft kündigen, wenn ich für RT arbeiten würde“, sage ich. „Meine Freunde sind differenziert denkende Menschen, die die Welt in Schattierungen von Grau sehen, nicht in Schwarz und Weiß. […] Es tut mir leid, dass das einigen Ihrer Redakteure passiert ist.“ Meine Freunde kennen mich zu gut. Sie haben mir schlimmere Dinge verziehen.

Wenn Journalisten ausgewogene Berichterstattung durchsetzen möchten, müssen sie darauf vertrauen können, dass diese auch angenommen wird. Doch sie können nicht darauf vertrauen, wenn die bereits bestehende Berichterstattung nicht ausgewogen ist. Autoren müssten also einen Vertrauensvorschuss geben.

Das mag mir leichter fallen als anderen. Weil ich ausgewählte Programme von RT International schätze. Weil mir Alexander Korostelev sympathisch ist. Weil er meinen als Testaufgabe in Auftrag gegebenen Artikel lobt, über aktuelle Vorwürfe, wie Amazon seine Angestellten behandelt. Unter anderem geht es darum, dass sich ehemalige Mitarbeiter von ihrem Arbeitgeber nicht genügend vor dem Coronavirus geschützt fühlten. Korostelev gefällt der Bericht, der mit mehr Fußnoten und Notizen versehen ist als die ausführlichste Reportage von David Foster Wallace. Das sei genau das, was er sich für RT DE vorstelle. Ich fühle mich geschmeichelt. Ich war immer anfällig für Schmeicheleien.

Nun stecke ich in einem Dilemma, denn ich muss mir eingestehen – von regelmäßig einsetzenden Selbstzweifeln geplagt – für das schnelllebige Geschäft mit Tagesnachrichten im TV-Bereich nicht geschaffen zu sein. Ich sehe mich eher im Genre einer Fran Lebowitz denn eines Claus Klebers. Zugleich bin ich in der engeren Auswahl für eine andere Stelle, die mir mehr liegt. Korostelev aber möchte mich einstellen, und ich bin ihm dankbar dafür. Als ich mich ihm als Fran zu erkennen gebe, zögert er keine Sekunde und bietet mir einen Posten als Online-Redakteur an. Er möchte Fran entgegenkommen, mit ihr arbeiten. Auch dafür bin ich ihm dankbar.

Auffälliges Ungleichgewicht

Ein Blick auf die Homepage von RT DE gibt jedoch ein bemerkenswert anderes, weniger schmeichelhaftes Bild ab, als Korostelevs Versicherung und einzelne Fernsehprogramme aus England und den USA es tun. Mehrere Artikel und Kolumnen lassen eine Szene entstehen von wütenden Redakteuren hinter der Tastatur, die gegen den Corona-Lockdown protestieren.

Am 17. Mai stehen mehrere Artikel zum Thema Coronavirus auf der Startseite: „Expertengruppe hinterfragt angebliche ‘Überlastung der Intensivbetten’ – Alles nur Fake News?“, „#allesdichtmachen: Der Tagesspiegel entschuldigt sich bei Paul Brandenburg“, Kampf gegen Impfstoff-Desinformation: US-Forscher fordert ‚konfrontative Haltung gegenüber Russland'“, „Indonesien stoppt Verabreichung einer AstraZeneca-Charge – ‚Sterilitäts- und Toxizitätstests‘ folgen“, „Umarmung auf Corona-Demo – Veranstalter zahlt 1.350 Euro Strafe“, „Impfen, bis der Arzt kommt: Paul-Ehrlich-Institut meldet Hunderte Todesfälle“, „Bill Gates meldet baldige Überschüsse an Corona-Impfstoffen und Normalisierung bis Ende 2022“.

Der erstgenannte Artikel ist beispielhaft für den Fuß, den RT sich selbst stellt, wenn es um die geplante Anstellung differenziert schreibender Redakteure geht: Diskutiert wird eine „Ad hoc-Stellungnahme“, deren Hauptautor Ökonom Prof. Dr. Matthias Schrappe ist. Vorgestellt wird er als ehemaliger stellvertretender Vorsitzender des Sachverständigenrats Gesundheit. In dieser Funktion ist er allerdings seit nunmehr zehn Jahren nicht mehr tätig.

Schrappe mutmaßt, deutsche Krankenhäuser hätten Fördergelder für zusätzliche Intensiv-Betten veruntreut. RT schreibt, die Vorwürfe würden sich in die „längere Liste der Korruptionsaffären“ mit und um Covid-19 bruchlos eingliedern. Das tun sie aber nun einmal nicht – denn die Vorwürfe sind eben genau das: Vorwürfe. Damit unterscheiden sie sich stark von dem Fall des Nikolas Löbel, der wegen der Maskenaffäre bereits zurückgetreten ist oder dem des Mark Hauptmann, gegen den ein Ermittlungsverfahren eingeleitet wurde.

Ein solcher journalistischer Lapsus ließe sich natürlich leicht vom Schluss- oder Chefredakteur vor Veröffentlichung korrigieren – sollte dies denn gewünscht sein. Doch die verschiedenen Artikel verraten ein grundlegendes Problem des Ungleichgewichts, das sich nur mit einer neuen Autorenschar korrigieren ließe, nicht indem ein Lektor wie ein tasmanischer Teufel durch jeden Bericht wütet.

Die potentielle neue Autorenschar zögert. „Wenn ich jünger wäre, hätte ich vor allem Sorge wegen des etwas dubiosen Rufes“, merkt eine befreundete Redakteurin an. „Wie es sich im CV macht… Ob zu Recht oder zu Unrecht werden sie halt mit Missinformation und Propaganda in Verbindung gebracht.“ Nur eine Kollegin, mit der ich einst Promi-News übersetzt habe, zuckt mit den Schultern: „Unsere Seelen haben wir doch eh schon längst verkauft.“ Sie nippt an ihrem Weißwein, zündet sich noch eine Zigarette an. Überlegt kurz, fügt dann hinzu: „Aber ich glaube, RT und ich passen auch nicht zusammen.“

„Der Wikipedia-Eintrag erinnert mich als Ossi stark daran, wie es früher bei uns war“, bemerkt eine andere Kollegin. Der Kurs wird vorgegeben. Wer es nicht schon ist, wird auf Linie gebracht. Wieder eine andere Kollegin hegt ähnliche Bedenken: „Was passiert, wenn man bei RT falsch über etwas berichten muss, nur weil es von Moskau so vorgegeben wird?“ Vor meinem geistigen Auge sehe ich, wie ein Spion meiner Kollegin abends auf dem Weg von der Arbeit an dunklen Straßenecken auflauert und unauffällig folgt.

„Verbreitung gesteuerter Information“

Einige Stellen sind noch zu besetzen, wie die Stellenangebote auf den diversen Portalen belegen. Mittlerweile – Mitte Mai 2021 – wird RT von drei Recruiting-Firmen unterstützt: Randstad, Sellwerk, und Müller Medien. Das sind zwei mehr, als mir im April aufgefallen waren.

Die Berichterstattung in den deutschen Leitmedien dürfte die Personalakquise zusätzlich erschweren: Der Deutschlandfunk zitiert eine Historikerin mit den Worten, RT wolle Deutschland „spalten“. Die Nachrichtenagentur dpa nennt den zentralen Vorwurf, RT verbreite „im Auftrag des russischen Staates Verschwörungstheorien und Desinformationen.“ Die FAZ geht noch einen Schritt weiter, indem sie schreibt: „Ein deutschsprachiger Fernsehsender wäre ein enormer Schritt, wenn es um die Verbreitung von Propaganda und gesteuerter Information geht.“

Gründe, das Angebot anzunehmen Gründe, das Angebot abzulehnen
Alexander Korostelev hat mir geschmeichelt Schlechter Ruf in Deutschland
Gute Bezahlung Klingt nach harter Arbeit
Alexander Korostelev hat mir geschmeichelt Homepage spiegelt neue Ansprüche nicht wider
Positiver Eindruck von RT International Kollegen wären mir politisch entgegengesetzt
Alexander Korostelev hat mir geschmeichelt RT besteht nicht nur aus Alexander Korostelev
Ausgewogener Test-Artikel wurde abgesegnet Brandmarkung als „rechter“ Reporter
Angenehme, professionelle Bewerbungsgespräche Anderer, favorisierter Job in Aussicht

 

Ausschlaggebend ist für mich letztlich ein anderes Jobangebot. Die Absage an Alexander Korostelev fällt mir schwerer als gedacht.

Sollten investigative Programme wie „Going Underground“ und „On Contact“ es auch in den deutschsprachigen Sender schaffen, könnte dies ein begrüßenswerter Zugewinn für die hiesige Medienlandschaft sein, wie sie es für die amerikanische sind. Eine gesunde Medien-Diät sollte ohnehin aus einem reichhaltigen Paket bestehen – aus der „Tagesschau“, der „Zeit“, dem „Guardian“, Al Jazeera, Fox News, MSNBC, RT, der „Süddeutschen“ und dem „Handelsblatt“ beispielsweise. Das gesamte Programm eines Konzerns im Vorfeld zu verurteilen, kommt mir einer intellektuellen Entmündigung der Bürger gleich. Es ist auch ein Zeichen von geistiger Faulheit.

Alexander Korostelev hat noch einen langen Weg vor sich. Ich kann diesen Stein nicht mit ihm auf den Berg rollen, aber sollte er es mit seinen Plänen ernst meinen, wünsche ich ihm viel Glück.

22 Kommentare

  1. Hm, schwierig. Ich finde ein Job beim Staatssender ist kein Journalismus. Man macht eher PR: Wie bei einem Konzern würde man nie eine schlechte Nachricht über das eigene Land bringen. Und nie eine gute Nachricht über die „Konkurrenz“. Schließlich wird man vom Staat bezahlt und nicht in irgendeiner Form von dem Publikum.
    Das gilt nicht nur für Russia Today, sondern (mal mehr, mal weniger) eben auch für die Deutsche Welle, Voice of America oder die Global Times.

  2. „ Eine gesunde Medien-Diät sollte ohnehin aus einem reichhaltigen Paket bestehen – aus der „Tagesschau“, der „Zeit“, dem „Guardian“, Al Jazeera, Fox News, MSNBC, RT, der „Süddeutschen“ und dem „Handelsblatt“ beispielsweise.“

    … das zeugt schon von ziemlich enger Perspektive, wenn man davon ausgeht, Leute könnten sich rein zeitlich schon all diese Quellen gönnen, in zwei Sprachen (oder mehr), und dann kann man auch RT lesen, weil man das zur Not einordnen kann. Dasselbe mit Fox News.

  3. Sagen Sie mal, Herr Eicke, sind sie einfach grenzenlos naiv, oder was soll das alles? RT ist ein staatlicher Propagandasender. Seine Aufgabe, sein Sinn und Zweck ist es, Propaganda im Sinne der russischen Regierung zu betreiben. Ob er das jetzt krawallig oder mit seriösem Anstrich macht, ob er platte Propaganda oder weniger platte Desinformation oder eher leise Untertöne wählt, wieviel Freiheit er dissidenten Stimmen oder Leuten wie Chomsky oder Greenwald gewährt – das sind alles taktische Fragen, die die strategische Ausrichtung unberührt lassen. Und solche Taktiken können sich auch jederzeit ändern, je nachdem, was Herr Korostelev oder seine Chefs gerade als dienlich für die jeweilige Agenda des Kremls ansehen.

    Ganz apodiktisch: Wer auch nur einen Rest journalistischen Ideals und Anstands übrig hat, zieht nicht in Erwägung, für so einen Laden zu arbeiten, Punkt. Das hat nichts mit Denkfaulheit zu tun – denkfaul ist vielmehr, sich von irgendwelchen taktisch motivierten Ankündigungen und persönlichen Nettigkeiten einlullen zu lassen und den übergeordneten Rahmen einfach auszublenden.

    An RT lässt sich der Unterschied zwischen Propaganda und journalistischer Agenda ebenso lernen wie der Unterschied zwischen Staatsfernsehen und öffentlich-rechtlichem Rundfunk. (Das nur prophylaktisch, da hier sicher gleich Kommentatoren auftauchen werden, die ebendiese Unterschiede einzuebnen versuchen.)

  4. Im Übrigen verstehe ich den Mehrwert dieses Artikels nicht. Was RT international und in Deutschland so treibt, ist allgemein bekannt (jedenfalls in der Flachgründigkeit, in der es hier abgehandelt wird), und wo und warum sich Herr Eicke bewirbt und wie nett Herr Korostelev im Bewerbungsgespräch rüberkommt, ist doch, mit Verlaub, herzlich uninteressant.

  5. RT ist ein staatlicher Propagandasender.

    Potzblitz. Staatlich finanzierte Sender sind staatliche Propagandasender?
    Das hätte ich nicht gedacht.

    Obwohl, da soll es Unterschiede geben

    An RT lässt sich der Unterschied zwischen Propaganda und journalistischer Agenda ebenso lernen wie der Unterschied zwischen Staatsfernsehen und öffentlich-rechtlichem Rundfunk.

    Ist das so? Lassen Sie uns das mal checken.
    RT macht Propaganda für die russischen Machthaber.
    Das kann man unseren Öffis nicht vorwerfen. Die machen keine Propaganda für die russischen Machthaber, sondern für die deutschen.
    Welch ein Unterschied.

  6. Wie erwartet. (Naja, eigentlich hätte ich den Müller erwartet. Stattdessen halt die noch stumpfere Variante.)

    Nur zur Erinnerung: Der ÖRR ist nicht staatlich finanziert, er steht nicht unter Regierungskontrolle, und er betreibt auch keine Regierungspropaganda. Kann man bei einem Vergleich mit tatsächlichem Staatsfernsehen (russisch, polnisch, ungarisch, türkisch, chinesisch… suchen Sie sich was aus) eigentlich unschwer erkennen. Wer allerdings alles von CDU bis Antifa für „Machthaber“ hält und nur Schlumpfnazis und freidrehende Spinner als echte Opposition anerkennt, für den sieht das alles ein bisschen anders aus…

  7. Deutsche Welle wäre der passende Vergleich.
    Und der ist vergleichsweise harmlos.

    Das Parlamentsfernsehen des Deutschen Bundestages, Radio Andernach und Bundeswehr TV ignorieren wir mal, wegen Mangel an Relevanz.

  8. „Eine gesunde Medien-Diät sollte ohnehin aus einem reichhaltigen Paket bestehen“

    Ja, natürlich. Allerdings ist es ein riesiger Unterschied, ob ich bspw. das Handelsblatt wegen der detaillierten Wirtschaftsartikel lese und einfach das „heil dir Neoliberalismus“-Geplapper ausblende, oder ob ich bei einem nachrichtlichen Artikel nie genau weiß, welche wesentliche Information mir gerade vorenthalten wird oder welcher Pseudo-Experte als Zitatgeber herhalten musste, um die richtigen Bilder in meinem Kopf erscheinen zu lassen. Kurz: Es geht um Vertrauen in das Gesamtprodukt. Wenn das fehlt – und das ist bei RT der Fall –, kommt es auf einzelne Artikel nicht an. Wer einmal lügt, dem glaubt man eben nicht.

  9. Also wenn ich nicht wüßte, dass das keine Satire ist, würde ich sagen, das ist eine Satire!

  10. Nur zur Erinnerung: Der ÖRR ist nicht staatlich finanziert, er steht nicht unter Regierungskontrolle, und er betreibt auch keine Regierungspropaganda.

    Zuerst wollte ich eine geharnischte Entgegnung schreiben.
    Zum Glück hab ichs gelassen und noch mal gelesen. Was soll ich sagen, ich bin begeistert.
    Geniale Satire. Bitte mehr davon.

  11. @#7 Earendil:

    „Wer allerdings alles von CDU bis Antifa für „Machthaber“ hält und nur Schlumpfnazis und freidrehende Spinner als echte Opposition anerkennt, für den sieht das alles ein bisschen anders aus…“

    Danke. Satz des Tages.

    @#11 Jörn: Komplett unlustig. Kein Dank dafür.

  12. Oh, Leute glauben noch immer, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk Regierungsfunk ist? Obwohl die Regierung den ÖRR nicht finanziert? Obwohl Merkel nicht morgens anruft und die Themen des Tages setzt? Obwohl die meiste Kritik im TV an der Regierung von… lasst mich nachschauen… öffentlich-rechtlichen-Stellen kommt? Von Programmen wie Panorama, Kontraste oder Monitor, in Talkshows oder Kommentaren bei den Tagesthemen, oder in Satiresendungen wie der Anstalt, in der Heute Show oder im Magazin Royal?

    Tja ¯\_(ツ)_/¯ Aber es ist schon bezeichnend, dass wir bei einem Artikel über RT Deutsch natürlich sofort beim Deutschen ÖRR sind. Weil Russland Fans sofort die Platte „Aber der Westen“ abspielen müssen. Kann man ja machen, es gibt ja auch westliche Regierungssender. Der ÖRR gehört nicht dazu. Diese Diskussion ist dumm.

  13. Wer will kann doch ganz einfach nachschauen, wie der ÖRR finanziert und kontrolliert wird und ob er Kritik an der Regierung übt / üben darf.
    Der kommunikative Clou ist hier, es aussehen zu lassen, als könne es dazu mehrere Meinungen geben.

  14. Eigentlich dachte ich, earendil hätte den Vogel abgeschossen.
    Und dann kann Marvin:

    Obwohl die meiste Kritik im TV an der Regierung von… lasst mich nachschauen… öffentlich-rechtlichen-Stellen kommt?

    Und ich glaube, da geht noch mehr. Warten wir mal, bis ein anderer Max sich meldet.
    Ich freu mich drauf.

  15. Ich glaube langsam Sie sind kein Russlandfan. Sie lieben wohl einfach nur Mario Barth deckt auf. Schließlich gibts im Privat-TV keine härtere Staatskritik.

    Und weil nicht sein kann, was nicht sein darf, darf niemand härter kritisieren als Mario Barth. Und daher darf der öffentlich-rechtliche Rundfunk natürlich nicht mit Staatskritik kommen und wird zum Staatssender verklärt. Das würde einiges erklären.

  16. Allein dafür Greenwald nach dessen Wandel zum Fox News Hunter Biden Schwurbler mit Trump-Sympathien als klugen Kopf zu bezeichnen hätte man doch eigentlich das Vorstellungsgespräch abbrechen und stattdessen ne Vollzeitstelle anbieten können.

  17. das ist eine gesunde mediendiät? oh je. und diese äußerung hier zeigt natürlich eine völlig neutrale einstellung eickes : „vorverurteilen. Das tun bereits andere.“
    so als hätten diejenigen, die sich hier eine meinung zu rt-deutsch bilden schlicht und einfach noch nie etwas davon gehört. außer natürlich der autor des textes. der weiß bescheid, weil er es mal in den usa und bei den briten gesehen hat.

    vielleicht hätte eicke doch gut gepasst zu rt deutsch? wo geht er jetzt hin? zum kopp verlag?

  18. Da hat der Artikel ja bei einigen einen richtigen Nerv getroffen.

    Ich finde den Artikel vom Stil her anstrengend und nicht so gut gelungen, und zwar wegen der Verwendung von Ironie. An einigen Stellen ist das offensichtlich, wie in den Tabellen das Schmeicheln des Programmdirektors. An anderen Stellen ist der Artikel ernst. Der Übergang ist fließend. Also wann ist etwas ernst gemeint und wann nicht? Das funktioniert allgemein im Internet schlecht.

    Naja jedenfalls anhand dessen, was ich mal annehme, was der Autor ernst meint, finde ich das inhaltlich gut gemacht. Erstmal Lob dafür, den Bewerbungsprozess und die Beschäftigung mit RT überhaupt gemacht zu haben und das in Erwägung gezogen zu haben. War mir klar, dass sich die Kontaktschuldfans darauf stürzen, auch in den Kommentaren hier. Man sollte sich nicht dafür rechtfertigen müssen, jemandem einen Vertrauensvorschuss zu geben und denjenigen dann inhaltlich zu kritisieren und zu bewerten. Jeder sollte sich ab und zu mal mit eigenen Vorurteilen auseinandersetzten, und wenn es nur dazu ist, sich ihrer Richtigkeit zu versichern.

    Und inhaltlich hat der Autor hier einiges zu kritisieren am Werk von RT. Ich würde auch sagen, dass die Vorurteile gegenüber RT bestätigt werden, meine und seine und die der zitierten Kollegen. Dass der Programmdirektor seriös werden will hat sich jedenfalls noch nicht in der Qualität niedergeschlagen. Verständlicherweise zieht sich daher auch der Zweifel an der Intention von RT durch den ganzen Artikel.

    Aber ich finde das spannend, dass sowas eine Art Henne-Ei-Problem ist. Ohne gute Redakteure keine Qualität und wenn man nur für Dreck bekannt ist, dann kommen keine guten Redakteure, weil sie bessere Angebote bekommen. Ein ähnliches Problem hat gerade RTL.

  19. @Erwinzk / #19: „Kontaktschuldfans“, LOL. Es geht doch nicht darum, dass Herr Eicke mit Herrn Korostelev in einem Raum gesichtet wurde oder vor x Jahren mal bei RT einen Vortrag besucht oder gehalten hat. Für den Laden arbeiten zu wollen ist schon eine andere Hausnummer. Zumindest beruflich ist mehr „Kontakt“ als ein Arbeitsverhältnis kaum vorstellbar.

    „Dass der Programmdirektor seriös werden will hat sich jedenfalls noch nicht in der Qualität niedergeschlagen.“

    Ja, das ist so das Niveau der Kritik in diesem Artikel und auch in Ihrem Kommentar. Nochmal: Ob RT seine Propaganda nun auf seriös trimmt oder nicht, ändert doch nichts am Zweck dieses Mediums! Und der stellt das Kernproblem dar, nicht die Art und Weise, wie er verfolgt wird! Den Zweck setzt übrigens nicht Herr Korostelev, sondern der Eigentümer des Ladens, sprich der Kreml.

    Naja, vielleicht kann der Autor sich demnächst dann ganz vor- und überhaupt urteilsfrei bei Compact bewerben. Natürlich voll kritisch und so. Aber eventuell ist Herr Elsässer im persönlichen Gespräch ja auch ein ganz nicer Typ und will seine Hetze demnächst ein bisschen seriöser gestalten, wer weiß?

  20. @Earendil, #20

    „Ob RT seine Propaganda nun auf seriös trimmt oder nicht, ändert doch nichts am Zweck dieses Mediums!“

    Dann haben wir ein unterschiedliches Verständnis von seriös. Jeder Auslandsfunksender hat den Zweck, dem eigenen Land zu dienen. Es besteht aber ein Unterschied in der Seriösität, ob das durch Falschnachrichten und Irreführung oder Wahl der Themen geschieht. Solange RT weiter hauptsächlich spaltet ist es nicht seriös. Wie stellen Sie sich das „seriöse“ vor? Biedere Schriftarten, Anzug und Krawatte?

    „Den Zweck setzt übrigens nicht Herr Korostelev, sondern der Eigentümer des Ladens, sprich der Kreml.“ – Der ganze Artikel hängt an der unwahrscheinlichen Prämisse, dass der Kreml die Stoßrichtung geändert oder Herrn Korostelev freie Hand gegeben hat. Im ganzen Artikel wimmelt es von Einschränkungen, falls das tatsächlich ernst gemeint sei etc. Es gibt haufenweise Auslandssender, die seriösere Propaganda verbreiten, Deutsche Welle oder BBC World News zum Beispiel. Wenn sich RT dahin entwickelt, dann wäre das zu begrüßen und dann sähe ich auch keinen Grund für Journalisten, da nicht zu arbeiten. Noch mal: das ist eine wenn-dann-Aussage. Also das bitte nicht als bedingungsloses Lob für RT oder irgendwas auslegen, danke.

    „Naja, vielleicht kann der Autor sich demnächst dann ganz vor- und überhaupt urteilsfrei bei Compact bewerben.“

    Ja ich weiß, Sie können das nicht lassen.

  21. Mal sehen. Einige Quellen on RT-D:
    Toby Young, voltaire.net, Wodarg, Ken Jebsen, Jürgen Elsässer … you name it.
    Warum, das hat Bernhard Pörksen mal so zusammengefasst:
    [ Deutschlandfunk 2014 „Dahinter steht ja der Kreml“ ]
    „Denn es geht ja darum, dass RT Deutsch ja eigentlich das Schüren von Medienverdrossenheit als journalistisches Programm verkauft. Und das ist ein durchaus hochinteressanter Versuch, weil hier – dahinter steht ja der Kreml – staatlich gelenkte Öffentlichkeit den Schulterschluss mit der Gegenöffentlichkeit, der Medienverdrossenen gegen Öffentlichkeit sucht. Also es ist die Inszenierung von Staatsöffentlichkeit als Gegenöffentlichkeit und die Entdeckung von aktueller Medienverdrossenheit als publizistische Marktlücke. Und das macht RT Deutsch, das ja sonst journalistisch wenigen Ansprüchen nur zu genügen vermag, durchaus dann interessant als Zeitindiz, als Symptom.“

    Man mag nun den Deutschlandfunk angreifen, oder darauf fokussieren, dass das vor 6 Jahren gesagt wurde, aber ernsthafte Indizien dafür, dass das nicht stimmt, oder heute anders wäre, sehe ich nirgends.
    Zur Pandemie hatten wir die gesamte Leugner/Schwurbler Bandbreite mit, je nach Nützlichkeit, komplett widersprüchlichen Aussagen.

    Den älteren unter uns mag „Radio Eriwan“ noch ein Begriff sein.
    Das fällt mir bei RT Deutsch immer wieder ein. Nur unlustiger.

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