„Ein Gesinnungstest bei der Aufnahmeprüfung? Auf gar keinen Fall!“

Eine Umfrage unter Volontär*innen der ARD sorgt für Aufregung: Auf die Frage, was sie wählen würden, wenn am Sonntag Bundestagswahl wäre, stimmte mehr als die Hälfte der Teilnehmer*innen für die Grünen. Die Union hingegen kam nicht mal auf drei Prozent. Repräsentativ ist dieses „Datenprojekt“ nicht, aber: Was ist dran an der linksgrünen Tendenz unter Journalist*innen? Sollte es überhaupt eine Rolle spielen, was Menschen wählen, die Journalist*in werden wollen? Und sollten sich Sender und Journalistenschulen für mehr politische Diversität einsetzen? Das haben wir Henriette Löwisch gefragt, die Leiterin der Deutschen Journalistenschule in München.


Frau Löwisch, Hat Sie das Ergebnis der Volo-Umfrage überrascht?

Genauer hingucken hilft immer gegen Schnappatmung. Die Hälfte der befragten ARD-Volos hat die Frage nach der Wahlpräferenz ja gar nicht beantwortet. Ich kann mir vorstellen, einige haben gedacht, was geht das jemanden an, wen ich wähle? Und andere haben sicher zu Recht gedacht, was hat mein Wahlverhalten mit meiner Arbeit zu tun?

Die Wahl-Grafik hat ja für Aufregung und Spott gesorgt, vor allem in konservativen Kreisen. War es eine gute Idee, diese nicht repräsentative Umfrage so zu machen und zu veröffentlichen?

Die demografischen Fragen sind doch sehr spannend und regen zur Diskussion an. Die politische Perspektive hätte man sicher klüger abfragen können, aber hinterher ist man ja immer schlauer.

Glauben Sie, es spielte eine Rolle für ihre Einstellung, welche Partei die Volontär*innen wählen?

Ich war nicht dabei, aber ich halte es für ausgeschlossen, dass bei der Auswahl von Volos im öffentlich-rechtlichen Rundfunk das Wahlverhalten abgefragt wird.

Sollte es bei der Auswahl von Volotär*innen überhaupt eine Rolle spielen?

Ein Gesinnungstest bei der Aufnahmeprüfung? Das kommt für die DJS nicht in Frage, auf gar keinen Fall.

Jan Fleischhauer twitterte, nicht die ARD rekrutiere „zu 90 % Nachwuchs, der rotgrün wählt. 90 % des journalistischen Nachwuchses sind rotgrün. Ein Besuch bei einer deutschen Journalistenschule, und man weiß, dass ich recht habe“. Hat er recht?

Jan Fleischhauer war vergangenes Jahr auf Einladung unserer Journalistenschülerinnen und Journalistenschüler zu einem Werkstattgespräch an der DJS. Das sagt doch mehr aus über ihre Freude an Meinungsvielfalt als Spekulationen darüber, wen sie wählen.

Woran liegt es, dass sich eher linksliberal orientierte Menschen entscheiden, Journalist*in zu werden – und ist das ein Problem?

Auf den ersten Teil der Frage habe ich keine Antwort parat. Ich weiß auch nicht, wen meine Studierenden wählen. Mich treibt mehr um, dass der Journalismus eher Menschen aus sehr gesicherten Verhältnissen anzuziehen scheint. Ganz grundsätzlich finde ich, dass mangelnde Vielfalt der Perspektiven im Journalismus ein Problem ist, denn die Demokratie lebt vom Wettbewerb guter Ideen.

Im „Journalist“ sagt der Mainzer Publizistik-Professor Gregor Daschmann, das Motiv, Journalist zu werden, sei immer noch oft, die Gesellschaft verändern zu wollen. Konservative Menschen wollten das aber „tendenziell weniger“ und wählten deshalb seltener diesen Beruf. Inwiefern trifft das in Ihren Augen zu?

Es stimmt: Viele Leute gehen unter anderem deshalb in den Journalismus, weil sie die Gesellschaft voranbringen wollen. Ob konservative junge Menschen das weniger wollen? Ich wüsste wirklich nicht, auf welcher Grundlage ich ihnen das unterstellen sollte.

Wie wirkt sich das Ungleichgewicht im politischen Background auf die Berichterstattung aus?

Grundsätzlich mal gar nicht, weil der journalistische Ethos es ja erfordert, alle Lösungsvorschläge zu berücksichtigen, die auf Fakten basieren und mit den Grundrechten vereinbar sind. Trotzdem können Ungleichgewichte potenziell zu weniger Aufmerksamkeit für die Anliegen unterrepräsentierter gesellschaftlicher Gruppen führen. Um das zu verhindern, ist der DJS die Vielfalt in den Redaktionen ein wichtiges Anliegen, Vielfalt der politischen und fachlichen Perspektiven genauso wie der sozialen, familiären oder regionalen Herkunft.

Was könnten ausbildende Sender und auch Journalistenschulen dafür tun, damit das politische Meinungsspektrum im Programm breiter wird?

Ich habe ja als Journalistenschulleiterin keinen Einfluss auf die Programmgestaltung. An der DJS aber betone ich gleich zu Beginn jedes Ausbildungsjahrgangs, wie wichtig es ist, dass sowohl Mehrheitspositionen als auch Minderheitenmeinungen in klasseninternen Diskussionen und Entscheidungsprozessen zur Geltung kommen. Ich fordere Meinungsvielfalt, Offenheit und gegenseitiges Zuhören ausdrücklich ein, und den Schülerinnen und Schüler leuchtet das immer sofort ein.

Viele Medien versuchen seit einiger Zeit, aktiv etwas für Diversität zu tun, zum Beispiel, was den Migrationshintergrund angeht. Müssten sie auch aktiv versuchen, etwas für Diversität tun, was die politischen Grundeinstellungen angeht?

Die DJS hat zu Jahresbeginn eine Vielfaltsinitiative gestartet, die von einem sehr umfassenden Vielfaltsbegriff ausgeht. Vielfalt der sozialen, familiären oder regionalen Herkunft ebenso wie der politischen und fachlichen Perspektiven, und das ist noch gar keine vollständige Aufstellung. Gemeinsam mit unseren Alumni wollen wir Ideen entwickeln, wie wir Menschen mit unterrepräsentierten Hintergründen und Perspektiven für den Journalismus begeistern und die Chancengleichheit für Bewerberinnen und Bewerber aus allen Bereichen der Gesellschaft verbessern können. Corona hat uns da erstmal ausgebremst. Aber wir machen uns weiter Gedanken und nehmen den Faden wieder auf, sobald wieder einigermaßen Alltag eingekehrt ist.

Aus zeitlichen Gründen haben wir die Fragen per E-Mail gestellt.

13 Kommentare

  1. Gut, wenn man gut mit Worten umgehen kann:
    „Es stimmt: Viele Leute gehen unter anderem deshalb in den Journalismus, weil sie die Gesellschaft voranbringen wollen.“ Das Wort war _ändern_.
    „Ob konservative junge Menschen das weniger wollen?“ Ist doch logisch – je zufriedener man mit dem Ist-Zustand ist, desto weniger ist man motiviert, ihn zu verändern.

  2. @MYCROFT
    Interessant. Junge konservative Menschen sind im Augenblick diejenigen, die den Ist-Zustand nicht ändern wollen, weil sie sehr zufrieden damit sind?
    Kam mir gar nicht so vor. Also gab es doch keinen massiven „Linksrutsch“ in den letzten Jahren.
    Dann ist ja alles gut.

  3. „Junge konservative Menschen sind im Augenblick diejenigen, die den Ist-Zustand nicht ändern wollen“ Streichen Sie das „junge“ und das „im Augenblick“ – konservative Menschen sind dadurch definiert, dass sie mit den Zuständen zufrieden sind und sie daher nicht (sehr) ändern wollen. Von „sehr zufrieden“ schrieb ich nichts.

    „Kam mir gar nicht so vor.“ Sondern?

    „Also gab es doch keinen massiven „Linksrutsch“ in den letzten Jahren.“ Wer behauptet das, außer Leuten, denen die CSU zu links ist, und die daher eher selbst nach rechts „gerutscht“ sind?

  4. >>>„Junge konservative Menschen sind im Augenblick diejenigen, die den Ist-Zustand nicht ändern wollen“ Streichen Sie das „junge“ und das „im Augenblick“ – konservative Menschen sind dadurch definiert, dass sie mit den Zuständen zufrieden sind und sie daher nicht (sehr) ändern wollen. Von „sehr zufrieden“ schrieb ich nichts.<<<

    Ja, und katholische Geistliche sind dadurch definiert, dass sie dem Sex entsagen und im Zölibat leben.
    Wir reden zunächst mal um junge Menschen, die Volontäre beim ÖRR, also streiche ich besser gar nichts. Die Junge Union gilt seit Langem als "rechter" als die Mutterpartei. Nicht wenige liebäugeln mit der Werteunion und gar der AfD.
    Niemand davon sticht dadurch hervor, "nichts ändern" zu wollen.
    Äußerungen wie:
    "Liebe deinen Nächsten' heißt nicht 'Umarme die ganze Welt', sondern achte auf die sozial Schwachen, die im regionalen Umfeld deine Nächsten sind." ( Quelle vice Interview mit Laurenz Kiefer JU München ), könnten auch von Gauland stammen.
    Soweit, so unchristlich, bigott und unredlich. Ich, als bestenfalls Agnostiker, würde zumindest diese Interpretation der Bergpredigt für sehr gewagt halten.
    Laurenz Kiefer, 1. Staatsexamen Jura, Politkarriere im Blick, sicher vorsichtig, wen er so als "Nächsten" zulassen mag.

    Nur ein Beispiel, aber ich würde sagen, bevor wieder das, mittlerweile nur noch als nervtötend zu bezeichnende, Mimimi von Fleischhauer bis Reichelt wiedergekäut wird, sollten sich doch die konservativen Eliten dieses Landes mal überlegen, warum denn so wenige junge Menschen, die Interesse an Mediengestaltung haben, auch auf Kosten einer lukrativeren Karriere wohlgemerkt, sich als Konservative sehen mögen. So herum wird doch ein Schuh daraus.

    Und nun, bester MYCROFT, äußern Sie wieder Ihre, als Fragen getarnten, Aussagen. Anders wäre es mir lieber, aber wenn Sie es doch so gewohnt sind.
    Natürlich gab es keinen Linksrutsch. Auch nicht seit den 50igern.
    Man nennt es Fortschritt.

  5. „Ja, und katholische Geistliche sind dadurch definiert, dass sie dem Sex entsagen und im Zölibat leben.“ Nein. Katholische Geistliche werden durch die Priesterweihe definiert.

    „Wir reden zunächst mal um junge Menschen, die Volontäre beim ÖRR, also streiche ich besser gar nichts.“ Sie vllt., aber die _Interviewfrage_ bezog sich zunächst auf konservative Menschen, ob diese generell Journalismus weniger attraktiv finden, und wenn ja warum, und in der Antwort wurde das aus „konservative junge“ Menschen verengt. Weiterhin wurde aus „die Gesellschaft verändern“ „die Gesellschaft voranbringen“. Dass Frau Löwisch das gleichsetzt, muss ja nicht heißen, dass die konservativen Jugendlichen das auch tun. Und das ist halt meine Kritik, sie umgeht ein wenig die eigentliche Frage.

    „Die Junge Union gilt seit Langem als „rechter“ als die Mutterpartei.“ Kann ja sein. Allerdings, wenn die in die Politik gehen, ist „Gesellschaft verändern/voranbringen“ vermutlich auch bei denen eine Motivation.

    „warum denn so wenige junge Menschen, die Interesse an Mediengestaltung haben, auch auf Kosten einer lukrativeren Karriere wohlgemerkt, sich als Konservative sehen mögen.“
    Jetzt, wo Sie das ansprechen – kann es sein, dass konservative junge Leute von den Einkommensaussichten im Journalismus stärker abgeschreckt werden als eher linke junge Leute? Diese Frage ist tatsächlich eine Spekulation und keine getarnte Aussage.

    „Natürlich gab es keinen Linksrutsch.“ Das ist ein Strohmannargument. Aber ja, es hat keinen Linksrutsch gegeben, weshalb ich nie gesagt habe, dass es einen Linksrutsch gegeben hätte oder dies implizit bzw. durch Suggestivfragen behautet.
    Vielleicht wäre so eine Umfrage vor 20 oder 40 Jahren ähnlich ausgefallen.

  6. Der Antikommunismus wird im Moment dermaßen lebendig

    Mag sein.
    Ich nehme an, im nächsten Post werden Sie was zu den Durchführungsbestimmungen sagen. Zum Beispiel zur Frage, wie das von der Bilanz her sich darstellt, Deutschland als Sozialamt für die ganze Welt.

  7. Zum Warmlaufen war das schon ganz gut, Anderer Max.
    Bin gespannt, ob Sie außer ein paar Witzelchen zur Sache was zu sagen haben.

  8. #8: „Bin gespannt, ob Sie außer ein paar Witzelchen zur Sache was zu sagen haben.“

    Er hat gezeigt, was Ihre „Sache“ ist. Sagen muss dazu niemand was. Ihre „Sache“ dringt Ihnen eh aus jeder Pore. Die „paar Witzelchen“ haben Sie erfunden. Aber dass Sie nicht so recht mitkommen, haben Sie uns ja schon mal erklärt…

    Wollen Sie nicht Ihr begonnenes Selbstgespräch unter dem Artikel zum Twitterfetisch der Berliner Polizei fortsetzen? Vielleicht können Sie da noch was reißen, so ganz alleine?

  9. „Ja, und katholische Geistliche sind dadurch definiert, dass sie dem Sex entsagen und im Zölibat leben.“ Nein. Katholische Geistliche werden durch die Priesterweihe definiert.“
    Ich vertraue Ihrer Expertise in diesem Fall. Sehr ergiebig ihr Beitrag.

    „Kann ja sein. Allerdings, wenn die in die Politik gehen, ist „Gesellschaft verändern/voranbringen“ vermutlich auch bei denen eine Motivation.“

    Und ich dachte immer, Altruismus sei in den Kreisen vorwiegend ein Schimpfwort.

    „„Natürlich gab es keinen Linksrutsch.“ Das ist ein Strohmannargument. “
    Nein, das ist eine Zustimmung. Scheinbar können Sie aber damit schlecht umgehen.

  10. „Ich vertraue Ihrer Expertise in diesem Fall. Sehr ergiebig ihr Beitrag.“ Wie gnädig.

    „Und ich dachte immer, Altruismus sei in den Kreisen vorwiegend ein Schimpfwort.“ Kann ja sein. Man kann die Gesellschaft doch auch aus egoistischen Gründen verändern/voranbringen wollen.

    „Zustimmung. Scheinbar können Sie aber damit schlecht umgehen.“ Wenn die von Ihnen kommt, suche ich natürlich die Haken.

  11. „Viele Medien versuchen seit einiger Zeit, aktiv etwas für Diversität zu tun, zum Beispiel, was den Migrationshintergrund angeht. Müssten sie auch aktiv versuchen, etwas für Diversität tun, was die politischen Grundeinstellungen angeht?“
    Welch hübsche Frage. In der Tat kann man darüber nachdenken, warum allerorten über Migrantenquoten diskutiert wird (Frauenquoten ohnehin), die angeblich eine fairere Berichterstattung fürs Pubikum gewährleisten, überproportional politisch links ausgerichteter Nachwuchs in den Medien, NGOs oder Ministerien aber doch irgendwie ok und hinzunehmen ist. Selbstverständlich ist es undenkbar, bei der Einstellung das Wahlverhalten abzufragen (!), bei der Umsetzung von Migrantenquoten muss man allerdings sehr wohl recherchieren, ob der künftige Mitarbeiter (m w d) oder seine Mutter evtl. aus der Türkei oder den USA kommt.

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