FAS muss AfD-Politiker Höcke ausklammern

Über das nun allseits geläufige Boateng-Zitat von AfD-Vizechef Alexander Gauland, das die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ (FAS) vorigen Sonntag verbreitet hat, wurde ja nun schon viel, sehr viel diskutiert. Dabei gab es noch einen Satz in dem Text, in dem das Zitat stand, über den ebenfalls diskutiert wurde, allerdings nur kurz – unter Anwälten. Sucht man ihn in der Online-Fassung des FAS-Artikels, ist er nicht mehr auffindbar. Er wurde gelöscht, jedenfalls teilweise. Jetzt steht dort:

AfD-Rechtsaußen […] aus Thüringen […] , eine Qualifikation, die Gauland ausdrücklich als „zulässig“ bezeichnet.

Rätselhaft, nicht? Die eckigen Klammern stehen da so rum in dem armen Satz, der durch die Auslassungen keinen Sinn mehr ergibt. Was ist mit der „Qualifikation“ gemeint, die Gauland, laut FAS, als „zulässig“ bezeichnet?

Zitat aus der FAS vom 29.5.2016

Schauen wir doch mal, was dort zuvor stand, im Original-Text:

AfD-Rechtsaußen Björn Höcke aus Thüringen bezeichnete Kirchenfunktionäre als „verrottet“, eine Qualifikation, die Gauland ausdrücklich als „zulässig“ bezeichnet.

Aha, die FAS hat also den thüringischen AfD-Sprecher Björn Höcke zitiert – was der aber nicht so lustig fand und deshalb juristisch dagegen vorgegangen ist. Das hatte nicht nur zur Folge, dass da nun dieser Nicht-Satz im Internet steht – in den digitalen Zeitungsarchiven ist sogar der gesamte Text gesperrt. Die FAS teilt dazu auf Anfrage von Übermedien mit:

Der Artikel ist nicht mehr aufzufinden, da die F.A.Z. eine Unterlassungs- und Verpflichtungserklärung gegenüber Herrn Höcke abgeben hat.

Der Grund, weshalb Björn Höcke die Stelle löschen ließ, ist simpel: Er hat nicht gesagt, dass Kirchenfunktionäre „verrottet“ seien. In einem Artikel des MDR über eine Demonstration der AfD in Erfurt im Oktober vorigen Jahres findet sich noch die Originalquelle:

Die AfD-Landtagsabgeordnete Wiebke Muhsal attackierte wegen der abgeschalteten Beleuchtung die Kirche und sprach von „verrotteten Funktionsträgern“ der Kirche.

Frau Muhsal hat das also gesagt. Aber wie kommen die Kollegen der FAS dann darauf, das Zitat stamme von Höcke? Möglicherweise weil sie es an anderer Stelle aufgeschnappt haben, zum Beispiel in der Zeitung „Christ & Welt“, die vor der FAS ein Streitgespräch veröffentlichte, an dem auch Alexander Gauland beteiligt war. „Christ & Welt“ sagt dort an einer Stelle:

Sie, Herr Gauland, müssen sich wiederum fragen lassen, ob Sie ernsthaft mit der Kirche diskutieren möchten. Ihr Thüringer Kollege Björn Höcke hat Bischöfe als „verrottet“ bezeichnet. Und in Erfurt hörte man auf AfD-Demos Rufe wie: „Hängt dem Pfaffen seine Eier an die Gloriosa“, an die Domglocke also. Klingt das für Sie nach einer Aufforderung zum Dialog?

Die Zeitung hat den Fehler inzwischen online korrigiert, sehr transparent. Dumm nur, wenn die „Deutsche Presse-Agentur“ das Zitat mit dem falschen Absender aufgreift und weiterverbreitet. Am Erscheinungstag von „Christ & Welt“, also am Donnerstag, schrieb dpa in einem Korrespondenten-Bericht mit dem Titel „Die Kirchen und das Kreuz mit der AfD“:

AfD-Vize Alexander Gauland warf den Kirchen in Sachen Flüchtlingspolitik den Versuch vor, „den Staat zu manipulieren“. Und AfD-Rechtsaußen Björn Höcke wird in Medien mit den Worten zitiert, Funktionsträger in der Kirche seien „verrottet“.

Auch dpa hat den Fehler dann berichtigt, einen Tag später:

Der Verweis auf Berichte über ein Zitat von Björn Höcke im letzten Satz des 5. Absatzes wurde gestrichen. Die Aussage lässt sich Höcke nicht zuschreiben.

Die ursprüngliche Meldung findet sich allerdings immer noch, ohne Korrektur. Und an Stelle der FAS könnte man natürlich auch mal die Leser darüber informieren, wen man da falsch zitiert hat und von wem das Zitat tatsächlich stammt. Stattdessen hat sich die FAS aber, sowohl online als auch im ePaper, dazu entschieden, einfach eckige Klammern mit Punkten einzufügen. In einen Satz, der nun keiner mehr ist. Vielleicht als kleine Rätselaufgabe an die Leser, wer weiß.

Nachtrag, 16:46 Uhr. In einer ersten Version haben wir geschrieben, die „Deutsche Presse-Agentur“ habe den Fehler nicht korrigiert. Das ist falsch. Es gab eine Korrektur. Wir haben das oben nachgetragen und bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Nachtrag, 2.6.2016. Ein Redakteur der FAS wies auf Twitter daraufhin, dass die Klammern im Text nicht von einem Menschen eingefügt würden, sondern von einem „Programm zur systemweiten Korrektur“. Außerdem hat die FAS ihrem Text inzwischen eine „Richtigstellung“ angefügt, in der sie erklärt, das Zitat stamme von Wiebke Muhsal. Allerdings, das erwähnt die FAS auch: „Als die Aussage fiel, stand Herr Höcke neben Frau Muhsal auf der Bühne und spendete der Aussage Applaus.“

Nachtrag, 5.6.2016. Die FAS hat auch in der heutigen Print-Ausgabe eine Richtigstellung veröffentlicht, im selben Wortlaut (inklusive Youtube-Link) wie online.

13 Kommentare

  1. Als Abonnent der FAS bin ich unzufrieden mit sowas. Bei Tichys Einblick schaut man der FAS schon eine ganze Weile genauer auf die Finger und will tendenziöse Berichterstattung festgestellt haben. Vielleicht haben sie ja Recht?

  2. Tichy und Konsorten schauen natürlich auf alles was links von Ihnen ist, also links der CSU und „gutmenschlich“ erscheint, genau auf die Finger.

  3. Irgendwie ist der Satz doch noch verständlich: „AfD-Rechtsaußen, aus Thüringen“ (ist) „ein Qualifikation, der Gauland zustimmt.“ Man könnte meinen, dass er meint, dass AfD-Rechtsaußen typischerweise aus Thüringen sind.

  4. Wow,

    was für eine wichtige Nummer. Die FAZ hat aus Versehen mal falsch zitiert.
    Kann es sein, dass hier jemand noch ein wenig auf der FAZ/AfD-Welle surfen möchte?

  5. Theo,
    man muss dir doch wohl nicht erklaeren, was z.Z. im Pressewesen gegen die AfD laeuft, oder ?
    Es wird, gerade bei der FAZ und auch von anderen Presse-Lakaien NICHTS aus „Versehen“ veroeffentlicht : Alles nach dem Motto, behaupten, beschaedigen und spaeter als „aus Versehen“ kennzeichnen! Das ist doch alles „Kinderkram“ und absolut nichts Neues!
    Lass es mich in deinen Dickschaedel haemmern : die AfD ist eine demokratische Partei, fuer viele nicht einmal „rechts von der sog. Mitte“, sondern konservativ und vor allen Dingen realistisch gepraegt!
    Und sie wird sich etablieren, ob ihr nun wollt, oder nicht!

  6. Ich persönlich fand es nicht in Ordnung, das die FAS aus Hintergrundgesprächen zitiert hat, und eine Aussage über den Alltagsrassismus, die – wenn sie von einem Migrationsbeauftragten stammen würde – niemand kümmern würde, in eine behauptete „Beleidigung“ Gaulands interpretiert hat. Nun werden Überschriften bekanntlich von den Redakteuren verantwortet, nicht den Autoren, aber es ist doch jedem in Medienrecht halbwegs beschlagenen Akteur klar, dass diese Zuschreibung justiziabel ist und im übrigen non-sequitur. Während Höcke sich juristisch hilft mit den medienrechtlichen Präzisionshammern, bleibt Gauland anständig und verzichtet auf rechtliche Schritte. Es ist wichtig, dass Medien nicht so salopp arbeiten. Die Bully-Taktiken, erst einem ins Gesicht zu schlagen, und dann zu suggerieren, er wolle das ja nur provozieren, werfen ein schlechtes Licht.

  7. Was ich meine mit Bullytaktik:

    Gauland vorzuwerfen, als ehemaliger (?) Herausgeber einer Zeitung, wisse er genau wie Medien mit solchen Aussagen umgehen, und habe willentlich diesen… ja was denn eigentlich? Medien-Fauxpas? begangen.

    Die Anregung ist ja nicht mal in der Sache falsch, es gibt eine öffentliche Empörungskultur, aber viel sublimierten Alltagsrassimus und Klassenhass, der sich im praktischen Handeln der Menschen zeigt. Da ist der Mensch, der seine Kinder im Prenzlauer Berg zur Schule schicken will, und dafür einen Scheinwohnsitz anmeldet, sonst wären seine Kinder ja mit 60% Türken auf einer Schule, und individuell kalkuliert auch alles nachvollziehbar. Wenn es nicht der Kollege wäre, der auf allen Antirassismusdemos war. Oder er sagt nicht „Türken“, sondern „RTL II“. Oder er heißt Diekmann oder Kerner und prozessiert gegen ein schmuckes Ausflugslokal Kongnaes in der Nähe seiner Potsdamer Villa.

    Die Hipster-Datingplattform OKCupid hat mehrfach harte empirische Daten vorlegt über ihre Nutzer im Bezug auf „rassische“ Präferenzen.
    http://blog.okcupid.com/index.php/race-attraction-2009-2014/

    Es ist schon erschreckend, wie Selbstbild und Wirklichkeit auseinander klaffen.

  8. @ 4, Theo:

    Die Kritik bezieht sich wohl weniger auf den ursprünglichen Fehler der FAS an sich; wie es zu dem kam, wurde ja nachvollziehbar erklärt. Sondern die Kritik gilt wohl eher der mangelhaften Fehlerkultur und der absurder „Fehlerkorrektur“.

  9. @6, Armin: Dann darf man sich aber auch nicht hinstellen und sagen, die AfD-Leute sind zu unerfahren und sie hätten all das was sie gesagt haben nicht so gesagt oder so gemeint. Wenn ich von den Medien erwarte, dass sie absolut professionell sind und schon alles so meinen wie sie es schreiben muss ich das bei den AfDlern auch so handhaben. Und bei den Unionisten, den Sozen, den Linken, den Grünen, den Piraten und allen anderen Parteien die ich vergessen habe, nur damit mir hier keiner vorwirft ich erwarte von der AfD etwas was ich von anderen nicht erwarte.

  10. @8 Christian
    „Die Hipster-Datingplattform OKCupid hat mehrfach harte empirische Daten vorlegt über ihre Nutzer im Bezug auf „rassische“ Präferenzen.“
    Harte Daten vs. Selbsteinschätzung verspricht immer interessante Einsichten, gerade bei so elementaren Interaktionen. Dabei gibt es ganz banale, unschuldige Gründe, warum Menschen lieber mit Menschen gleicher Herkunft näher zu tun haben: sie können bei ihnen z.B. leichter Gesichter lesen. Und doch lauert irgendwo in diesem Dickicht der verständlichen Präferenzen der Rassismus. Man vergisst auch leicht, dass hinter der Toleranz die Apartheid lauert: „die Schwarzen dürfen anders sein, wie sie wollen, solange wir nichts näher mit ihnen zu tun haben müssen“:
    https://hintermbusch.wordpress.com/2016/02/28/erfindung-europas-ursprung-und-grenzen-der-toleranz/
    In diesem Kontext bewegen sich exakt die Daten von OKCupid:
    https://www.amazon.de/Schicksal-Immigranten-Deutschland-Frankreich-Großbritannien/dp/3546001354/
    Asiaten und Latinos haben es in den USA geschafft, Schwarze sind für die anderen 3 Gruppen weitgehend unheiratbar, seit Sklavenhalterzeiten. Das ist grausam und ungerecht, aber zunächst einmal eine Tatsache, die sich nicht weglügen lässt. Immerhin wird in liberalen Gesellschaften das Individuum nicht diskriminiert, das aus diesem Konsens ausbüchst. Daran hapert es u.a. noch in Deutschland. Wer glaubt, dass er das durch einen verordneten und selbst äußerst intoleranten Antirassismus ändern kann, ist böse auf dem Holzweg.

  11. Bei Anne Will gestern, wo man Gauland als einen Prototyp des Rassisten vorführen wollte, wurde klar: Rassismus ist das neue Moderwort, das sie bei jeder Gelegenheit gebrauchen. Wer von Überfremdung redet, wer den politischen Islam kritisiert, wer fürchtet, die eigene Kultur werde von fremden Kulturen überrannt und zerstört, ist ein Rassist. Nazi. Ein übles Gesellschaftsspiel. Es zeigt, dass man auf die eigene Kultur und Tradition pfeift, sie schon gar nicht mehr kennen und fortsetzen will. Putzig und weltfremd auch der verschrobene Idealismus des Herrn Justizministers. Wer nicht gebildet ist unter den Fremden, den bilden wir eben, meinte er. Wo ist das Problem? Das machen wir doch mit dem deutschen Pöbel auch. Und mit welchem Erfolg?

Einen Kommentar schreiben

Mit dem Absenden stimmen Sie zu, dass Ihre Angaben gemäß unseren Datenschutzhinweisen gespeichert werden. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.