Gefährliche Krebs-Erregung

glyphosat1

Krebs, das ist eine Krankheit, die sich unaufhaltsam ausbreitet und früher oder später auch dort auftaucht, wo man sie nicht erwartet. Zum Beispiel in der Glyphosat-Debatte der letzten paar Monate. Die Hypothese, der Unkrautvernichter hätte etwas mit Krebs zu tun, verdrängte – wie ein invasiver Tumor – fast alle anderen Fragen aus der Debatte.

Gut, der Einstieg war albern. Tschuldigung. Krebs ist in den Medien aber nicht gleich Krebs, wie der Vergleich der Berichterstattung über Glyphosat mit den Reaktionen auf die krebserregenden Wurstwaren im letzten Oktober zeigt. Man kann diesen Unterschied als Lehrstück betrachten, wie stark der Einfluss einer gut aufgestellten Interessenvertretung die journalistische Bewertung von Sachverhalten beeinflussen kann.

Wagen wir einen Rückblick und legen den Startpunkt der großen Debatte auf – Prioritäten! – das Bier. Im Februar ließ der Verein „Umweltinstitut München“ einige Flaschen Bier von einem ungenannten Dienstleister analysieren und fand Spuren von Glyphosat. Der Unkrautvernichter ist umstritten, denn die an die Weltgesundheitsorganisation angegliederte Krebsforschungsagentur IARC hatte dem Stoff 2015 in einem Gutachten bescheinigt, „wahrscheinlich krebserregend“ zu sein. Die Meldung über das Herbizid im Bier machte die Runde, wobei die meisten Medien die Analyse selbst zunächst nicht hinterfragten und stattdessen die unterschiedlichen Bewertungen des vermeintlichen Sachverhalts durch Glyphosat-Kritiker, Lebensmittelindustrie und offizielle Stellen in den Mittelpunkt stellten.

Nur in wenigen Meldungen thematisierten Medien dagegen direkt die Motivation der Quelle. Die SZ zum Beispiel identifizierte immerhin das Umweltinstitut als „Verein mit politischen Interessen“ – was dieses auch nicht bestreitet. Die mangelnde wissenschaftliche Qualität der Studie stellt das Umweltinstitut nicht in Abrede, und auch nicht, dass sie primär der Meinungsmache diente.

Es lässt sich nicht leugnen, dass die Rechnung der Lobbygruppe im Wesentlichen aufgegangen ist. Die Meldungen über die Untersuchungen sind für sich genommen zwar nicht fehlerhaft, in ihrer Gesamtheit aber bemerkenswert kalkulierbar (bestimmte Redaktionen des ARD waren in der gesamten Debatte nah an der Parteinahme, aber das nur als irritierende Beobachtung am Rande). Bis auf einige Ausnahmen scheinen auch fast alle Publikationen die Interpretation der Glyphosat-kritischen Bewegungen übernommen zu haben, die Einstufung der Internationalen Krebsforschungsagentur stütze automatisch auch ein Verbot des Stoffes (was im Herbst zuvor, bei Wurst, noch von allen fast Medien und der IARC selbst zurückgewiesen wurde).

Vor allem scheinen sich viele Medien nur schwer von der beinahe manichäischen Erzählung zweier unvereinbarer Positionen lösen zu können. Dieses wirkmächtige Motiv zeigt sich in der Beschreibung der Position der Krebsforschungsagentur im Vergleich zu einem Gutachten des Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), das bei sachgemäßer Anwendung kein Krebsrisiko durch Glyphosat sieht. In der Berichterstattung stehen diese beiden Untersuchungen meist (allerdings mit Ausnahmen) als unversöhnliche Gegensätze – pro und contra Verbot.

Dass das keineswegs der Fall ist, zeigt nicht nur das Beispiel der Wurstprodukte. Dass die beiden Organisationen zwei unterschiedliche Größen messen und die Studien deswegen nicht direkt vergleichbar sind, ist leider nur sehr langsam durchgesickert. Dabei hätte es nicht allzu viel Aufwand erfordert, das herauszufinden. Das BfR weist in seinen FAQ zum Gutachten explizit darauf hin, und auch die IARC merkte bereits 2015 an, dass ihre Einstufung keine Aussagen über das tatsächliche Krebsrisiko erlaubt, sondern dass man dazu zum Beispiel auch die Konzentration eines Stoffes kennen müsse.

Das Gros der Glyphosat-Berichterstattung referierte stattdessen die Anwürfe der Glyphosat-Gegner gegen das BfR und andere Organisationen, die nicht auf Verbotslinie waren. Sehr zögerlich nur hinterfragen Medien die polarisierende Vermischung der wissenschaftliche Aussagen mit politischen Positionen. Entsprechend anfällig ist diese bipolare Pro-contra-Betrachtungsweise dann auch für vermeintliche „Erklärungen“, weshalb die eine oder andere Seite „lügt“, zuletzt bei den Berichten über mögliche Interessenkonflikte von Forschern des WHO-nahen Gremiums JMPR.

Journalistinnen und Journalisten hätten dieses Narrativ beim Glyphosat-Thema weit früher durchbrechen können, einfach indem man auf den Stand vom Herbst 2015 zurückgreift. Als es buchstäblich um die Wurst ging, identifizierten viele Medien sehr schnell den springenden Punkt – dass nämlich eine Einstufung als „krebserregend“ noch lange nichts über das tatsächliche Risiko aussagt. Weshalb beide Themen so unterschiedliche Behandlungen widerfuhren, darüber vermag ich nur zu spekulieren. Ich vermute aber, dass die clevere Kampagne der Zulassungsgegner auch die Wahrnehmungen innerhalb des Journalismus beeinflusst hat. Wir sind schließlich nicht getrennt von der Gesellschaft.

Dass sich viele Medien so schwer taten, die plakativen Meldungen über Gift und Krebs eigenständig einzuordnen, machte es später natürlich auch doppelt schwer, aus dieser holzschnittartigen Debatte wieder auszubrechen. Das zeigte sich letzte Woche, als die Neuzulassung des Mittels in der EU zum ersten Mal auf den Tisch kam: Die meisten Artikel, die sich mit den verschiedenen Positionen in dem Verfahren befassten, erwähnten vor allem den prominenten Krebsverdacht – viele andere diskussionswürdige Themen, zum Beispiel auch die Bedeutung für Umwelt und Landwirtschaft, fielen erst einmal weitgehend unter den Tisch.

Das ändert sich derzeit allerdings – nun nämlich kommt auch die tatsächliche Anwendung des Stoffes ins Blickfeld, und damit auch eine differenziertere Sicht auf die Argumente pro und contra Glyphosat. Zum Beispiel kann man nun auch häufiger die Meinung von Landwirten lesen, die zuvor in der Debatte entweder als Mittäter oder als unmündige Opfer auftraten. Man merkt, dass Glyphosat als politischer Fragestellung nun wesentlich mehr redaktionelle Aufmerksamkeit zuteil wird als den medizinischen Aspekten, die von Februar bis April die Berichterstattung prägten.

Ebenfalls neu in der Mehrzahl der Medienberichte ist der kritische Blick auf die Folgen, wenn die Zulassung von Glyphosat tatsächlich zum ersten Juli auslaufen sollte. Denn in letzter Konsequenz geht es beim Thema Glyphosat um die Frage, wie die Landwirtschaft der Zukunft aussehen soll, aus ökonomischer ebenso wie ökologischer Sicht. Diese politisch-wirtschaftliche Perspektive, aus der sich das Engagement zum Beispiel des eingangs erwähnten, der Bio-Branche nahe stehenden Umweltinstituts München noch einmal anders darstellt, kam in der medizinisch orientierten Berichterstattung praktisch nicht vor.

Das ist natürlich insofern ärgerlich, als der Schaden bereits angerichtet ist. Die polarisierende Darstellung der Positionen zum Krebsrisiko und die damit verbundenen Korruptionsvorwürfe prägen weiterhin die öffentliche Wahrnehmung der Debatte. Man sieht es in den Kommentaren zu aktuellen Beiträgen recht deutlich, besonders in solchen, die Kosten und Nachteile eines Glyphosat-Verzichts thematisieren. Wenn es Interessengruppen erst einmal gelungen ist, Ängste zu schüren, hat differenzierter Journalismus einen schweren Stand.

10 Kommentare

  1. Soviel Bier kann man gar nicht trinken, daß das ins Gewicht fiele. Und ein Alkoholverbot funktioniert sowieso nicht, das hat man in den USA zu Zeiten der Prohibition gesehen. Wenn heutzutage Daten auf den Markt kämen, daß die Benutzung von Handy & Co krebserregend ist (was nie zu Gänze widerlegt worden ist), würden Samsung, Apple usw. aus allen Rohren schießen.

  2. In den USA ist das Super-Unkraut schon Fakt, denn dort wachsen schon auf 243.000 Quadratkilometern Unkräuer, die gegen RoundUp / Glyphosat resistent sind. Dies führt dazu, dass die dortigen Bauern noch mehr Arbeit haben, mehr Pestizide einsetzen müssen und neue Gensaaten von Monsanto anbauen müssen, um die bis zu 2m hohen Unkräuter wieder loszuwerden. 
http://www.srf.ch/news/wirtschaft/superunkraeuter-wachsen-monsanto-ueber-den-kopf

    Ein großartiger Marketingschachzug von Monsanto, denn mehr Resistenzen, bedeutet mehr RoundUp Absatz, mehr Gensaatverkäufe und mehr Forschung für neue Gensaatsorten! Das lässt vor allem die Kassen von Monanto, Syngenta, Bayer, BASF und Co klingeln, wenn in den EU auch weiter das Glyphosat verspritzt wird. Denn auch nach 40 Jahren nach den tödlichen Monsanto Erfindungen wie Agent Orange, PCB, Dioxin, Lasso … die allesamt gefährlicher waren als die Monsanto Studien ausgesagt haben, und die tausende Menschen getötet haben, ist die Welt nicht klüger geworden.

    Und auch die Tatsache, dass Monsanto schon Milliarden Strafen für die Folgen ihrer Giftstoffe zahlen mussten, und auch des öfteren schon gesundheitsschädigende Studienergebnisse, wie im Fall des Rinder Wachstumshormon Posilac, vertuscht haben, lässt die WHO, Efsa, BfR und FAO kalt.

    Warum lässt die EU Behörden das kalt, weil die WHO zu 50% von der Industrie finanziert wird, also von Monsanto, Syngenta, BASF, Bayer und Co, die natürlich auch ihre Interessen vertreten sehen wollen, wie man hier in der ZDF Doku sehen kann: https://www.youtube.com/watch?v=vtuFi0O5rjQ

    Ach ja, und dass das BfR nur die geheimen Glyphosatstudien der Hersteller ausgewertet hat, die zum großen Teil aus Leserbriefen, Anwendererfahrungen und hauseigenen Laboren stammen, interessiert ja anscheinend auch nur die Ökofans.

  3. @Robert:

    Zuviel Grünzeug zu dir genommen? Was für unwissenschaftliche Räuberpistolen.

    Superunkräuter entstehen durch allgemeinen Sekektionsdruck. Da ist dann alles dabei, von veränderter Vegetation, über Unkrautvernichtungsmittel, bis hin zu Zufall. Da kannst du mal in ein Bio-Schulbuch deiner Wahl gucken.

    Monsanto hat Agent Orange nicht erfunden. Sie haben es zusammen mit anderen Chemie-Firmen in Auftrag der US-Regierung hergestellt.

    Also, wenn du schon Monsanto bashen willst, dann tue es nicht so plump.

  4. @JENSE
    Nachplappern ist sicherlich dümmlicher als das sehr angenehme, fundierte Statement von @Robert.
    Was ist „Sekektionsdruck“? Fakt ist, dass durch Monokulturen die Biodiversität abnimmt. Das hat sich ja seit den letzten 20, 30 Jahren in Deutschland stark verschlimmert. Mag sein, dass Glyphosat nicht krebserregend ist, unschädlich ist es deshalb keinesfalls.

    Zum Artikel: Chemiker haben auch ein bestimmtes „politisches“ Weltbild. Lars Fischer mag die aktuelle Debatte beschreiben, das Problem sind aber die Agrarsubventionen und die Fokussierung auf diese Gesellschaftsform

  5. @Paulaner: Tatsächlich? Interessant. Ich plappere nach und Robert unterstellt überhaupt nichts.

    Alles klar. :o)

  6. Differenzierten Journalismus bieten doch auch die „Blätter“. Im Artikel „Glyphosat: Unser täglich Gift“ vom Dezember 2015 wird das Bundesinstitut für Risikobewertung und die EU-Pestizidgesetzgebung kritisiert:
    https://www.blaetter.de/archiv/jahrgaenge/2015/dezember/glyphosat-unser-taeglich-gift

    Die sogenannten regulatorischen Studien, die die Sicherheit eines Wirkstoffs belegen sollen, werden von den Herstellern selbst geschrieben/bewertet und sind als Geschäftsgeheimnis nur Behörden zugänglich.

  7. @Jense
    Dass das Monsanto System aus gentechnisch veränderten GMOs, wie Mais, Soja und Baumwolle, die für die Behandlung von RoundUp optimiert wurden, Monokulturen und Superunkräuter intensiv fördert, kann man hier nachlesen: 

    http://www.spektrum.de/news/wahrheiten-und-legenden-der-gruenen-gentechnik/1193580


    Und hier kann jeder nachlesen, welche Schäden die Superunkräuter, die gegen RoundUp resisten geworden sind, in den USA http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-129339509.html ,
    Südamerika https://www.fdcl.org/event/der-monsanto-putsch/
    und Indien : http://www.theguardian.com/environment/2011/oct/19/gm-crops-insecurity-superweeds-pesticides
    bereits angerichtet haben.

    Aber sie können den Bauern und Landwirten ja gerne mal schreiben und ihnen mitteilen, dass sie das alles total falsch machen und einfach nur mehr Fruchtwechsel durchführen müssen. Die würden sich bestimmt über ein paar Tipps von ihnen freuen.

    Ach so, wenn Monsanto Agent Orange gar nicht erfunden hat, sondern nur im Auftrag der US Regierung in Zusammenarbeit mit der Bayer AG, unter dem gemeinsamen Firmennamen Mobay hergestellt hat, dann haben Monsanto, Bayer, und die anderen Hersteller, wie Dow Chemical, Böhringer Ingelheim und Spolana ja vielleicht zu Unrecht die 180 Mio. Dollar in den Entschädigungsfont an die Agent Orange Opfer der US Arme gezahlt.

    Und vielleicht sollten sie das mal Monsanto sagen, damit der Chemiekonzern die Strafzahlungen von der US Regierung zurückbekommt, da die US Regierung Agent Orange ja dann erfunden hat und Monsanto gar nicht Schuld war.
    Wow

Einen Kommentar schreiben

Mit dem Absenden stimmen Sie zu, dass Ihre Angaben gemäß unseren Datenschutzhinweisen gespeichert werden. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.