„Es muss sehr emotional sein. Dann hast du jede Freiheit.“

Metin, Lene und Lenes liebstes Spielzeug. Alle Fotos: Joyn/Carolin Weinkopf

„Mapa“ ist eine besondere Serie. Sie handelt von Metin (wunderbar schluffig und trotzig gespielt von Max Mauff), einem Soap-Autor, der sich nach dem plötzlichen Tod seiner Freundin alleine um die gemeinsame einjährige Tochter Lene kümmern muss. Es geht, wie der Autor Alex Lindh sagt, „ums Alleinsein, um Kinder, um Männlichkeit, Feminismus, den Tod … und noch ein paar andere Dinge“. Die Macher nennen es eine „Sadcom“, weil sie aus der Überforderung Metins und den Zumutungen wohlmeinender Freunde und Angehöriger nicht nur komische Momente schafft, sondern auch der Traurigkeit viel Raum lässt.

Die sechsteilige Serie, die jetzt auf Joyn zu sehen ist und in einem Jahr im rbb, sprengt Genregrenzen. Auf unsere Anfrage, ob er mit uns darüber spricht, wünschte sich Lindh, das Interview gemeinsam mit der Produzentin Laura Bull (Readymade Films) und dem Regisseur Jano Ben Chaabane zu geben: Denn bestimmte Dinge seien auch deshalb gelungen, weil sie immer als Kollektiv gearbeitet hätten.

Also dann.


Jano Ben Chaabane (vorne) und Alex Lindh (rechts) bei den Dreharbeiten.

Was ist die Geburtsgeschichte von „Mapa“?

Alex Lindh: Ich war im ersten Urlaub mit meiner damals kleinen, sehr sehr schreikindigen Tochter. Und ich war so überfordert. Wir waren sehr unglücklich. Es war Regretting Fatherhood and Motherhood in vollkommener Ausführung. Und plötzlich habe ich kapiert, was es bedeutete, dass meine Mutter mich zum größten Teil allein erzogen hatte. Wie kann man es schaffen, sowas alleine durchzuziehen? Gleichzeitig war ich großer Fan von Mumblecore-Indie-Serien, Sadcoms. Ich wollte auch gern sowas Persönliches schreiben, bin aber ein weißer Hetero-Cis-Mann ohne große Probleme. Plötzlich dachte ich: Jaa, hier ist ein Problem, das ich bewältigen kann.

Jano Ben Chaabane: (lacht) Kleine Kinder sind ein Problem!

Alex Lindh: Und es gibt ja diese Handy-Funktion, mit der auch die Serie startet, dass eine Collage aus deinen Fotos gemacht wird. Plötzlich kam die von diesem Urlaub, das iPhone hatte eine traurige Melodie darunter gelegt, und es sah aus wie der Vorspann einer Serie. Und man dachte: Entweder ist die Frau gestorben oder das Kind – weil ich natürlich hauptsächlich Bilder von den beiden gemacht hatte. Damit war die Idee zu „Mapa“ da. Ich habe einen Einseiter geschrieben, und mit dem ist Laura losgezogen.

Dass in der Serie die Mutter des Kindes gestorben ist, stand von Anfang an fest?

Alex Lindh: Ja, das war der Pitch: Ein Typ wie ich verliert seine Freundin und ist allein mit Kind. Es ist kein überforderter tilschweigeresker Daddy, der nicht weiß, wie man Windeln wechselt, sondern ein normaler Typ, der genau deshalb diese Challenge ganz anders meistern muss.

Laura Bull: Wir sind damit erstmal zum Medienboard Berlin-Brandenburg gegangen, die uns Entwicklungsgeld gegeben haben. Ich wollte immer sowas machen wie „Love“ und „Master of None“ und all diese Formate, die ich in Deutschland dermaßen vermisst habe – als Produzentin und als Zuschauerin. Dass es sowas im drittgrößten Fernsehmarkt der Welt nicht gibt, ist ja verrückt.

Wir Macher hatten uns früh darauf verständigt, dass wir knallhart bleiben bei der Prämisse, dass ich schnell erfahre, dass die Mutter gestorben ist. Die Geschichte ist nicht: Woran ist die Mutter gestorben? Wir machen nicht den Tod groß, sondern springen damit einfach ins Leben. Und wir wollten das nicht mit einem Frederick Lau oder einem Edin Hasanovic machen, also diesen totalen Männertypen, sondern wir nehmen einen Vater, der das Gegenteil davon ist. Und machen aus eben diesem einen Helden, in seiner ganzen Schluffigkeit – die uns als Frauen oft auch rasend macht. Das wäre bei anderen Streaming-Anbietern nicht so einfach gewesen. Die haben dann auch abgesagt.

Dann haben wir es dem rbb geschickt, weil ich Martina Zöllner gut finde, die gerade vom SWR gekommen war. Die hatten aber nicht die finanziellen Mittel, sowas allein zu stemmen. So kam Joyn als Partner ins Spiel. Beide haben sich recht schnell darauf eingelassen, was eine Sensation ist – hinter Joyn steht ja ProSiebenSat.1.

Das hat gut funktioniert. Wir haben diese beiden kleinen Sender gefunden, den ganz neuen und den öffentlich-rechtlichen, und die haben uns machen lassen.

Das Besondere an „Mapa“ ist auch, dass ihr euch viele Freiheiten herausgenommen habt und nicht den Regeln eines bestimmten Genres oder Formats folgt.

Alex Lindh: Jano und ich haben den anderen Autorinnen und Autoren gesagt: Wir wollen komplette Regellosigkeit. Wir dürfen alles, und Folge 4 könnte zum Beispiel auch komplett aus der Perspektive der Kita-Leiterin erzählt werden. Am Anfang waren wir noch sehr crazy, dann haben wir uns selbst korrigiert, denn eine gewisse Struktur mag der Zuschauer selbst gerne. Aber wir hatten krasses Vertrauen von Joyn und vom rbb, von Anfang bis Ende.

Jano Ben Chaabane: Wir hatten großes Glück, dass wir holterdipolter plötzlich durchfinanziert waren und noch im November 2019 gedreht haben. Dann war gar keine Zeit, noch groß über die Bücher zu reden, was sonst bei den Öffentlich-Rechtlichen oft der Fall ist: Wenn man ein Jahr bis zum Drehbeginn hat, können sich die Leute natürlich auch einmischen.

Stand die Stimmung der Serie von Anfang an fest? Zu welchen Anteilen sie lustig oder traurig werden soll?

Jano Ben Chaabane: In den Büchern war es insgesamt witziger. Alex und ich sind kurz vor dem Dreh nochmal drüber gegangen und haben ziemlich viele Gags rausgeschrieben. Ich glaube, es gibt keine einzige richtige Punchline mehr. Der Humor soll anders entstehen. Zwischenzeitlich war ich auch nicht sicher, ob es zu traurig wird, ob das Verhältnis noch stimmt. Aber sobald der erste Roughcut fertig war, hatte ich das Gefühl: Es wird schon passen. Obwohl es etwas Neues ist. Die Sadcoms, die die Vorbilder waren – für mich vor allem „Fleabag“ – sind alle viel lustiger.

Und was war dann die Richtschnur?

Jano Ben Chaabane: Das Wichtigste war für uns die Erkenntnis: Es muss sehr emotional sein. Dann hast du jede Freiheit. Wenn du die Leute emotional kriegst, kannst du mal absurd lustig sein, auch mal banal, du kannst langsam erzählen – solange du den Zuschauer zwei-, dreimal in einer Folge kriegst, darfst du alles machen. Dann musst du den nicht noch achtmal zum Lachen bringen.

Alex Lindh: Emotionalität herrscht im Privatfernsehen, wo ganz viele Zuschauer sind, bei Soaps oder Shows wie DSDS. Mir fehlt extrem Emotionalität im Qualitätsfernsehen. Es gibt immer nur Spannung oder Comedy, aber keine Emotionalität – aus Angst vor Kitsch. Dabei ist das, was Leute bei der Stange hält, doch das Mitfühlen. Das ist auch meine Erfahrung als Soap-Autor. Das in einen guten Rahmen zu bekommen, ohne kitschig zu sein, war ein wichtiger Antrieb.

Rückreise mit Emma (Lia von Blarer) aus dem Griechenland-Urlaub.

„Mapa“ wirkt ungemein „echt“. Wie kriegt man das hin?

Alex Lindh: Es ist ein Zusammenspiel aus allem. Jano und ich sind gute Freunde, es gibt eine sehr gute Kommunikation zwischen uns. In 99 Prozent aller Film- und Fernsehproduktionen funktioniert das nicht richtig, dass die Regie und der Autor oder die Autorin miteinander sprechen, bis zum Ende. Das ist auch eine Finanzierungsfrage: Normalerweise wird man als Autor für sein Buch bezahlt, dann ist man raus.

Viel hat damit zu tun, dass wir alles rausgestrichen haben, was künstlich wirkte. Dazu gehören klassische Setups und Punchlines. So reden wir einfach nicht. Deshalb gibt es ein Problem mit der Authentizität, wenn man Gags drin haben will. Wir haben auch am Set noch Drehbücher umgeschrieben, wenn wir gemerkt haben, dass ein Dialog nicht funtioniert. Normalerweise gibt es dafür nicht die Zeit.

Hängt es nicht auch an Dingen wie der Einrichtung der Wohnung?

Alex Lindh: Birgit Kniep-Gentis, die Ausstatterin, ist einfach wahnsinnig gut. Generell gilt: Die Drehbücher haben viele Leute überzeugt, die man sonst nicht für eine kleine Serienproduktion kriegt. Jeder, der sie gelesen hat, wollte an Bord sein. Das war beim Cast ähnlich. Es war so ein Ding, wo sich alle nochmal extra viel Mühe geben. Ein kleines Team, alle jung, alle kennen sich, alle wissen, dass es ein One Shot ist, bei dem man sich beweisen kann. Da sind alle nochmal den Extra-Weg gegangen, was in vielen anderen Fernsehproduktionen nicht so passiert. Wir sind das Ding auch so angegangen, dass wir gesagt haben: Wir wollen nicht „normales Fernsehen“ machen.

Jano Ben Chaabane: Dass das so real wirkt, liegt an der wirklich tiefen Auseinandersetzung aller Schauspieler mit den Figuren. Das ist das eigentlich „Geheimnis“ dahinter: dass alle das so ernst nehmen wie es nur geht.

Was bedeutet das konkret?

Jano Ben Chaabane: Megaviel Kommunizieren. Wir haben mit Max Mauff über Wochen jeden Tag telefoniert. Er ist ein Typ, der sich da reinwirft und viel arbeitet – und das zieht den Rest des Ensembles mit. Man muss eine Vertrauensbasis mit den Schauspielern aufbauen, damit die sich sicher fühlen in den Figuren. Und dann passiert das. Egal ob die Kamera eine Minute läuft oder ob wir neun Minuten durchdrehen: Es gab kein Hinterfragen der Figuren.

Mit den drei Hauptdarstellern haben wir noch mit einem Coach zusammengearbeitet, da ist viel biographischer Unterbau der Figuren hinzugekommen, der nicht in den Büchern steht. Auch da waren Alex und ich dabei, so verliert man Grenzen, ist ein Team, jeder weiß über jeden alles. Dadurch entstand eine Energie in dem Projekt, die dann auch jede kleinste Nebenfigur angenommen hat.

Laura Bull: Wir sind mit einer großen Radikalität und einem unglaublichen Selbstbewusstsein in das Projekt hineingegangen. Lia von Blarer, zum Beispiel, die Emma spielt – ich finde die eine große Entdeckung! Alex und ich haben sie kennengelernt, als wir in Neukölln aus waren. Hinterher sagte Alex: „Das ist Emma!“ Dann haben wir sie eingeladen zum Casting, auch mit namhaften Schauspielerinnen. Es ist immer schwierig, so jemanden bei den Redaktionen durchzukriegen. Auch gerade Joyn hätte als neue Plattform natürlich gern große Namen gehabt. Aber wir waren so klar und selbstbewusst in allen Entscheidungen.

Hattet ihr selbst keine Zweifel? Es gibt zum Beispiel ein paar Szenen mit surrealen Fantasie-Elementen, aber nur ganz sporadisch. Fragt man sich da nicht, ob dieses Stilmittel, wenn man es einsetzt, nicht Prinzip sein müsste und zum Beispiel in jeder Folge vorkommen?

Jano Ben Chaabane: Das hat die Redaktion auch gesagt!

Alex Lindh: Eines unserer Vorbilder waren die Anfänge von „Louie“, die Serie von Louis C.K., da haben wir die Sache mit den Fantasie-Elementen geklaut. Da funktioniert das auch. Es funktioniert unter anderem, weil es kein Gag ist, sondern ein Gefühl vermittelt. Wir hatten auch surreale Szenen, die nur ein Gag waren, und kurz vom Drehen haben wir gemerkt, nee, das ist uns unangenehm, das ist Klamauk.

Zentral für die Geschichte ist die angespannte Beziehung von Metin zu seiner Mutter. Die wird auch nicht ganz aufgelöst. Für beide bleibt es eine unerträgliche Situation.

Alex Lindh: Ursprünglich war die Idee, dass Metin alleine mit dem Kind zurechtkommen muss und am besten gar keine Eltern und Freunde haben darf, damit er möglichst alleine ist mit sich und dem Kind. Aber eine der Autorinnen im Writers Room meinte irgendwann: „Hey, it’s all about the mother.“ Und, ja klar: Die muss die ganze Zeit da sein, und das ist das Problem. Er braucht sie, aber sie treibt ihn in den Wahnsinn. Die Mutter ist sein Hauptantagonist.

Wie habt ihr euch dem Thema Trauer genähert?

Alex Lindh: Ich finde interessant, wie sehr es um Trauer geht, obwohl das nie der Antrieb war. Ich fand es aber reizvoll, eine Geschichte zu erzählen, die sonst eher nicht erzählt wird. Was Metin in der Serie als Soap-Autor erlebt, ist ja ein bisschen autobiographisch, und ich erinnere mich: Wenn in einer Soap jemand stirbt, gehen die Hinterbliebenen danach erstmal vier Wochen in Urlaub, weil man das als Zuschauer nicht erträgt, was dann passiert. Die Quoten sind immer runtergegangen, wenn man halbwegs realistisch zeigen wollte, dass die Leute traurig sind und nichts machen. Die Zuschauer hassen dann diese Figur, weil sie so wehleidig ist. Man mag ja aktive Figuren. Deshalb werden die Hinterbliebenen nach einem Todesfall in Soaps immer in den Urlaub geschickt, und wenn sie wiederkommen, sind sie wieder gut drauf. Ich fand es spannend, genau diese Leerstelle auszufüllen. Aber wir mussten sehr nuanciert mit der echten Trauer umgehen, weil sie schwer zu ertragen ist.

Jano Ben Chaabane: Wir haben im Vorfeld viel mit Max darüber gesprochen, was Trauer bedeutet, wie kann man das darstellen – immer mit diesem Blick: Was hält der Zuschauer aus? Wenn es zuviel wurde, musste man etwas wegschneiden. Es gibt eine Montage in der dritten Folge, als er das Kind anzieht und dabei heult. Das war ein intensivster Acht-Minuten-Take. Wir hatten auch im Buch vorgesehen, dass wir das lang zeigen wollen. Es funktionierte aber nicht.

Alex Lindh: Hast du nicht mal gesagt: Zwei Sekunden sind der Unterschied zwischen einer Soap und einem Arthouse-Film? Wenn du zwei Sekunden zu lange draufhältst, wie jemand weint, wirkt es soapig. Wenn du es aber nur einmal kurz anschneidest …

Jano Ben Chaabane: Oder du lässt es zwei Minuten stehen, dann ist es auch wieder Arthouse.

Laura Bull: So ein Tag mit Kind ist unfassbar lang. Und dann allein! Da hat man gar nicht die Chance, sich fallen zu lassen und in der Trauer zu zerfließen. Du gibst dir ja auch für dein Kind Mühe. Du musst dem Kind zeigen, es geht weiter. Das war eine Hilfe für uns, mit der Trauer in der Serie umzugehen.

Alex Lindh: Der Zuschauer mag nur Figuren, die tapfer sind und sich nicht in ihrem Selbstmitleid suhlen, obwohl das gesund und normal wäre. Weil Metin vor dem Kind tapfer sein muss, wirkt es authentisch, dass er auch vor dem Zuschauer tapfer ist. Wäre er alleine gewesen, hätte man wahrscheinlich sofort ausgeschaltet.

Wie war das Drehen mit Kleinkindern?

Jano Ben Chaabane: Was soll man sagen? Es ist scheiße!

Ihr hattet gleich vier verschiedene Darsteller für Lene.

Jano Ben Chaabane: Wir stellen verschiedene Altersstufen dar: eine ganz kleine, etwa zwei Wochen alt, eine mittlere, sechs Monate. Und dann Zwillinge, die die Haupt-Lene gespielt haben. Die sahen sich leider nicht so ähnlich wie gewünscht, die eine hatte diesen süßen kleinen Zopf, ihre Schwester nicht, weil sie noch keine Haare hatte. Deshalb trug die meistens eine Mütze. Es war sehr, sehr schwer.

Die Süße mit dem Zopf war in ihrem echten Leben eher ein Mama-Kind. Das war sehr problematisch. Max hatte da eine schier unlösbare Aufgabe. Es gab Tage, da konnte er sie nicht anfassen, dann hat sie durchgehend geschrien. Ansonsten haben wir probiert, die Dreharbeiten um sie herum zu bauen: Wann hat sie gerade ihren Mittagsschlaf gemacht oder was gegessen, ist also gut gelaunt. Max hat gesagt: „Wir hatten eine Diva am Set“, und so war es. Alles drehte sich darum, wie ihre Laune ist. Meistens saß die Mutter ein Stück neben dem Ausschnitt, den man sieht; manchmal haben wir ihr auch die Klamotten von Max angezogen – gut, dass Max so ein Hemdchen ist.

Alex Lindh: Es gibt eine Tischszene in der zweiten Folge, da sieht es aus, als würde Anni auf dem Stuhl sitzen. In Wirklichkeit sitzt sie auf ihrer Mutter. Nur so haben wir es hingekriegt, dass sie nicht heult.

Jano Ben Chaabane: Und dann war es natürlich eine stundenlange Suche im Schnitt nach der einen Sekunde, wo es genau passt.

Laura Bull: Wir haben einen Fehler gemacht. Wir hätten es besser wissen müssen, weil wir selber Kinder haben. Es kommt der Punkt, an dem die Kinder kapieren, dass sie Eltern haben, und sich fragen, wo die sind, wenn die weggehen. Das passiert ziemlich exakt mit einem Jahr. Insofern war es doof, mit Einjährigen zu spielen. Das sechs Monate alte Baby, das hatte das gar nicht.

Ihr habt gesagt, für euch war „Mapa“ ein ganz besonderes Projekt. Wie kann sowas häufiger gelingen? Was wäre dafür nötig?

Jano Ben Chaabane: Bei allem viermal fragen, ob es gut ist oder nicht. Immer sehr präzise sein in jedem Gewerk. Ganz genau gucken und nichts dem Zufall überlassen. Das hat hier sehr gut funktioniert.

Fehlt es dafür sonst an Zeit? Ist es eine Geldfrage? Geht es um künstlerische Freiheiten?

Jano Ben Chaabane: Die Freiheit muss man sich erarbeiten. Ich lasse es nicht gelten, wenn Leute als Entschuldigung sagen, der Redakteur hat uns das eingeredet. Dann muss man das dem Redakteur ausreden. Wenn man die eigene Vision verfolgt, dann muss man dafür kämpfen.

Alex Lindh: Es hat viel mit Nichtfaulsein zu tun. Ich war in meinem Leben schon so oft in Redaktionssitzungen faul, weil ich keine Lust hatte, in einen Konflikt zu gehen. Es kostet weniger Mühe, etwas umzuschreiben, als dafür zu kämpfen. Ich finde es auch total in Ordnung, das zu tun, wenn Leute es einfach als ihren Job ansehen und dafür nicht alles aufopfern. Denn das kostet ja wahnsinnig viel Energie. Ich habe noch nie in meinem Leben so schlecht geschlafen wie bei der Arbeit an „Mapa“. Aber wir waren immer bereit zu sagen: Nein, dann gar nicht.

Jano Ben Chaabane bei der Arbeit.

Hilft es bei der Realisierung solcher besonderer Projekte, dass es Netflix als Konkurrenten gibt und das Publikum andere Formate kennt?

Laura Bull: Als Joyn bei uns eingestiegen ist, haben die gesagt: Das ist die Farbe, die uns noch fehlt. Das hatte ganz klar mit Netflix zu tun: Wenn ich eine neue Plattform mache, muss ich jeden bedienen, den Reality-, Crime-, Drama-, Scifi-Liebhaber. Und dem Publikum geb ich auch sowas. Das gucken vielleicht nicht so viel, aber es ist eine wichtige Farbe. Der Credit dafür, dass das inzwischen notwendig ist, geht an Netflix. Die haben die Latte hoch gelegt für alle anderen.

Und die Leute haben ja Lust drauf. So wie wir auch Lust drauf hatten, aber immer nur das amerikanische Zeug konsumiert haben. Man hat einfach Lust aufs Leben und sich anzugucken, wie Leute es schaffen, das reale Leben zu schreiben. Mit dem, was wir im Film hinzufügen dürfen.

Und das Medienboard ist mit viel Geld reingegangen, ohne die hätte es nicht geklappt. Die haben eine neue Förderungskategorie „New Media“, in der es nicht um High-End-Produktionen mit zwei Millionen Euro pro Folge geht.

Wisst ihr schon, ob es eine zweite Staffel geben wird?

Alex Lindh: Nein.

Aber ihr würdet gerne eine machen?

Alex Lindh: Es war nie der Plan, das nur als Miniserie zu machen. Klar wollen wir das! Aber gerade ist natürlich nicht unbedingt die Zeit, in der die meisten Leute viele Risiken eingehen.

Und würde die Fortsetzung in derselben Zeit spielen?

Alex Lindh: Nein, wir wollen ein älteres Kind. Manche Entscheidungen sind ganz unromantisch.

6 Kommentare

  1. Lieber Stefan Niggemeier,

    Seit zwei Jahren bin ich nun Übonnent und für euch spricht, daß ich ein solch ellenlanges Gefälligkeitsinterview bei euch noch nie lesen mußte und die Hoffnung bleibt, daß ich so etwas auch nie wieder vorgesetzt bekomme.
    Im Prinzip dürfen die Jungs und Mädels die ganze Zeit darüber erzählen wie toll es ist mit so tollen Leuten ein so tolles Projekt zu machen und wie toll sie mit allen damit verbundenen Schwierigkeiten umgegangen sind. Keine kritische Nachfrage zu irgendwas, nur eine freundliche Plattform zur Selbstdarstellung. Das Ganze erinnert ein wenig an die berüchtigte Sendung „Menschen der Woche“ mit Frank Elstner. Natürlich darf es auch die nette Nachfrage danach geben, wie toll es ist tolle Dinge mit tollen Menschen toll zu machen. Aber auf Übermedien ist das fehl am Platz. Und Journalismus ist das auch nicht. Selbst bei großzügigster Auslegung entdeckt man höchsten zweieinhalb im Ansatz kritische Fragen. Ich hoffe die Jungs und Mädels haben wenigstens für die kostenlose Werbung @Niggi danach zum Essen eingeladen. Bitte nie wieder. Oder ich wäre dann mal weg.

    Guter Gruß @LucianoCali_2

  2. Leute, das Interview ist doch eine Parodie auf das Morning Briefing von Gabor Steingart. Habt ihr das denn nicht gemerkt?

  3. …also ich bin heute wegen dieses Interviews als Abonnentin hinzugekommen (ja, ich weiß, hätte ich mal früher werden sollen…). Ich finde es sehr interessant und aufschlussreich! Man erfährt neben dem Was und Warum auch etwas über die Bedingungen von, anscheinend ist die hier so zu bewerten, „unkonventionellen“ Serienproduktionen sowie über die neuen Partnerschaften zwischen öffentlich-rechtlichen Sendern und privaten Anbietern – aus der Sicht dreier wichtiger Rollen bei dem Projekt, die jeweils etwas über ihre Gebiete sagen können. Es ist eben ein Interview und keine investigative Reportage zum Thema Serienproduktion made in Germany. Trotzdem bin ich nun ein bisschen schlauer als vor der Lektüre. Und sehr gespannt auf die Serie!
    (Und vielleicht ist auch mal in Betracht zu ziehen, dass Dinge auch einfach mal ganz gut laufen können, jedenfalls Überzeugung(skraft), Mut, Zusammenarbeit und Durchsetzungsvermögen vorausgesetzt – ist ja jetzt auch nicht so wenig…)

  4. Ich bin Übonnent seit bald vier Jahren und weiss noch genau, welche zwei konkreten Anlässe es dazu gab: Die wiederholt hohe Qualität des Bahnhofskiosk und das unaufgeregte Interview mit dem Unternehmenssprecher der Berliner Bäder Matthias Oloew.
    Ich mag die Art der Übermedien-Interviews, so wie dieses hier. Es ist oft ein Blick auf andere Stellen im Medienbetrieb, die selten sichtbar sind oder medial namentlich nicht auftauchen.

    Ich bin auch Übonnent, weil ich die Perspektive von Boris Rosenkranz und Stefan Niggemeier seit Jahren verfolge und sehr schätze. Wenn einer der beiden eine Serie als interessant einschätzt, kann ein Blick darauf nicht schaden, denke ich. Auch wenn ich jetzt kein joyn-Abo abschließe – dafür gibt es zu wenig interessante Inhalte für mich und zu viele andere Anbieter bereits im Abo – sobald der rbb Mapa zeigt, schau ich gerne mal rein.

    In dieser Hinsicht: Gerne mehr solcher Interviews! Oft wird über die Writer Rooms in den USA gesprochen und über die großen Streaming-Dienste. Aber ein Blick nach Deutschland und auf die Frage, woran AutorInnen und Teams sich hier orientieren und woran sie evtl. scheitern, das fände ich spannend.

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