Medien im Corona-Rausch: Finger weg vom Alkohol

Ja, sind denn alle besoffen? Angeblich. Jedenfalls ist gerade überall zu lesen, die Deutschen würden in der Krise immer öfter zum Alkohol greifen. Es gibt nur dummerweise keinen Beleg dafür. Das wissen die meisten Redaktionen auch selbst. Warum sie dennoch anders berichten, lässt sich nur vermuten: Wird in den Redaktionen etwa hart gesoffen?

Mehr Konsum? Screenshot: DLF

Der Deutschlandfunk titelt: „Mehr Alkohol-Konsum in Corona-Zeiten“, der „Spiegel“ wähnt Deutschland gar „im Corona-Rausch“, und zumindest was die Headlines anbelangt, machen auch die FAZ, ntv oder t-online.de mit.

Was daran stimmt: Die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) hat herausgefunden, dass im Einzelhandel derzeit, im Vergleich zum Vorjahreszeitraum, deutlich mehr alkoholische Getränke gekauft werden; beispielsweise 31 Prozent mehr klare Spirituosen oder 34 Prozent mehr Wein von Ende Februar bis Ende März 2020.

Es wird bloß mehr Alkohol im Einzelhandel gekauft

Das bedeutet allerdings noch lange nicht, dass auch insgesamt mehr gekauft wird. Denn natürlich verlagert sich in einer Zeit, in der Bars und Restaurants geschlossen haben, der Einkauf von Alkohol auf den Einzelhandel. Gibt ja quasi keine Alternative mehr. Die Folge ist aber nicht, dass insgesamt mehr Alkohol gekauft wird. Es wird bloß im Einzelhandel mehr gekauft.

Das Absurde: Viele Redaktionen sind sich der Problematik offenbar bewusst, schreiben aber doch Überschriften oder Social Media-Posts, die zunächst anderes vermuten lassen.

In der Überschrift der dpa-Meldung bei faz.net steht beispielsweise:

„Verbraucher kaufen mehr Wein, Gin und Korn“

Im Text wird dann relativiert. Der Artikel zitiert einen GfK-Mitarbeiter mit den Worten:

„Die Menschen konsumieren nicht unbedingt mehr, sondern woanders – nämlich wieder mehr zuhause anstatt in Kantinen, Restaurants und Kneipen.“

Verlässliche Zahlen dazu sind schwer zu bekommen. Wie in der Überschrift zu behaupten, dass VerbraucherInnen mehr Alkohol kaufen, ist also durch den Artikel nicht gedeckt.

Dazu kommt: Selbst wenn insgesamt mehr gekauft würde, wäre das noch lange kein Beleg, dass auch mehr getrunken wird. Dass der Alkohol-Konsum zunimmt, wie es unter anderem der Deutschlandfunk behauptet, ist also doppelt falsch. Oder würde man aus dem exorbitant gestiegenen Verbrauch an Klopapier folgern, dass die Deutschen plötzlich 7-mal öfter auf den Pott gehen als vor der Corona-Pandemie?

Eher nicht.

Das wäre aber konsequenterweise die Schlussfolgerung, die man aus dem kurzzeitig um 700 Prozent gestiegenen Klopapierkauf ziehen müsste. Vielleicht haben sich die Menschen bloß größere Vorräte an Alkoholika zugelegt, um immer genug daheim zu haben. Das wäre zumindest eine Möglichkeit.

Vielleicht kaufen die BürgerInnen aber auch nur deshalb mehr Wein, weil sie Fruchtfliegenfallen bauen wollen, um sich auf den Sommer vorzubereiten. Zugegeben: Das ist ziemlich unwahrscheinlich. Aber genau wie für die zitierten Aussagen aus den Artikeln, gibt es nichts, was die Aussage widerlegen würde – es gibt aber auch keinen Beleg dafür.

Der Unterschied: Es klickt sich ziemlich geil, wenn man behauptet, dass die Deutschen plötzlich aus reiner Alternativlosigkeit saufen. Behauptet man, dass die Deutschen in den Krieg gegen die Fruchtfliegen ziehen, klickt sich das vermutlich nicht so überragend. Obwohl – wenn ich so drüber nachdenke …

Psychologische Effekte der Krise schwer abzuschätzen

Das Traurige an der Sache ist vor allem: Es gibt ein real existierendes Problem um den Alkohol-Konsum in Zeiten von Kontaktsperre und zunehmender Isolation. Die psychologischen Effekte der aktuellen Situation sind ohnehin schwer abzuschätzen. Die Bundesdrogenbeauftrage Daniela Ludwig sieht die Gefahr, dass gerade Suchtkranke noch mehr in die Isolation getrieben werden, weil stärker hinter verschlossenen Türen getrunken wird.

Die „Tagesschau“ berichtet bei Instagram sogar genau darüber, mit zwei Bildern. Nur rückt der Post im ersten Bild zunächst den falschen Hinweis auf die gestiegenen Verkaufszahlen in den Mittelpunkt und lenkt die Aufmerksamkeit so weg von einem wirklichen gesellschaftlichen Problem hin zum kleinen Fun-Faktor namens Alkohol.

Und, wen wundert es, die User nehmen das genau so auf. Unter dem Tagesschau-Post finden sich zwar viele Kommentare, die auf die falsche Interpretation hinweisen, aber eben auch jede Menge, die den vermeintlich zunehmenden Alkoholkonsum mega witzig finden, zum Beispiel:

„Sorry, das war ich.“

„Ich versteh gar nicht was die meinen *öffnet weitere Flasche*“

„…auf den Schock erstmal ein Gläschen…“

Diese Liste ließe sich ewig fortführen. Bitte nicht falsch verstehen: Dass Menschen auch in schwierigen Zeiten ihren Spaß haben, ist mehr als wünschenswert. Das Problem sind ja auch nicht die Witze. Das Problem ist der falsche Fokus, den Redaktionen hier setzen. Und die irreführende Wiedergabe dessen, was die Umfrage tatsächlich aussagt.

Und jetzt entschuldigt mich, ich muss dringend eine Fruchtfliegenfalle bauen.

8 Kommentare

  1. Die Fruchtfliegen muss man nur als potentiell gefährliche Überträger verdächtigen, dann rauschen auch da die Klickzahlen in den Himmel.

    Oder auch: Deutschland im Pastrarausch. Stecken die Italiener dahinter?

  2. Ein Vollrausch ist doch das beste in diesen Zeiten. Danach ist man wahrscheinlich zumindest in meinem Alter 3-4 Tage malad und bleibt zuhause.
    #Stayathome

  3. Was der Autor lustig findet und was nicht, interessiert nicht.

    Es gibt auch keinen Zwang, wie es der Autor offenbar gerne hätte, bei jedem noch so schlimmen/traurigen Thema wie Süchte, auf Prävention hinzuweisen oder zu sagen dass das nicht gut ist. Sowas nennt man Nanny-Journalismus.

    Im Übrigen ist die Headline nicht doppelt falsch; denn klar wird nicht 7x so oft auf den Pott gegangen, aber das ändert doch nichts daran, dass die Fesstellung des erhöhten „Konsums“ richtig ist – das Klopapier wird ja dennoch gekauft und bezahlt, ob für Dünnpfiff oder zur Lagerung spielt ja für die Definition des Wortes konsumieren keine Rolle ;-)

  4. Wer übrigens ethische Bedenken hat, Fruchtfliegen mit einem gefährlichen Gift wie Alkohol anzulocken, kann für die Falle stattdessen Essig verwenden.
    Im Übrigen ist das Problem ja weit verbreitet. Die anklagende Aussage, dass die Leute jetzt mehr Alkohol trinken würden, bei implizit erkennbarer gesellschaftlicher Unerwünschtheit dieses Umstands, wird bei vielen Themen als ausreichende Rechtfertigung für die unbelegte, tendenziöse Berichterstattung angesehen. Es geht ja um die Gute Sache.

  5. „Die anklagende Aussage, dass die Leute jetzt mehr Alkohol trinken würden,“
    ist in erster Linie belegfreier Nonsen.
    Die Wirtshäuser sind geschlossen. Wir wissen lediglich, dass mehr Alkohol gekauft wurde, genauso wie Dosensuppen, Apfelmus, Klopapier und was weiß ich noch alles.

  6. @David Dill #3

    Natürlich interessiert es nicht, was ich als Autor witzig finde. Das wird aber auch nirgendwo behauptet.

    Und nein, es ist kein Zwang auf Prävention und Süchte hinzuweisen. Nur wäre es halt an der Stelle sinnvoller, auf real existierende Probleme hinzuweisen, als irgendwelche Dinge zu beschreiben, für die es keinen Beleg gibt. Deswegen ist der Fokus für mich falsch.

    Und zum letzten Punkt: Wenn Sie sagen, was für die Definition eine Rolle spielt, dann schauen wir uns doch mal eine Definition an. Laut Gabler Wirtschaftslexikon ist Konsum „Verbrauch und/oder Nutzung materieller und immaterieller Güter durch Letztverwender“. Ergo: Alkohol wird nicht konsumiert, wenn er im Laden gekauft wird, sondern wenn er getrunken oder für eine Fruchtliegenfalle verwendet wird. Wenn man Konsum als Kauf definieren will, kann man das anders sehen. Aber selbst dann ist die Überschrift mindestens unsauber, zumal ja in den Artikeln die Aussage vermittelt wird, dass mehr gesoffen wird.

  7. Ob der der deutlich mehr gekaufte Alkohol dann auch sofort getrunken wird, ist natürlich die Frage.

    Keine Frage ist, dass Deutschland ein riesengroßes Alkoholproblem hat – und das nicht erst seit der Corona-Krise.

    In kaum einem Land wird Alkohol so verharmlost, fast nirgends ist er so billig, nur wenig westliche Länder haben einen derart hohen Konsum. Wie gesagt, nicht erst seit 5 Wochen, sondern schon immer …

  8. Naja, dann dienen Falschmeldungen natürlich dem Volkswohl. Und sie zu hinterfragen oder gar als irreführende Falschinfo zu markieren, ist verantwortungslos volksgesundheitsschädlich?

    Weil es böse ist, ermächtigen wir unsere Medien dazu, Fakenews zu verbreiten? Das ist im Kern ungefähr, was die Lügenpresse-Schreihälse den Medien vorwerfen. Je mehr Beispiele wie hier die präsentieren können, desto leichter finden sie Anschluss und Gehör bei denen, die nicht immer schon so dachten.

    Das gilt dann auch für ihre -sagen wir: Gutgemeinte-Argumentation?
    – Deutschland liegt im Konsum aktuell ziemlich genau im europäischen Durchschnitt
    – Wie definiert sich der von Ihnen ausgerufene Westen? Alle europäischen Länder hinter unserer Ostgrenze, von Polen bis zur Beringstrasse, haben deutlich höheren Pro-Kopfkonsum. Aber vielleicht gehören die für Sie eh nicht so richtig dazu?
    – Der mittlere Konsum in D. ist seit den 80gern um ca 50% gesunken – und bei Jugendlichen und Kindern noch mehr
    – Länder mit ~50 Jahren sozial verpflichtender stigmatisierender öffentlicher Rede über Alkohol sowie staatlicher Reglementierung beim Verkauf haben keine bessere Eindämmung des Alkoholismus vorzuweisen. Skol und Kippis.

    Alkohol ist eine verdammt gefährliche harte Droge, die furchtbar viele Konsumenten schwer abhängig macht, mit all den schrecklichen Konseuenzen. Gerade deshalb sollte man wirklich sorgfältig darüber berichten, statt sich selbst unglaubwürdig zu machen mit mausrutschendem Agitprop.

    Für trockene Alkis ist das übrigens nicht gut, davon zu lesen, ganz Deutschland saufe gerade in großen Mengen, denn es macht es ihnen schwerer, dem inneren Dämon zu widerstehen, dann jetzt halt auch mal … mitzutrinken. Und das wollen wir doch weder denen noch dem unter ihnen leidenden Umfeld zumuten, oder?

    Und die Sache mit dem „Konsum“ ist wirklich einfach genug: Konsum ist der verzehrende Verbrauch eines verbrauchlichen Gutes. Vorher da, hinter nicht mehr. Der andere „Konsum“ war einfach nur eine Handelskette in der Zone.

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