„Tagesspiegel“ löst Fotoredaktion auf

Der Berliner „Tagesspiegel“ löst nach Informationen von Übermedien die Fotoredaktion auf. Das soll die Chefredaktion unter Führung von Lorenz Maroldt bei einer Redaktionskonferenz am Donnerstag mitgeteilt haben. Eine Fotoredaktion sei „anachronistisch“, soll Maroldt auf der Versammlung gesagt haben.

Eine „Tagesspiegel“-Sprecherin bestätigte auf Nachfrage die Auflösung der Fotoredaktion: „Der Wandel zum digitalen Medienhaus bedeutet, dass wir kontinuierlich unsere Abläufe überprüfen, Bereiche neu organisieren oder uns sogar von einzelnen verabschieden.“ Die Fotoredaktion bestehe aus 5 Mitarbeiter*innen, „mit 2 von diesen 5 sprechen wir über eine weitere Beschäftigung woanders im Haus“. Sie versicherte: „Wir werden alles tun, diesen notwendigen Wandel für die betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter soweit wie möglich abzufedern.“

Der Tagesspiegel löst wohl die Fotoredaktion auf
So sieht der „Tagesspiegel“ ohne Fotos aus Ausriss: „Tagesspiegel“; Montage: Übermedien

Die Auflösung der Fotoredaktion ist Teil eines von der Chefredaktion vorgestellten Umstrukturierungsprogramms: Der Etat der gesamten Redaktion soll um fünf Prozent sinken, so berichteten es Teilnehmer*innen der Redaktionsversammlung. Der „Tagesspiegel“ hat auf Nachfrage diese Zahl weder bestätigt noch dementiert. „Wir haben heute bekanntgegeben, dass wir einzelne Ressorts in der Redaktion neu organisieren und den digitalen Umbau weiter forcieren. Diese Entscheidung folgt der Überzeugung, dass in der digitalen Ausrichtung für uns die größten Zukunftschancen liegen“, teilte der Verlag Übermedien mit.


Laut Redaktionsmitgliedern stehen in den nächsten Wochen Gespräche mit den Ressorts an, wo was eingespart werden könnte. Außerdem setze die Chefredaktion darauf, dass sich Mitarbeiter*innen freiwillig meldeten und für Abfindungspakete entschieden. Gleichzeitig solle der Newsroom allerdings ausgebaut werden.

Rote Zahlen beim „Tagesspiegel“

Am Dienstag hatte „kress“ darüber berichtet, dass der „Tagesspiegel“ Verluste schreibe: „ Bei einem geschätzten Umsatz von rund 80 Millionen Euro blieben aber immer noch rote Zahlen im niedrigen einstelligen Millionenbereich“, hieß es dort.

Das ist erstaunlich, steht doch der „Tagesspiegel“ im Vergleich mit seinen Wettbewerbern recht gut da: Die verkaufte Auflage ist (inklusive der E-Paper) in den letzten fünf Jahren stabil geblieben. Sie lag laut IVW im vierten Quartal 2014 bei 118.168 und Ende 2019 bei 116.647 Exemplaren.

Die „Berliner Zeitung“ verlor im selben Zeitraum fast 35.000 Käufer*innen und kommt heute nur noch auf eine Auflage von 83.690 pro Tag, die „Berliner Morgenpost“ liegt bei 72.140 (minus 28.000).

Der „Tagesspiegel“ hat in den vergangenen Jahren eine sehr erfolgreiche Entwicklung genommen und ist inzwischen nach Auflage und publizistischer Bedeutung, gedruckt und digital die Nr. 1 in Deutschlands wichtigster Stadt

Diese wenig zurückhaltende Selbstbeschreibung fußt wohl auch auf der – im Vergleich zur Konkurrenz – deutlich größeren Wahrnehmbarkeit des „Tagesspiegel“ in der Stadt. Unter anderem durch die in den vergangenen Jahren angestoßene publizistische Expansionsstrategie.

Newsletter, Newsletter, Newsletter

So bekam der 2014 von Chefredakteur Lorenz Maroldt gestartete Newsletter „Checkpoint“ mit seinen – laut Verlagsangaben – 100.000 Bezieher*innen Mitte 2019 einen kostenpflichtigen Ableger. Außerdem wurden so genannte „exklusive Entscheider-Briefings“ zu den Themen „Digitalisierung & KI“, „Energie & Klima“, „Gesundheit & E-Health“ sowie „Mobilität & Transport“ gestartet. Dazu die zwei Newsletter unter dem Titel „Morgenlage“ für Wirtschafts-Entscheider und Politik-Entscheider sowie die „Leute“-Newsletter mit Nachrichten aus den zwölf Berliner Bezirken.

Jeder dieser Newsletter wird von einer eigenen Redaktion betreut, deren Besetzung sich allerdings teilweise mit anderen Ressorts oder Newsletter-Teams überschneidet.

Achso, und kommende Woche startet noch ein Newsletter: „Twenty/Twenty – Der Newsletter zur Präsidentschaftswahl“ in den USA.

Viele neue Magazine

Dazu kamen diverse Magazin-Ableger unter dem Label „Tagesspiegel“ an die Kioske: „Genuss Guide“, „Ostsee“, „Gesundheitsratgeber“, „Radfahren“ und zu vielem, was man im Leben sonst noch so machen oder wo man hinfahren kann.

Ist diese Strategie gescheitert? Sie scheint zumindest nicht die Antwort auf die andauernden Verluste zu sein. Denn es ist nicht das erste Mal, dass die „Tagesspiegel“-Redaktion recht plötzlich recht viel sparen muss. Im Oktober 2015 hieß es: „keine Dienstreisen, keine Texte von freien Mitarbeitern, keine Bezahlung von Praktikanten mehr – und, im Verlag: weniger Abomarketing. Zumindest bis Ende des Jahres“, wie die „taz“ damals schrieb. Diverse freie Autor*innen, die teilweise voll auf die Aufträge vom „Tagesspiegel“ angewiesen waren, mussten damals mehr als zwei Monate ohne diese Einnahmen auskommen. Grund damals: ein unerwarteter Anzeigeneinbruch im Weihnachtsgeschäft.

Bei „kress“ hieß es zur Bilanz des „Tagesspiegel“ immerhin, dass sich „das Ergebnis seit Jahren leicht“ verbessere.

15 Kommentare

  1. Kann eigentlich garnicht sein.

    Zu den regelmäßigen Quartalszahlen des IVW wird immer wieder betont, dass der Tagesspiegel als einzige Berliner Tageszeitung und insbesondere wegen der massiv steigenden E-Paper Abos auf positivem Kurs sei.

    Pfeifen im qualitätsmedial eher dunklen Wald?

  2. „dass sich „das Ergebnis seit Jahren leicht“ verbessere.“

    Prima! Schon wieder 100.000-500000 „gespart“. Und all diese Synergien! Ein Hoch auf die Unverwechselbarkeit!
    Ich befürchte, in 10-20 Jahren wird man zum überlegten Arbeiten & Wirken von zB Barbara Klemm (mit der ich oft und gerne gearbeitet habe), Wolfgang Haut und vielen, vielen anderen überhaupt keinen Bezug mehr haben.
    Toll!

  3. Klar, wo man Fotos zu allen Themen günstig einkaufen kann und für viele Beiträge 2-3 Bilder auch mal schnell der Redakteur / die Redakteurin nebenbei schießen kann, brauche ich natürlich keine eigene Abteilung.

    Das Einsparpotential klingt für mich auch recht überschaubar.

    Wirklich schade, dass im Journalismus immer mehr eingespart und aufgelöst werden muss. Aber das Internet wurde fast flächendeckend verschlafen und schließlich auf Krampf versucht, veraltete Anzeigenmodelle in dieses Medium zu überführen.

  4. Da man Fotos nach wie vor braucht und sicher nicht einfach Bilder „aus dem Netz“ ohne Legitimation benutzen wird, hört sich das so an, als würden die eigentlichen Aufgaben der Fotoredaktion nach wie vor von den beiden eingearbeiteten Kräften erfüllt, nur halt unter anderem Namen, ohne weitere Unterstützung und vielleicht mit weniger Gehalt (neuer Vertrag?). (M)eine Spekulation. Mal sehen, wie oft in Zukunft die Untertitelung, die Urheber oder Quellen falsch angegeben sein werden.

  5. Zuerst einmal: Meinen größten Respekt an die dort arbeitenden Kollegen! Diese Kollegen haben einen ganz wesentlichen Anteil daran, dass der Tagesspiegel an mehreren Tagen der Woche auf meinem Frühstückstisch liegt! Oder muss ich „bislang gelegen hat“ sagen?

    Und dann an die Damen und Herren die für diese Entscheidung verantwortlich zeichnen: Dass visuelle Inhalte immer mehr an Bedeutung gewinnen, dass rechtliches Fachwissen, gerade in Bezug auf visuelle Inhalte immer wichtiger wird, dass Foto-Kompetenz nicht jeder hat, der ein Handyfoto auf Instagram postet, sondern ein Pfund ist, das sich Bildredakteure lange erarbeiten, all das sollten Sie sich vor Augen halten, bevor sie eine Abteilung schließen, die zumindest für mich, den Tagesspiegel immer deutlich aus der Masse herausgehoben hat!

  6. Ein schlimmeres Armutszeugnis als dieses könnten sich Verleger und Chefredakteure kaum selbst ausstellen. Gerade in Zeiten der Bilderflut aus dem Netz bedarf es der Kompetenz der Bildredaktionen. Es geht nicht nur um eine Bildsprache, die den Charakter eines Mediums prägt, und um die Qualität der Fotografie, sondern auch um die Überprüfung der durch die Welt geisternden Digitalfotos auf Authentizität. Laien sind nicht in der Lage, alle heute möglichen Manipulationen zu erkennen. Und Textredakteure SIND per definitionem Laien, es sei denn, sie wären zumindest erfahrene Amateurfotografen. Die allermeisten Textjournalisten sind jedoch fotografisch auf dem Niveau von Handyknipsern.
    Was der Tagesspiegel da macht, ist nicht nur ein Schlag ins Gesicht aller PressefotografInnen und BildredakteurInnen, sondern zugleich eine Missachtung der Leserschaft – nach dem Motto: Irgendwelche belanglosen Symbolbilder/Stockfotos und Schnappschüsse sind für Euch Banausen gut genug. Dann kann man aber gleich für die gesamte Berichterstattung über Kriminalität und Unfälle ein Blaulicht-Piktogramm nehmen, für alles zur Verkehrspolitik ein VW-Pressefoto vom aktuellen Golf und für Fußballberichte ein Produktfoto von der Adidas-Pressestelle. Das hätte bestimmt einen hohen Wiedererkennungswert.

  7. @7
    Signed.
    Jedesmal wenn Textredakteur draußen rumrennen und mit dem Smartphone Bildchen schiessen stirbt jedesmal ein süßes Häschen.
    Passt natürlich in die Zeit der schnellen Bilder und der schnellen Texte, wo gefühlt alles veröffentlicht wird, Hauptsache raus damit. Und mit den Fotos geht das einher.
    So sehr ich Krautreporter nicht mag, immerhin haben die einen Bildredakteur. Menschen reagieren halt erstmal aus visuelles und hier braucht es für jedes Medium auch eine gewisse Art der Unverwechselbarkeit. Sowohl bei Text als auch bei Fotos.
    Manche nutzen immerhin schon mal nicht die üblichen Stockagenturen, sondern suchen sich spezialisierte, wie Photocase, um auch sich auch hier zu unterscheiden.
    Was der Tagesspiegel macht ist halt das genaue Gegenteil und da hat „Newsletter“ Maroldt die Digitalisierung einfach nicht verstanden.

  8. @JWD, #4:
    Ok, Gegenfrage, sollen keine Fotos mehr verwendet werden, oder jedenfalls mengenmäßig reduziert? Dann beträgt die Einsparung drei Festangestelltengehälter plus eine mehr oder weniger große Summe für das Budget, aus dem Fotos bezahlt wurden.
    Da ich erst letztens noch von den unbezahlten Praktika und Volontariaten gelesen habe – wo war das nur? – halte ich das Szenario, wo jemand unbezahltes eine Digitalkamera in die Hand gedrückt bekommt – „Nicht kaputtmachen!“ – und fertig ist die _selbstgemachte_, nicht selbstzusammenge-c&p’te Fotostrecke, nicht für allzu abwegig, d.h., die Fotos kosten anteilig den Verschleiß dieser Kamera. Und Strom für den Akku. Und die Versicherung, falls das Ding doch kaputt geht. Irgendwie im zweistelligen Euro-Bereich im Jahr? Dreistellig? Will sagen, ohne Dunkelkammer und dergleichen resultiert der Preis für exklusive Originalfotos hauptsächlich aus den Personalkosten der Leute, die diese Fotos machen, auswählen, untertiteln und drucken. Faire Bezahlung vorausgestzt, sehe ich trotzdem keine Mio. €s… Und nicht so exklusive Fotos sind nicht ganz der Mehrwert, weshalb man genau die Zeitung kaufen soll.
    Kann ja sein, dass es in Zukunft statt einer Fotoredaktion einen Fotoredakteur(m/w/d) für die Abteilung Politik gibt, ein(m/w/d) für Sport, 1(m/w/d) für Fölletong, etc.(m/w/d), weil das effektiver ist, aber dann sehe ich DAS Einsparpotential auch nicht.

  9. Wir leben in einer visuellen Ära. Ohne starke Bilder und Videos geht gar nichts. Das geschriebene Wort kann nur überleben, wenn es im Internet durch visuellen Content gestützt und getragen wird. Viele Kollegen haben das nicht verstanden, weil sie seit Jahren an der Wirklichkeit vorbeileben.

  10. Ich weiß nicht ob es die Raffgier der Verleger ist. Mit Sicherheit ist es auch die ständige sinkende Auflage der einzelnen Tageszeitungsblätter. Aber darüber nach zu denken wie man die Zeitung für den geneigten Leser interessanter machen kann denken die Leute in der oberen Etage nur an Einsparungen. Das sich das überhaupt nicht auszahlt sondern der Schuss nach hinten losgeht zeigen ja die einen oder anderen Blätter die das schon hinter sich haben. Das die Geschäftsführung nicht reagiert bzw. falsch reagiert ist halt an dem geschuldet das das nur „Erbsenzähler“ sind und kein Gespür haben für „Zeitung machen“.

  11. @Ebertus (1.)
    Zu den regelmäßigen Quartalszahlen des IVW wird immer wieder betont, dass der Tagesspiegel als einzige Berliner Tageszeitung und insbesondere wegen der massiv steigenden E-Paper Abos auf positivem Kurs sei.

    Das ist der casus cnactus. Der Tagesspiegel beschreibt seinen Erfolg in den letzten Jahren regelmäßig mit den E-Papern.
    Das Problem ist nur, E-Paper sind heiße Luft. Die E-Paper sind gut für die Vitrine und für die Selbstdarstellung.
    Kommerziell sind die eine Nullnummer.

    44 Tsd. E-Paper sind 38% bei einer Gesamtauflage von 116 Tsd.
    Wirklich verkauft werden 72 Tsd. Stück. Ist ganz ordentlich, viele würden sich freuen wenn sie das auch könnten, nur große Sprünge kann man damit nicht machen.

    Es trifft nicht nur die Fotoredaktion des Tagesspiegel. Alle anderen geben auch immer weniger Geld aus für die Fotografie.

    Leicht weg vom Thema:
    Als erster Bildjournalist sah sich Erich Salomon (er war es ja auch). Salomon hat als erster die Möglichkeiten der fototechnischen Entwicklung erkannt und maximal ausgenutzt.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Erich_Salomon

  12. @4: Vielleicht kommt eine fotoredaktionelle Arbeit inspired by Axel Springer: ’Outgesourced’ auf Facebook und die eigenen Leser. Danach als Standardstatement aus der Chefredaktion: „Für’s ordnungsgemäße Verpixeln der Gesichter fehlte uns leider der Fotoredakteur …“ ;-)

  13. Sinkende Auflage?
    Seit 3 Jahren beziehe ich den Tagesspiegel zum halben Preis. (weil ich jedesmal nach einem Jahr kündige)

    Der Grund meiner Kündigungen ist und bleibt die schlechte journalistische Qualität.

    Nach jeder Kündigung werde ich bekniet, doch den TS weiter zu beziehen.
    Anfangs bot man mir € 200 in bar, jetzt beziehe ich den Tagesspiegel für 6 Monate zum vollen Preis (der ist in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen) und anschließend bekomme ich ihn für die 2. Jahreshälfte umsonst.
    So zahle ich 6x € 59,90 = € 359,40 und erhalte dafür 12x € 59,90. Das entspricht einem Monatspreis von € 29,95.

    Der langjährige dumme Kunde zahlt also das Doppelte von dem, was ich zahle.
    Kundentreue wird somit bestraft.

    Das ganze ist kein gutes kaufmännisches Gebahren.

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