Falsche Zahl über rechte Gewalt: Fehler im System

Am Sonntag berichtete die „Bild am Sonntag“ stolz, sie kenne „exklusiv alle Fakten aus dem neuen Verfassungsschutzbericht“, der am kommenden Donnerstag veröffentlicht wird. Eines der Details, die das Blatt nannte:

Die Zahl der rechtsextremen Gewalttaten ist auf 48 gestiegen (2017: 28). Das ist ein Plus von 71,4 Prozent.

Das ist falsch, und es ist nicht ein kleines bisschen falsch, sondern ungefähr um den Faktor 20. Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland über 1000 rechtsextreme Gewalttaten registriert.

48 ist die Zahl der antisemitischen rechtsextremen Gewalttaten. Am Montagmittag veröffentlichte die „Bild am Sonntag“ auf Twitter eine Berichtigung; die Online-Version des Artikels ist korrigiert.

Bis hierhin ist das ein normaler, ärgerlicher Fehler. Natürlich hätte er der Redaktion eigentlich auffallen müssen, aber so ist das nun mal mit Fehlern: Sie passieren gerne auch dann, wenn sie eigentlich nicht hätten passieren dürfen.

Das System der Vorabmeldungen

Doch die deutsche Medienlandschaft hat ein bestens funktionierendes System, dafür zu sorgen, dass solche Fehler nicht auf den Ort beschränkt bleiben, wo sie passieren: das System der Vorabmeldungen. Medien wie die „Bild am Sonntag“ geben ihre exklusiven Geschichten vorab an Nachrichtenagenturen; Nachrichtenagenturen machen daraus ohne eigene Recherche Meldungen; Medien übernehmen diese Meldungen ohne eigene Recherche in ihr Angebot.

Und deshalb steht die grotesk falsche Zahl von den 48 rechten Gewalttaten, die es im vergangenen Jahr gegeben habe, am Sonntag und Montag fast überall. Verbreitet wurde sie nicht von dpa. Aber dafür von gleich vier kleineren Agenturen: Reuters, AFP, KNA und epd, unter anderem so:

epd:

Die Zahl rechtsextremer Gewalttaten ist laut „Bild am Sonntag“ im vergangenen Jahr deutlich gestiegen. Während 2017 noch 28 solcher Taten erfasst worden seien, seien es 2018 bereits 48 gewesen, meldete die Zeitung unter Berufung auf den neuen Jahresbericht des Bundesamtes für Verfassungsschutz.

AFP:

Die Sicherheitsbehörden registrierten laut einem Zeitungsbericht im vergangenen Jahr eine Zunahme rechter Gewalt in Deutschland. Laut „Bild am Sonntag“ stieg die Zahl der rechtsextremen Gewalttaten im Jahr 2018 auf 48 – nach 28 im Jahr 2017.

Reuters:

Die Sicherheitsbehörden stellen einem Zeitungsbericht zufolge eine Zunahme rechtsextremer Gewalt fest. Das zeige der Jahresbericht 2018 des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV), der am Donnerstag vorgestellt werde, berichtete „Bild am Sonntag“ vorab. Demnach stieg die Zahl der rechtsextremen Gewalttaten im vergangenen Jahr auf 48 von 28 im Jahr 2017.

Die ersten Meldungen erschienen sonntagfrüh in der Nacht (AFP um 1:19 Uhr, Reuters um 3:07 Uhr), aber auch am Montagvormittag verbreitete KNA die falschen Zahlen noch in einer neuen Meldung.

Steht überall

Sie fanden ihren Weg in zahlreiche Online-Angebote (u.a. „Welt“, Deutsche Welle, SWR, WAZ, tagesschau.de, „Hannoversche Allgemeine“, t-online.de, sueddeutsche.de, Deutschlandfunk, BR24, FAZ, „Saarbrücker Zeitung“, „Rheinpfalz“; teilweise sind sie dort inzwischen korrigiert). Und sie erschienen in gedruckten Blättern wie etwa der „Badischen Zeitung“. Weil viele Regionalzeitungen ihre überregionalen Seiten inzwischen zentral zugeliefert bekommen, ergab sich ein weiterer Vervielfältigungseffekt: Die Zentralredaktion der Funke-Mediengruppe („Journalistische Exzellenz aus der Hauptstadt“) entschied sich dafür, aus der Meldung einen großen Seite-3-Bericht zu machen. Deshalb stehen die Zahlen wortgleich falsch im „Hamburger Abendblatt“, in der „Berliner Morgenpost“, in der „Salzgitter Zeitung“, in der „Braunschweiger Zeitung“, in der „Thüringischen Landeszeitung“, in der „Ostthüringer Zeitung“, in der „Thüringer Allgemeinen“ und vielen anderen Blättern.

Das Problem an dieser Geschichte ist nicht der Fehler, der an ihrem Anfang steht. Das Problem ist das System, das zu seiner Verbreitung führt. „Grundsätzlich sind Medienberichte als vertrauenswürdige Quellen einzustufen und werden entsprechend von den Nachrichtenagenturen als solche behandelt“, sagt epd-Chefredakteur Karsten Frerichs. Nachrichtenagenturen wiederum werden von anderen Journalisten als privilegierte Quellen behandelt, deren Meldungen sie ohne eigene Überprüfung verbreiten dürfen.

Das Landgericht Hamburg hat zwar in einem Fall entschieden, dass dieses sogenannte „Agenturprivileg“ nicht gilt, wenn die Agentur nur den Inhalt einer Zeitungsmeldung verbreitet und das auch deutlich macht. Dennoch ist das System darauf angelegt, Falschmeldungen zu verbreiten: Von einem Medium gelangen sie über den Umweg über Agenturen in alle Medien, weil an jeder Stelle in diesem Prozess die Annahme gilt, dass die Quelle vertrauenswürdig ist.

Einsame Nachredakteurin, knappe Wochenend-Besetzung

Verschärfend kommt hinzu, dass die Vorabmeldungen die Agenturen gern am Abend oder am Wochenende erreichen, wenn die Fachleute für ein Thema nicht mehr unbedingt im Dienst sind. „Das war in der Nacht leider eine Fehlleistung“, räumt der deutsche Reuters-Politikchef Alexander Ratz ein. Gleichzeitig sagt er: „Wir prüfen grundsätzlich Vorabmeldungen auf ihre Plausibilität und ihren Nachrichtenwert. Das ist für Reuters Standard.“

Der stellvertretende KNA-Chefredakteur Thomas Winkel erklärt: „Unsere Redaktion prüft Informationen selbstverständlich mit der gebotenen Sorgfalt; wenn angesichts der Wochenend-Besetzung im konkreten Fall die falschen Zahlen nicht aufgefallen sind, ärgert uns das selbst.“

Peter Wütherich, Ressortleiter Bundespolitik bei AFP, sagt: „Unserer Nachtredakteurin – die als Generalistin für alle in der Nacht anfallenden Themen zuständig ist – war die Unstimmigkeit der Zahl nicht aufgefallen.“ Am Sonntagmorgen hätte der Fehler allerdings auffallen müssen. „Natürlich werden Vorabmeldungen in unserer Redaktion auf Plausibilität geprüft; in diesem Fall ist uns hier leider ein äußerst ärgerlicher Fehler unterlaufen (…).“

Auch epd-Chef Frerichs verweist auf den Zeitpunkt der Veröffentlichung: „Gerade an Wochenenden ist es für Generalisten in den Redaktionen schwer, schnelle Plausibilitätsprüfungen vorzunehmen. Natürlich kann man im Nachhinein sagen, dass die niedrige Zahl unplausibel ist. Aber das im Produktionsdruck nicht zu erkennen, halte ich für einen nachvollziehbaren menschlichen Fehler.“

Die „Bild am Sonntag“ hat es eilig, die Ergebnisse des Verfassungsschutzberichtes zu verbreiten, bevor der öffentlich ist. Die Agenturen haben es eilig, die Aussagen der „Bild am Sonntag“ zu verbreiten. Produktionsdruck schlägt Sorgfalt.

Einfache Plausibilitätsprüfung

Frerichs behauptet, dass eine „einfache Plausibilitätsprüfung“ bei epd immer stattfinde, „meist zunächst durch einen Blick in das eigene Archiv. Darüber hinaus hat es sich der epd zur Regel gemacht, die Primärquelle für eine Information zu recherchieren, um den Medienbericht zu falsifizieren und ggf. die epd-Berichterstattung zu ergänzen.“

Im konkreten Fall habe sich der epd am Sonntagvormittag an Verfassungsschutz und Bundesinnenministerium gewendet, um die Angaben zu überprüfen. Der Verfassungsschutz habe an das Ministerium verwiesen. „In einem Telefonat hat der im Ministerium diensthabende Sprecher zunächst erklärt, er gehe davon aus, dass die ‚BamS‘ die Zahlen schon richtig genannt habe, wolle sich aber noch einmal vergewissern. Kurz darauf folgte ein weiterer Anruf: Es gebe keinen Kommentar, der Verfassungsschutzbericht werde am Donnerstag vorgestellt. Auf eine Rückfrage, dass damit also auch nichts dementiert werde, kam nur noch einmal der Verweis auf Donnerstag.“

Daraufhin verbreitete epd am Sonntag gegen 14 Uhr eine Zusammenfassung, in der unter Berufung auf „Bild am Sonntag“ weiterhin die falschen Zahlen angegeben wurden – mit dem Zusatz, das Innenministerium wolle die Meldung nicht kommentieren.

Frerichs sagt, es sei ihm unverständlich, warum das Bundesinnenministerium den „BamS“-Bericht nicht dementierte. „Damit möchte ich aber nicht die Verantwortung vom epd wegschieben, und wir werden auch diesen Fall zum Anlass nehmen, unsere Arbeitsabläufe weiter zu verbessern und die Sinne zu schärfen, um Falschdarstellungen zu erkennen.“

Auch KNA schreibt, man arbeite „intensiv daran, dass sich solche Fehler möglichst nicht wiederholen“. Niemand aber scheint das Prinzip in Frage zu stellen, solche Medienvorabmeldungen ohne ernsthafte Recherche zu verbreiten. Nun kann man es natürlich als ein gutes Zeichen werten, dass dpa die Zahlen überprüft und nicht vermeldet hat. Aber dass gleich vier andere Agenturen auf diese Überprüfung verzichteten oder an ihr scheiterten, ist bezeichnend.

Und das Problem mit den Vorabmeldungen ist wirklich, wirklich, wirklich, wirklich, wirklich, wirklich, wirklich kein neues.

Übrigens hat die „Bild am Sonntag“ die Agenturen zwar direkt und vorab – mit Sperrfrist – über ihre exklusiven Geschichte informiert. Bei der Verbreitung der Berichtigung hat sie sich offenbar weniger Mühe gegeben. Reuters gibt an, erst durch unsere Nachfrage von dem Fehler erfahren zu haben. Auch AFP hat sich erst heute, kurz nach unserer Anfrage korrigiert. Dabei hatten die „taz“ und der „Faktenfinder“ der „Tagesschau“ schon gestern berichtet.

Korrektur, 26. Juni. Wir hatten Karsten Frerichs erst „Kersten“ genannt.

6 Kommentare

  1. Kleiner Fehler, große Wirkung: Die Zahl ist in der Welt und wird Verwirrung stiften. Noch in Jahren werden unseriöse Kommentatoren seriöse Zeitungen zitieren können, um zu belegen, dass die Zahl rechter Gewalttaten maßlos aufgebauscht werde. Vielleicht kommt sogar jemand auf die Idee, die 48 als „wahre Zahl“ zu betrachten – versehentlich vom VS herausgegeben, bevor Merkels Zensurmaschine ihre Lügenstatistik in die Welt setzen konnte…

  2. Es spielt keine große Rolle, aber ich verstehe eines nicht:
    28 rechts extremistische Straftaten im Folgejahr nicht mal verdoppelt haben, wieso ist das dann ein Plus von 71,4 %?
    Ist das mathematisch korrekt, ich kann es jedenfalls nicht nachvollziehen.

  3. Bei all der Fahrlässigkeit ist es aber auch wieder erstaunlich, dass diejenigen die diese Zahlen dann richtig verbreiten wollen nicht einmal ein Dementi auf Anfrage hinbekommen.

    @2

    48 ist nicht das doppelte von 28, die Prozentrechnung ist korrekt.

  4. @JUB
    Eine Verdoppelung von 28 auf 56 wäre eine Steigerung um 100%.
    48 zu 28 sind 20×100:28=71,4%.

  5. @1: Verbringen Sie nicht zu viel Zeit in dieser Filterblase … Das verursacht nur Bauchschmerzen, die man leider gänzlich alleine ausbaden muss, da hat keiner was von.
    Hinzu kommt: Wayne … Deren Vetrschwörungstheorien werden immer alles erklären können, das ist ein in sich selbst immunisiertes System: Zahlen, die in den Kram passen werden ungeprüft von egal wo genommen und ohne Argumente verteidigt; Zahlen die nicht passen sind per se manipuliert. Dagegen hilft kein rationales Argument.

    @ Thema: Mal schauen, welche Zahlen die FES für ihre nächste „Mitte-Studie“ nimmt ;)

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