Popeye als Doping-Sünder überführt?

Forscher wollen herausgefunden haben, dass die Einnahme einer Substanz namens Ecdysteron zu gesteigertem Kraftzuwachs führt, also zu mehr Muskeln. Und weil Ecdysteron in Spinat enthalten ist, titeln nun viele Medien:

Dürfen Sportler nun also keinen Spinat mehr essen? Kommt das Gemüse tatsächlich auf die Doping-Liste? Und, nicht zuletzt: Wurde Popeye endlich als Doping-Sünder überführt und muss deshalb in ein Zeichentrick-Gefängnis?

Nein.

Aber so lässt sich die Geschichte natürlich prima verkaufen – und mit diesem Spin brachte sie die Abteilung „ARD-Radio-Recherche Sport“ in die Welt:

„Kraftzuwachs nachgewiesen – Spinat im Visier der Dopingfahnder“

titelten die Rechercheure bereits in einer Pressemitteilung, die gestern Nacht an die Redaktionen rausging, mit exklusiver „Sperrfrist“ um 5 Uhr heute Morgen, und als lägen die Dopingfahnder schon in den Kantinen der Olympiazentren auf der Lauer. Anschließend nahm die Sache ihren Lauf.

Die WAZ mutmaßt: „Das neue Trendgericht für Sportler mit Hand [sic] zu übermenschlichen Bestleistungen? War Popeye realistischer als je gedacht?“ Und: „Doping mit Spinat?“ Tobias Jobke aus den Wissensnachrichten von Deutschlandfunk Nova meint zu wissen: „So abwegig ist das gar nicht.“

Obwohl es eher abwegig ist.

46 Sportlern verabreichten die Forscher über einen Zeitraum von zehn Wochen entweder ein Placebo oder den Wirkstoff Ecdysteron, in Form von „Kapseln“, wie die „Sportschau“ berichtet. Ergebnis: Die Sportler, die Ecdysteron bekommen hatten, schnitten in den Tests anschließend besser ab und hatten mehr Muskeln ausgebildet.

Wenn, sind solche Kapseln im Visier der Fahnder, nicht das Gemüse. Deshalb soll auch nicht Spinat auf die Liste, sondern Ecdysteron. Das jedenfalls hat eine der Forscherinnen der Freien Universität Berlin (FU), Maria Kristina Parr, der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA empfohlen, die die Studie unterstützt hat. Entschieden ist noch nichts.

Trotzdem schreibt der öffentlich-rechtliche Radiosender SWR3 online:

„Eine Berliner Forscherin sagt: ‚Spinat muss auf die Dopingliste'“

Später im Text heißt es, sie habe gesagt:

„Spinat gehört auf die Dopingliste.“

Stimmt nicht: SWR-Bildunterschrift zu angeblichem Spinat-Doping

Und wahrscheinlich hat sie gar nichts von beidem gesagt; die angeblich wörtlichen Zitate hat SWR3 exklusiv. Im letzten Absatz weist der Sender dann noch darauf hin, dass die Studie gar nicht mit Spinat gemacht wurde, sondern mit „hochdosiertem Ecdysteron“, und dass man „jeden Tag zwischen 250 Gramm und vier Kilo rohen Blattspinat essen“ müsste, „um auf den selben Effekt zu kommen“. Was auch der ARD-Hörfunk so verbreitet. Und die Forscherin in einem Interview.

Klingt schon ungenau: 250 Gramm – oder doch vier Kilo? Zumal „Spiegel Online“ sogar schreibt, die Sportler in der Studie hätten „bis zu 800 Milligramm Ecdysteron pro Tag“ bekommen, und dass man für denselben Effekt „gut 6,6 Kilogramm Spinat“ hätte verzehren müssen, pro Tag.

Was stimmt, ist offenbar gar nicht so leicht zu sagen, weil es auch darauf ankommt, wann der Spinat geerntet wurde – und wie viel des Wirkstoffs er dann enthält, worauf der ARD-Hörfunk am Rande hinweist.

In der FU Berlin wurde man jedenfalls „kalt erwischt“ von der Meldung, heißt es. Offenbar wurde die Forscherin schon vor längerer Zeit dazu interviewt; wann das veröffentlicht würde, wusste sie nach Angaben der FU Berlin nicht. Und nun rufen den ganzen Tag Journalistinnen und Journalisten an und wollen wissen, ob die Forscherin jetzt mehr Spinat esse und wie viel Spinat man denn reinschaufeln müsse, um sich richtig an die Spitze zu dopen.

Vermutlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich ein Journalist findet, der das mal im Spinat-Selbstversuch überprüft. Für die nächste Schlagzeile.

Nachtrag, 26.6.2019. Die Nachrichtenchefin von Deutschlandfunk Nova hat sich in den Kommentaren (#3) gemeldet. Der Beitrag dort wurde inzwischen transparent korrigiert.

Nachtrag, 27.6.2019. Auch SWR3 hat seinen Beitrag inzwischen korrigiert.

15 Kommentare

  1. In dem Artikel werden auch die Wissensnachrichten von Deutschlandfunk Nova angesprochen. Mein Kollege Tobias Jobke hat, anders als hier dargestellt, die Sachlage völlig korrekt on air präsentiert. Die hier kritisierte Zuspitzung geht auf die Online-Bearbeitung zurück und fällt nicht in die Verantwortung von Tobias Jobke. Diese Feststellung ist mir wichtig. Die Online-Version ist inzwischen korrigiert.
    Francisca Zecher, Nachrichtenchefin Deutschlandfunk Nova.

  2. Man könnte ja schreiben: „Ein Stoff, der in geringen Mengen auch in Spinat enthalten ist, kann in hoher Konzentration leistungssteigernd wirken, wenn Sportler ihn ergänzend zum Training einnehmen. Es wird geprüft, die Substanz auf die Dopingliste zu setzen.“ Aber nein: Spinat! Doping! Popeye! Überall und immer wieder.

    Journalismus und Ernährung – da scheint irgendwas nicht zu passen, da kommt regelmäßig blühender Unfug bei raus.

  3. Wieso gerade Spinat? Warum wird nur eine Pflanze herausgegriffen? Der Stoff ist ebenso im Ginseng und etlichen anderen Pflanzen enthalten.

    Der Eindruck drängt sich auf: es geht nicht um seriöse Berichterstattung, sondern darum, Hingucker mit Popeye-Niveau zu produzieren. Nicht wahr, lieber Deutschlandfunk! So sieht also eure Relevanz aus. Ihr lasst euch eure schöne Geschichte doch nicht durch Seriosität kaputtmachen. Und die FH-Studie ist nicht die Spur besser. Vor allem ist sie eine alter Hut. Seit Ecdysteron in jeder Muckibude angeboten wird, gibt es rein gar nichts mehr in Sache Doping aufzudecken.

    Mein Fazit: Ein Sommerlochthema, dass uns von ernsten politischen Themen ablenken soll.

  4. Der Deutschlandfunk hats in seiner gestrigen Sendung (26.06.2019, s. https://www.deutschlandfunk.de/erforscht-entdeckt-entwickelt-meldungen-aus-der-wissenschaft.676.de.html?dram:article_id=452342) m.E. bereits auch besser gemacht.

    Zitat: „Ein Wirkstoff aus Spinat wirkt als Doping-Mittel
    Ecdysteron – so heißt eine im Spinat enthaltene Verbindung, der schon länger unter Sportlern eine leistungsfördernde Wirkung nachgesagt wird. Eine internationale Untersuchung im Auftrag der Weltdoping-Agentur WADA hat das jetzt bestätigt. Im Rahmen einer sogenannten Doppelblind-Studie wurden 46 Sportlern während einer zehnwöchigen Krafttrainingsphase entweder ein Spinatextrakt mit Ecdysteron oder eine Placebo-Substanz in Kapselform verabreicht. Die Teilnehmer wussten nicht, welcher Gruppe sie angehören. Nach Abschluss der Studie lag der Kraftzuwachs bei den Probanden, die Spinatextrakt erhalten hatten, drei Mal so hoch wie bei den Teilnehmern in der Placebo-Gruppe. Die Forscher schlugen der WADA deshalb vor, Ecdysteron in die Liste verbotener Substanzen aufzunehmen. Ihre Studie ist im Fachjournal Archives of Toxicology erschienen.“ (Zitat Ende).

    Sind also nicht alle so schlimm und rutschen nur einfach so mal über die zum Clickbait anregende Studie hinweg.

  5. Hundshop #7
    „Mein Fazit: Ein Sommerlochthema, dass uns von ernsten politischen Themen ablenken soll.“

    Das nachrichtliche Sommerloch zeichnet sich ja gerade dadurch aus das die Regierungsgeschäfte ruhen und die meisten Volksvertreter eine Auszeit nehmen. In der Zeit gibt es keine aktuell politischen Themen zu unterschlagen.

    Hü oder Hott – sie sollten sich schon entscheiden.

  6. @ Klaus Trophobie

    Soso, wenn also die Politiker in Urlaub sind, gibt’s keine wichtigen politischen Themen über die man mal berichten könnte?
    Das heißt, Mieten, Armut, Rechtsextremismus, Bildung… alles erledigt?
    Super. Dann schönen Urlaub noch!

  7. @10: Berichten Sie – Das verbietet Ihnen niemand!
    Ändert aber nichts daran, dass das Sommerloch so heißt, weil die Politk Urlaub macht. :D

  8. @ 12: Ja, schon. Aber: „In der Zeit gibt es keine aktuell politischen Themen zu unterschlagen.“ stimmt nicht. Denn ein (gesellschafts-)politisches Thema wird nicht dadurch „unaktuell“, weil die politischen Akteure gerade in Urlaub sind…
    Es ist ja nichts dagegen zu sagen, dass man im Sommerloch auch mal über Sachen berichtet, die keinen nennenswerten Informationswert haben.
    Wäre aber schön, wenn darüber nicht auch noch die journalistische Sorgfalt zusammen mit dem Politikbetrieb in Urlaub fahren würde, auch wenn man dann feststellen müsste, dass das Thema keine Zeile wert ist.
    Und dann könnte man die viele übrige Zeit ja auch mal für eine gründliche Recherche zu Themen mit gesellschaftlicher Relevanz nutzen .

  9. @13:
    „Denn ein (gesellschafts-)politisches Thema wird nicht dadurch „unaktuell“, weil die politischen Akteure gerade in Urlaub sind…“
    Ja. Ich hab leider „aktuell“ geschrieben wo „tagesaktuell“ treffender gewesen wäre.

    „Es ist ja nichts dagegen zu sagen, dass man im Sommerloch auch mal über Sachen berichtet, die keinen nennenswerten Informationswert haben.“
    Die Argumentation macht mir Zahnschmerzen. Mit dem vorangegangenen Fokus auf politische Themen könnte man nämlich für den Rest des Jahres den gesamten Feuilleton in die Tonne kloppen. Und den Sportteil gleich mit…

    Aber es gibt dieses Interesse an informationsarmen Beiträgen. Das ganz Jahr. Sei es nun das Kreuzworträtsel, die Witzeseite oder die (politische) Karikatur.

    „Wäre aber schön, wenn darüber nicht auch noch die journalistische Sorgfalt zusammen mit dem Politikbetrieb in Urlaub fahren würde,“
    Gerade als Übermedien-Leser sehe ich da keine zwingenden Zusammenhang.

    Auch wenn ich die Bezeichnung „Sommerlochthema“ ganz passend finde sehe ich solchen Mist nicht exklusiv in der Urlaubszeit.
    Und schon gar nicht als Ablenkung von wichtigem, sondern ganz ohne Aluhut als das was es ist: schlechtes Handwerk.

  10. Verona Pooth ehemals Feldbusch als „heim“-tückischen Propagandistin einer zutiefst verabscheuungswürdigungsten Ernährungsweise…
    Ich habe Spinat nie richtig geniessen können…
    allein dieses zwischen den Zähnen hängende Grünzeugs….
    Heimlich die Deutschen fit zumachen!
    Pfui Deibel!!
    Ich will saubere Gemüse!!!
    Vegetarier und Veganer,ihr seid jetzt suspekter als ohnehin schon…ich sag dem Verfassungsschutz und Foodwatch und Johann Lafer Bescheid…
    Anzeige ist raus….
    (Ist das Hate-Speech?! Ich habe es versucht.Ich finde es immer noch zunett ge-rant-et oder gegrantelt.)

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