Merkel dementiert Kaffeesatz

Am Donnerstag um 14:13 Uhr lässt die Deutsche Presse-Agentur die Redaktionen mit einer „Eil“-Meldung hochschrecken – das ist die zweithöchste Dringlichkeitsstufe, die sie einer Nachricht geben kann.

Ihr Inhalt lautet:

Merkel schließt Wechsel nach Brüssel aus

Berlin (dpa) – Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hat einen Wechsel auf einen wichtigen EU-Posten nach ihrer Kanzlerschaft ausgeschlossen. Es gelte weiter, „dass ich für kein weiteres politisches Amt, egal wo es
ist, auch nicht in Europa, zur Verfügung stehe“, sagte Merkel am Donnerstag nach einem Gespräch mit dem niederländischen Ministerpräsidenten Mark Rutte in Berlin.

Die Formulierung „es gelte weiter“ ist ein kleiner Hinweis darauf, dass diese vermeintlich dringende Nachricht keine Neuigkeit ist. Merkel hat immer wieder ausgeschlossen, dass sie nach Brüssel oder in ein anderes internationales Amt wechselt, zuletzt am Montag bei einem Bürgerdialog in Wuppertal. Schon im Oktober 2018 hatte sie formuliert:

„Bei der der Bundestagswahl 2021 werde ich nicht wieder als Kanzlerin der Union antreten und auch nicht mehr für den Deutschen Bundestag kandidieren. Und, das will ich nur zu Protokoll geben, auch keine weiteren politischen Ämter antreten.“

Warum bringt dpa aufgeregt eine Eilmeldung, wenn die Kanzlerin noch einmal sagt, was sie immer schon gesagt hat? Weil sie vorher aufgeregt über das Gegenteil spekuliert hat.

Auslöser ist ein langes Interview, das die Bundeskanzlerin der „Süddeutschen Zeitung“ anlässlich der Wahl des Europaparlaments gegeben hat. Es beginnt so:

SZ: Frau Bundeskanzlerin, steht Europa vor einer Schicksalswahl?

Angela Merkel: Es ist jedenfalls eine Wahl von großer Bedeutung, eine besondere Wahl. Viele machen sich Sorgen um Europa, auch ich. Daraus entsteht bei mir ein noch einmal gesteigertes Gefühl der Verantwortung, mich gemeinsam mit anderen um das Schicksal dieses Europas zu kümmern.

Als Laie würde man diesem Satz kein besonderes Gewicht beimessen, aber glaubt man dem dpa-Kanzlerkorrespondenten (sic!) und einigen anderen Hauptstadtjournalisten, ist er ein Hammer: Merkel könnte damit verklausuliert angedeutet haben, dass sie nach Brüssel gehen will, zum Beispiel als EU-Ratspräsidentin.

Man muss, um zu diesem Schluss zu kommen, nicht nur viel in diese Wörter Merkels hineinlesen; man muss andere auch ignorieren. Später sagt sie im selben Interview nämlich noch:

Meine Entscheidung, den Parteivorsitz abzugeben, steht in untrennbarem Zusammenhang mit meiner Entscheidung, nach 2021 nicht mehr in der Politik zu sein.

Unbeirrt davon meldet dpa schon am Mittwochabend, dass Merkel „mit ihren Interview-Äußerungen Spekulationen über einen möglichen Wechsel nach Europa im Falle einer vorgezogenen Neuwahl in Deutschland Schwung gegen dürfte“. Nachdem die Agentur damit den Spekulationen Schwung gegeben hat, kann sie schon eine gute Stunde später Vollzug melden:

Merkel-Äußerungen heizen Spekulationen über Wechsel nach Brüssel an

Berlin (dpa) – Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hat mit Äußerungen über ihr gestiegenes Verantwortungsgefühl für Europa Spekulationen über einen Wechsel auf einen wichtigen EU-Posten angeheizt.

Dass Merkel gleichzeitig von ihrem Ausscheiden aus der Politik 2021 gesprochen hatte, erwähnt dpa ebensowenig wie frühere entsprechende Äußerungen. Stattdessen führt dpa-Redakteur Jörg Blank als Indiz ein, dass EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker „kürzlich erst klar gemacht“ hätte, „dass er es für denkbar hält, dass Merkel nach ihrer Zeit als Kanzlerin eine Rolle auf europäischer Ebene übernimmt.“

Mit der Reichweite und Bedeutung von dpa findet die gewagte Interview-Interpretation größte Verbreitung. Aber nicht jeder lässt sich anstecken. Die Agentur-Konkurrenz von Reuters spricht am Donnerstagvormittag in einem längeren Hintergrund-Stück von „wilden Spekulationen über Merkels Zukunft“:

Derzeit beliebteste Variante ist ein vorzeitiger Übergang der Kanzlerschaft zu Kramp-Karrenbauer und ein Wechsel Merkels nach Brüssel. Doch am Donnerstag wurde die Interpretation, dass Merkel in der „Süddeutschen Zeitung“ Interesse an einem europäischen Posten angemeldet haben könnte, energisch dementiert. (…)

Viele ihrer Mitarbeiter beteuern, [Merkel] mache auch im kleinen Kreis immer wieder klar, dass sie nach Ende der Kanzlerschaft kein weiteres politisches Amt anstrebe.

Am Mittag wiederholt Merkel dann, dass sie einen Wechsel nach Brüssel ausschließt; dpa und AFP bringen entsprechende Eilmeldungen, und um 14:30 Uhr veröffentlicht dpa eine Zusammenfassung, in der die Agentur diese Klarstellung mit der Behauptung verbindet, die Kanzlerin habe „die Gerüchte selbst angeheizt“.

Jetzt plötzlich fällt dpa auch wieder ein, dass Merkel schon im Oktober 2018 angekündigt hatte, „sich nach dem Ende der Legislaturperiode 2021 ganz aus der Politik zurückzuziehen“ und das auch damals schon „ausdrücklich auf Gerüchte bezog, sie könnte in Brüssel ein Amt anpeilen“. Die Agentur fügt hinzu: „Dennoch gab es immer wieder Spekulationen über einen Wechsel.“

Von wem diese Spekulationen in die Welt gesetzt wurden – außer natürlich von dpa – schreibt dpa nicht.

Zwei Stunden später, noch ein langer dpa-Bericht: Mit „ungewöhnlich emotionalen Worten“ habe sich die Kanzlerin „zu ihrem Verantwortungsgefühl für Europa bekannt“, heißt es darin, „und indirekt Spekulationen über ihre Zukunft befeuert. Diese dürften nun vorerst beendet sein.“

Als ob.

dpa behauptet in rätselhafter Passivkonstruktion, Merkels schnöde Interview-Formulierung „lässt schon aufhorchen“:

Ob Merkel ihre Zukunftsplanungen doch noch einmal ändern könnte, fragen sich auch manche erfahrene Parteifreunde. Wer sich in Berlin und Brüssel umhört, bekommt auch die Deutung geliefert, dies klinge ja fast wie eine Bewerbung für einen der wichtigen Posten, die nach der Europawahl am 26. Mai in der EU neu zu vergeben sind.

Im Text heißt es dann, dass die Spekulationen trotz des Dementis „wohl immer noch nicht ganz gestorben sind“ – was vermutlich daran liegt, dass die Agentur selbst sofort lebenserhaltende Maßnahmen eingeleitet hat. Entsprechend endet das Stück mit einer Spekulation, unter welchen Bedingungen, je nachdem, wie die Wahl ausgeht, je nachdem, wie das Machtgerangel danach ausgeht, je nachdem, wie eine Krisensitzung danach verläuft, Merkel doch wieder ins Spiel kommen könnte.

Von „einem halben Tag Schnappatmung in der deutschen Hauptstadt“ sprechen die „Badischen Neuesten Nachrichten“ am nächsten Tag; die „Badische Zeitung“ schreibt, es seien „nur die Lesemuffel“ gewesen, „die Falschmeldungen produzierten“, und die „Neue Zürcher Zeitung“ nennt es eine „Aufregung ohne ernsthafte Grundlage“.

Doch für viele Medien ist die Geschichte kein Anlass, sich oder die Berichterstattung in Frage zu stellen. In Frage gestellt wird: Merkel.

Die „Rhein-Neckar-Zeitung“ behauptet in ihrem Kommentar (der auch wieder von dpa verbreitet wird), Merkel habe „mit dem Interview, in dem sie ihre aufflammende Begeisterung für Europa platzierte, lediglich einen Testballon steigen lassen: Wollt Ihr mich noch? Das Echo war nicht schlecht.“

Der Berliner „Tagesspiegel“ schreibt: „Kanzlerin Merkel beendet die Debatte über einen Wechsel nach Brüssel, die sie selbst ausgelöst hat.“ Das „Hamburger Abendblatt“ titelt: „Eine unvorsichtige Kanzlerin“ und behauptet:

Wer weiß, wie sorgsam Merkel persönlich und ihre in 15 Jahren gestählte Medienmannschaft jedes publizierte Wort abwägen, konnte und musste das als eine Art Bewerbungsschreiben in Richtung Brüssel deuten.

Um die Dramatik der ganzen angeblich selbstverschuldeten Aufregung zu illustrieren, fügt das Blatt hinzu:

Merkel muss eine Merkel-Äußerung klarstellen. Das kam in den vergangenen 14 Jahren ihrer Kanzlerschaft nicht sehr oft vor.


Es scheint die Frage zu sein, die deutsche Hauptstadtjournalisten mehr umtreibt als alle anderen: Wann tritt Angela Merkel endlich zurück – und was macht sie dann? Die Vorstellung, dass Merkel möglicherweise wirklich bis zum Ende der Legislaturperiode im Amt bleibt und danach möglicherwiese wirklich aus der Politik ausscheidet, erscheint ihnen komplett aberwitzig – kein Wunder, denn sie schreiben ja ungefähr jeden Tag, dass das gar nicht in Frage kommt. Eine Angela Merkel, die nicht vorzeitig zurücktritt, ist nicht nur wegen der damit verbundenen Langeweile eine Zumutung für sie, sondern auch, weil sie ihre Prognosen Lügen straft.

Komischerweise scheidet man als Journalist durch keine noch so große Blamage aus diesem Spiel aus. „Stern“-Politik-Insider Hans-Ulrich Jörges, der schon 2013 bekannt gegeben hatte, dass Merkel 2016 zurücktreten werde („Glauben Sie keinem Dementi“), fragt in dieser Woche wieder einmal: „Wann geht die Kanzlerin mit den 14 Jahresringen?“ (Die Antwort, falls sie jemanden interessiert: „Es müsste rasch sein, bis zum Herbst, besser noch vor der Sommerpause, soll AKK ihre Autorität nicht vollends verlieren. Und am Ende womöglich auch noch den Parteivorsitz. So jedenfalls kann es nicht weitergehen.“)

Besonders verräterrisch war ein Text, den Martin Knobbe, der Leiter des Hauptstadtbüros des „Spiegels“, vor knapp zwei Wochen formulierte:

Wenn heute Morgen in der Hauptstadt die Gremien der Parteien zu ihren obligatorischen Sitzungen zusammenkommen, dann wird weiter ein Thema über allem schweben: Wie lange ist die Kanzlerin noch Kanzlerin?

Ich würde die Frage umformulieren: Wie lange will sich die Kanzlerin noch antun, dass alle nur wissen wollen, wie lange sie noch Kanzlerin ist? Wer Angela Merkel zuletzt erlebt hat, der konnte erahnen, dass sie diese Frage zunehmend nervt.

Viel lieber redet die Kanzlerin über die Probleme der Welt (…).

Eine Kanzlerin, die lieber über die Probleme der Welt als über den Termin ihres Rücktritts redet – nur in der Welt der Hauptstadtkorrespondenten ist das etwas Besonderes oder gar Negatives.

Gleichzeitig steckt in diesen Zeilen aber auch der Glaube an die sich selbst erfüllende Wirkung von Medienberichten: Zu all den Gründen, warum die Kanzlerin zurücktreten müsste, kommt inzwischen noch der vermeintlich gewichtigste: Die Tatsache, dass die Medien unüberbrochen darüber spekulieren. Eigentlich müsste Merkel zurücktreten, allein um sich von den Medien nicht mehr fragen lassen zu müssen, wann sie endlich zurücktritt.

Das würde ihnen so passen.

Man kann verstehen, dass Merkel davon genervt ist, aber die Genervtheit von Merkel ist das geringste Problem hier. Das größere ist, dass so viele Journalisten glauben, dass die Frage nach der Zukunft von Angela Merkel die wichtigste politische Frage ist – im Fall des SZ-Interviews überlagerte dieser Aspekt bald die Berichterstattung über ihre anderen Aussagen. Und das größte Problem ist die Genervtheit des Publikums. Mag ja sein, dass jeder auf einer Klatsch-Ebene gerne mitspekuliert, wann Merkel wohl abtritt und was sie dann macht. Aber Journalisten machen sich lächerlich, wenn sie sich als Kaffesatzleser betätigen. Vor allem, wenn sie sich dabei so oft verlesen.

8 Kommentare

  1. Vor ein paar Jahre hatte der dpa-Cheffe nach irgendeinem der Agenturfehltritte eine „Qualitätsoffensive“ angekündigt. Ist nicht viel davon geblieben. Wenn sie denn jemals da war…

    (Das mit den sich selbst erfüllenden Kaffeesatzlesereien gibt’s natürlich auch woanders, z.B. im Sport-„Journalismus“ und dem herbeierfundenen „öffentlichen Druck“ des „Umfelds“. Erstmal Gerüchte und Charaktermorde in die Welt setzen, dann „Spekulationen“ erfinden wann (Trainer) denn nun gefeuert wird in krasser Verkennung öffentlicher Äusserungen von (Vereinsverantwortlichen), auf dem Thema herumreiten bis es allen nur noch zum Hals raushängt, und irgendwann so tun als hätten sie’s schon immer gewusst. Funktioniert so ähnlich auch mit Spielerwechseln, Vertragsverlängerungen, Karriereenden, etc. – und private und öffentlich-rechtliche können das in etwa gleich „gut“.)

  2. Ja, ein Politiker, der morgen noch weiß, was er gestern gesagt hat. Oder der tatsächlich mal etwas wird, was man auch ohne größeres Augenzwinkern als „konkret“ bezeichnen könnte.

    Das KANN ja was nicht stimmen. Und wenn Merkel sagt: „Es regnet!“ wird daraus: „Merkel dementiert Sonnenschein!“

  3. Irgendwie ist Hauptstadtjournalismus auch bloß Yellowpress, halt ohne „süße Geheimnisse“ und „Ärzte in großer Sorge“. Der Kollateralschaden dieser Art von Bänkelsängerei ist leider, daß das „Lügenpresse!“-Gekreische vom rechten Rand dadurch irgendwie so ganz recht eigentlich nicht durch seriösen Tatsachenjournalismus gekontert wird und die besorgten Bürger sich bestätigt sehen. Und das nicht mal zu Unrecht.

    Schluß mit dem House-of-Cards-Journalismus! Politik muß wieder langweilig werden!

  4. @ Jojo

    „Irgendwie ist Hauptstadtjournalismus auch bloß Yellowpress, halt ohne ’süße Geheimnisse‘ und ‚Ärzte in großer Sorge'“.

    Was den Jörges betrifft, auf jeden Fall. Aber der Mann macht es klüger als die Bunte und prophezeit in der einen Woche dies und in der nächsten das Gegenteil. So kann er hinterher immer auf irgendeinen Text verweisen, der beweist, dass er es vorher schon gewusst hat.

    Ernsthafte politische Journalisten (zu denen ich Jörges nicht zähle) können einem aber auch ein bisschen leidtun: In einer Zeit, in der jede Nachricht binnen Minuten von allein um die Welt reitet, haben sie ihre Position dadurch zu rechtfertigen, dass sie nicht nur berichten, was ist, sondern dass sie prognostizieren, was wird. Und die Grenze zwischen Prognose und Prophetie ist schmal.

    Unter der Topmeldung über Straches Rücktritt war bei SPON heute kurzfristig noch ein Artikel verlinkt, der es für möglich hielt, dass Strache bleibt. Der Autor hatte drei Szenarien entworfen – zwei davon waren bereits nach wenigen Stunden überholt, aber eines ist eingetreten. So geht es natürlich auch. Ich biete mich an, einen Artikel zu schreiben, der folgende Alternativen enthält:

    1. Merkel tritt bis zum Herbst zurück und geht nach Europa.
    2. Merkel tritt bis zum Jahreswechsel 20/21 zurück und macht den Weg frei für Neuwahlen.
    3. Merkel bleibt bis zum nächsten Wahltermin im Amt und geht in Rente.

    Selbst wenn keines dieser Szenarien 1:1 eintritt – im Großen und Ganzen werde ich danach recht behalten haben. Qualifiziert mich das nicht für einen Posten in der Politikredaktion des Sterns?

  5. @Nr. 4
    „…Qualifiziert mich das nicht für einen Posten in der Politikredaktion des Sterns?“
    Auf jeden Fall!

    Und was Merkel betrifft: Ist mir doch scheißegal, was die sagt oder verspricht oder dementiert. Und ihr ist es auch scheißegal.

  6. @ Blinse:

    Öhm, um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ich habe hier über Journalisten geschrieben, nicht über die Kanzlerin. Merkel zolle ich Respekt, auch wenn ich inhaltlich selten mit ihr übereinstimme.

  7. Nachtrag: Mist, das war schon wieder missverständlich. Wollte dem Berufsstand der Journalisten als Ganzem keineswegs meinen Respekt absprechen. War ja selbst mal einer. Die Kritik an bestimmten Erscheinungsformen des Journalismus ist nicht verallgemeinerbar…

  8. Das skandalfreie, emotionslose und allgemein sehr solide Auftreten von Frau Merkel muss der Alptraum für jeden Quoten- bzw. Klicksüchtigen Hauptstadt“journalisten“ sein.

    Und wo nichts ist, muss notfalls eben was generiert werden.

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