Wie Jahresrückblicke uns ans Erinnern erinnern

Elvis Presley sang einmal „I forgot to remember to forget“. Es ging dabei um Liebe, ein gebrochenes Herz und schwerblütige Gefühle, an die wir uns gegen unseren Willen erinnern müssen.

Die Zeile sagt viel darüber aus, wie unser Erinnern und Vergessen funktioniert. Weil wir gerne Dinge, an die wir uns erinnern sollten, aus kognitionspsychologischen, konstruktivistischen, gesellschaftspolitischen, nachrichtenwertlichen oder historischen Gründen vergessen (wollen), hat Erinnern eine wichtige Bedeutung in unser Kommunikations- und Medienkultur.

Die Jahresrückblicke der Sender, die Menschen / Helden / Schicksale / Emotionen / Bilder des Jahres, die Best-Ofs, die Song-, Buch- und Kino-Listen des Jahres, der einem immer wieder komplett fremd erscheinende eigene Facebook-Jahresrückblick, das (dieses Jahr katastrophal schreckliche und tatsächlich am häufigsten negativ bewertete Video in der Geschichte des Internets) Youtube-Rewind-Video – all die Formen dieses Rückschau-Genres erinnern uns ans Erinnern und kuratieren den Kanon unseres kulturellen Gedächtnisses eines vergangenen Kalenderjahres.

Bei mir verhält es sich in etwa so, dass ich bei einem Drittel der diesjährigen Ereignisse, die in Rückblicken präsentiert werden, noch im Bilde bin: die in der Höhle eingesperrten Jungs in Thailand, Chemnitz, Zschäpe, die WM, Özil.

Beim zweiten Drittel merke ich, dass ich vollkommen vergessen hatte, dass das tatsächlich in diesem Jahr passiert ist, wie zum Beispiel der Tod von Stephen Hawking oder dass Kim Jong Un und Moon Jae sich die Hand gegeben haben oder diese überirdisch schöne Eislauf-Kür von Aljona Savchenko und Bruno Massot. Außerdem würde ich generell bei irgendwie allem, was Trump sagte und machte, bei G7-Programmpunkten, bei irgendwas mit Trudeau, bei allem mit Atomknöpfen oder mit Putin nicht meine Hand dafür ins Feuer legen, ob es sich in diesem oder letzten Jahr ereignet hat. Bei Trump klebt sich ein Unfug an den nächsten, so dass ich in Bezug auf sein Œuvre das Zeitgefühl verloren habe.

Beim letzten Drittel handelt es sich um die Dinge, die ich gar nicht erst erinnern oder vergessen kann, da ich sie in meiner Nachrichten-Blase und in­for­ma­ti­o­nellen Borniertheit gar nicht mitbekommen habe, wie etwa den zweiwöchigen Schwelbrand bei Meppen, der nach einem Raketentest der Bundeswehr ein vertrocknetes Moor in Brand gesetzt hat. Und von dem Tod der vierzig Kinder in dem Bus in Yemen, es ist mir unendlich unangenehm das zuzugeben, erfuhr ich erst durch einen der Jahresrückblicke.

Jahresrückblicke führen einem nicht nur wichtige Ereignisse der vergangenen Monate, sondern auch das eigene Erinnern und Vergessen vor Augen. Durch den Rückblick erst können wir noch registrieren, dass wir etwas vergessen haben, wir erinnern uns daran, das wir uns an etwas gerade nicht erinnern. Was wichtig und hilfreich ist, denn was wir ganz vergessen, können wir nicht als Verlorenes vermissen.

Unterschiede, die Unterschiede machen

Rückblicke sind Zusammenstellungen von Geschehnissen, die es im vergangenen Jahr geschafft haben, zu Nachrichten zu werden, weil sie informationellen Wert besaßen. Sie vermitteln uns Erkenntnis über das, was einst eine neue Information war. Der Anthropologe und Philosoph Gregory Bateson, Mitbegründer der kybernetischen Systemtheorie, Lehrer von Paul Watzlawick und Lieblingsgast auf jeder soziologischen Namendroppingparty, definierte in seinem Buch „Die Ökologie des Geistes“ den Begriff der Information folgendermaßen: „Information ist ein Unterschied, der einen Unterschied macht.“

Übertragen auf die Medienlogik könnte man sagen: Jahresrückblicke sind Ansammlungen von einzelnen Unterschieden, die im Jahr 2018 einen Unterschied gemacht haben und deshalb zu Nachrichten wurden.

Doch, so könnte man fragen: Was ändert sich durch die Aktualisierung der damaligen Informationen zum Jahresende? Ist es denkbar, dass diese einzelnen Unterschiede, die einst einen Unterschied machten, in der Montage der Highlights erneut einen derartigen Unterschied machen und somit einen Mehrwert erzeugen, der über die Summe der einzelnen Nachrichten hinausgeht?

Erst im Rückblick, in der Form des journalistischen Digests, durch den die Ereignisse miteinander in Relation gesetzt werden, erschließt sich oftmals eine weitere kulturelle und gesellschaftspolitische Bedeutung.

So fiel beispielsweise erst retrospektiv ein markantes Leitmotiv politischen Handelns des Jahres 2018 auf: die Unfähigkeit, sich mit Stil von der politischen Bühne zu verabschieden. Durch die Rückschau wird sichtbar, wie unterschiedlich ungeschickt Schulz, Seehofer und Merkel in ihren erfolglosesten Momenten mit der politischen Kulturtechnik des Abschieds umgingen. Zwei von ihnen wollten gar nicht gehen, eine ging, einer musste gehen und einer nervte uns beharrlich mit einer wiederkehrenden Pose des Gehens.

Oder die Metoo-Debatte, deren Beginn sich im Oktober jährte, und in derselben Woche, in welcher der Hashtag, der auf sexuelle Übergriffe auf Frauen und Seximus aufmerksam machte, Jubiläum hatte, passierte auch Folgendes:

  • Trotz ungeklärter Missbrauchsvorwürfe wurde Brett Kavanaugh Richter am Obersten Gerichtshof.
  • Die österreichische Grünen-Politikerin Sigi Maurer musste dem Mann, der sie mutmaßlich verbal sexuell belästigt hatte, eine Geldstrafe zahlen, obwohl das Gericht davon ausging, dass er lügt.
  • Die Frauenärztin Kristina Hänel musste eine Geldstrafe zahlen, weil sie auf ihrer Seite angab, Schwangerschaftsabbrüche durchzuführen. Ein Abtreibungsgegner, ein Student aus Kleve mit dogmatischer Mission, hatte Hänel angezeigt. Der Richter empfahl ihr, die Verurteilung wie einen Ehrentitel zu tragen.
  • Es kam raus, dass Cristiano Ronaldo der Amerikanerin Kathryn Mayorga 375.000 Dollar Schweigegeld gezahlt hat, um ihr zu verbieten über eine Nacht zu sprechen, in der sie, laut ihrer Aussage, von ihm vergewaltigt worden ist.
  • Und am Ende dieser surrealen Oktoberwoche sprach Trump von einer „very scary time for young men.“

Natürlich haben diese Ereignisse nichts miteinander zu tun; sie fanden an unterschiedlichen Orten auf der Welt und zufällig in derselben Woche statt. Aber durch die Montage der Retrospektion machen sie gemeinsam vielleicht doch einen Unterschied aus, der einen Unterschied ausmacht – oder zumindest ausmachen sollte.

Menschen, Bilder, Retrospektionen

Durch die Kanonisierung der Erinnerung stellen Rückblicke eine Hierarchie der Bedeutungen her. Während die journalistische Produktion einer Nachricht das Abarbeiten an einer Wirklichkeit ist, die gerade in Echtzeit entsteht, ist die Produktion eines Rückblicks das Herausarbeiten einer Vergangenheit, die erst durch das Kuratieren des Journalisten entsteht. Bemerkenswert beim Jahresrückblick ist ja auch, dass es im Fernseh- und Printjournalismus immer auch eine Rückblick auf die eigene Arbeit ist. Die, die das ganze Jahr über ihrer Chronistenpflicht nachgehen, präsentieren durch einen Rückblick nicht nur eine Chronik der Ereignisse, sondern auch eine Chronik ihrer Arbeit als Chronisten – und ich frage mich, wie ein Jahresrückblick bei Twitter aussehen könnte. Wie könnte er sich von einem journalistischem Rückblick unterscheiden? Wie selbstreflexiv und multiperspektivisch könnte und müsste er sein? Wäre es eine Tag-Cloud, ein visualisiertes Netzwerkwolke oder ein Best-of der erfolgreichsten Tweet im deutschsprachigen Raum?

Der Rückblick funktioniert anders als die Geschichtsschreibung, also die Historiographie, er ist auf Wiedererkennbarkeit, das große „Achja, stimmt!“ und Selbstbezüglichkeit angelegt.

Man „erinnert“ sich nicht an „Geschichte“, wohl aber an die historischen Momente im einzelnen. Und wir erinnern uns meistens nicht mal unvermittelt an die historischen Momente selbst, sondern immer nur an deren mediale Präsentation, wie zum Beispiel bei der Freilassung Deniz Yücels, den Flug des Tesla-Autos im All, Alexander Gersts Bilder der trockenen Erdoberfläche, die Selbstzerstörung des Banksy-Bildes.

Wenn man nicht gerade vorm türkischen Gefängnis oder in Sothebys stand oder aber im Weltraum rumflog, wird man sich nie an die Ereignisse selbst erinnern, sondern nur an deren mediale Repräsentation und unsere Rezeptionssituation der Ereignisse. Man erinnert sich, wie man das Foto von Yücel, seiner Frau und dem Petersiliensträußchen auf der Seite Eins der Zeitung oder in einer Twitter-Timeline gesehen hat; oder daran, wie man sich das Banksyvideo auf dem Handy anschaute. Wir erinnern uns an die mediale Rezeption eines Ereignisses, ohne uns an das Ereignis selbst erinnern zu können.

Aleida und Jan Assman, an die ich mich seit diesem Tweet nur noch als Beyoncé und Jay Z erinnern werde, schrieben in ihrem Aufsatz „Das Gestern im Heute. Medien und soziales Gedächtnis“ über den Auftrag der Medien:

„Für die Hegung eines Speichergedächtnisses und die Eintreibung von Erinnerungsschulden besitzen nicht zuletzt Medien hervorragende Bedeutung. Über den gesetzlich verankerten Programmauftrag von Bildung, Information und Unterhaltung hinaus fällt ihnen damit noch ein weiteres Ressort zu: die Erinnerung.“

Interessanterweise erinnert man sich heutzutage in Zeiten sozialer Medien nicht mehr (nur) an die Ereignisse bzw. wie gerade eben festgestellt, an deren mediale Repräsentation, sondern – zumindest ich oft sehr lebhaft – an die Diskurse über sie. Man erinnert sich an Reaktionen, Gegenreaktionen, konkrete Postings, Empörungen und Erregungswellen, stellvetretend für die Erinnerung an das eigentliche Ereignis.

Rückblicke haben, nicht nur durch ihre rituellen Charakter, eine gesellschaftskittende Funktion. Der Rückblick entsteht erst durch das gemeinschaftliche Reminiszieren – auf der Gästecouch von Markus Lanz oder auf der eigenen mit den Eltern, vor dem noch letzten lebenden Fernseher. Gleichzeitig schafft der Rückblick für ein kurzen Moment aber eben auch ein schwer greifbares Kollektiv, das gemeinsam erinnert. Es bringt die innere Uhr und vielleicht die innere Unruhe aller am Ende des Jahres für einen Augenblick in einen tickenden Gleichklang, indem er die Ausdehnung der Zeit und eine Verlängerung des Gestern ermöglicht.

Der Soziologe Niklas Luhmann beschrieb in seiner „Theorie der Gesellschaft“ den Aspekt der Regulierung der Zeit:

„Damit Gesellschaft überhaupt möglich ist, darf es keinen Zeitunterschied zwischen den erlebenden Subjekten geben. Ihr aktuelles Erleben muß zeitlich synchronisiert sein, also ihrem eigenen Verständnis nach gleichzeitig ablaufen. Nicht nur die Gegenwart selbst, sondem auch ihre Zeithorizonte der Zukunft bzw. Vergangenheit müssen egalisiert und auf gleiche Distanz gebracht werden.“

Die Listen und Clipcollagen, lachen Sie nicht, geben mir irgendwie auch Hoffnung. Sie leiten das neue Jahr ein und durch ihre Reproduktion von Kultur machen sie, das mag etwas tautologisch klingen, Kultur reproduktionsfähig, da sie für eine Kontinuität sorgen, vom Gestern zum Morgen, die verhindert, dass wir jedes Jahr quasi bei Null anfangen. Würde ich nicht jedes Jahr aufs Neue vergessen, mich daran zu erinnern, würde mich jeder Rückblick schlauer machen.

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