„Freizeitwoche“ findet keine Belege für Bullock-Interviews, aber Penis-Facials

Am Freitag ist der Prozess um die Fake-Interviews der „Freizeitwoche“ in eine neue Runde gegangen. Das Blatt hatte, wie berichtet, zehn Jahre lang immer wieder erstaunlich intime „Exklusiv-Interviews“ mit Hollywoodstars veröffentlicht. Die Schauspielerin Sandra Bullock geht gegen die ihr unterstellten Interviews vor.

Nach dem ersten Verhandlungstag hatte die „Freizeitwoche“ noch einmal die Möglichkeit bekommen, Belege dafür zu liefern, dass die angeblichen „Exklusiv-Interviews“ mit Bullock tatsächlich stattgefunden haben. Doch auch am zweiten Verhandlungstag stand die Verlagsanwältin mit leeren Händen da.

So ging es in Raum B335 des Hamburger Landgerichts dann auch gar nicht mehr um die Frage, ob die Interviews echt sind, sondern darum, ob die Redaktion ihrer journalistischen Sorgfaltspflicht nachgekommen ist. Hätte sie nicht viel früher merken müssen, dass da was faul ist? Oder hat sie es womöglich sogar gemerkt, aber bewusst nichts dagegen unternommen?

Die Richtigstellung der „Freizeitwoche“ erschien im April.

Die Verlage Bauer und Klambt, vertreten durch Anwältin Verena Haisch, wiesen jede Schuld von sich. Die Redaktion habe „besten Wissens und Gewissens gehandelt“. Wenn die Interviews tatsächlich gefälscht waren, dann sei die Redaktion vom Verfasser der Interviews „hintergangen worden“. Bis zur Abmahnung durch Sandra Bullock habe die Redaktion jedenfalls keinerlei Hinweise darauf gehabt, dass da was nicht stimmt.

Doch eigentlich hätte der „Freizeitwoche“ sehr wohl etwas auffallen müssen. Immerhin spricht Bullock in den angeblichen Interviews ungewöhnlich offen über ihr Privatleben, über ihre Kinder, ihre Ehe und über das, was sie „erotisch erregt“. Spätestens da, meinten die Richter, hätte die Redaktion doch stutzig werden und mal nachhaken müssen.

Drei "Exklusiv-Interviews" mit Sandra Bullock, Überschriften: "George Clooney macht mich einfach an", "Ich bin wie ein Elefant - ich vergesse nie!" und "Ich bin von Kopf bis Fuß verliebt"

Haisch hielt dagegen: Es sei nicht so ungewöhnlich für Sandra Bullock, über solche Dinge zu reden. Ihr Beleg: „Penis Facials!“ Darüber habe die Schauspielerin in der Talkshow von Ellen DeGeneres im amerikanischen Fernsehen gesprochen. Daher habe die „Freizeitwoche“ solche intimen Aussagen von Bullock durchaus erwarten können.

Bloß: Bei diesen „Penis Facials“ ging es überhaupt nicht um Sex. Bullock hatte in der Sendung lediglich erzählt, dass ihr ein Enzym in die Haut gespritzt wurde, das aus der männlichen Vorhaut gewonnen wird. Daraus lässt sich nicht ableiten, dass es für Bullock normal sei, in den Medien über ihr Intimleben auszupacken.

Überhaupt ist diese Penis-Sache erst drei Monate alt. Die „Freizeitwoche“-Interviews aber reichen bis ins Jahr 2013 zurück. „Zu dieser Zeit gab es von meiner Mandantin solche kuriosen Aussagen gar nicht“, erklärte Bullock-Anwältin Nina Lüssmann.

Wichtiger sei außerdem die Frage, warum die Redaktion überhaupt so lange mit Jörg Bobsin, dem Verfasser der Interviews, zusammengearbeitet habe. Schon seit 2010 stand der Vorwurf im Raum, dass er Interviews fälsche. (Damals ging es um ein Interview mit Michael Douglas.) Verlags-Anwältin Haisch wiederholte daraufhin ihre Erklärung vom letzten Mal: Ein einziger Vorwurf, wenn jemand „jahrzehntelang ordentlich arbeitet“, da müsse man ja nicht sofort die Zusammenarbeit einstellen. Tatsächlich war Bobsin aber zuvor schon der Interviewfälschung beschuldigt worden.

Wusste die Zeitschrift, wie zweifelhaft die Interviews sind? Auffällig ist jedenfalls, dass die „Freizeitwoche“ keines der Bullock-Interviews auf der Titelseite anteaserte. Auch von den 300 anderen „exklusiven“ Star-Interviews, die das Blatt in den letzten zehn Jahren geführt haben will, landete so gut wie keines auf der Titelseite. Das ist schon merkwürdig: Da hat man alle zwei Wochen ein absolutes Knaller-Interview mit einem A-Liga-Promi, gibt sich aber größte Mühe, keine Aufmerksamkeit damit zu erregen und es möglichst unauffällig im Blatt zu verstecken?

Darauf angesprochen, sagte Haisch, das liege an den Adressaten der „Freizeitwoche“: „Sandra Bullock ist zwar okay, aber wichtiger ist, was der ‚Bergdoktor‘ macht.“

Das Urteil soll am 7. September verkündet werden.

7 Kommentare

  1. Sollte es beruhigen, dass diese Menschen offenbar keinerlei Unterschied machen und einfach jeden belügen, egal ob Leser oder Gerichte?

  2. Lügen… immer dieses harte Wort… Das sind alternative Fakten oder das Gegenüber ist einfach zu dämlich, die eigentlich offensichtlichen Zusammenhänge zu verstehen ;-)

  3. Es käme ja nicht gut wenn man auf jeder Titelseite eine Gegendarstellung hat, deswegen packt man die Alternative Realität lieber ins Innere ;-)

  4. Yellow Press und Journalismus – das passt halt einfach nicht zusammen.
    Banalitäten und Märchen – dafür braucht’s keine Journalisten. Da reichen Schreibkräfte völlig. Und wenn man sie beim Lügen erwischt, stellen sich die Schreibkräfte von Klambt und Bauer regelmäßig dumm. Und sehr wahrscheinlich ist das nicht mal geschauspielert.

  5. Verlags-Anwältin Haisch wiederholte daraufhin ihre Erklärung vom letzten Mal: Ein einziger Vorwurf, wenn jemand „jahrzehntelang ordentlich arbeitet“, da müsse man ja nicht sofort die Zusammenarbeit einstellen.

    Das ist eine tolle Begründung. Ich nehme an, der Verlag verfährt in arbeitsrechtlichen Fragen grundsätzlich ebenso? ;) Damit wäre dann ja auch das 40-Cent-Pfandbon-Kündigungsproblem o.ä. vom Tisch.

  6. Das war ja ein enormer Schlag in die Kniekehlen der Junkies der Regenbogenpresse.
    Die Freizeitwoche belügt ihre Leser!
    Jene Sensations- gierigen Menschen, die aus Scham nicht einmal abstreiten, diesen Verblödungs Müll überhaupt zu lesen. Da haben ja selbst die Anhänger der auflagenstärksten Zeitung des Genres, der BILD, noch mehr Resthirn. Denn die liest ja keiner! Angesichts der Fernsehformate der Privaten, wo den Konsumenten heute permanent mit Fake H4- Stories ihre eigene geistige Verfassung widergespiegelt wird, sollte man doch auch hier lieber Milde walten lassen.
    Denn diese Menschen werden ihr Manna sowieso weiter zu sich nehmen.
    Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.

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