Peter Bachér, ein Kolumnist auf der Wiederholspur

Und wie war die Weihnachtszeit für Peter Bachér, den Besinnlichkeits-Beauftragten der „Bild“-Zeitung?

Wie immer.

Erst freute er sich, dass die Welt ganz leise wurde. Dann fragte er sich, ob er nicht die noble Uhr als Geschenk hätte kaufen sollen. Schließlich griff er ziellos in den Bücherschrank, erwischte Hermann Hesse, stieß auf eine Stelle und erschrak.

Das geht ihm schon seit Jahren so. Und er schreibt es dann in seine Weihnachtskolumne in der Zeitung.


So fängt sie an:

Noch ein paar Stunden bis zur Bescherung. Alles Gehetzt sein, alles Jagen hat morgen ein Ende, die letzten unverkauften Weihnachtsbäume stehen traurig am Straßenrand, erinnern daran, dass es neben leuchtenden Kinderaugen und strahlendem Glanz auch viel Einsamkeit gibt.

(„Bild“, 2017)

Noch ein paar Stunden bis zur Bescherung. Alles Gehetztsein, alles Jagen hat ein Ende.

(„Bild“, 2016)

Noch ein paar Tage bis zur Bescherung. Alles Gehetztsein hat dann ein Ende. Die letzten unverkauften Weihnachtsbäume stehen traurig am Straßenrand, fast ein Symbol für dieses Fest im Flüchtlingsjahr 2015, bei dem es neben strahlendem Glanz auch viel Armut, Einsamkeit und Verlorenheit gibt.

(„Bild“, 2015)

Noch ein paar Tage bis zur Bescherung. Alles Gehetztsein, alles Jagen hat dann ein Ende, die Türen der Geschäfte sind endlich verschlossen, die letzten unverkauften Weihnachtsbäume stehen traurig am Straßenrand, fast ein Symbol für dieses Fest, bei dem es neben leuchtenden Kinderaugen und strahlendem Glanz auch um viel Armut, Einsamkeit und Verlorenheit geht.

(„Welt“, 2004)


Wundersam ruhig ist es nun geworden:

Auch dort, wo sich noch öffentliches Leben ab spielt, ist eine wundersame Ruhe eingekehrt. Diese Ruhe macht die Menschen milder, freundlicher.

(2017)

Auch dort, wo sich noch öffentliches Leben abspielt, auf Flughäfen und Bahnhöfen, ist endlich eine wundersame Ruhe eingekehrt. Diese Ruhe macht die Menschen milder, geduldiger, freundlicher – warum sind wir Christen nicht immer so christlich wie an diesen festlichen Tagen?

(2016)

Auch auf Flughäfen und Bahnhöfen kehrt endlich wundersame Ruhe ein, die die Menschen geduldiger und freundlicher macht. Warum sind wir Christen nicht immer so christlich wie an diesen festlichen Tagen?

(2015)

Auch dort, wo sich noch öffentliches Leben abspielt, auf Flughäfen und Bahnhöfen, ist endlich eine wundersame Ruhe eingekehrt. Diese Ruhe macht die Menschen milder, geduldiger, freundlicher – warum sind wir Christen, das frage ich mich alle Jahre wieder, nicht immer so christlich wie an diesen festlichen Tagen?

(2004)


Doch in die Stille mischen sich trübe Gedanken:

Die letzten Geschenke werden eingepackt, eine leise Angst beschleicht uns, ob sie ausreichen. Hätte man nicht doch noch die noble Uhr kaufen sollen? Aber dann tröstet der Gedanke, dass dies kein materielles Fest ist. Und hat man nicht von der „neuen Bescheidenheit“ gelesen, und tut ein bisschen Askese nicht uns allen gut?

(2017)

Wir verpacken die letzten Geschenke, eine leise Angst beschleicht uns: Hätte man nicht doch die noble Uhr kaufen sollen, damit man wirklich als der strahlende Weihnachtsmann erscheint?

(2015)

Wir verpacken hastig, kurz vor der Bescherung, die letzten Geschenke, eine leise Angst beschleicht uns, ob sie ausreichen. Hätte man nicht doch noch die noble Uhr kaufen sollen, damit man wirklich als der große, strahlende Weihnachtsmann erscheint? Aber dann tröste man sich, daß dies ja kein materielles Fest ist. Und hat man nicht in den Zeitungen so viel von der „neuen Bescheidenheit“ gelesen, und tut ein bißchen Askese nicht uns allen gut?

(2004)

Irgendwie hat er etwas Tröstliches, der Gedanke, dass auch die „neue Bescheidenheit“ offenbar nur die alte Bescheidenheit ist.


Manchmal schaltet Bachér dann das Radio ein:

Wir tasten im Radio von Sender zu Sender, irgendwo muss doch wenigstens „White Christmas“ kommen, wenn „Stille Nacht, Heilige Nacht“ noch immer nicht zu hören ist.

(2015)

Wir suchen im Radio weihnachtliche Musik, tasten von Sender zu Sender, irgendwo muß doch wenigstens „White Christmas“ mit Bing Crosby kommen, wenn „Stille Nacht, Heilige Nacht“ noch immer nicht zu hören ist.

(2004)


Zuverlässiger als das Radio ist der Bücherschrank. Da kann man sich zielsicher ziellos bedienen:

Um mich weihnachtlich einzustimmen, greife ich ziellos in den Bücherschrank. Goethe, Heine, Eichendorff. Bei Hermann Hesse stoße ich auf eine Stelle, die mich erschreckt: „Weihnachten ist ein Giftmagazin aller bürgerlichen Sentimentalitäten und Verlogenheiten“, lese ich da, „Anlass wilder Orgien für Industrie und Handel“ – geschrieben 1927. Und ich denke: Dieses Fest hat immer schon die heftigsten Attacken aushalten müssen und es hat dennoch alle Angriffe überstanden!

(2017)

Noch ein paar Stunden bis zur Bescherung. Ich greife ziellos in den Bücherschrank. Goethe, Heine, Eichendorff. Bei Hermann Hesse stoße ich auf eine Stelle, die mich erschreckt: „Weihnachten ist ein Giftmagazin aller bürgerlichen Sentimentalitäten und Verlogenheiten“, lese ich da, „Anlass wilder Orgien für Industrie und Handel“ – geschrieben 1927.

(2016)

Um mich auf das Fest einzustimmen, suche ich nun weihnachtliche Texte. Bei Hermann Hesse stoße ich auf einen Satz, der mich erschreckt: „Weihnachten ist ein Giftmagazin aller bürgerlichen Sentimentalitäten und Verlogenheiten“, lese ich da, „Anlass wilder Orgien für Industrie und Handel“ – geschrieben 1927.

Und ich denke: Dieses Fest hat immer schon die heftigsten Attacken aushalten müssen, und es hat dennoch alle Angriffe überstanden!

(2015)

Ich greife ziellos in den Bücherschrank. Goethe, Heine, Eichendorff. Bei Hermann Hesse stoße ich auf eine Stelle, die mich erschreckt: „Weihnachten ist ein Giftmagazin aller bürgerlichen Sentimentalitäten und Verlogenheiten“, lese ich da, „Anlaß wilder Orgien für Industrie und Handel“ – geschrieben 1927. Und ich denke: Dieses Fest hat immer schon die heftigsten Attacken aushalten müssen, und es hat dennoch alle Angriffe überstanden!

(2004)


Bachér blättert dann noch bei Cesare Pavese (2004, 2015, 2017) und Theodor Storm (2004, 2015, 2016, 2017). Letzterer ist übrigens ein Urgroßvater Peter Bachérs, weshalb ihn Hans Leyendecker in der „Süddeutschen Zeitung“ auch „Storm im Wasserglas“ nennt. Aber das nur am Rande.


Nachdem wir neulich schon darüber gestolpert sind, wie sehr sich Peter Bachér bei Peter Bachér bedient, haben wir bei „Bild“ nachgefragt, ob das Absicht ist. Oder ob der inzwischen 90-jährige Kolumnist vielleicht ein bisschen den Überblick verloren hat und es nicht vielleicht Aufgabe der Redaktion wäre, ihn darauf hinzuweisen.

Ein Sprecher der Zeitung antwortet uns:

Wir gestehen es unseren langjährigen Kolumnisten durchaus zu, ihre eigenen Formulierungen über die Jahre mehrfach zu verwenden, wenn sie diese für besonders gelungen halten. Wir gehen nicht sprachpolizeilich gegen solche Wiederholungen vor.

Da sind wir beruhigt, dass der Sprachwachtmeister nicht an der Schreibstube des Kolumnisten klopft. Ja, was will man auch machen, wenn ein Autor so viele besonders gelungene Formulierungen benutzt.


Und so kracht die Zeit bei Peter Bachér alle Jahre wieder in und aus den Fugen und Fragen, die Leute verwenden den falschen Festgruß, und die Glocken verkünden zuverlässig die Stille der Nacht:

Weil wir Kinder dieser aus allen Fugen krachenden Zeit so gern „Fun“ haben, wünschen wir uns „Fröhliche Weihnachten“. Aber tief in unserer Seele wissen wir, dass sich das Fest erst erfüllen wird, wenn die Glocken die Stille der Nacht verkünden. Dann werden wir den Ton hören. Und dann, ja dann werden wir hoffentlich die Melodie verstehen.

(2017)

Weil wir Kinder dieser in allen Fugen krachenden Zeit so gerne „fun“ haben, wünschen wir uns „fröhliche Weihnachten“. Aber tief in unserer Seele wissen wir, dass sich das Fest erst erfüllen wird, wenn die Glocken die Stille der Nacht verkünden. Dann werden wir den Ton hören. Und dann, ja dann, werden wir hoffentlich die Melodie verstehen…

(2016)

Denn tief in unserer Seele wissen wir, dass sich das Fest erst erfüllen wird, wenn die Glocken die Stille der Nacht verkünden.

Dann werden wir den Ton hören. Und dann, ja dann, werden wir hoffentlich die Melodie verstehen.

(2015)

Weil wir, Kinder dieser in allen Fragen krachenden Zeit, so gern „Fun“ haben, wünschen wir uns „Fröhliche Weihnachten“. Aber tief in unserer Seele wissen wir, daß sich das Fest erst erfüllen wird, wenn die Glocken die Stille der Nacht verkünden. Dann werden wir den Ton hören. Und dann, ja dann, werden wir hoffentlich die Melodie verstehen.

(2004)

Ja dann! (Hoffentlich.)

8 Kommentare

  1. eine typisch dummdreiste BILD-Antwort – wie es nicht anders zu erwarten war. Ausweichend und am Thema vorbei.

    Der Begriff „Sprachpolizei“ bezieht sich eigentlich auf die Sprache selbst, um bestimmte Sprachnormen durchzusetzen, also Muster, die den Sprachgebrauch verbindlich ordnen.
    Den Begriff im Zusammenhang mit den senilitätsbedingten ständigen Wiederholung von Texten des Kolumnisten zu gebrauchen, zeugt also von einem grundlegenden Unverständnis, einer grundlegenden Inkompetenz der Verantwortlichen bei BILD bezüglich der deutschen Sprache und ihres Gebrauches. Nicht zuletzt kommt dies ja auch immer wieder in den recht eigenwilligen und an Fakten vorbeigehenden Wortschöpfungen der Schreibkräfte bei BILD zum Ausdruck. Da sei nur an solch beeindruckend kreative Verschwurbelungen wie „Abschiebe-Mädchen“, „Bein-ab-Professor“, „Döner-Killer“, „Gyros-Bomber“ oder „Zombie-Killer“ erinnert.

    Interessant wäre noch die Frage gewesen, ob der Herr Bachèr für seine Wiederholungen auch noch wiederholt entlohnt wird.

  2. Kann es sein, dass die Bild-Redaktion die Kolumne sowieso jedes Jahr eigenhändig selbst zusammenschnipselt? Wäre doch im Sinne der Effizienz dann eh das Beste.

  3. #1: „Der Begriff „Sprachpolizei“ bezieht sich eigentlich auf die Sprache selbst, um bestimmte Sprachnormen durchzusetzen, also Muster, die den Sprachgebrauch verbindlich ordnen.“

    Nicht beim Organ der Niedertracht, da dient der Begriff – verstärkt durch das beliebte ’selbsternannt‘ der geistig Bedürftigen – der Diffamierung von Kritik an Geschriebenem oder Gesagtem:

    „Die Sprachpolizei ist in Deutschland unterwegs. Diese selbst ernannte Sprachpolizei bestimmt, was ausgesprochen werden darf und wie und was nicht. Sie legt die Tabuthemen fest. Die Sprachpolizei versucht, eine Diskussion abzuwürgen, bevor diese überhaupt entsteht.“

    http://www.bild.de/news/standards/kommentar-11485722.bild.html

    Dass das Organ der Niedertracht sich so selbst darum bemüht, Kritik abzuwürgen, Tabuthemen festzulegen und zu bestimmen, was ausgesprochen werden darf und wie und was nicht, weiss man vermutlich in den Schreibstuben der Niedertracht, aber der Zweck heiligt dort ja bekanntlich schon seit jeher die Mittel.

  4. Rein fiktives Szenario, angelehnt an #2. Seitenbastler A:“Peter Bachers Kolumne ist noch nicht da. Was soll ich machen?“ Desk-Entscheider B:“Schreib mal den Text vom letzten Jahr um, aber nixht zu doll, der Bacher hat immer so gelungene Formulierungen.“ Wie gesagt, reine Fiktion

  5. Ganz blöd gefragt: Können wir eigentlich sicher sein, dass Peter Bacher nach lebt? Das Gegenteil würde ja vielleicht die gedankliche und sprachliche Uniformität der Kolumnen über die Jahre hinweg zum Teil erklären…

  6. Ich vermute er ist es nicht. Springer betreibt da sciher seit einigen Jahren Robo-Journalismus.
    Und bei den Ausfällen von FJWagner sehe ich auch eher einen Bot am Werk. Wie beim Reichelt Twitter-Account.

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