Das Gesicht der „Neuen Welt“ ist ein Phantom

Peter Voss ist kein gewöhnlicher Kolumnist, Peter Voss ist eine Institution.

Seit über einem halben Jahrhundert schreibt er jede Woche in der „Neuen Welt“ über alles, was ihn gerade so bewegt: über Eifersucht, Krankheiten und Kartoffelsalat, über seine Familie, seine Haustiere, seine Sünden und Träume.

Früher noch sehr aufgeregt – wie etwa hier, in den Siebzigern:

Das Fernsehen wird immer schlechter – aber wir müssen immer mehr bezahlen. ARD und ZDF sind mal wieder im Gebührenrausch: Künftig 12 Mark! (…) Wir Zuschauer sollen für den „kalten Kaffee“ blechen, den uns die Fernsehleute seit Monaten mit boshafter Sturheit vorsetzen und auch nicht ändern wollen. Mit zwei Worten gesagt: eine Frechheit! Ich meine: Wer vom Zuschauer mehr Geld will, muß auch besseres Fernsehen für dieses Geld bieten!

Inzwischen schreibt er deutlich ruhiger, weniger politisch, aber immer noch: offen, persönlich und mitten aus dem Leben — seinem Leben.

Oft erzählt er von seiner „wunderbaren Mama Elisabeth“, von seiner Enkelin Anna-Lena („die Zweijährige ist einfach unser Sonnenschein“) oder seiner Nachbarin Frau Fischer, von seinen Großeltern und seiner Kindheit in Bayern, am allerliebsten aber von Katharina, seiner geliebten Frau, mit der er seit 34 Jahren verheiratet ist.

Manchmal ist er zwar ein bisschen faul und formuliert einfach einen seiner alten Texte um …

… aber das kann man ihm nach über 50 fleißigen Jahren ja nun wirklich nicht verübeln.

Im Laufe der Jahrzehnte hat sich – vermutlich vom vielen Schreiben – sogar seine Unterschrift ganz verändert:

Unterschrift 1973 und 2017

Und hin und wieder scheint er sich seiner bewegten Biografie selbst nicht ganz sicher zu sein. Vor ein paar Monaten schrieb er zum Beispiel, dass er es schade finde, Einzelkind zu sein, und wenige Wochen später erzählte er vom Besuch seines Bruders.

Wie dem auch sei: Peter Voss ist nicht nur der dienstälteste Autor der Funke-Zeitschrift – er ist auch das Gesicht der „Neuen Welt“.

Lange Zeit dachten wir sogar, dass er der Chefredakteur sei: Er ist derjenige, der die Leser in jeder Ausgabe begrüßt, er ist der einzige Mitarbeiter, dessen Foto im Heft erscheint, und er ist es, der seinen Kopf hinhalten muss, wenn die „Neue Welt“ mal wieder, äh, falsch informiert wurde:

Umso merkwürdiger, dass Peter Voss weder im Impressum der „Neuen Welt“ noch auf der Internetseite des Verlags auftaucht. Er hat auch kein Facebookprofil und keinen Twitteraccount, er schreibt für kein anderes Medium und tritt auch sonst nirgends in Erscheinung.

Auch bei Google findet man nichts über Peter Voss von der „Neuen Welt“ – fast nichts. Nur einen einzigen Artikel, aus dem „Spiegel“, erschienen vor 46 Jahren, in dem es um Jürgen Köpcke ging, den damaligen Chefredakteur der „Neuen Welt“:

Köpcke war schon in den sechziger Jahren bei seinen Lesern als „der mutigste Leitartikler Deutschlands“ berühmt. Er publizierte damals als „Peter Voss“ seine Meinung in der „Neuen Welt am Sonnabend“, einem Blatt der „WAZ“ -Gruppe (…). So kämpfte er — immer „Im Namen des anständigen Volkes!“ — für Vögel, Pudel, Todesstrafe und gegen Bankräuber, Rocker und Studenten.

Moment. Wenn Peter Voss damals Jürgen Köpcke war – wer ist er dann heute?

Die Funke Mediengruppe hielt sich dazu stets bedeckt, wollte sich auf entsprechende Nachfragen nie zu ihrem mysteriösen Kolumnisten äußern. Weil uns der Spuk aber keine Ruhe ließ, haben wir kürzlich noch einmal beim Verlag nachgefragt und diesmal tatsächlich eine Antwort bekommen. Funke-Sprecher Tobias Korenke schreibt:

Eine Kolumne ist, wie Sie wissen, ein wichtiger Bestandteil einer Zeitschrift, die für den Leser einen hohen Wiedererkennungswert hat. Seit vielen Jahren nun ist Peter Voss das Gesicht und offiziell der Autor der Kolumne. Dies ist aber ein Pseudonym. Dass Journalisten mit einem Pseudonym arbeiten, ist nichts Ungewöhnliches.

Wer die Kolumne in Wirklichkeit schreibt und wer der Mann auf dem Foto ist, will der Funke-Sprecher aber nicht verraten. Nur soviel:

Peter Voss ist heute ein fester Bestandteil des Heftes, an den Leserinnen und Leser sich gewöhnt haben. Anfangs war ein anderes Foto von ihm im Heft und er schrieb sehr politisch. Doch seit Jahrzehnten kennen ihn die Leser mit diesem Gesicht und sie lieben seine „Heile-Welt-Ansicht“ und „Mutmachsprüche“.

Auch wenn ihm selbst manchmal ein bisschen der Mut fehlt. Vor ein paar Jahren schrieb Peter Voss zum Beispiel, dass er, seit seine Kinder aus dem Haus seien, „vor allem am Wochenende Probleme“ habe, seine „freie Zeit auszufüllen“.

Manchmal bekomme ich direkt Angst vor der Rente.

Da können wir Sie beruhigen, lieber Peter Voss. Die „Neue Welt“ wird Sie bestimmt nie in Rente schicken.

7 Kommentare

  1. Das ist wunderschön. Ein Lesegefühl wie damals, als ich das erste Mal die in einem Wartezimmer ausgelegte »Tempo« verschlang.

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