Quatsch-Vorhersagen für alle! So machen Sie selbst schlecht Wetter

Liebe Journalisten, ich verrate Ihnen ein Geheimnis. Neinnein, nicht das, was ich Ihnen schon seit Jahren vergeblich nahezubringen versuche: dass es Schwachsinn ist, irgendwelche Jahreszeiten-Wettervorhersagen zu veröffentlichen. Sie wissen, dass es Schwachsinn ist, aber Sie machen es trotzdem. Es adelt Sie, sich gegen das Faktische zu stemmen und einfach Stuss zu schreiben. Weil Sie es können.

Es geht um mehr. Bisher brauchten Sie immer noch einen (es gibt auch nicht viel mehr als den einen) Scharlatan aus unserer Branche, der darauf wartet, von Ihrer Anfrage, wie denn wohl der Winter würde, beschält zu werden. Sie müssen bisher zu jenem Behufe eine Email schreiben oder horribile dictu ein Telefon in die Hand nehmen. Sicher, Sie werden nie enttäuscht. Wann immer Sie in diesem Herbst gefragt haben, bekamen Sie eine Antwort. So am 13. Oktober:

Screenshot: Bild.de

Nein, die Geschichte hat nicht nur „Bild“ gemacht, viele andere haben nachgezogen. Bild ist das Leitmedium in Deutschland. Man sieht es an jeder Wettergeschichte.

Dass „Bild“ lügt, wissen wir. Die Oberzeile ist gelogen (es ist nur immer ein, derselbe Meteorologe, der irgendwas prophezeit), und die Aussage an sich sowieso, da niemand weiß, wie der Winter wird. Und gleich, gleich verrate ich Ihnen das Geheimnis. Aber erst noch das. Knapp einen Monat später war alles anders:

Screenshot: Bild.de

Holla, die Waldfee! Alles anders! Und das Wunderbare: auch wieder Schwachsinn. Denn die Wahrscheinlichkeit all dieser Aussagen ist nahe 50 Prozent – das heißt, Sie können das zuhause auch alles auswürfeln.

Für die Medien war dieser Salto rückwärts ein irritierender Moment. Da sie nie verstanden haben und verstehen wollten, wie solche Berechnungen zustandekommen, erfanden sie kurz, dass sich die US-Meteorologen „geirrt“ hätten. Ausgerechnet das deutsche Outlet des früher seriösen „Weather channel“ passte sich dem unseriösen „Focus Online“-Umfeld an und fantasierte:

Niemand hat sich geirrt. Das Klimamodell, das den experimentellen Jahreszeiten-Berechnungen zugrunde liegt, wird einfach nur alle sechs Stunden neu gerechnet. Es sind also weniger Meteorologen, sondern Klimatologen, die den Algorithmus für die Jahreszeiten-Vorhersagen festgelegt haben. Die Berechnung an sich ist ein völlig automatischer Vorgang; die Prognose irgendwelchen Menschen in die Schuhe schieben zu wollen, die mit Ärmelschonern darüber brüten, wie denn nun der Winter würde, ist völlig abseitig.

Da war der „Bild“-„Wetterexperte“, dem wir all diese Gaga-Geschichten zu verdanken haben, früher ein bisschen ehrlicher. Er täuschte die Medien damals zwar insofern erfolgreich, als er behauptete, dass die amerikanischen Klima-Prognosen aus dem Großrechner aus dem eigenen Hause kämen, aber schob die Vorhersage wenigstens nicht unmittelbar Menschen in die Schuhe. Gleichsam als Test, ob man deutschen Journalisten jeden Blödsinn aufbinden kann, behauptete er damals, dass er oder seine Wetterinär-Firma eine „Prognostica magna“ hätten und die das könnte, was nur die größten Wetterdienste der Welt als Experiment tun: eine Vorhersage über mehrere Monate.

Glauben Sie nicht? Oh doch!

Screenshot: tz.de

Sie sehen, das Postfaktische gibt es schon länger in den deutschen Medien, vor allem dann, wenn es um Naturwissenschaften geht. Man kann einfach so behaupten, dass man was hat oder kann, und alle drucken’s ab – Faktencheck? Null. Obwohl es der Vorhersage nicht an einer gewissen Gerissenheit gebricht.

Gab es in den letzten Jahren jemals einen Sommer ohne einmal Hitze nahe 40 Grad? Nein.

Gab es jemals einen Sommer ohne schwere Unwetter? Nein.

Gab es jemals einen Sommer ohne kalte Phasen? Nein.

Hier müsste schon das Ende einer solchen Geschichte kommen – es reichte die Recherchekraft eines abgetauten Kühlschranks, um auch bei jeder „Achterbahn-Wetter“-Geschichte kurz innezuhalten und zu bemerken: Es ist bei uns normal, dass sich das Wetter andauernd ändert. Wir sind nicht in der Wüste oder im Regenwald. Es gibt in jeder Jahreszeit in jedem Jahr „Achterbahn-Wetter“.

Die „Prognostica Magna“, die es nie gab, ist inzwischen übrigens verschrottet worden. Grund dafür ist, dass praktisch immer das Gegenteil dessen passierte, was der formidable „Wetterexperte“ den wissbegierigen Journalisten in die Tastatur diktierte. Es war schlimm, Häme und Spott folgten. Zeit, es denen in die Schuhe zu schieben, denen man in Deutschland zumindest ganz links und rechts alles easy in die Schuhe schieben kann: den Amis.

Die machen diese Vorhersage auf experimenteller Basis, einfach so, weil es gute amerikanische Tradition ist, dass man offenlegt, was man so forscht. Womit die Kolleginnen und Kollegen anscheinend nicht gerechnet haben: dass es deutsche Medien gibt, die so etwas nachdrucken, ohne sich schlau zu machen, wie das Ganze funktioniert. Weil die Klimaforscher schon mit ein paar Deppen gerechnet haben, halten Sie es wenigstens so, dass nicht die alle sechs Stunden neu berechneten Vorhersagen veröffentlicht werden (dann könnte man viermal täglich von Schmuddel- zu Sibrien-Winter wechseln), sondern immer das Mittel der Vorhersagen für die vergangenen zehn Tage.

Und nun bitte ich um Trommelwirbel. Hier kommt das Re-Empowerment für den deutschen Wetter-Journalismus, der bisher auf die Schmuddel- und Sibirien-Dealer der Scharlatan-Gang angewiesen war – annuntio vobis gaudium magnum: Schmuddeln Sie selbst! Sie können alles selbst laufend nachgucken!!!!1elf!11!!

Also: Für die aktuelle Wintervorhersage aus den Berechnungen der letzten zehn Tage, benutzen Sie bitte diesen Link:

http://www.cpc.ncep.noaa.gov/products/CFSv2/htmls/ euT2me3Mon.html

Sie sehen oben, welcher Zehntages-Zeitraum für die Berechnung zuständig ist. Und sehen Sie das auch? SIE KÖNNTEN SCHON EINE FRÜHLINGSVORHERSAGE MACHEN! Das geht bis Mai, ist das nicht supi? Und jetzt wissen Sie auch, wie solche Veränderungen in der Berechnung zustandekommen (oder wie es deutsche Journalisten nennen: warum sich „US-Meteorologen geirrt“ haben). Das verändert sich nämlich andauernd! Hier können Sie immer nachgucken, wie die Vorhersage aus den zehn Tagen davor war. Und so sah das Ganze nochmal zehn Tage davor aus.

Und da sehen Sie auch, das war die Basis für die warme Schmuddelwinter-Vorhersage: viel Rot und Braun in jeden Wintermonat, also deutlich wärmer als im Schnitt.

Und bei der neusten Vorhersage, da ist doch immer noch viel Rot im Januar und Februar, warum soll’s denn kalt werden?

Ach, das ist doch keine Geschichte, weniger warm! Das klickt niemand! Sehen Sie nicht weiß im Dezember? Das ist Durchschnitt, also tierisch kalt! Wir behaupten einfach, dass jetzt alles anders sei, die Deppen klicken sowas, wissen Sie doch!

So, zurück aus der Redaktion ins wahre Leben. Sie haben jetzt verstanden, wie das geht mit der Prognostica Magna. Sie können jetzt laufend diese Geschichte selbst machen. Sie müssen nicht mehr lügen lassen, tun Sie’s selbst! Es ist 2016! Zeigen Sie Ihrem Chef, dass Sie nicht einfach durch dessen Nichte, die nicht weiß, was sie nach dem Abi macht, ersetzt werden können!

Bitte befolgen Sie nur noch einen Rat. Ich habe Ihnen ein Geheimnis verraten, das Ihnen erlaubt, ohne fremde Duldungsstarre, nur vom eigenen priapistischen Willen zur Desinformation getragen, SCHMUDDELWINTER! ACHTERBAHNWINTER! RUSSENPEITSCHE! SIBIRIENCHAOS! auszurufen. Bitte recherchieren Sie Ihre klickfreudige Geschichte nicht zu Tode. Da gibt es einen bösen Link auf dieser Seite der amerikanischen Kollegen, den Sie meiden müssen. Geben Sie ihn niemandem, er ist des Teufels.

Er zeigt, welche der vorhergesagten Abweichungen signifikant sind und deshalb wenigstens etwas wahrscheinlicher, einzutreten (dann sieht man dort die Farbe wie auf der anderen Karte) – oder wenn von vornherein klar ist, dass man nichts weiss, sieht man dort ein trauriges Grau.

Also bitte, nur dieses eine Mal. Nochmal zum Vergleich, die Vorhersage, die Sie immer wieder in führenden (Online-)Zeitungen umgesetzt sehen (oft getarnt als Eigenmeinung des beliebten Oberscharlatans der Branche, Prognostica Magna lässt grüßen):

Und jetzt die verbotene Frucht. Nie anklicken. Nur dieses eine Mal. Aber nie mehr wieder. Vergleichen Sie die Farben. Anschnallen:

Viel Grau. Das bedeutet keine Aussagekraft. Keine Vorhersage. Keine Geschichte, eigentlich.

Stand 24. November morgens gibt es immerhin ein Signal für einen überdurchschnittlich warmen Februar in Norddeutschland. Sie haben zwei Optionen: Schnell wieder „US-METEOROLOGEN IRREN SICH SCHON WIEDER: DOCH SCHMUDDELWINTER IN NORDDEUTSCHLAND!“ laufen lassen. Oder ein paar Tage warten, dann sehen die Karten schon wieder ganz anders aus, denn sie werden, wie geschrieben, viermal täglich neu gerechnet.

Und darf ich Sie auch nochmal kurz nachdenken lassen, was für ein Unsinn es ist, aus solchen Karten – selbst wenn sie stimmen sollten – solche Geschichten zu machen? Die Karten wagen eine Vorhersage über die durchschnittliche Abweichung der Temperatur vom Normalwert in einem Monat. Kommt da Rot, schreiben Sie „warmer Schmuddelwinter“. Kommt da blau, schreiben Sie „kalter Sibirien-Winter“. Haben Sie jemals daran gedacht, dass die Temperaturabweichung über den Monat nicht jeden Tag gleich ist? Dass ein dezentes Blau bedeuten kann, dass es drei Wochen ein bisschen zu warm, aber eine Woche unglaublich tierisch kalt würde? Oder ein stärkeres Rot, dass es drei Wochen leicht zu kalt war, aber eine Woche unglaublich warm?

Ich weiß, an sowas denken Sie nicht, das gäbe ja keine Zeile, nicht mal eine Geschichte, weil Monatsabweichungen nichts Konkretisierbares bedeuten, selbst wenn man sie kennen würde. Sie schreiben einfach den Stuss ab, den Ihnen irgendein Scharlatan erzählt.

Denken Sie nur einfach kurz daran, was Sie tun, wenn Ihre Redaktion über die angeblich böse Welt auf Facebook und „Breitbart“ schreibt. Regen Sie sich nicht mit auf. Sitzen Sie still in der Ecke und nehmen demütig an, dass Sie einer von denen sind, über die Ihre Redaktion ablästert. Ihre Leser denken, dass es geht, dass man eine Vorhersage für den kommenden Winter machen kann, weil Sie das immer wieder schreiben. Sie glauben, dass es „US-Meteorologen“ gibt, die sich laufend um den deutschen Winter kümmern, weil Sie das immer wieder schreiben. Sie glauben, dass es seriöse Meteorologen gibt, „die den Winter prophezeien“, weil Sie das immer wieder schreiben.

Sie lügen Ihre Leser an. Hören Sie auf damit.

PS: Falls Sie ein unseriöser Wahlforscher sind, können Sie dennoch vom „Bild“-Wetterexperten fürs kommende Jahr lernen. Sagen Sie erstens einen fulminanten Sieg der CDU voraus, dann einen der SPD, dann sagen Sie, dass man das eigentlich alles gar nicht vorhersagen kann. Und post festum nehmen Sie das, was am wenigsten falsch war und sagen, Sie hätten’s schon immer gewusst – wie es der „Wetterexperte“ noch gestern der gewohnt Wetterblödsinn absondernden „Mitteldeutschen Zeitung“ weismachen wollte, die traditionell zu faul ist nachzusehen, dass der formidable Herr erst einen warmen Schmuddelwinter, dann einen bösen kalten Winter vorhergesagt hat und jetzt, ja lesen Sie selbst:

mitteldeutsche_wetter
Screenshot: mz-web.de

Sagt derselbe Mann, der für all die Gaga-Wintervorhersagen in den deutschen Medien verantwortlich ist. Man kann es sich nicht ausdenken. Die nächste Winter-Vorhersage der „Mitteldeutschen Zeitung“ kommt bestimmt. Leider nicht nur dort.

10 Kommentare

  1. Einfach nur schön :)

    Da halte ich es doch lieber mit der alten Bauernweisheit: „Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, ändert sich das Wetter, oder es bleibt, wie’s ist“.

  2. Also wissen Sie, dass Sie meine Vorhersagen als Schwachsinn bezeichnen, ist das eine, aber dass Sie mir sogar noch unterstellen, ich wäre unehrlich, das ist echt nicht nett.
    Wissen Sie was, ich glaube, ich hab Sie jetzt auch nicht mehr lieb.
    So.

  3. Herr Kachelmann, gestern oder vorgestern morgen muss ich nach dieser Anmoderation im MoMa von Benjamin Stöwe an Sie denken:
    „Und wir wagen schon einmal einen Blick in die Zukuft: Wie wird denn wohl das Weihnachtswetter 2016?“

    Da dachte ich mir: „Wird wieder Zeit für einen Artikel bei übermedien.“
    Und zack, 2 Tage später … Nice!

    Donald Bäcker macht solche Prognosen nicht, wenn ich das richtig verfolge.

  4. haha, wie geil und trotz Polemiken völlig korrekt. Authentisch is er, der Jörg und er bleibt seiner Linie treu!
    Das Gleiche könnte man über die allermeisten Medien schreiben, welche sich zum Thema Klimawandel ereifern. Da muss man sich aber mit den Emotionen dermaßen zurückhalten, dass man besser gar nichts schreibt, oder wartet, bis Meister Kachelmann wieder mal loslegt, herrlich…:-)

  5. Schön geschrieben. Allerdings fällt es mir schwer zu glauben, dass Leser von solchen Blättern an Fakten interessiert wären. Im Umkehrschluss mache ich den Publizisten auch keinen Vorwurf; wenn die Fliegen Mist fressen wollen, sollen sie Mist bekommen.

  6. Danke Jörg.
    Der Schwachsinn zum Winter 2016/2017 ist dieses Jahr besonders schlimm. Nicht nur der Langfristexperte, der gerne auch mal seine Zusammengewürfelten Winterträumereien von 2012 auch 1:1 für 2015 präsentiert, nein dieses Jahr tummeln sich auch Protagonisten anderer Wetterportale um den „Eis-Polarwirbelartigen Sibirienwinter“, so wird man alle 3 Tage mit Glaskugelwinterwetter ( Natürlich A****kalt ) in gewissen Kolumnen bombardiert, obgleich solche Figuren stets noch mehr Geschmack und Datensammlungen miteinspielen.

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