Sonntags kriegt man voll auf die Fresse

Am kommenden Sonntag übernimmt Anne Will wieder den Talk nach dem „Tatort“, den sie viereinhalb Jahre lang Günther Jauch überlassen musste. Exklusiv mit übermedien.de spricht sie über die „Überaufmerksamkeit“, die diesem Sendeplatz zuteil wird, über den Umgang mit AfD-Politikern, die politischen Haltungen von Medienkritikern und die Konsequenz, die sie aus der zunehmenden Enthemmtheit und Radikalität der politischen Diskussion zieht.

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Fotos: NDR/Wolfgang Borrs

Frau Will, wann wird denn das erste Mal Wolfgang Bosbach bei Ihnen am Sonntag zu Gast sein?

Wir haben noch keine Liste, aber ich könnte mir vorstellen, dass er irgendwann mal kommt.

Womöglich sitzt er bereits im Studio und wartet.

Kann gut sein, dass er über die Weihnachtstage im Studio war und den Umbau beaufsichtigt hat. Das wär verdammt nett von Wolfgang Bosbach. Wir kennen ihn allerdings auch als einen sehr netten Gast.

Was wird das denn jetzt überhaupt? Ist das „Anne Will“ vom Mittwoch am Sonntag? Oder „Anne Will“ von damals am Sonntag wieder zurück? Oder etwas ganz Neues?

Eigentlich ist es „Anne Will“ vom Mittwoch auf dem Sonntag. Wir wechseln bloß den Sendeplatz. Wir haben 15 Minuten weniger Zeit, aber ansonsten machen wir so weiter wie bisher. Weil wir die Entscheidung, uns den Platz wieder anzuvertrauen, auch so verstanden haben, dass damit eine Wertschätzung für unsere bisherige Arbeit zum Ausdruck gebracht werden sollte.

Was ändert sich durch den Wechsel zurück auf den Sonntag?

Wir arbeiten wieder am Wochenende, wonach wir uns, ehrlich gesagt, nicht gesehnt haben. Den Hinkefuß mussten wir in Kauf nehmen.

Mussten Sie darüber nachdenken, ob Sie das Angebot annehmen?

Ja, definitiv. Ich hatte allerdings nicht viel Zeit dafür: einen Tag und eine Nacht. Da habe ich sehr nüchtern abgewogen, was spricht dafür, was dagegen, und am Schluss – das haben Sie vielleicht mitbekommen – sprach doch ein bisschen mehr dafür.

„Man hat innerhalb der Woche so etwas wie einen Artenschutz.“

Der Sonntagsplatz ist ja ein besonderer. Nicht nur, weil es ein paar Millionen Zuschauer mehr gibt; der Platz ist auch mit Bedeutung aufgeladen. Als Sie auf den Mittwoch wechselten, haben Sie gesagt, das sei ja auch mal ganz schön, davon wegzukommen.

Genau das habe ich mich gefragt: Will ich mich nochmal dieser, wie ich immer fand, Überaufmerksamkeit für unser berufliches Tun aussetzen? Denn wir haben den Mittwoch wirklich gerne gemacht. Und meiner Wahrnehmung nach wird man innerhalb der Woche netter behandelt. Sowohl von der Medienkritik, als auch von dem, was an Grundrauschen im Netz passiert.

Vom Sender auch?

Nee, vom Sender macht das überhaupt keinen Unterschied. Der Unterschied entsteht durch die öffentliche Aufmerksamkeit, die am Sonntag ungleich höher ist. Man hat innerhalb der Woche so etwas wie einen Artenschutz. Wer den Sonntags-Platz bespielt, braucht sich dagegen nicht zu sorgen, voll auf die Fresse zu bekommen. Darauf stelle ich mich auch ein.

Ändern Sie was im Studio?

Nicht viel. Die Stühle haben wir zum Beispiel beibehalten, das wollte ich so, weil die als Fernsehmöbel auch echt gut funktionieren. Es bringt nichts, wenn Sie zwar total gemütlich sitzen, aber nie nach vorne kommen können, um sich engagiert in die Sendung zu schmeißen. Das klappt mit diesen Sesseln. Ich hab die lieb.

Wir gehen in einen etwas anderen Farbton, es wird mehr Blau. Es bleibt aber dasselbe Studio in Adlershof. Es wäre verrückt gewesen, wenn wir jetzt ein neues Studiobild gebaut hätten für eine Sendung, die ja gleich bleiben soll.

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Wie viel von dem Bohei, das um Talkshows gemacht wird, lassen Sie an sich ran?

Ich glaube, ich habe mich über die Jahre verändert. Ich will nicht sagen, dass ich dickfelliger geworden bin, aber ich habe mich daran gewöhnt. Deshalb erreicht mich vieles nicht mehr, was mich am Anfang noch irritiert hat. Ich kann das mittlerweile sehr gut ausblenden, weil ich auch sehe, dass es immer Konjunkturen gibt. In manchen Zeiten wird man wahnsinnig gelobt, im nächsten Moment dramatisch schlecht geschrieben. Es gab auch einen interessanten Effekt, als 2011 bekannt wurde, dass Günther Jauch den Sonntag übernimmt – von da an bin ich deutlich netter, sanfter behandelt worden. Ich glaube, da hatte ich eine Art Verliererbonus.

Haben Sie sich selbst auch so gefühlt, als ewige Zweite? Nach dem Ende von „Sabine Christiansen“ sollte ja auch erst Jauch übernehmen. Jetzt will Jauch nicht mehr, jetzt machen Sie’s wieder.

Ich denke bei solchen Entscheidungen anders, schaue mir das sehr nüchtern an: Ist das ein guter Auftrag, ist das ein spannender Job? Dann spielt für mich eigentlich keine Rolle: Wie wirkt das jetzt?

Aber Sie lesen die ganzen Kritiken?

Ja, ich schaue da schon rein. Ich scanne, was ich davon für mich gebrauchen kann.

Was ist für Sie brauchbar?

Konstruktiv finde ich immer, wenn sich jemand mit den Sendungsinhalten auseinandersetzt, ob wir die richtigen Aspekte angesprochen haben, ob ich richtig nachgefragt habe. Mit persönlichen Beleidigungen kann ich wenig anfangen. Ich habe auch den Mechanismus bei der Medienkritik verstanden: Je hämischer die Überschrift, je hämischer der Vorspann, multipliziert mit der potentiellen Zuschauerschaft, desto größer die Klickzahlen. Da stehen die Kritiker und wir ja auch in einem interessanten Verhältnis wie Wirtstiere, die voneinander profitieren. Ich merke aber in der Diskussion um die Flüchtlingspolitik gerade, dass sich politische Haltungen von Fernsehkritikern viel mehr als früher in einer positiven oder negativen Kritik äußern. Was mit unserem Tun weniger zu tun hat als vielmehr mit der Agenda des Kollegen oder seiner Publikation.

Im Netz ist die Kritik dann noch eine Spur gröber als die der professionellen Kritiker.

Da mache ich auch einen Unterschied. Ich gucke mir natürlich nicht jeden Tweet an; ich wär bescheuert und ich würde auch bescheuert.

Kriegen Sie auch eine Zusammenfassung der Social-Media-Reaktion?

Nein. Ich sehe mir das selber manchmal an, aber da bin ich erschüttert, was das zum Teil für ein Niveau ist. Ich mag Twitter gern, bekomme da viele Anregungen. Aber wenn ich meine eigene Timeline verlasse und unter einem Hashtag suche, lese ich oft ein totales Draufschlagen.

Sie sagen, dass es eigentlich eine Über-Aufmerksamkeit gibt für den Sonntagabend-Talk. Was bedeutet das? Dass die Sendung zu wichtig genommen wird?

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Foto: NDR

Da wäre ich ja bekloppt, wenn ich mich beschwerte. Natürlich wünsche ich mir größtmögliche Aufmerksamkeit für unsere Arbeit. Aber ich würde gern darum bitten, dass man die Kirche auch manchmal im Dorf lässt. Sie haben vorhin auch als erstes nach Wolfgang Bosbach gefragt. Das ist natürlich der Klassiker. Man nimmt ihn als Abziehbild eines Gastes. Dabei ist Wolfgang Bosbach einfach ein hervorragender Talkshow-Gast. Er ist sehr wortgewandt, schnell, im Thema, und die Menschen mögen ihn gerne. Wenn man Bosbach gleichsam wie ein Topos nimmt, will man sich doch nur abarbeiten an unserem Genre und unserem Format. Ich finde das aber zu kurz gesprungen und nicht fair. Dieses Format hat seine große Berechtigung, es funktioniert, es gibt den Menschen etwas. Und klar, es ist an uns, uns Mühe zu geben, richtig gute Sendungen abzuliefern, wenn wir denn dieses Riesen-Rad drehen können, jetzt nochmal größer auf dem Sonntagabend. Ich bitte also um Fairness. Ich beobachte inzwischen eine Enthemmtheit und Radikalisierung auf allen Kommunikationswegen, die ich bedenklich finde.

„Ich möchte nicht, dass hinterher niemand schlauer ist.“

Manchmal hat man den Eindruck, Talkshows sind Runden, wo ältere Herren durcheinander reden und man am Ende nicht schlauer ist. Ist das ein Zuschauer-Problem oder ein Problem des Formats?

Ganz gewiss kein Problem des Formats, sondern möglicherweise derjenigen Woche; dass uns oder den Kollegen nichts Besseres eingefallen ist oder wir nicht die beste Besetzung zusammenbekommen haben. Ich möchte auch nicht, dass hinterher niemand schlauer geworden ist, dann müsste ich mir nicht die ganze Arbeit machen.

Aber Talkshows sind doch oft ein Ritual – ich weiß, wer zum Thema X da sitzen und wie das ablaufen wird. Haben Sie am Sonntag, wo die Sendung auch noch Teil eines größeren Fernsehrituals mit dem „Tatort“ ist, womöglich noch weniger Freiheiten, dieses Ritual mal zu sprengen?

Nein, ich habe da dieselben Freiheiten, die ich auch die ganze Zeit hatte. Unser Ansatz wird sein, das aktuelle politische Thema der Woche zu nehmen, und dann zu gucken, was die bestmögliche Besetzung ist. In der Regel werden es vier Gäste sein, es können aber auch zwei oder nur einer sein. Was immer uns einfällt und wir zustande bekommen, das werden wir machen. Sie haben Recht, was das Ritual angeht, aber es gibt auch eine ritualisierte Wahrnehmung des Formats.

In der Kritik, meinen Sie.

Genau. Die läuft genauso ritualisiert ab.

Das Publikum ist womöglich auch schizophren: Klagt, dass da immer die gleichen Leute sind, schaltet aber ab, wenn da zu viele Unbekannte sitzen.

Das dachten wir lange, dass es für eine gute Quote bekannte, erprobte, gleichsam: Talkshow-Gesichter sein müssen, das stimmt aber gar nicht. Sie können auch, wenn das Thema spannend ist, ohne Probleme vier vollkommen Unbekannte da hinsetzen. Aber diese Gäste müssen es schon durchhalten können, und das ist nicht ohne.

Die enthemmte Wahrnehmung macht uns auch manchmal die Besetzung von Sendungen schwer. Weniger prominente Menschen, oft auch Frauen, sagen: Das tue ich mir nicht an, dass ich mich da hinsetze und mich hinterher erst im Netz, dann per Mails und Post, verkloppen lasse. Die Zeit hab ich nicht, und vielleicht auch die Nerven nicht.

Wünschten Sie sich schon mal, nach der Hälfte der Sendung nochmal neu anfangen zu können?

Eigentlich nicht. Es gab – selten – Sendungen, in denen ich wünschte, es wäre endlich Ende. Die ich selber langweilig fand und nach 40 Minuten dachte: Boah, kann mal jemand umschalten?

Was machen Sie dann?

Dann muss ich Energie da reintragen, mir Mühe geben, noch wieder was rauszuholen. Es ist dann an mir. Wir haben und ich habe zu verantworten, wenn Sendungen misslungen sind.

Manchmal bringen ja Gäste Schwung rein. Wie hätten Sie reagiert, wenn Björn Höcke bei Ihnen eine Deutschlandfahne ausgepackt und über den Stuhl gehängt hätte?

Ich habe die entsprechende „Günther Jauch“-Sendung gesehen, und ganz ehrlich: Ich weiß nicht, ob ich in dem Moment gewusst hätte, was ich mache. Im Nachhinein denke ich, eine Möglichkeit wäre vielleicht gewesen zu sagen: Reichen Sie die Fahne doch einfach weiter, die können wir hier allen auf jeden Stuhl legen, weil wir uns alle zu diesem Land bekennen.

„Sagen, was ist, sauber bleiben.“

Ist es schwieriger geworden, eine Talkshow zu machen, angesichts der aufgeladenen Stimmung beim Thema Flüchtlinge und dem Misstrauen den Medien gegenüber?

Ich finde nicht. Die ganze Diskussion, so gespalten und enthemmt und radikal sie geführt wird, hilft, sich darauf zu konzentrieren, wie guter Journalismus geht. Wir gucken zum Beispiel genauer, wie wir unsere Titel formulieren. Wir haben früher oft zugespitzt und fanden uns wahnsinnig originell. Das ist im Moment nicht das Mittel der Wahl. Der Titel der letzten Sendung war: „Eine Million Flüchtlinge – wie verändern sie Deutschland?“ Ich glaube, das ist der richtige Weg, um den Anwürfen zu begegnen: die Diskussion versachlichen, die eigene Arbeit überprüfen, sagen, was ist, sauber bleiben, in den Fakten, in den Zitaten. Das ist ganz normales journalistisches Handwerkszeug, und diese Zeiten geben einem einen guten Ansporn, sich genau darauf zu konzentrieren.

Sind AfD-Politiker ganz normale Talkgäste?

Ja, auf eine Art schon.

Gehen Sie mit denen anders um?

Es geht bei allen unseren Gästen darum, dass ich jedes Argument auf Stichhaltigkeit überprüfe und im Zweifel dazwischen gehe. Natürlich weiß ich bei Politikern der AfD, dass sie einen besonderen Stil pflegen, der die Provokation sucht, auch gerne mal an der Grenze zum Rechtsradikalismus, zur Ausländerfeindlichkeit. Das kann ich als Moderatorin dann nicht unkommentiert stehen lassen. Insofern ist es eine spezielle Anforderung. Aber ich finde jetzt auch nicht, dass man AfD-Politiker verteufeln oder stigmatisieren muss, dann macht man sie größer als sie es verdienen.

Bei Höcke gab es eine größere Diskussion, ob man ihn überhaupt einladen und ihm ein Podium geben darf.

Das tun Sie aber immer, egal wen sie einladen. Sie geben jedem ein Forum und müssen versuchen, es ihm nicht zu leicht zu machen. Vielleicht schaffen Sie es, jemanden zu dekodieren oder sogar zu dekonstruieren. Wenn das gelingt, ist das natürlich etwas Besonderes – aber jeder, den ich einlade, ist auch ein Gast. Dem bin ich Fairness schuldig.

Im Umgang zum Beispiel mit dem niedersächsischen AfD-Chef Armin-Paul Hampel sind Sie aber auch sehr persönlich und direkt in die Auseinandersetzung gegangen, mehr als sonst.

Wir haben am nächsten Tag auch in der Redaktion darüber diskutiert. Mein Team fand es gut, dass ich irreführende Argumente nicht habe stehen lassen. Ich selber aber habe gedacht: Vielleicht war es einen Ticken zu viel. Weil ich eigentlich meine Aufgabe ja so nicht verstehe. Ich möchte das Argumentieren schon den Diskutanten überlassen. Und es nicht selber machen.

Könnte man sagen, Sie haben Haltung gezeigt?

Ich finde es wichtig, Haltung zu zeigen. Jörg Baberowski habe ich entgegen gehalten, dass seine Forderung nach einer nationalen Obergrenze rechtlich gar nicht umsetzbar ist. Das ist eigentlich gar keine Meinung, sondern es ist ein Sachstand, den man da reinwirft. Natürlich habe ich mit der Vehemenz, mit der ich das gemacht habe, sehr wohl dann auch eine Haltung transportiert.

Wie viel politische Haltung ist denn in Ihrer Rolle möglich und erlaubt?

Ich habe zu jedem Thema eine politische Haltung. Ich brauche die, weil ich sonst keine Fragen an das Thema formulieren kann. Die Aufgabe ist dann, sie nicht penetrant durchscheinen zu lassen. Und damit die Sendung funktioniert, muss ich immer die Gegenhaltung mitdenken. Wenn ich selber zur Mitdiskutantin werde, mache ich die ganze Grundanlage kaputt.

„Eine der wichtigsten Sendungen, die ich je gemacht habe.“

Im Oktober hatten Sie nur einen Gast: die Bundeskanzlerin. Da gab es Kritik, dass Sie das Gespräch nicht gerade konfrontativ geführt haben.

Viele haben aber auch geschrieben, man habe Angela Merkel noch nie so kenntlich gesehen. Das finde ich schon mal ein gutes Zeugnis. Ich fand Merkel in diesen 60 Minuten richtig interessant. Und das haben Sie auch im Studio gemerkt: Es war Totenstille. Weil man dachte, das ist jetzt eine historische Zeit, in der sich für Deutschland wirklich Neues ergibt, und das ist die entscheidende Person dafür, und sie stellt sich hier den Fragen. Deshalb war es eine der wichtigsten Sendungen, die ich je gemacht habe.

Sie haben eine Atmosphäre geschaffen, in der die Kanzlerin sich wohlfühlt.

Nein, das würde ich nicht sagen. Ich frage sachlich, ja. Ich finde, dass diese Zeit das auch verlangt. Ich halte es auch für den besseren Fragestil, unpolemisch zu fragen. Und sowieso: Wer jemals bei Angela Merkel mit der Idee losgezogen ist, die Frau zu „kriegen“, wie wir das gerne nennen, der hat noch nie ein Interview mit Angela Merkel geführt. Das ist angesichts der Detailsicherheit, mit der die Kanzlerin unterwegs ist, schlechterdings unmöglich. Mein Ansatz war, sie zu hinterfragen, immer und immer wieder: Wie viel Zeit haben Sie da? Lässt man Ihnen die Zeit? Sind Sie sicher, dass Sie warten können, bis die Fluchtursachen geklärt sind, bis die Türkei aus dem Quark gekommen ist?

Kriegen Sie persönlich viel ab von den Lügenpresse-Rufen, vom Hass auf Journalisten?

Nein. Wir bekommen eine Menge schlecht gelaunter Zuschauerpost, aber auch viel positive Post. Ich glaube, dass uns die Grundanlage unseres Formats schützt. Weil wir immer eine Gegenposition zu Wort kommen lassen, sonst würde es gar nicht funktionieren.

Es gibt neuerdings den Vorwurf des pädagogischen Journalismus. Dass Journalisten nicht die Wahrheit sagen, sondern eigentlich die Leute erziehen wollen, schauen, dass nichts eskaliert. Wie zutreffend finden Sie die Kritik?

Ich fühle mich nicht angesprochen.

Bei Talkshows ist ja die häufige Variante zu sagen: Wir setzen da einen Buhmann hin, der von anderen belagert wird. Und man hat dann so eine Scheinkontroverse, aber in Wahrheit gehen alle auf einen…

Dann hätten wir etwas falsch gemacht! Dann hätten wir wirklich eine Schieflage und eine Unwucht in der Sendung, die ich dann eigentlich ausgleichen müsste, in dem ich mich auf die Seite des Einzelnen stellen müsste. Deshalb versuchen wir immer, ausgewogen zu besetzen.

„Wenn wir nicht aufpassen, geht die Kommunikationsfähigkeit verloren.“

Aber können Sie etwas anfangen mit der Kritik, dass Journalisten sich als Pädagogen missverstehen, die ja angesichts der Silvester-Ereignisse in Köln nochmal eskalierte?

Ich nehme es schon ernst, dass laut einer Allensbach-Umfrage 41 Prozent der Menschen den Eindruck haben, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen und die Tagespresse kritische Aspekte der Flüchtlingsfrage ausblenden. Aber ich finde es übertrieben, wenn sich das ZDF entschuldigt, dass sie am Montag nach Silvester keine Meldung in den „heute“-Nachrichten zu Köln gebracht haben. Das war vielleicht eine falsche Einschätzung, dann muss man aber nicht gleich zu Kreuze kriechen. Ich finde, in der einen wie der anderen Richtung ist im Moment so vieles aus dem guten Gleichmaß geraten. Wenn ich lese, wie die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker angegriffen wird, weil sie in einer längeren Pressekonferenz einen Satz sagt, der ihr verunglückt ist, dass Frauen eine Armlänge Abstand halten sollen. Dass man ausgerechnet Frau Reker, auf die gerade ein Attentat verübt wurde, unterstellt, sie hätte kein Gefühl für Gewaltopfer, spottet jeder Beschreibung. Dass sie sich dann einem Shitstorm ausgesetzt sieht unter dem Hashtag #eineArmlänge, das geht so in die Irre und ist so selbstreferentiell und nur der Sport dieser Community – das kann ich gar nicht mehr ernst nehmen, wenn es nicht leider sehr ernst wäre.

Deshalb ist mein Ansatz für dieses Jahr auch, gerade mit dem großen Rad, das man am Sonntagabend drehen kann, zu einer Versachlichung einer Diskussion beizutragen. Das mindestens haben wir uns auf die Fahnen geschrieben. Sauber zu berichten, was ist, und nicht ein Thema noch hochzujazzen. Der Jazz wird ja derart laut gespielt im Moment, dass man Sorge haben muss, dass uns da jetzt etwas total verrutscht. Wenn wir nicht sehr aufpassen, geht auf allen Seiten die Kommunikationsfähigkeit verloren. Ich weiß gar nicht, ob das denjenigen klar ist, was sie da riskieren mit dieser gewollt bösartigen, hämischen Art, mit der man auf alles eindrischt, weil man Langeweile hat oder die Welt eh schlecht findet.

Aber welche Konsequenz ziehen Sie daraus?

Runterfahren, unbedingt. Ich setze mich auch gar nicht unter den Druck, da jeden Sonntag vier bis fünf Millionen Zuschauer zu bekommen …

Aber den Druck haben Sie doch.

Nein. Ich bin in der glücklichen Lage, dass ich gefragt habe, ob klar ist, dass ich nicht zwingend die Zuschauerzahlen erreichen werde, die Günther Jauch hatte. Und das ist allen klar.

Wieso sollten Sie nicht die gleichen Zuschauerzahlen haben wie Jauch?

Es kann so sein, dann freue ich mich natürlich. Aber ich verlange mir das nicht ab. Und glücklicherweise verlangen es auch weder der ARD-Programmdirektor noch die Intendanten, mit denen ich gesprochen habe. Sie wollen eine dezidiert politische Talkshow haben, und dass die gelegentlich auch mit schlechteren Quoten nach Hause geht, das ist eingepreist.

Gehen Sie da jetzt mit einer Gelassenheit rein von jemandem, der das alles schon mal gemacht hat?

Ja, schon. Ich bin ja eigentlich in einer sensationellen Situation: Das passiert einem nicht so oft, dass man einen Job noch mal angeboten bekommt, dann aber ganz anders gerüstet da reingehen kann. Ich versuche, die Erwartungen gering zu halten und zu sagen: Bitte, das ist eigentlich ziemlich langweilig, das ist die Frau, die Sie schon kennen, die nun am Sonntag macht, was sie am Mittwoch schon gemacht hat.

Es gibt nicht mal mehr die Rückkehr des oft verspotteten Betroffenensofas?

Nee, wir haben nur einen Eimer Farbe ins Studio geworfen.

Aber irgendwas müssen Sie den Kollegen doch bieten, worüber die sich ereifern können.

Die werden schon was finden.

Die Leute werden bald anfangen, sich öffentlich nach Günther Jauch zurück zu sehnen.

Auch darauf kann ich Ihnen Brief und Siegel geben.

Gibt es sonntags eigentlich mehr Geld?

Dazu darf ich natürlich nichts sagen.

Sie müssen ja keine Summen nennen, nur ob es mehr gibt als mittwochs.

Ich darf gar nichts zu Vertragsinhalten sagen.

Ärgerlich.

Ja, voll ärgerlich.

Das Interview führten Stefan Niggemeier und Boris Rosenkranz.

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8 Kommentare

  1. — eine Sendung, die ja gleich bleiben soll. —
    Damit bleibt und ist sie nicht sehenswert. Maischberger, Jauch, Illner sind Plapperrunden ohne wirklicher Konfrontation sowie interessanten Gästen. Reihrum besucht Bosbach mehrfach im Jahr eine dieser nichtssagenden Quasselrunden. Andere tun es ihm gleich mit identischen Aussagen und immer um den heißen Brei gequatscht. Kein Politiker und die jeweiligen Gastgeber hat die Traute die Anzahl der Gäste auf 3 Teilnehmer zu beschränken und die Gäste per Abstimmung durch den Zuschauer wählen zu lassen. NPD, SPD und GRÜN oder AfD, CDU und Linke oder NPD, CDU und GRÜN, usw, usw. Redezeitbeschränkung auf jeweils 15 oder 20 Minuten für jeden Teilnehmer. Zuschauerfragen aus dem Internet integrieren. Wenn in diesen Sendungen 5 oder 6 Teilnehmer sitzen und das Ego von Maischberger, Illner, Will so groß ist, das sie einen gehörigen Teil der Redezeit für sich beanspruchen, dann kotzt mich das an. Was können die Diskutanten schon in 6 bis 7 Minuten sagen, wenn sie sich dann noch gegenseitig ins Wort fallen und der Zuschauer nur noch die Hälfte versteht. Die Gästezahl muss drastisch verringert werden, denn hinter der großen Gästezahl verbirgt sich nur die monotone Einfaltslosigkeit, täuscht nur Vielfältigkeit der Meinungen vor. Die Altparteien sind sich letztendlich in ihren Zielen im Grunde einig. Maischberger,Will und Co. haben Angst vor Gästen die von der NPD, anderen poöitischen Richtungen und unabhängige Journalisten kommen und zur besten Sendezeit ihre Vorstellungen von Deutschland darlegen könnten. Doch gerade diese Konfrontation will der Zuschauer. Mir ist doch egal ob die Teilnehmer von den Altparteien kommen oder von der NPD oder der Tierschutzpartei. Die müssen etwas zu sagen haben, was den Unterschied zwischen ihnen deutlich macht. Die Probleme, die unser Land gerade hat, sind es wert von ALLEN Seiten beleuchtet zu werden. Dazu will ich Vertreter aus jeder politischen Richtung in einer kleineren Runde sehen. Doch dazu fehlt denen nicht nur der Mut, sondern der vorauseilende Gehorsam sitzt denen in den Knochen wie das Knochenmark. Deshalb sind diese Sendungen sinnlos und leer und werden es wohl auch bleiben.

  2. Ach du meine Güte, geht’s noch kuscheliger? Das Interview vermittelt den Eindruck, kritisch zu beäugen seien eher die Kritiker dieser Ritual-Talkshows als die Talkshows selbst. Und das Ganze garniert mit Nettigkeiten wie „Sie haben Haltung gezeigt“. Ich würde mir wünschen, diese medienkritische Seite würde die Öffentlich-Rechtlichen mindestens genauso hart anfassen wie den Springer-Verlag, denn für Letzteren muss ich zumindest kein Geld bezahlen, wenn ich nicht möchte. Ach, ich vergaß: Herr Rosenkranz arbeitet ja selbst für den NDR…

  3. @Holger Kreymeier Stimmt, ich arbeite für den NDR und dort viel für das Medienmagazin ZAPP. Dort habe ich auch immer wieder kritisch über den eigenen Sender bzw. ARD und ZDF insgesamt berichtet. Dabei wird es bleiben. Und auch hier werden wir noch viele weitere spannende Beiträge über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk haben.

  4. @Holger Kreymeier
    Auch ich kann Ihnen nur zustimmen. Wer’s nicht nachvollziehen kann:
    „Wie viel von dem Bohei, das um Talkshows gemacht wird, lassen Sie an sich ran?“
    „Aber Sie lesen die ganzen Kritiken?“
    „Kriegen Sie persönlich viel ab von den Lügenpresse-Rufen, vom Hass auf Journalisten?“

  5. @Boris Rosenkranz:
    Schön zu wissen, dass Sie für den NDR arbeiten.
    Mag sein, dass ZAPP zu einigen Dingen kritisch über die eigenen Sender berichtet. Sehr viel davon habe ich aber nicht bemerkt.
    Bemerkt habe ich jedoch, dass besonders zur Ukrainekrise der Hass und die Lügen zu Russland und zum gewählten Präsidenten Putin nicht nur in den Privaten derart zunahmen (eigentlich schon ab der Olympiade in Sotchi) , sondern auch die öffentlich rechtlichen Sender voll dabei waren. Der Programmauftrag dieser ÖRR-Sender beinhaltet aber etwas ganz anderes.
    Bisher wurden sämtliche Programmbeschwerden zur diesen Ereignissen, wegen Einseitigkeit, falscher Berichterstattung und Lügen als unbegründet zurückgewiesen.
    Damit kann ich mich als (Zwangs-) Gebührenzahler nicht abfinden.
    Ich hoffe dass bald die Zeit kommt und dass dieses krude Konstrukt des Rundfunkgebührenstaatsvertrages zu Fall gebracht wird und nur noch die Menschen diese Gebühren bezahlen die die ÖRR auch sehen wollen.

  6. Dank an Holger von der fernsehkritk.tv. Ein richtig schlappes Interview, für das es nicht dieser Plattform bedurft hätte. Medienfreundlich kann SPON besser.

    Von Stefan Niggemeier bin ich bisher anderes gewöhnt. Er sollte sich ein Beispiel an Kachelmann nehmen, der die Öffis wegen der Wettervorhersage von Starkregen etc, hier so richtig „lang“ gemacht hat.

    Wann nehmen sich die Übermedien auch mal Frank Plasberg vor? In der letzten (Sonder-) Sendung zum Thema „Amoklauf in München“ war z. B. sein Interview mit Frau Nalepa, der Mutter eines Opfers von Winnenden, ein totaler Griff ins Klo.

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