Youtube-Wahlkampf: Angela Merkel freut sich auf die „Netzgemeinde“

Angela Merkel betritt morgen Neuland. Von 13.30 Uhr an lässt sie sich von vier Youtubern interviewen, eine Stunde lang, live gestreamt unter anderem auf dem Youtube-Kanal #DeineWahl – was es so noch nicht gab. Vor zwei Jahren traf sich der Youtuber LeFloid mit Merkel, allerdings zum aufgezeichneten Einzelinterview. Gleich vier Youtuber auf einmal, auch noch live, das ist neu. Wie der Zeitpunkt: Das Gespräch fällt mitten in den Bundestagswahlkampf.

Angeblich gibt es keinerlei Absprachen. Das sagen jedenfalls alle Beteiligten so. „Außer des Termins und der Uhrzeit gab es keine Vorgaben“, sagt Christian Meinberger von der Produktionsfirma Studio 71, einer Tochter von ProSiebenSat.1. „Wir haben dem Bundespresseamt das Konzept vorgestellt und die inhaltlichen Details erläutert.“ Das Konzept habe offenbar überzeugt, und „auf dieser Basis“ habe man „die Produktion vorbereitet“. Auch ein Sprecher des Bundespresseamtes (BPA) erklärt auf Anfrage, die Bundeskanzlerin und das BPA hätten „wie üblich keine inhaltlichen Vorgaben gemacht“.

Die Youtuber bestehen darauf, dass sie frei entscheiden, welche Fragen sie stellen – und wie die Sendung abläuft. Merkel soll in vier Blöcken befragt werden, immer von einem Youtuber und thematisch sortiert. Die Bundeskanzlerin hat offenbar nichts dagegen, was bemerkenswert ist. Denn beim „TV-Duell“ mit SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz, das am 3. September stattfindet und von vier Sendern organisiert und ausgestrahlt wird, hat Merkel sehr wohl vorgegeben, wie das Interview formal aussehen soll.

Strunz, Maischberger, Illner, Kloeppel (v.l.) Foto: WDR/Thomas Kierok

Ursprünglich  wollten die Sender dieses Jahr zwei Duelle machen. Aber Merkel wollte nicht. Ersatzweise schlugen sie vor, das eine Duell wenigstens zu gliedern, je zwei Moderatoren fragen nacheinander je 45 Minuten lang. Aber Merkel wollte nicht. Ein Duell vor Studiopublikum lehnte sie ebenfalls ab.

Die Sender haben sich Merkels Vorgaben daraufhin gebeugt, offenbar um eine generelle Absage zu vermeiden. Deshalb bekommt die CDU-Spitzenkandidatin nun, was sie will: ein Duell, vier Moderatoren, kein Publikum.

Das klingt wie eine schnöde Formalie, ist es aber nicht. Durch Merkels Druck waren die Sender plötzlich nicht mehr frei in ihrer journalistischen Entscheidung, wie sie das Gespräch gestalten. Sie hätten auf ihre Regeln bestehen können, aber sie sind eingeknickt. Im Gegensatz offenbar zu den Youtubern, die es laut Produzent Meinberger mit zur Voraussetzung gemacht hatten, dass nur sie darüber entscheiden, wie sie ihre Sendung gestalten, und nicht die Kanzlerin. Die wiederum freue sich darauf, „Fragen aus der Netzgemeinde zu beantworten“, schreibt das BPA.

Komisch ist, dass das BPA überhaupt Ansprechpartner ist, wenn es um solche Termine geht, in denen Merkel in erster Linie Spitzenkandidatin und Wahlkämpferin ihrer Partei ist. Das BPA und dessen Chef, Regierungssprecher Steffen Seibert, stehen schließlich in Diensten der Bundesregierung, nicht der CDU. Das betont Seibert auch immer wieder.

Trotzdem nahm er an den Gesprächen teil, die die Fernsehsender für ihr „TV-Duell“ mit Vertretern der Spitzenkandidaten führten. Auch das Merkel-Interview auf Youtube hat er für die CDU-Spitzenkandidatin ausbaldowert: Die Gespräche darüber, schreibt Produzent Meinberger, „liefen mit Regierungssprecher Seibert aus dem BPA.“ Der hat damit offenbar kein Problem.

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Dass Seibert zwangsläufig den CDU-Wahlkampf mitorganisiert, wenn er die Modalitäten von Wahlkampf-Terminen verhandelt, will der ehemalige ZDF-Moderator nicht so sehen. Als er in der Bundespressekonferenz darauf angesprochen wurde, reagierte Seibert genervt. Die Behauptung, dass er Wahlkampf für die CDU betreibe, weise er „mit Nachdruck zurück“, sagte er. Natürlich gehe er „nicht als Vertreter irgendeiner Partei“ zu den Treffen, sondern als Regierungssprecher. Wie alle seine Vorgänger seit 2002. Das sei „Usus“ und „bewährte Praxis“, auch schon, als die SPD die Regierung stellte.

Bislang sah es so aus, als sei Angela Merkel die einzige Spitzenkandidatin, die vor der Bundestagswahl von vier Youtubern interviewet wird. Was problematisch wäre. Die CDU-Spitzenkandidatin Merkel kann sich so auf einen Schlag an viele junge Leute wenden, die sie anders vermutlich nicht erreichen würde. Wieso sollte das nicht auch anderen Kandidaten zustehen? Wird, zum Beispiel, auch Martin Schulz von den vier Youtubern befragt?

Produzent Meinberger macht daraus ein Geheimnis. „Wir planen sehr wohl, weitere Spitzenkandidaten zu interviewen.“ Dazu würden sich sich aber erst „zu gegebener Zeit“ äußern. Mehr will Meinberger nicht verraten. Dabei ist ja auch das interessant: Wer werden die anderen sein? Sind es alle Spitzenkandidaten? Oder nur eine Auswahl? Es sind Fragen der Ausgeglichenheit im Wahlkampf, die im Fernsehen ständig gestellt wird, auch von Parteien. Aber Meinberger sagt: „Grundsätzlich ist YouTube eine offene Plattform.“ Insofern habe jeder die Möglichkeit, „ähnliche Interviewformate durchzuführen.“

Das stimmt, einerseits. Andererseits ist das natürlich von einer Zusage der Interviewpartner abhängig. Der Video-Blogger Tilo Jung hatte beispielsweise Merkel und Schulz eine Art „Wahlarena im Netz“ vorgeschlagen, in der beide Kandidaten nacheinander von Jungwählern und Youtubern befragt werden sollten. Schulz sagte zu, Merkels Absage kam vorige Woche. Die schlichte Begründung: Die anderen Youtuber seien schneller gewesen. Aber vielleicht lag es auch an etwas anderem: „Aus ihrem Umfeld wurde mir gesagt“, erzählt Tilo Jung, „dass Merkel solche Sachen machen würde, wenn es eng wäre.“ Ein Mal Youtube scheint ihr angesichts der aktuellen Umfragen zu genügen.

8 Kommentare

  1. „Ein Mal Youtube scheint ihr angesichts der aktuellen Umfragen zu genügen.“

    Aus ihrer Sicht verständlich; ich finde es ja schon erstaunlich, daß sie das überhaupt ein Mal macht. Irgendwo erfreulich, wenn es für die vier Youtuber tatsächlich keine Vorgaben gibt – dann könnten sie zum Beispiel fragen, warum Merkel im Fernsehen all diese Vorgaben für nötig hielt.

    Und vielleicht kommt dieses Mal ja tatsächlich ein informatives Interview dabei heraus und keine LeFloid-Wahlwerbung.

  2. Mein Monitor stinkt schon ob der ganzen Unwahrheiten. YouTuber, die „sich nicht instrumentalisieren lassen“ wollen (es dann aber doch jeden Tag tun), schreiben Merkl vor wie das Treffen abzulaufen habe ?
    Das glaubt doch kein Mensch, der nicht erst gestern aus einem Koma aufgewacht ist. Und daß die Herren von der Regierung sehr wohl Wahlkampf machen, wenn auch nicht offiziell, ist doch altbekannt und – mal ehrlich, auch nachvollziehbar. Schliesslich geht es den Leuten um ihren eigene Arbeitsplatz. Diese scheinheilige Regelung darf man langsam mal auch offiziell abschaffen.

  3. Natürlich freut sich A.M. über derartige Möglichkeiten der Selbstdarstellung und die Aufmerksamkeit einer großen Fangemeinde. In meinen Augen eine verlogene PR-Kampagne.

    Seinerzeit versprach sie vor laufenden Kameras, dass die Guthaben der Kleinsparer sicher sind. Nun haben wir den Null- bzw. Minuszins, mit denen die Guthaben allmählich abschmelzen. Oder „Mit mir wird es eine Maut nicht geben!“ Sehr lustig.

    Erinnert sei auch an das menschenverachtende Verhalten bei ihrer Diskussion mit Schülerinnen und Schülern im Juli 2017 in Rostock, als Sie dem Flüchtlingsmädchen aus Palästina -Reem- versuchte, die Abschiebung schmackhaft zu machen.

    Im Interview auf Phoenix gestern Abend (14.8.) beantwortete Sie die Frage nach dem Politikversagen beim Dieselskandal mit dem Interesse der Regierung am Erhalt von rd. 900.000 Arbeitsplätzen in der Automobilindustrie.

    Die Namen von Klaeden und Wissmann fielen nicht und werden auch in künftigen Interviews kein Thema sein.

    Da kann ich genau so gut der Wandfarbe beim Trocknen zusehen.

  4. Wandfarbe beim Trocknen zuzusehen regt einen wenigstens nicht auf. So ein Quark wie die Palastsendung „Sommerinterview“ dagegen schon. Wenn dann sollte der Interviewer am Ende Frau Merkel wenigstens symbolisch den Fuß küssen.
    Und die gegnerischen Parteien könnten doch mal Merkels Aussagen wie zu der Maut in Reihe schneiden und als Wahlwerbung senden. Aber Wahlkampf ? War da was ? Geht der bald mal los oder lohnt sich der Aufwand gar nicht.

  5. @Gerdos / #3:
    „Seinerzeit versprach sie vor laufenden Kameras, dass die Guthaben der Kleinsparer sicher sind. Nun haben wir den Null- bzw. Minuszins, mit denen die Guthaben allmählich abschmelzen.“

    Man kann Merkel sicher viel vorwerfern, aber das ist nun albern. Minuszinsen gibt es für Kleinsparer nicht, nur Nullzinsen. Die Guthaben sind weiterhin sicher, sie vermehren sich nur nicht. Es gibt ja keinen Anspruch auf Bankzinsen. Wegen der niedrigen Inflation werden die Guthaben auch nicht bedeutend wertloser. Und wenn die Inflation dauerhaft steigt, werden auch die Zinsen steigen.

  6. Kann sich beim nächsten Mal bitte einer der Youtuber einen Knopf ins Ohr machen, wo der Thilo Jung dann die Fragen rein-souffliert…? Inklusive „kritisches Nachfragen“. Oh man, da würde ich Kinopreise für bezahlen, da wären die pay-walls plötzlich alle überwindlich…

    Jungwähler finde ich im Kontext von Thilo Jung übrigens ein Riesen-Wortspiel…

    Ich finde das immer so schrecklich langweilig, wenn die professionellen Journalisten solche Spitzenkandidat-Interviews machen. Bei diesen ganzen Arenen warte ich auf den Choleriker, der mal so richtig austickt und der Regierung mal den ganzen Mist so richtig vordekliniert, der hier immer wieder verzapft wird. Der auch diesen ganzen Rhetorik-Ausweich-Mist, den diese Politiker von ihren Coaches lernen, ausmanövriert… mal den nackten Kaiser so richtig entblößen…

    Klar ist das von Youtubern nicht zu erwarten… solche Laien fressen die Profis zum Frühstück…

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