Journalisten haben Schuss auf Gürteltier nicht gehört

Dürfen wir vorstellen: das erste Sommerlochtier des Jahres! Nein, diesmal kein Krokodil, kein Känguru und auch kein dackelfressender Killerwels — sondern ein:

Mit texanischen Gürteltieren ist nicht zu spaßen. Das musste auch ein Mann feststellen, der am Wochenende nach einem Zusammentreffen mit einem der Tiere verletzt ins Krankenhaus kam, wie die britische Zeitung „Daily Mail“ berichtete.

Er hatte nämlich auf das Gürteltier geschossen, allerdings prallte die Kugel vom Panzer des Tieres ab und traf ihn selbst am Kopf. Er musste operiert werden, überlebte aber.

So jedenfalls steht es seit vergangener Woche beim „Kölner Stadtanzeiger“. Und bei seinen Schwesterzeitungen, dem Kölner „Express“, der „Berliner Zeitung“, der „Mopo“, dem „Berliner Kurier“, außerdem bei Tag24.de, bei Heute.at und somit in Hunderten Facebook-und Twitter-Timelines.

Zwar stimmt die Geschichte tatsächlich (ein texanischer Fernsehsender hat sie sich vom Büro des Sherrifs bestätigen lassen), allerdings ist sie nicht „am Wochenende“ passiert, wie der „Kölner Stadtanzeiger“ meint, oder „mitten in der Nacht zum Freitag“, wie „Tag24“ schreibt, sondern bereits vor zwei Jahren.

Aus Anlass des vermeintlich aktuellen Vorfalls erzählen viele Medien auch eine zweite Gürteltier-Story, bei der ein Mann aus Georgia auf ein Gürteltier schoss und die Kugel abprallte und in seiner Schwiegermutter landete. Sie soll sich im vergangenen April ereignet haben, ist aber ebenfalls ein alter Hut.

Schon vor zwei Jahren standen die Geschichten überall. Vor ein paar Tagen machten sie dann (aus ungeklärten Gründen) erneut die Runde im englischsprachigen Raum und schwappten auch wieder nach Deutschland.

Angeblich unterscheiden sich journalistische Medien von den digitalen Netzwerken wie Facebook oder Twitter ja dadurch, dass hier nicht einfach blind geteilt wird, was an Kuriositäten von irgendwoher angeschwemmt wird. Doch beim „Stadtanzeiger“ haben sie nicht einmal gemerkt, dass der von ihnen als Quelle verlinkte Artikel der „Daily Mail“ das Datum 31. Juli 2015 trägt.

Letztlich gilt beim Abschreiben von Artikeln eben dasselbe wie beim Schießen auf Gürteltiere: Vorher lieber nochmal kurz nachdenken.

5 Kommentare

  1. ist ja wie bei Stephan Weil, dass man ihm 2017 etwas vorwirft, was man 2015 schon ausdiskutiert hatte.

    Irgendeiner wiederholt die alten Geschichgten irgendwann nochmal

  2. Mir wurde gerade schlagartig etwas klar, als Sie schrieben: „Angeblich unterscheiden sich journalistische Medien von den digitalen Netzwerken wie Facebook oder Twitter ja dadurch, dass hier nicht einfach blind geteilt wird, was an Kuriositäten von irgendwoher angeschwemmt wird.“

    Die Gesamtheit der Online-Präsenzen großer Medien ist so etwas wie Deep-Twitter oder Slow-Facebook. Die Homepages (zeit.de, Spon.de, Bild.de usw.) bilden die einzelnen Accounts. Die Leser sind deren Follower. Die Artikel sind ihre Tweets bzw. Posts.
    Man kann nun als Account die Tweets/Artikel von anderen Accounts retweeten oder teilen. Dazu schreibt ein Redakteur einen ähnlichen Artikel und verlinkt den Ursprungstweet („Wie das Medium xy meldet…“). Hier nur der Unterschied: bei Twitter steht über dem Tweet immer noch der Name des Urhebers (und auch das Datum des Tweets). Bei den Artikeln hingegen wird die Herkunft der Nachricht zwar nicht verschwiegen, aber ja doch irgendwie in den Hintergrund geschoben. Aber wenn man drüber nachdenkt, sind das eigentlich bloß Retweets.

    Ich empfinde es als großen Unterschied, ob man einen Artikel als journalistisches Produkt auffasst oder eben als Retweet bzw. als geteilten Inhalt. Jeder Twitterer weiß ja, wie leicht man etwas retweetet. Und dabei kommen die Lorbeeren ja weiterhin bei demjenigen an, der sie verdient. Das sieht in Deep-Twitter aber dann schon anders aus.

  3. Was mich hier auch stört ist, dass für einen Vorfall in Texas eine britische Zeitung zitiert wird. Natürlich gibt es keine deutschen Korrespondenten in Texas und wenn doch einer in Houston sitzt, dann kann er im riesigen Texas immer noch weit ab vom Schuss (sehen Sie Herr Schönauer, ich kann das auch ) sein. Dann habe ich kein Problem, wenn er die texanische Regionalzeitung oder meinetwegen den Houston Chronicle oder den Dallas Star zitiert. Aber eine Zeitung zitieren, die Tausende Meilen weit weg ist und nun wirklich nichts mit Texas zu tun hat, das ist dann doch seltsam. Wenn man schon abschreibt (und sorry, anders geht es heutzutage nicht mehr, kein Journalist wird wegen solch einer Geschichte nach Texas fliegen), dann sollte man sich schon vernünftige Quellen suchen. Und dann würde man auch merken, dass die Geschichte schon uralt ist.

    Aber vielleicht war auch genau das das Problem.

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