Jeder kann für Google Fakten checken – aber kaum einer tut es

Wer sich in diesen Tagen über die umstrittenen Thesen des Nahost-Experten Michael Lüders informieren will und deshalb bei Google etwa nach „Michael Lüders Giftgas“ sucht, findet an prominenter Stelle etwas, das anders aussieht als ein normales Suchergebnis: einen Faktencheck.

Der Suchmaschinen-Konzern, der jährlich viele Milliarden Dollar Gewinn macht, hat sich eine professionelle Eindeutschung gespart, deshalb ist der Originalbegriff claim falsch mit „Anspruch“ übersetzt, was diese neue Form eines Suchergebnisses besonders rätselhaft wirken lässt. Gemeint ist: „Behauptung“.

In diesem Fall ist es die Behauptung von Lüders, dass die Türkei die Nusra-Front und andere Gruppierungen in Syrien mit Sarin-Gas ausgestattet habe, worüber unter anderem der türkische Journalist Can Dündar berichtet habe. (Lüders selbst hat das inzwischen teilweise zurückgenommen.)

Dass diese Behauptung falsch sein soll, erfährt der Nutzer der Google-Suche an prominenter Stelle – und schon vor dem Klick auf die Seiten des Recherchebüros Correctiv, von dem der „Faktencheck“ stammt.

Das Feature ist eine Reaktion von Google auf die Diskussion um „Fake News“. Es wurde vor drei Wochen weltweit eingeführt. Hierzulande beteiligt sich bislang kaum ein Medium.

Ausschließlich Correctiv scheint seine „Faktenchecks“ zur Zeit so auszuzeichnen, dass sie bei Google in entsprechend hervorgehobener Weise bei passenden Suchanfragen angezeigt werden.

Wer nach „Vermehrungsverhalten Afrikaner“ sucht, bekommt einen Correctiv-„Faktencheck“ zu einer berüchtigten Rede des Thüringischen AfD-Vorsitzenden Björn Höcke angezeigt:

Wer nach „Gender Mainstreaming AfD“ sucht, erfährt, dass die Behauptung der Berliner AfD-Vorsitzenden Beatrix von Storch, Gender Mainstreaming ziele nicht auf die Gleichberechtigung, sondern die Abschaffung der Geschlechter, „nicht nachvollziehbar“ sei:

Dass sich ein großer Teil der Correctiv-„Faktenchecks“ mit der AfD beschäftigt, ist kein Zufall: Die Partei ist ein Rechercheschwerpunkt der Journalisten. Aber auch andere Parteien sind Thema: Der nordrhein-westfälische FDP-Chef Christian Lindner sagte der „Bild“-Zeitung in einem Interview, die Einbruchskriminalität im Land sei „massiv gestiegen“. Correctiv nennt das „komplett falsch“:

(Eine Einordnung, an der BILDblog wiederum einiges auszusetzen hat.)

Man muss sich, um von Google als „Factchecker“ anerkannt zu werden, nicht bei dem Suchmaschinenkonzern bewerben. Es gibt keinerlei redaktionelle Auswahl; Google weist ausdrücklich darauf hin, sich die Ergebnisse der Faktenchecks nicht zu eigen zu machen. Eine Seite muss ihre Faktenchecks nur in einem bestimmten Format präsentieren und im Quelltext mit entsprechenden Tags auszeichnen sowie vom Algorithmus als „seriöse Informationsquelle“ eingeschätzt werden.

Google erwartet von entsprechend ausgezeichneten „Faktenchecks“ unter anderem, dass „Quellen und Vorgehensweisen anhand von Zitaten und Verweisen auf Primärquellen in der Analyse offengelegt werden“. Eine Seite muss zudem Vorgaben erfüllen, die für Google-News-Quellen gelten. Google behält sich vor, bei Verstößen oder Missbrauch entweder den Faktencheck nicht als solchen hervorzuheben oder die Seite ganz auszulisten.

Eine inhaltliche Überprüfung, ob ein angeblicher Faktencheck zum Beispiel unparteiisch und seriös ist oder parteiisch und irreführend, findet nicht statt. Damit ist es natürlich auch möglich, unter dem schwer angesagten Label „Faktencheck“ für mehr Desinformation zu sorgen.

Google schreibt:

Diese Faktenchecks sind nicht unsere eigenen, und wir werden nicht immer mit ihnen einverstanden sein ‒ so wie die Faktenchecks auch untereinander nicht immer einer Meinung sein werden. Dennoch denken wir, dass dies ein hilfreiches Instrument für die Nutzer ist, um zu sehen, wie viel Übereinstimmung es gibt und klar zu erkennen, welche Quellen einer bestimmten These zustimmen. Indem wir Faktenchecks in den Suchergebnissen hervorheben, sollte es Nutzern leichter fallen, Fakten zu überprüfen, diese zu beurteilen und sich so eine eigene, fundierte Meinung zu bilden.

In den Vereinigten Staaten nutzen etablierte Faktencheck-Seiten wie „Snopes“ und „Politifact“ und die „Washington Post“ das neue Feature; auch der „Gossip Cop“, der vermeintliche Enthüllungen aus dem Leben von Stars überprüft, ist dabei.

In Deutschland begännen die etablierten Medien ohnehin gerade erst, neue digitale Formen von Faktenchecks zu entwickeln und einzusetzen, meint Isabelle Sonnenfeld, die Leiterin des Google News Lab im deutschsprachigen Raum. „Ich gehe davon aus, dass es insbesondere vor der Bundestagswahl sicher noch mehr Projekte geben wird.“ Sie verweist auf die Initiative „CrossCheck“, bei der Google in Frankreich im Vorfeld der Präsidentenwahl mit zahlreichen Nachrichtenorganisationen zusammenarbeitet, um Falschmeldungen aller Art möglichst schnell zu widerlegen. Google werde in Deutschland verstärkt auf Redaktionen zugehen und ihnen die neuen Möglichkeiten und ihre Umsetzung erläutern.

„Wir werden den Faktencheck-Tag einbauen und arbeiten gerade an der Umsetzung“, sagt der stellvertretende „Zeit Online“-Chefredakteur Martin Kotynek. Das verzögere aber noch ein wenig. FAZ.net ist ebenfalls interessiert, aber noch nicht dazu gekommen, die nötigen Schritte umzusetzen.

Beim im März gestarteten „Faktenfinder“ der „Tagesschau“ ist eine Beteiligung noch offen. „Wir prüfen das derzeit technisch und redaktionell, ob wir da auftauchen wollen“, sagt der Redakteur Patrick Gensing. „Mir war es wichtig, nach den vielen Worten und Diskussionen über gezielte Falschmeldungen zunächst in die Praxis einzusteigen.“ Er sagt, dass technische Tools zwar hilfreich sein können, entscheidend aber letztendlich sei, „sich inhaltlich und journalistisch mit Phänomenen wie gezielten Falschmeldungen und Hass-Inhalten auseinanderzusetzen“.

Auch bei „Spiegel Online“ zögert man noch. „Wir schauen uns die Programme zu Fact-Checking grundsätzlich alle an“, sagt eine Sprecherin auf Anfrage. „Bisher hat uns kein Modell überzeugt, das die Anbieter der großen Plattformen konzipiert haben. Wir sind auch mit Google dazu im Austausch, haben uns aber bisher nicht für eine Teilnahme entschieden.“

Die „Süddeutschen Zeitung“ dagegen plant nicht, sich als Faktenchecker auf Google zu präsentieren: „Wir sehen es als Redaktion nicht als unseren ersten Job, eine Infrastruktur für bessere Social Streams oder Suchergebnisse aufbauen zu helfen und darin zu investieren, andere Plattformen mit unserem Aufwand zu verbessern“, sagt Digital-Chef Stefan Plöchinger. Mit dem bloßen Setzen eines Tags sei es oft nicht getan.

Ähnlich wie bei der Anti-Fake-Offensive von Facebook sieht Plöchinger das Vorgehen der Internetfirmen kritisch:

„Wir fänden es gut, wenn Internet-Konzerne mit ihrer finanziellen Ausstattung sich solche eher redaktionellen Vermittlungskompetenzen auch mal selbst aneignen und nicht einfach auf Zuarbeit durch andere oder wie Facebook auf Outsourcing an Dienstleister vertrauen. Sie müssen ihre Produkte und Algorithmen selbst in den Griff kriegen, wenn sie Fake News als Problem haben; sie sind die modernen Kioske, und als solche müssen sie halt schauen, dass sie keine Billigheftl in die Auslage packen, wenn sie Qualität ausstrahlen wollen. Was ein Biligheftl ist und was nicht, dieser Diskussion müssen sie sich auch selbst stellen und nicht nur auf Metadaten-Signale aus Nachrichtenfeeds vertrauen.“

Google hat nach eigenen Angaben sein Ranking gerade erst verändert, um zu einer „Verbreitung von zukünftig qualitativ höherwertigen Inhalten aus dem Internet“ beizutragen. Es wird aber ein außerordentlich schwerer Spagat, gleichzeitig wirkungsvoll gegen schlechten Journalismus und Journalismus-Attrappen anzukämpfen und dabei die Position als neutraler Vermittler aufrecht zu erhalten.

9 Kommentare

  1. Was Plöchinger da moniert ist ja leider Käse. Es geht ja nicht nur um offensichtliche oder nicht.offensichtliche „Fake News“ (warum das Journalisten immer noch in den Mund nehmen…) sondern eben um Behauptungen die aufgestellt werden und ein bestimmtes mediales Echo erzeugen.
    Siehe eben Höckes Rede (ob man hierzu nun ein Factchecking hätte haben müssen, sei mal dahingestellt).
    Allein an Söder oder Scheuer könnte man sich dauerhaft am Factchecking abarbeiten.
    Der Weg ist zumindest der richtige.

  2. Nur mal so als Beispiel: Herr Höcke hat eine Rede gehalten, eine ganz bestimmte und viel zitierte. Das ist eine Tatsache, die von niemandem bestritten wird. Dass es eine „berüchtigte“ Rede war, ist kein Fakt, sondern Meinung.
    Man kann sich nun die Rede komplett anhören oder durchlesen, man kann es aber auch lassen. Ich habe in der Rede keine Tatsachen gefunden, die durch einen Faktencheck überprüft werden könnten.
    Es handelt sich um Meinungen, aber auch der Faktencheck dient der Verbreitung von (anderen) Meinungen.
    Die Fakten, die ich dahinter erkenne, sind die:
    Die Bevölkerung Europas stagniert bis schrumpft, die Bevölkerung Afrikas steigt stark. Das kann man finden, wie man will. Das kann man nennen, wie man will. Wie ich das bewerte, wie andere das bewerten, da hilft ein Faktencheck nicht weiter.
    Der eine nennt es Fakt, der andere Fake. Mein Fakt, Dein Fake. Und umgekehrt.

  3. Diese sogenannten „Faktenchecks“ sind sicher eine legitime Form journalistischer Aufarbeitung, suggerieren aber einen Anspruch, der sich bei den meisten Themen im Grunde gar nicht einlösen lässt. Insofern können Quellen wie Correctiv durch die inhaltliche Konzentration bei der persönlichen „Wahrheitsfindung“ durchaus hilfreich sein, allerdings sehe ich angesichts der inflationären Verbreitung solcher „Faktenchecks“ auch eine große Gefahr des Missbrauchs. Und der Gedanke, dass es da einen Algorithmus geben soll, der all diese „Faktenchecks“ an zentraler Stelle als mehr oder weniger glaubwürdig bewertet und entsprechend präsentiert, ist mir ausgesprochen unangenehm. Ich brauche und will solche von wem auch immer betriebenen „Instanzen“ nicht, sondern möchte weiterhin selbst entscheiden, welche Informationen aus welchen Quellen ich für relevant halte und zur Erzeugung eines halbwegs schlüssigen Gesamtbildes berücksichtige. Irrtümer sind dabei ausdrücklich eingeschlossen, denn es sind dann eben MEINE Irrtümer, die ja letztlich auch wieder zur Erkenntnis beitragen.

    Der an sich verständliche Wunsch nach Effizienz und Vereinfachung ist beim Prozess besagter „Wahrheitsfindung“ m. E. nicht erfüllbar. Dieser Prozess ist und bleibt so komplex wie die Welt, in der wir leben. Da muss man durch.

  4. „Da muss man durch.“

    Ja, aber geht durch und wer nicht? Es gibt genügend Menschen, die sich nicht im intellektuellen Recherchemodus befinden, die Quellen eher schlecht beurteilen können und denen Orientierungspfeiler grobe Hilfen geben und manchmal auch Motivation, weiter zu suchen.

  5. @Angelo M. Erkel.
    Die Aussage, Afrikaner und Europäer hätten nach r/K-Theorie unterschiedliche Reproduktionsstrategien ist faktisch falsch. Und das ist nur eine.
    Nicht alles ist eine Meinung.

  6. Sagen wir halt, Herr Höcke hat „einfach nur eine Meinung“.
    Und als Antwort hat der Faktenchecker halt auch „einfach nur eine Meinung“.

    Das ist halt das Doofe an dem „ist ja nur meine/seine Meinung“-Argument: es wirkt in beide Richtungen, solange keine kognitive Dissonanz angewandt wird…

  7. Was ist denn überhaupt ein Fakt? An sich eine Tatsache, die unbestreitbar korrekt dargestellt wird. Dazu muss diese Tatsache bewiesen sein, eben wieder durch Fakten, also dazugehörige Tatsachen, die aufgrund unterlegter Beweise nicht bestritten werden können. Das gestaltet sich bei bestimmten komplexen Sachverhalten schwierig. Bei dünner Informationslage, stärker emotionaler Beteiligung, Kontroversen und einer eigenen Weltsicht, für die Bestätigung gesucht wird, ist jeder Beweis letztlich zweifelhaft. Da ist am Ende die Division durch Null einfacher als ein überzeugender Faktencheck.
    Und dann haben wir außerdem noch die Konstellationen, bei denen es ziemlich einfach ist, eine Behauptung zu widerlegen. Aber da siegt der Glaube an die Behauptung oft über die einfache Tatsache.
    Der Grundsatz der Idee ist gut. Die Verbissenheit und Unversöhnlichkeit der gegenwärtigen Streitkultur macht es aber fast unmöglich, damit eine Art Grundsicherung des Wahrheitsgehaltes zu erreichen.

  8. „Plastik fressende Raupen und Co.
    Entdeckt von Doktor Zufall
    Eine spanische Forscherin hat eine Plastik fressende Raupenart entdeckt – per Zufall. Es ist nicht das erste Mal, dass pures Glück die Wissenschaft voranbringt. Hier sind neun bekannte Beispiele.“

    Das melden Spiegel Online und sinngemäß ein paar Dutzend weitere deutsche Blätter. Die „spanische Forscherin“ trägt den Namen Federica Bertocchini . Jeder halbwegs Sprachbegabte wird da schon mal skeptisch: einen italienerischen Namen kann man sich kaum vorstellen. Sie ist auch tatsächlich Italienerin, aber die Uni, an der sie forscht, liegt in Spanien. Eine Italienerin in Spanien, das ist für den durchschnittlichen Online-Schreiber schon überkomplex.

    Es ist also Fake News, das mit der spanischen Forscherin. Keine böse Absicht, aber beachtliche Dummheit. Leider liegen gefühlt 10 Prozent aller Infos so auf diesem Ungefähr-richtig-aber-knapp-daneben-Level. Dagegen dürfte kein Kraut gewachsen sein. Und auch kein Wahrheitsbüro.

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