Quotentest im Ersten: Weniger „Tagesschau“ für mehr „Brisant“

Das Erste hätte gerne bessere Quoten am Nachmittag. Bis 16 Uhr geht es, da schauen die Leute brav die Seifenopern „Rote Rosen“ und „Sturm der Liebe“. Aber dann entschwinden sie. Nach fünfzehn Jahren sind sie nicht mehr davon gefesselt, wie in Sendungen wie „Elefant, Tiger & Co.“, „Affe, Eisbär & Co.“ und „Panda, Gorilla & Co.“ Zootiere gewogen werden. Ein Versuch, sie mit um die Wette kochenden Landfrauen bei der Stange zu halten, war auch nicht von Erfolg gekrönt.

Mit der Mutlosigkeit der Verzweiflung hat Programmdirektor Volker Herres darum in den vergangenen Wochen etwas anderes probiert: Anstatt ein neues attraktiveres Programm zu suchen, testete er, ob es den Zuschauerzahlen hilft, ein bisschen mehr Boulevard zu senden. Die „Tagesschau“ um 17 Uhr wurde dafür von 15 auf 10 Minuten Länge gekürzt; das Magazin „Brisant“, das über schlimme Unfälle und Erlebnisse von Prominenten informiert, begann entsprechend früher.

Das ZDF war diesen Schritt – angeblich aus Spargründen – schon vor fünf Jahren gegangen. Seitdem beginnt das Blaulicht-Magazin „Hallo Deutschland“ schon um 17:10. Kostet dieser Boulevardvorsprung das Erste wertvolle Marktanteilspromille?

Gegen die Pläne der Programmredaktion regte sich Widerstand in der ARD. Bemängelt wurde neben der Einfallslosigkeit des ganzen Unterfangens vor allem, dass es doch merkwürdig wäre, wenn das Erste gerade in einem Jahr die „Tagesschau“ kürzt, das es selbst zum „Jahr der Information“ ausgerufen hatte und in dem es mit dem Satz „Das Erste – wenn es wichtig wird“ für sich wirbt. Auch die Intendanten sprachen sich mehrheitlich gegen diese Änderungen am Nachmittag aus.

Doch die Programmdirektion setzte sich über die Bedenken hinweg und änderte am 20. März das Programmschema: Als würde zur Zeit nicht genug Wichtiges in der Welt passieren, um eine Viertelstunde Nachrichten zu füllen, wurde die „Tagesschau“ um ein Drittel verkürzt – zugunsten der bunten „Brisant“-Meldungen, von denen man ja nie genug sehen kann. Erstaunlicherweise ließ der Sender die Öffentlichkeit über diesen Schritt im Dunkeln. In den Programmübersichten und auf den Seiten der ARD wurde als Startbeginn von „Brisant“ weiter 17:15 Uhr angegeben, obwohl die Sendung jeden Tag um 17:10 Uhr begann.

Immerhin gab es – wohl um die Kritiker im Haus zu besänftigen – eine Art Ausgleich: Die „Tagesschau“ um 16 Uhr wurde (ebenso klammheimlich) um etwa drei Minuten verlängert.

Was genau die Kriterien waren, an denen ein Erfolg dieses Testes gemessen wurde, ist unbekannt. Er sorgte jedenfalls nicht zu einer Steigerung der Quoten.

Die Pressestelle der Programmdirektion des Ersten gibt sich auf Anfrage wortkarg. Sie gibt nur bekannt, dass die „vierwöchige Testphase“ mit dem heutigen Tag abgeschlossen sei: „Ab kommenden Dienstag, dem 18. April, gilt wieder das gewohnte Programmschema.“

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3 Kommentare

  1. „Nach fünfzehn Jahren sind sie nicht mehr davon gefesselt, wie in Sendungen wie „Elefant, Tiger & Co.“, „Affe, Eisbär & Co.“ und „Panda, Gorilla & Co.“ Zootieren gewogen werden.“
    Man will ja nicht kleinkariert wirken, aber der Satz wird nicht schöner, wenn man ihn nochmal liest.

  2. Mir widerstrebt es zwar, hier den Advocatus brisanti zu geben, aber könnte man nicht auch fairerweise einfach sagen, das Erste habe seine längere Tagesschau in die Mitte gelegt (15, 16, 17 Uhr) und ausprobiert, ob sie dort mehr Zuschauer findet? Also eher Brisant gegen Coala, Colibri & Co.?
    (Die zwei Minuten weniger ließen sich wahrscheinlich damit erklären, dass es für einen kurzen Test im Sendeschema leichter ist, eine tagesaktuelle Boulevardsendung zu verlängern als eine vorgefertigte Pseudodoku zu kürzen.)

  3. Wäre es nicht logischer, „Brisant“ auf den Sendeplatz von „Puma, Pavian & Co.“ zu legen und umgekehrt? Zwei identische Formate gegeneinander zu senden habe ich noch nie für sinnvoll gehalten.

    (Außerdem nervt es mich immer, wenn ich im Abspann noch Mareile Höppner oder die andere Grinsekatze sehe. Für „Gefragt Gejagt“ muss man ja leider immer 5 Minuten vor der ausgewiesenen Zeit einschalten, um nicht einen Teil der ersten Runde zu verpassen.)

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