Angebliche „Fake News“ geht als Debatte über „Fake News“ um die Welt

Ein Vorschlag im Guten: Lasst uns damit beginnen, den Begriff „Fake News“ wieder aus unserem Vokabular zu löschen. Denn wie so oft im Deutschen kleiden wir Dinge, die wir nicht genau definieren können oder wollen, in englische Kleider. Gender Mainstreaming, Media Intelligence Company, Buzz oder Fake News. Klingt toll! Aber von was genau sprechen wir eigentlich?

Was bei diesem Verwischen von Definitionen herauskommt, lässt sich in dieser Woche hervorragend bei der „Zeit“ feststellen, die sich mit großem Aufschlag der Gefahr aus dem Osten angenommen hat. Auf der Titelseite sieht man das Kanzleramt den Reichstag im Fadenkreuz, darüber in großen Buchstaben: „Deutschland im Visier.“

Einen ausführlichen Artikel widmet das Hamburger Wochenblatt in Print und Online einer Nachricht, die exemplarisch zeigen soll, „wie viel Einfluss eine Fake-News auf die politische Debatte eines Landes im Wahlkampf haben kann.“ Das will man sehen, denkt man doch sofort, wie uns der Putin steuern kann! „Erstmals“, tönt die „Zeit“, könne man „anhand eines konkreten Falls“ nachvollziehen, „wie sich eine Falschmeldung im 21. Jahrhundert verbreitet.“ Dann mal los!

Ist Emmanuel Macron heimlich schwul?

„Emmanuel Macron ist schwul, NOT!“ ist der „Zeit“-Artikel in der Online-Version überschrieben, und weiter heißt es: „Weil auf einer russischen Website steht, der französische Präsidentschaftskandidat Emmanuel Macron sei schwul, diskutiert die Welt drüber.“

Der Autor Götz Hamann macht sich daran, die angebliche weltweite Wirkungsmacht der russischen „Fake News“-Produktion anhand eines Artikels der englischen Version der russischen Nachrichtenwebseite „Sputnik“ zu belegen:

Eigentlich müsste inzwischen fast jeder Mensch davon gehört haben: Der französische Präsidentschaftskandidat Emmanuel Macron soll heimlich schwul sein. So hieß es in einem Artikel auf der prorussischen Propagandaseite ‚Sputnik‘ am 4. Februar. Es war der Ausgangspunkt für eine weltumspannende Verbreitung dieser Falschnachricht. In den darauffolgenden Tagen nehmen mehr als 17.000 TV-Beiträge, Artikel, Blogeinträge und Posts auf Twitter und Facebook darauf Bezug.

Ging eine Falschnachricht um die Welt?

Damit keine Zweifel an der Behauptung bleiben, hat die „Zeit“ die Kölner „Media Intelligence Company“ (!, s.o.) Unicepta beauftragt, Daten über die Verbreitung zu erheben und auszuwerten.

Oooh, aaah, macht der Leser da angesichts der Infografik, in der rote Blitze aus Moskau in alle Welt flitzen. Am Ende steht eine 8 in Russland, eine 33 in den USA und eine 165 in Frankreich. Das sind „Beiträge, die auf den Ursprungsartikel bei ‚Sputnik‘ verlinken“.

Weil das dann doch etwas mager klingt, legt die „Zeit“ nach: „Das gesamte Ausmaß, der volle Buzz (!, s.o.), den Unicepta ermittelt hat, ist um ein Vielfaches größer, zusammen eben 17.000 Beiträge groß.“ Nochmal zur Orientierung: TV-Beiträge, Artikel, Blogeinträge und Posts auf Twitter und Facebook. Zwei Drittel, so erkennt man an einer weiteren Infografik, entfallen auf Twitter.

Behauptete „Sputnik“, Macron sei schwul?

Wenden wir uns nun der in letzter Zeit viel beschworenen aber in entscheidenden Momenten in Vergessenheit geratenden Königsdisziplin zu: die Faktenprüfung.

Die wichtigste Frage: Worin besteht eigentlich die Falschnachricht?
Immerhin hat die „Zeit“ uns insofern geholfen, als dass sie auf den Originalartikel verlinkt. Der sieht so aus:

Wir lesen Auszüge aus einem Interview mit dem Abgeordneten Nicolas Dhuicq, der seit 2007 im französischen Parlament sitzt und zur Partei der Republikaner gehört, die den Kandidaten Francois Fillon unterstützt. Dhuicq steht für eine russlandfreundliche Politik, beim Thema Syrien folgt er der russischen Sichtweise, und in der französischen Innenpolitik ist er für seinen Einsatz gegen die Schwulenehe bekannt.

„Weil auf einer russischen Website steht, der französische Präsidentschaftskandidat Emmanuel Macron sei schwul…“, behauptet die „Zeit“. Aber, erstens: Wäre es nicht korrekt, die Behauptung ihrem Urheber zuzuordnen, und zwar dem Abgeordneten Dhuicq, von dem alle Behauptungen gegenüber „Sputnik“ stammen? Zweitens sucht man im Artikel vergeblich nach der klaren Behauptung, Macron sei schwul.

Dhuicq sagt laut „Sputnik“ wörtlich:

„Was sein Privatleben betrifft, so wird dies öffentlich während wir sprechen… Macron ist ein Typ, den die französischen Medien ihren Chouchou (oder Liebling) nennen. Die Medien gehören einigen wenigen Leuten, wie wir alle wissen. Einer von denen, die ihn unterstützen, ist der bekannte Geschäftsmann Pierre Berge, ein Geschäftspartner und Langzeitliebhaber von Yves Saint Laurent, der offen homosexuell ist und für die Schwulenehe eintritt. Hinter ihm steht eine sehr reiche Schwulenlobby. Das erklärt alles.“

Unmittelbar nach diesem Zitat erwähnt „Sputnik“ ein Dementi: „Im November 2016 wies Macron öffentlich das hartnäckige Gerücht zurück, dass er heimlich schwul sei und ein ‚Doppelleben‘ führe.“ Dieses Gerücht, so steht es übrigens auch im Artikel, kursiert in Frankreich schon seit einem Jahr.

Ist Macron US-Agent?

Überschrieben ist der Artikel dagegen mit „Ex-French Economy Minister Macron Could Be ‚US Agent‘ Lobbying Banks‘ Interests“, und darum geht es auch zu großen Teilen im Artikel: um den Vorwurf Dhuicqs, Macron habe stets im Dienst amerikanischer Banken gestanden und als Minister den Verkauf französischer Großunternehmen an amerikanische Konkurrenten vorangetrieben.

Was ist also dieser rauchende Colt, den die „Zeit“ uns hier präsentiert? Es ist in Wirklichkeit ein glimmender Zigarettenstummel.

Keine Frage: „Sputnik“ und „Russia Today“ betreiben Propaganda und sie werden dafür vom russischen Staat bezahlt. Die Nachrichten mit Russlandbezug haben eine eindeutige Tendenz, die staatliche russische Sichtweise zu verteidigen, von Syrien bis zur Ukraine. Auch die deutsche Version von „Sputnik“ interviewt meist Politiker von den politischen Rändern, ob Frauke Petry oder Sahra Wagenknecht.

Kämpft „Sputnik“ für Le Pen und Fillon?

Möglicherweise verfolgt „Sputnik“ im französischen Wahlkampf die Strategie, eher die Kandidaten zu verteidigen, die für eine Annäherung an Russland stehen, also Marine Le Pen und Francois Fillon. Ein erster Blick auf die sonstigen Nachrichten zu Macron sowohl auf der französischen als auch der englischen Sputnik-Webseite bestätigt diesen Verdacht aber eher nicht. Zum angeblichen Großangriff des Kremls auf Macron passt auch nicht, dass „Sputnik“ das Interview mit Dhuicq auf seiner französischen Seite gar nicht verbreitet hat.

Der Artikel, den die „Zeit“ uns hier als Paradebeispiel einer russischen Desinformationskampagne präsentieren will, enthält lediglich Behauptungen, die ein politischer Gegner gegen Macron erhebt. Warum sollte „Sputnik“ dieses Interview nicht veröffentlichen? Was Dhuicq da von sich gibt, mag schlechter Stil sein. Aber hey, es ist Wahlkampf in Frankreich!

Und sollte Macron in Dhuicqs Äußerungen rufschädigende oder falsche Behauptungen sehen, steht ihm der Weg vor Gericht frei. Aber was genau sollte er da beanstanden?

Sind die Daten aussagekräftig?

Als Beleg für die Einflussnahme russischer Medien auf unsere Demokratie taugt dieser Artikel auch aufgrund seiner Datenbasis nicht. Schauen wir uns nochmal genau an, welche Aussagekraft die Daten jener „Media Intelligence Company“ haben.

„Unter anderem erscheinen in Deutschland rund 30 Artikel in den Printausgaben von Zeitungen und Magazinen, die sich mit dem Gerücht über Macron beschäftigen, mit den politischen Folgen für ihn, mit der Frage, welchen Einfluss die russische Einmischung in den Wahlkampf hat“, heißt es in der „Zeit“.

Eben das ist der Punkt. Denn was sagt uns die Statistik eigentlich darüber, in welchem Zusammenhang der „Sputnik“-Artikel verlinkt wurde? Befassten sich diejenigen, die auf ihn verweisen, mit der Frage von Macrons Vergangenheit bei der Rothschild-Bank? Mit seiner Homosexualität?

Was, wenn sich die größte Anzahl der Artikel oder Posts mit dem negativen Einfluss der russischen Propaganda beschäftigt haben? Darauf deutet eine Grafik mit Daten hin, die die „Zeit“ nur in ihrer Print-Ausgabe veröffentlicht. Dort steht zwar neben der Grafik unter der Überschrift „Und ab geht die Post!“ der Satz: „Der Fall zeigt, wie sich eine Fake-News ihren Weg in die Welt bahnt.“ Aber die Grafik scheint dann vor allem zu zeigen, wie eine vermeintliche „Fake News“ vor allem eine Welle von Artikeln über die Gefahr von „Fake News“ auslöst.

Es könnte also zutreffen, was Alexej Kowaljow, einer der bekanntesten russischen Kämpfer gegen tatsächliche Falschmeldungen, jüngst in einer Diskussion zum Thema auf den Punkt gebracht hat: „Es lesen mehr Menschen Berichte über die Gefahren der russischen Propaganda als diese Propaganda selbst.“

Zur Info: Den Artikel auf „Sputnik“ hatten laut Angaben über dem Artikel selbst bis Montagabend knapp 19.000 Menschen gelesen.

Selbst die „Zeit“ gibt am Ende des Artikels zu, wie wenig Erfolg die Meldung zeitigte:

Denn in Frankreich hat sich der Vorwurf, der Präsidentschaftskandidat sei heimlich homosexuell, nicht als politisches Todesurteil erwiesen. Als sich Macron am 6. Februar äußert, tut er das offensiv und macht Witze über den Vorwurf. (…) Ab diesem Zeitpunkt dreht sich die Diskussion und statt darüber zu diskutieren, ob an dem Gerücht etwas dran sei, thematisieren die französischen Medien seither zunehmend, ob und wie Russland versuche, die Wahl zu manipulieren.

Wozu also, ist man geneigt zu fragen, all die Aufregung?

 
Medien besser kritisieren.

14 Kommentare

  1. Pardon, aber was sich da im Fadenkreuz befindet ist der Reichstag, nicht das Kanzleramt. ‚Fake-News‘ bei Uebermedien ? :-)

  2. Ihr schreibt, man sehe „das Kanzleramt im Fadenkreuz“ — ist aber der Bundestag, wenn ich das richtig sehe.

  3. Seufz.

    Allein beim Titel hätte schon Betteridge’s law of headlines gereicht:
    „Any headline that ends in a question mark can be answered by the word no.“

  4. So ’ne rein Landespolitische Frage: Man nimmt ja wohl an, dass die Verantwortlichen Russen den Mann übel diskreditieren wollen.

    Aber warum hängt man ihm denn dann an, schwul zu sein? Ist das nicht eher was, wo dem Klischee nach die Russen was gegen haben, während Frankreich da eher sagen würde „Ja na und?“ Bei denen verpuffen doch auch sex-skandale oft, weil sich die Leute sagen, dass das eh jeder macht.
    Selbst in Deutschland würde denke ich bei einem „Martin Schulz ist Schwul!“-Artikel die eher-linke Öffentlichkeit sich auf seine Seite schlagen und ungewolltes (egal ob wahrheitsgetreues) Outing verurteilen.

    Das Mittel zur Diskreditierung scheint mir unpraktisch gewählt. Die Behauptung, er wäre eigentlich ausländischer „Spion“ (wie der Sputnik-Artikel eigentlich im Titel ja andeutet) kommt mir da viel geeigneter vor.

    Kann es sein, dass die Zeitungen sich da an einem Detail verbissen haben, welches die (jetzt mal angenommenen) russischen Wahlmanipulatoren blöder erscheinen lässt als sie eigentlich sind, weil sie ihn eigentlich viel effektiver diskreditieren wollten?

  5. Ist „Selbst die „Zeit“ gibt am Ende des Artikels zu, wie wenig Erfolg die Meldung ZEITIGTE“ eigentlich eine clevere Anspielung auf die „Zeit“, die ich nicht verstehe, oder einfach nur ein Schreibfehler?

  6. Alles klar, er IST schwul, aber lässt streuen, dass er schwul sei, um diese Gerüchte als russisch-schwulenfeindliche Propaganda abzutun.

    Genial.

  7. Warum gibt’s den Sputnik Artikel nur auf englisch wenn die Russen die französische Wahl beeinflussen wollen?

    An welcher Stelle behauptet Sputnik Macron sei schwul?

  8. #6:
    Da sortieren sich WirWest- und Russenklischees zu einem Gegensatzpaar von trügerischen Schwarz-Weiss-Gegensätzen.

    Vielleicht rufen Sie sich noch mal die „La Manif pour tous“ Bewegung in Erinnerung? Die haben vor 3 Jahren Hundertausende zum Protest gegen die Homoehe und für eine Positivdiskriminierung klassisch traditioneller Familien auf die rue bekommen.
    http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2013-03/demonstration-homoehe-paris

    Französische Alt-Konservative (vermutlich inkl katholische franzKirche) und die Front National agitieren, wie deren Kumpane hier, für den Kampf für diese traditionellen Familienwerte. Also die, gegen die der wirtschaftsradikal-neorechtsliberale Macron als Hoffnungsträger unserer ebenso rechtsliberalen Meinungsmacher antritt. (Nachdem deren vorher ausgerufenen Hoffnungsträger als korrupt/bzw. völlig unpopulär entpuppt haben-Fillon und Valls)

    Das ist also sicherlich ein Thema mit einer gewissen Relevanz. Auch wenn Sputnik sich vor allem auf seinen beruflichen Background ausschließlich im Investmentbanking bei Rothschild kapriziert.

    Ist man denn in Frankreich bereits so an offen schwule Spitzenpolitiker gewohnt, wie Deutschland (seit knapp 10 Jahren)? Da sagt mein Klischee: Nein. Falsch?

    Dass das weiterhin als wirksames Thema eingeschätzt wird, zeigt sich an der Reaktivierung jener Bewegung zur Wahl.
    http://www.zeit.de/politik/ausland/2016-10/frankreich-protest-homo-ehe-paris

    Würde mich wundern, wenn die russische Propaganda bräuchten, um hier anzuhebeln. Gibt RT/Sputnik überhaupt in französischer Sprache?
    LePens französische Zielgruppe dürfte wohl noch eher dem Klischee der Englisch-Verweigerung entsprechen, also wenig davon mitbekommen.

  9. @vetaro
    Die Zeit schreibt ja auch, dass ein „für die Platzierung einer erfolgreichen Desinformation tiefes kulturelles Verständnis der Zielgesellschaft“ begrenzt war. Weiterer Grund, dass die Kampagne nicht so richtig zum Ziel führte: Macron hat geschickt gekontert (unicepta).
    @Bob: sputnik verpackt das in codes, das reicht schon
    „Besides, one of the guys who backs him is famous businessman Pierre Berge, a business partner and long-time lover of Yves Saint Laurent, who is openly homosexual and advocates gay marriage. There is very wealthy gay lobby behind him. This says it all,“ Dhuicq said.“

    mehr dazu https://no4right.wordpress.com/2017/03/01/niggemeier-vergleicht-bild-mit-breitbart/

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