Gruner+Jahr setzt auf Kopieren+Absahnen

„Diebstahl!“, schrien die Verlage, immer und immer wieder. Es war eines der zentralen Argumente in ihrem jahrelangen Kampf für das Leistungsschutzrecht: Google, Facebook und andere Netzriesen würden ihre Inhalte klauen und damit Geld verdienen.

Oder wie der „Tagesspiegel“ es vor einigen Wochen formulierte:

Die Netzriesen saugen die Redaktionen systematisch aus. Schwer erarbeitete, teure redaktionelle Inhalte (…) kommen ins Internet, Konsumenten bedienen sich gratis, die Netzriesen kassieren Werbeeinnahmen durch Anzeigen im Flimmerumfeld an den Rändern der Berichte und die Medien verlieren: Einkommen, Auflagen, Angestellte, Mittel für Recherchen, Produktion und Druck.

Traurige Ironie dabei ist, dass manche Verlage seit Jahren genau das machen. Bloß andersherum: Sie saugen die Netzriesen systematisch aus, machen sich deren Inhalte zu eigen und kassieren über Anzeigen Werbeeinnahmen.

Gruner+Jahr zum Beispiel. Der Verlag, der zu den ersten Kämpfern für das Leistungsschutzrecht gehörte, übernahm vor zwei Jahren die Onlineseite „Gentside“, „Das Portal für Männer“.

In Frankreich gestartet, gibt es „Gentside“ heute in mehreren europäischen Ländern, seit 2015 auch in Deutschland. Vor zwei Jahren übernahm die Gruner-Tochter „Prisma Media“ das französische Unternehmen, das die Seiten betreibt.

„Gentside“ hat sich darauf spezialisiert, fremde Inhalte als eigene zu veröffentlichen und dann über Anzeigen Geld zu verdienen. Vor allem Videos laden die Mitarbeiter massenweise von anderen Plattformen herunter und bei „Gentside“ wieder hoch, fügen ein paar Schrifttafeln ein, schalten Werbung davor, fertig. Und das alle paar Stunden. Jeden Tag.

Ein typischer Tag sieht so aus (als Beispiel ein willkürlich gewählter Tag aus dem vergangenen Monat): Los ging es morgens um Punkt 6.30 Uhr:

"Karatemeister steckt kolossalen Schlag gegen die Halsschlagader ein"
Screenshot: Gentside.de

Was nicht verraten wird: Das Video ist fast zehn Jahre alt. Es kursiert seitdem bei Youtube, ursprünglich stammt es aus einer amerikanischen Fernsehshow bei FOX. Eine Quelle gibt „Gentside“ nicht an. Aber immer im Bild: das „Gentside“-Logo.


10.30 Uhr:

Die Fotos stammen vom Twitter-Account eines russischen Tiefseefischers. „Gentside“ hat sie nicht eingebettet, sondern als eigene Bilder hochgeladen. Verlinkt wurde der Twitter-Account nicht.


12.07 Uhr:

Das Video stammt von Twitter-Nutzer @DavidPeste. Auch das wurde nicht eingebunden, sondern als eigenes Video hochgeladen (nur so können sie Werbung davor schalten). Die Quelle wird nicht angegeben.


15.15 Uhr:

Das Video gibt’s seit 2014 bei Youtube. Keine Quellenangabe.


16.20 Uhr:

Ein Facebook-Eintrag von Oliver Kalkofe.


17.00 Uhr:

Ein Instagram-Foto von Veronica Ferres.


18.00 Uhr:

Ein zweieinhalb Jahre altes Youtube-Video, als eigenes hochgeladen.


20.30 Uhr:

(… weil sie große Brüste haben, höhö.) Youtube-Video, ein Jahr alt, ebenfalls als eigenes hochgeladen.


Bei vielen Medien gehört es heute zum redaktionellen Alltag, Social-Media-Posts oder Youtube-Videos zu eigenen Inhalten zu verwursten. Wenn, sagen wir, ein Model bei Instagram ein Bikini-Foto postet, ist „Bild“ im Nu zur Stelle, sabbert sich ein paar Zeilen zusammen („Na, wenn das kein Urlaub fürs Auge ist …“), sucht noch ein paar andere Bikini-Fotos raus, fertig ist der Artikel.

Oder wenn bei Twitter ein Video viral geht, zum Beispiel von einem Koch, der heimlich ins Essen spuckt, dauert es nicht lange, bis auch deutsche Medien Artikel daraus machen.

Bei „Gentside“ läuft das alles viel systematischer. Die Seite besteht nahezu ausschließlich aus fremden Inhalten, die ohne Anlass, ohne Einordnung und ohne Quellenangabe veröffentlicht werden. Die redaktionelle Bearbeitung besteht in den meisten Fällen bloß aus einer knappen Beschreibung dessen, was auf den Fotos oder in dem Video zu sehen ist.

Während viele andere Medien Inhalte aus Sozialen Medien einbetten, lädt „Gentside“ grundsätzlich alles selber hoch, um Werbung davor schalten zu können und den Lesern keine Gelegenheit zu bieten, die Seite zu verlassen. Alles an „Gentside“ ist darauf ausgelegt, mit fremden Inhalten möglichst viele Geld zu kassieren.

Das Prinzip ist simpel: Vor jedem Video kommt Werbung, und sobald es vorbei ist, springt man automatisch zum nächsten, wieder mit Werbung. Die Videos kann man weder teilen noch einbetten, das heißt, man muss auf die Seite, um sie anzusehen. Und auch die Seite ist voll mit Werbung.

Das Gleiche gibt es – von denselben Betreibern – übrigens auch als Portal für Frauen, nennt sich „Ohmymag“ („Alles, was das Frauenherz begehrt“) und funktioniert nach demselben Prinzip:

Auch hier stammen die Inhalte überwiegend von Youtube, Facebook oder Instagram. Oft ohne Quellenangabe, oft schon viele Jahre alt.

Und das System funktioniert: Laut eigenen Angaben generieren die beiden Portale in verschiedenen Ländern zusammen 100 Millionen Visits pro Monat.


Im Kampf für das Leistungsschutzrecht tritt Gruner+Jahr gemeinsam mit anderen Verlagen seit Jahren „entschieden dafür ein, den Schutz geistigen Eigentums im Internet weiter zu verbessern“. Die Nutzung fremder Inhalte ohne vorherige Zustimmung sei ein absolutes Unding.

Als wir bei der „Gentside“-Redaktion nachfragen, ob sie denn vor der Nutzung fremder Inhalte eine Zustimmung einholen, bekommen wir keine Antwort. Auch auf Nachfrage: keine Reaktion.

Also fragen wir bei Gruner+Jahr nach. Der Leiter der Unternehmenskommunikation antwortet lediglich: Die Annahme, „die Sites nähmen den Content und stellten ihn einfach auf die eigene Seite“, sei „nicht richtig“. Für alles Weitere verweist er an die Pressesprecherin des französischen Tochterverlags.

Also fragen wir dort nach, ob „Gentside“ die Urheber vor der Veröffentlichung um Erlaubnis bittet. Die Presseprecherin hat aber auch keine Antworten und verweist wiederum an den Verantwortlichen für Internationales. Also schicken wir auch dem noch mal Fragen. Das ist nun eine Woche her.

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