Von der Leyens Kuschelreise mit dem Fake-Journalismus

Als der „Spiegel“ Anfang des Jahres seinen 70. Geburtstag feierte, war als Festrednerin die Bundesverteidigungsministerin zu Gast. In ihrer Laudatio sprach Ursula von der Leyen über die Verantwortung von Journalisten, über Sorgfalt, Wahrhaftigkeit und den Kampf gegen das „Gift“ namens „Fake News“.

Umso erstaunlicher, dass zwei Monate später, als die Ministerin im Baltikum den Truppenstützpunkten der Bundeswehr einen Besuch abstattete, eines der giftigsten Medien Deutschlands mitreisen durfte:

EXKLUSIV NUR IN DAS NEUE BLATT

Wir begleiteten die Verteidigungsministerin ins Baltikum

So konnte „Das neue Blatt“ Ende März eine ganze Doppelseite drucken, mit Interview und exklusiven Fotos von der Reise. Ein paar Ausgaben später folgte noch ein größeres Interview, das ebenfalls während der Reise entstanden war:

Damit Sie einen Eindruck bekommen, mit was für einem Erzeugnis wir es hier zu tun haben, werfen wir mal einen kurzen Blick in die Geschichte des „neuen Blatts“.

Bereits kurz nach ihrer Gründung sorgte die Zeitschrift für einen Präzedenzfall im deutschen Medienrecht. Und schon damals konnte man erkennen, was sie von Sorgfalt und Wahrhaftigkeit hält: Im April 1961 veröffentlichte „Das neue Blatt“ ein frei erfundenes Interview mit Prinzessin Soraya von Persien („Soraya: Der Schah schrieb mir nicht mehr“), wurde von ihr verklagt und zu 15.000 DM Schadensersatz verurteilt. Der Verlag ging in Berufung und legte sogar eine Verfassungsbeschwerde ein, jedoch ohne Erfolg.

1993 berichtete „Das neue Blatt“ über eine angeblich bevorstehende „Märchenhochzeit“ von Caroline von Monaco („Exklusiv-Reportage – Die Nachbarn proben schon fürs große Fest“). Die Prinzessin zog dagegen vor Gericht, das Blatt musste eine Gegendarstellung abdrucken. Wieder legte der Verlag Verfassungsbeschwerde wegen Verletzung der Pressefreiheit ein, doch erneut ohne Erfolg (die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts ist heute als eines der „Caroline-Urteile“ bekannt).

2003 erwirkte das schwedische Königshaus Gegendarstellungen zu gleich sechs verschiedenen Lügengeschichten, die „Das neue Blatt“ kurz darauf auf der Titelseite abdrucken musste („Keine Ehekrise! Keine Untreue! Keine Scheidungsabsichten!“).

Und so ging – und geht – es weiter. Allein in diesem Jahr musste das Blatt schon vier Titelblätter schwärzen:

Auf einem davon hatte die Redaktion behauptet, Helene Fischer sei „spurlos verschwunden“. Auf einem anderen erweckte sie den Eindruck, das monegassische Fürstenpaar habe Eheprobleme und bekomme ein Baby. Auf dem gleichen Cover druckte das Blatt ein Foto von Michael Schumacher, auf dem sie offenbar per Photoshop seine Haare grau gefärbt hatten, um es wie ein aktuelles Bild aussehen zu lassen.

Das ist also „Das neue Blatt“.

Dass es nun trotz seiner seit Jahrzehnten praktizierten Verachtung für die Wahrheit und seiner rigorosen Ablehnung journalistischer Prinzipien die Verteidigungsministerin interviewen und begleiten durfte, ist eine mächtige Adelung für „Das neue Blatt“.

Zwar dürften auch die meisten seiner Leser – laut Verlagsangaben sind mehr als die Hälfte von ihnen über 70 Jahre alt – wissen, dass „Das neue Blatt“ nicht das seriöseste Magazin auf dem Markt ist, doch wenn selbst die Verteidigungsministerin kein Problem damit hat, ihm ein Interview zu geben, es sogar mit auf Reisen nimmt – da kann es doch so schlimm nicht sein.

Mit ihrer bereitwilligen Kooperation gibt die Ministerin dem Lügenheft einen journalistischen Anstrich, sie verleiht ihm den Anschein von Seriosität. Warum macht sie das?

Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums sagte uns auf Anfrage, man habe Frau von der Leyen einfach mal „von ihrer menschlichen Seite“ zeigen wollen. Das Problem der Adelung oder einen Widerspruch zur Anti-Fake-News-Haltung der Ministerin sieht er nicht.

In ihrer „Spiegel“-Rede sagte von der Leyen:

Die Kontrollfrage, die jeder auf der Journalistenschule lernt und die er oder sie vor Veröffentlichung geprüft haben sollte, lautet: Cui bono? Wem nützt es?

Wem ihre Kuschelei mit der Regenbogenpresse nützt, ist klar. Dem Kampf gegen Fake-Journalismus auf jeden Fall nicht.

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8 Kommentare

  1. „…wissen, dass „Das neue Blatt“ nicht das seriöseste Magazin auf dem Markt ist…“

    Frau von der Leyen ist ja auch nicht gerade die seriöseste Ministerin im Kanzleramt, also passt das interview. Vorschlag: nächste Woche das Team-Gina-Lisa-Mitglied Manuela Schwesig.

  2. Frau von der Leyen läuft sich schonmal warm für den nächsten Bundestagswahlkampf, in dem sie sich als nächste Bundeskanzlerin empfehlen wird. Da wird dann eine darniederliegende weil durchmckinseyierte Bundeswehr unser kleines Problem sein.
    Aber man sieht mal weider, dass sich der Typus Politiker an seiner Maxime „Wasser predigen und Wein saufen“ festhält.

  3. Haha – „Vaters Demenz“? Hat die nicht schon 1978 angefangen mit dem Celler Loch? Da hätte sie sich tatsächlich besser drum kümmern können und mal meine ganz persönliche Meinung, wer das liest legt doch kein wert auf Fakten.

  4. Kein Aufschrei bei dieser schrecklichen Aussage, Herr Schönauer ?

    „In ihrer „Spiegel“-Rede sagte von der Leyen: Die Kontrollfrage, die jeder auf der Journalistenschule lernt und die er oder sie vor Veröffentlichung geprüft haben sollte, lautet: Cui bono? Wem nützt es?“

    Nachrichten werden demnach also ausgesucht nach der Frage, wem sie nützen? In was für einer Welt sind wir gelandet?

  5. Frau von der Leyen wird sicherlich eine ziemlich klare Vorstellung von der Zielgruppe besagter Zeitschrift haben. Wahrscheinlich kommen diese Art von Interviews dort auch gut an. Es liegt in der Natur der Sache, dass Politiker, vor allem wenn sie Wählen gewinnen wollen, das Bedürfnis haben sich breitflächig zu präsentieren.
    Inwieweit dabei ethische Grenzen überschritten werden und gleichzeitig eigenenen Statements widersprochen wird, ist dann der Stoff für die Diskussion.
    Der Artikel ist insofern wichtig, als dass er Aktivitäten aufzeigt, die Nichtlesern derartiger Blätter im Regelfall verborgen bleiben.
    Vom Timing her kommt er mir aber seltsam vor.
    Gerade aktuell hat sich Frau von der Leyen im Rahmen ihrer Amtsausübung zumindest fragwürdig exponiert. Dagegen wirkt ihre Kooperation mit der unseriösen Boulevardzeitung eher harmlos.
    Das man nun über eine Sache berichtet, die außerhalb der Leserschaft bunter Zeitschriften , mindestens eine Peinlichkeit darstellt ohne in den Kontext zur aktuellen Kritik zu gehen, wirkt auf mich etwas befremdend.
    Unterschwellig entwickelt sich der Eindruck, man möchte auch noch mal zuhauen, aber auf eine Stelle, die die Kollegen bislang noch nicht getroffen haben. Gleichzeitig wirkt es wie die Eröffnung eines Nebenkriegsschauplatzes. Man möchte doch aktuell eher den Blickwinkel von Übermedien zur Berichterstattung über die Ministerin im Rahmen der Bundeswehraffäre lesen als über ihre Kollaberation mit unseriösem Boulevard.

  6. Komplementär empfehle ich Frau v.d.L. einen Exklusivbericht in der Bravo, zwecks Nachhaltigkeit in der Zielgruppe.

  7. Es geht den Politikern vom Schlager der von der Leyen doch nicht im Mindesten wirklich um „Sorgfalt“, um „Wahrhaftigkeit“ und den Kampf gegen „das ‚Gift‘ namens ‚Fake News'“.

    Nein, es geht um etwas völlig anderes: Dass die „Wahrheit der Regierenden“ – d.h. die großen, entscheidenden Grunderzählungen der politischen und wirtschaftlichen Eliten – verteidigt und nicht radikal infragegestellt werden.

    Medien, die auf dieser Linie bleiben, sind „sorgfältig“ und „wahrhaftig“. Und sind sie es nicht, dann redet man zumindest nicht groß darüber, und empören tut man sich erst recht nicht.
    Medien hingegen, die einen breiten und essentiellen Konsens der Mächtigen in höchst „unangenehmer“ Weise infragestellen versprühen jedoch per definitionem „Gift“ und verbreiten ebenfalls per definitionem „Fake News“. Ob sie dabei tatsächlich Lügen verbreiten ist nachrangig.

    Zu radikal formuliert?

    Leider nicht. Ansonsten würden die entsprechenden Politiker beispielsweise einen meilenweiten Bogen um die Zeitung mit den großen vier Buchstaben machen.
    Oder man überlege sich beispielsweise einmal Folgendes: Es würden in den „etablierten“ Medien auch nur zu halb so viele „Fake News“ über die CDU oder SPD verbreitet werden wie über die AfD (Übermedien hat ja einige dieser Fake News dokumentiert). Die entsprechenden Medien würden von unseren Politikern sicherlich mit Kritik und Bekundungen des Ärgers überhäuft werden. Und sie gälten nicht länger als Antitoxika, sondern ihrerseits als „Giftspritzen“. Da es aber gegen die AfD und damit gegen den „Feind“ geht, stören die „Fake News“ nicht groß.

    Oder man denke an die Berichterstattung über Russland (und die prorussischen Rebellen in der Ost-Ukraine), die teilweise hier oder auf anderen Seiten (wie der Publikumskonferenz) kritisch dokumentiert wurde. (Man siehe etwa „ZDF – Kathrin Eigendorf – Weitere Opfer in der Ostukraine“ bei der Publikumskonferenz.)

    Man stelle sich einmal vor, dass gewisse Medien in vergleichbarer unseriöser und teils böswillig-irreführender Weise über die USA berichten würden. Oder über die Bundeswehr in Afghanistan. Man stelle sich vor, dass das ZDF in den Hauptnachrichten den Eindruck erwecken würden, dass die Menschen vor der Bundeswehr fliehen, wenn sie in Wahrheit vor den Taliban flüchten. Und in demselben Bericht, dass die Bundeswehr einen kleinen Jungen getötet hat, wo es die Taliban waren. Usw.

    Einfach UNDENKBAR. Unvorstellbar. Wirklich unvorstellbar. Wenn es in einem Parallel-Universum aber dennoch geschähe, so würden sich unsere Politiker – und allen voran vermutlich Frau von der Leyen – vor Empörung nicht mehr einkriegen. Aber es traf ja nur die bösen Finde des Westens – kein Grund also, die Seriosität des ZDF infragezustellen oder vor Empörung zu hyperventilieren.

    Oder ein letztes Beispiel. Über die Griechenlandberichterstattung deutscher Medien schrieb Stefan Niggemeier: „Ich fürchte, dass selbst Sisyphos den Auftrag ablehnen würde, all die Fehler, Irrtümer, Boshaftigkeiten, Unterstellungen, Voreingenommenheiten, Verdrehungen und Ressentiments in der Berichterstattung deutscher Medien über die neue griechische Regierung richtigzustellen, aus Sorge, die Aufgabe könnte ihn zu einem unglücklichen Menschen machen.“

    Würde die Bundesregierung von den etablierten Medien mit soviel „Dreck“ beworfen werden, allen journalistischen Maßstäben zum Trotz, so würde sie mit Sicherheit äußerst verärgert reagieren, Frau von der Leyen eingeschlossen.

    Aber die Verdrehungen, Verleumdungen und „Fake News“ betrafen ja die böse griechische Regierung und stärkten somit die Position des Bundesregierung – also störten sie nicht.

    Man muss einfach wissen, dass Wörter wie „Sorgfalt“, „Wahrhaftigkeit“ und „Fake News“ Codes sind.
    Für „Sorgfalt“ und „Wahrhaftigkeit“ lies „eine Berichterstattung, die sich bei aller Kritik im Detail mit den fundamentalen und prateiübergreifenden Narrativen der politischen Klasse deckt“. Für „Fake News“ lies „Behauptungen und Meinungen, die diesen Konsens erheblich bedrohen“.

    Entsprechend muss man sich auch nicht wundern, wenn von sich von der Leyen mit irgendwelchen Lügen-Blättchen verbündet. Wobei der Haupt-Unterschied zu einem Großteil der sog. „Qualitätsmedien“ ja eh nur darin besteht, dass Letztere in ihrer Irreführung der Leser subtiler und weniger dreist vorgehen, und weniger zur „blanken“ Lüge greifen. Dafür betrifft diese Irreführung durch „Qualitätsmedien“ dann aber auch weit wichtigere Themen als die Farbe des Hutes irgendeiner Prinzessin aus Monaco. Und Irreführung bleibt Irreführung.

    (Siehe etwa auch Norberts Härings schönen Artikel „TruLies, Fake News und der überaus heldenhafte Kampf von Heiko Maas für die Wahrheit der Regierenden“:
    http://norberthaering.de/de/27-german/news/798-trulies
    Oder man google nach „Die Herren der Fake News blasen zur Jagd“ auf „Rubikon“.)

  8. Also so was ist doch Satire in Reinform-100% poor äh pur
    Sowas kann sich beim Postillon keiner ausdenken ohne für total banane gehalten zuwerden !
    Achja M.Schumacher und Andrea Berg wollen jetzt Kinder bekommen!

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