Investigativer Journalismus

Wer Fynn Kliemann als Fan hat, braucht keine Feinde

Nachtrag: In der Nacht auf den 6. Mai hat das „ZDF Magazin Royale“ seine Recherchen in einem Video und auf lmaafk.de veröffentlicht. Aufgrund der dort dokumentierten Vorgänge wirft Jan Böhmermann dem Unternehmer Fynn Kliemann Betrug beim Handel mit Corona-Schutzmasken vor.


Fynn Kliemann nimmt sich Zeit für die Fragen des "ZDF-Magazin Royale" – aber auf seinem eigenen Instagram-Kanal.
Fynn Kliemann nimmt sich Zeit für die Fragen des „ZDF-Magazin Royale“ – aber auf seinem eigenen Kanal. Screenshot: Instagram/fimbim

Fynn Kliemann ist das, was man früher einen Tausendsassa genannt hätte. Man könnte bewundern, wie umtriebig und vielseitig er sich gibt: Er ist Unternehmer und Investor, macht erfolgreich Musik, schreibt, malt, hat mal mit Olli Schulz das alte Hausboot von Gunter Gabriel umgebaut und ein nach ihm benanntes „Zentrum für Kreative“ errichtet, youtubet – und natürlich betreibt er neben all dem auch einen Instagram-Kanal.

Dort wird Kliemann unter seinem letzten Post, einem Video von knapp 30 Minuten, von seiner Fanbase kräftig gefeiert. „Krass transparent“ sei Kliemann; es sei „genial, wie offen“ er sich äußere; das alles mache ihn „noch sympathischer!!!“, und überhaupt: „cool“, „cool“, „cool“. Wofür wird Kliemann hier gefeiert?

In dem Video veröffentlicht Kliemann einen Fragenkatalog der „ZDF Magazin Royale“-Redaktion, die er „von der Chefredakteurin“ per Mail erhalten habe.

Hat ganz schön viel auf dem Schirm: Fynn Kliemann zeigt auf seinem Instagram-Account die Fragen der "ZDF Magazin Royale"-Redaktion
Hat ganz schön viel auf dem Schirm: Fynn Kliemann zeigt auf seinem Instagram-Account die Fragen der „ZDF Magazin Royale“-Redaktion Screenshot: Instagram/fimbim

„Ich bin ja eigentlich ein Fan von transparenten Gesprächen miteinander“, sagt er und dass er es gut finde, „Dinge zu hinterfragen und nicht einfach so hinzunehmen“ genauso wie dass es „investigative Journalist*innen gibt, die hinterfragen“. Im Folgenden werde er die Fragen „per Video“ beantworten, „dann brauche ich nicht so viel tippen“.

Und statt die Antworten dann der Redaktion zukommen zu lassen, verbreitet sie Kliemann auf seinem eigenen Instagram-Profil. Warum er das macht? Er möchte zwar nicht „verschwörungstheoretikermäßig klingen“, erklärt er im Video, aber eben auch nicht, dass Jan Böhmermann aus seinen „wahrheitsgemäßen“ Antworten zitiere und dann so mache:

Fynn Kliemann versucht sich am Böhmermann-Zwinkern.
Fynn Kliemann versucht sich am Böhmermann-Zwinkern. Screenshot: Instagram/fimbim

Anschließend beantwortet Kliemann tatsächlich den Großteil des Fragenkatalogs, mal mehr, mal weniger überzeugend. Inhaltlich geht es um die unternehmerischen Tätigkeiten Kliemanns, um Spendengelder und wie mit diesen umgegangen wird, um Kliemanns Verbindung zu dem Unternehmen Global Tactics. Mitunter ist es erstaunlich, wie oft Kliemann sich in Details mit Antworten nach dem Muster „ich mach da nur mit, kenn mich aber gar nicht richtig aus“ herausredet. (Ich weiß auch nicht, wie das Online-Angebot „TAG24“ zu dem sehr undistanzierten und, äh, kurzgedachten Schluss kommt, Kliemann packe aus, kläre „Missverständnisse auf“ und gebe „Einblicke in sein Geschäftsgebaren“.)

Gerade weil Kliemann oft ahnungslos zu sein scheint, fehlt es nun (von Kliemanns Fanbase weitgehend unbeachtet) eben an jeder Einordnung, an den Rechercheergebnissen, die den Fragen offenbar zu Grunde liegen. Man möchte, man müsste an dieser Stelle deshalb schon wissen, was die Böhmermann-Redaktion alles zu Kliemanns Tätigkeiten zusammengetragen hat, wird sich dahingehend aber wohl noch gedulden müssen, bis die Redaktion ihre Recherchen veröffentlicht.

„Durchleuchten“ im DIY-Style

Gespannt sein müsste da Kliemann selbst, schon deshalb, weil er investigativen Journalismus ja ganz gut findet, wie er im Video mehrfach betont. Auch gegen Ende des Videos sagt er:

Ich möchte einfach nochmal betonen, dass ich das wirklich nicht schlecht finde, dass sowas gemacht wird. Investigativer Journalismus ist total wichtig und wenn man niemanden durchleuchtet, dann machen alle, was sie wollen.

Also so wie er? Der Verdacht liegt nahe, dass Kliemann die Fragen nicht unbedacht veröffentlicht oder gar den Kommunikationsweg verwechselt hat, sondern schlicht die Story von „ZDF Magazin Royale“ sprengen wollte.

Und natürlich stellt sich auch die Frage: Darf Kliemann das überhaupt? Oder ist das „rechtlich mindestens grenzwertig“, wie es der Investigativ-Journalist Daniel Drepper nennt?

Tatsächlich gibt es Fälle, in denen Journalist*innen und Medienhäuser gegen das Veröffentlichen ihrer Anfragen vorgegangen sind. Juristisch erfolgreich war dabei etwa der „Stern“ im Jahr 2012 gegen die FDP. Zumeist ist es aber eher ein Donnerwetter der Branche oder des Journalistenverbands als ein Urteil im Namen des Volkes, das etwa Pressestellen erwartet, wenn sie wie Kliemann verfahren.

Bei Kliemanns Umgang mit der Anfrage der „ZDF Magazin Royale“-Redaktion muss man wohl davon ausgehen, dass es rechtlich nicht anfechtbar ist. Weil die Redaktion ja durchaus vorgehabt haben dürfte, die Antworten zu veröffentlichen, stellt die Anfrage womöglich sogar selbst schon einen öffentlichen Vorgang dar. Auf Geheimhaltung ausgerichtet ist sie jedenfalls nicht. Für eine Urheberrechtsverletzung fehlt es einer solchen Anfrage wahrscheinlich auch an Schöpfungshöhe. Und datenschutzwidrig scheint Kliemanns Video auch nicht zu sein: Kontaktdaten und der Name der Absenderin sind geschwärzt.

Dafür schadet Kliemann mit seinem Post dem von ihm angeblich so geschätzten investigativen Journalismus, sagt Günter Bartsch, Geschäftsführer der gemeinnützigen Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche.

Es wirkt scheinheilig, wenn Fynn Kliemann auf der einen Seite aufwändig betont, wie wichtig ihm journalistische Recherchen sind – und er auf der anderen Seite versucht, die Veröffentlichung dieser Recherche durch eine Vorab-Veröffentlichung zu erschweren. Es gab in der Vergangenheit immer wieder ähnliche Fälle. Wenn dieses Vorgehen zur Regel wird, zwingt das Journalist:innen dazu, noch später, schärfer und fokussierter zu befragen. Auch weil in Fragenkatalogen oft Rechercheergebnisse oder Fragen mitgeschickt werden, die am Ende nicht für die Veröffentlichung bestimmt sind. Reporter:innen sollten einen möglichst transparenten und fairen Umgang mit den Objekten ihrer Berichterstattung anstreben, ein Umgang wie der von Fynn Kliemann erschwert das erheblich und schadet damit auch dem investigativen Journalismus.

Was Kliemann zu dem Vorwurf, er schwäche mit seinem Handeln den investigativen Journalismus, sagt? Auf eine Übermedien-Anfrage hat Kliemann bisher nicht geantwortet.

Vielleicht müsste man an dieser Stelle jetzt noch einmal weit ausholen und etwa über die Vorgeschichte von Kliemann und dem „ZDF Magazin Royale“ referieren. Und über das Dreiecks-Verhältnis von Fynn Kliemann, Oli Schulz, Jan Böhmermann. Oder darüber, dass Kliemann die Anfrage, die bereits am Freitag an ihn gesendet wurde, am Sonntag als „wenigstens was zu tun [an seinem] Geburtstag“ verkauft und dafür direkt mit Glückwünschen übergossen wird.

Stattdessen nehme ich mal den heutigen Tag zum Anlass, meine Meinung zu Kliemanns Reaktion zu äußern:

Kliemann verhält sich feige. Er hätte sich der Berichterstattung stellen müssen. Dabei geholfen hätten ihm, anders als anderen Privatpersonen, seine Privilegien der Prominenz, der Reichweite, der Unterstützung durch Fans, die offensichtlich völlig von ihm eingenommenen sind. Diese Privilegien aber berechnend frühzeitig einzusetzen, sich naiv zu stellen und zugleich der „ZDF Magazin Royale“-Redaktion mehr oder weniger subtil unsauberes Arbeiten zu unterstellen, ist ein Unding. Und wenn Kliemann, wie er selbst sagt, nicht wie ein Verschwörungstheoretiker wirken möchte, sollte er auch nicht agieren wie einer. Das tut er aber, wenn er an einer Redaktion, die ihn seriös vorab mit ihren Recherchen konfrontiert, derart Foul spielt.

Andererseits gehe ich davon aus, dass man sich bei Böhmermanns „ZDF Magazin Royale“ so intensiv mit Kliemann beschäftigt hat, dass es nicht nur bei diesen Fragen bleibt und die Redaktion einen Umgang mit der Vorab-Veröffentlichung findet. Oder um es mit Kliemanns eigenen Worten zu sagen: „Dann freuen wir uns alle zusammen auf den Beitrag am Freitag – oder auch nicht.“

11 Kommentare

  1. Kann man ja eigentlich nur noch eins zu sagen: In Zukunft bekommt er die Anfragen halt nur noch einen Tag vorher. Oder Köderanfragen!

    Ja, geht wahrscheinlich nicht… obwohl Bild konnte Drosten auch 2 Stunden oder so Zeit lassen! Aber wer will sich schon mit Bild auf eine Stufe stellen?

  2. Erinnert Vieles stark an die Moves von Katapults Fredrich bei der Auseinandersetzung mit eurem ehemaligen Redaktionsleiter.

  3. „[…] und die Redaktion einen Umgang mit der Vorab-Veröffentlichung findet. “

    Ja, das ging mir auch beim Lesen durch den Kopf, dass sie dieses Video am Ende ganz gut „gegen“ ihn verwenden können, mindestens im humoristischen Sinne.

    Für mich persönlich sprengt die Vorveröffentlichung irgendwie auch gar nichts. Fynn Kliemann war mir bis dato völlig unbekannt und anschauen tue ich mir sein Video deswegen umso weniger. Und ich vermute, dass es vielen Zuschauern des ZMR so geht. Aber ja, die Zielgruppe sind natürlich seine Follower. Die sollen bei der Stange gehalten werden und das ZMR vorab diskreditiert werden, wenn es denn so ist, dass er sie finanziell auspresst (das legen jedenfalls die Fragen nahe). Andererseits: Barbara Streisand?

  4. Deine Meinung in allen Ehren, die ich in einigen Bereichen auch teile, aber der Kommentar greift meines Erachtens etwas zu kurz. Er berücksichtigt nicht, dass wir das frühere Prinzip Sender / Empfänger heute nicht mehr haben. Jeder ist Sender, jeder ist Empfänger. Natürlich ist es vielleicht ein Kraftakt der Reichweite, aber sie ist legitim. Beim Fragenkatalog ist auch nicht klar, ob sie nicht noch mehr im Köcher haben.
    Daher finde ich es auch nicht feige, in der Art auf die Anfrage zu reagieren. Würde ein anderes Medium, etwa FAZ, SZ, Spiegel, auf einen solchen Fragenkatalog erst die Sendung abwarten, um darauf zu reagieren? Denke, dass sich die Verhältnisse da geändert haben.
    Nur ein Gedankenaspekt. Kann mich auch irren. Isso.

  5. Vielleicht müsste man an dieser Stelle jetzt noch einmal weit ausholen und […] referieren [..] über das Dreiecks-Verhältnis von Fynn Kliemann, Oli Schulz, Jan Böhmermann.

    Ja, bitte. Schulz hat ja nicht nur mal ein Projekt mit Böhmermann gemacht und dann eines mit Kliemann. Er ist mit beiden dicke seit Jahren; da halte ich es schon fast für unvermeidbar, dass es auch ein direktes Verhältnis Böhmermann-Kliemann gibt. So sehr ich das ZDF-Magazin Royale schätze (sowohl wegen ihrer Kreativität à la „Eierwurf von Halle“ als auch ihrer Investigation nicht zuletzt dank Hanna Herbst); bei diesem Naheverhältnis ist es fast unmöglich, Objektivität her- und glaubhaft darzustellen. Jede Freundlichkeit kann als Abhängigkeit; jede Kritik als interner Beef aufgenommen werden. Zumal Böhmermann auf dem ZDF-Magazin-Instagram-Kanal schon seit Wochen das Kliemannsland mit seiner Parofie „Böhmännsland“ aufs Korn nimmt.

    Das kann man ironisch machen wie etwa beim „Frenemy“-Verhältnis zu Joko&Klaas (wo wieder Olli Schulz als Bindeglied fungiert). Bei ernsthaften Themen eher nicht.

    Auf das ZDF-Magazin am Freitag bin ich trotzdem gespannt.

  6. @freiwild:

    Verstehe nicht, wo das Problem sein soll. Wenn Böhmermann das nicht machen wollen würde, dann würde er es nicht machen. Daran besteht doch kein Zweifel. Zumal er auch im Podcast wiederholt gegen Kliemann schließt. Das sind bestimmt nicht die besten Freunde.

  7. Nur mal vorab: Natürlich ist Kliemanns Video kein Garant für Wahrheit oder Richtigkeit und ich bin ebenfalls sehr gespannt darauf, eine zweite Meinung vom ZMR zu bekommen. Wenn man sich allerdings mal anschaut, was in den letzten Tagen so zu diesem Thema geschrieben wurde, scheint es in vielen Berichten (inklusive diesem hier) aber auch gar nicht so sehr darum zu gehen, WAS Kliemann sagt, sondern eher darum, WIE er es sagt. Der bloße Fakt, dass er seine Antworten lieber selbst veröffentlicht, statt sie an irgendeine wildfremde Redaktion zu schicken, die (bei aller Sympathie für das ZMR) nicht gerade dafür bekannt ist, sonderlich differenziert über Einzelpersonen zu berichten, scheint vielen Medienschaffenden ziemlich sauer aufzustoßen. Gerade so, als hätten sie ein Recht darauf, Aussagen „redaktionell zu bearbeiten“, was im schlimmsten Fall heißt, sie zu verkürzen, aus dem Kontext zu reißen oder drastischer ausgedrückt: Ihren Konsumenten ins Gesicht zu lügen und menschliche Schicksale dem Narrativ einer „guten Story“ zu opfern. Natürlich ist damit nicht gesagt, dass sie das auch auf jeden Fall immer tun. Trotzdem sollten sich Medienschaffende vielleicht mal klar machen, dass eigene Aussagen in die Hände anderer Leute zu geben, eben keine Selbstverständlichkeit ist, sondern ein gewaltiger Vertrauensvorschuss. Dass man es vor diesem Hintergrund wenn möglich vermeidet, die Kontrolle über die eigenen Aussagen aus der Hand zu geben, halte ich ehrlich gesagt nicht für feige, sondern für sehr vernünftig. Wer sich dann aber hinstellt und mit einer derartigen Arroganz einfordert, dass sich Menschen gefälligst durch die Redaktionsmangel drehen lassen sollen, ohne zu wissen, was am Ende dabei herauskommt, der braucht sich meines Erachtens nach dann auch nicht über „geschwundenes Vertrauen in die Medien“ zu wundern, denn das hat er sich dann ein Stück weit auch selbst zu verdanken.

  8. Die Sendung ist dann das Musterbeispiel dafür, warum man doch lieber den Anwalt antworten lässt und lieber doch kein „transparentes“ Instagramm-Video hochlädt mit dem man so einer Sendung nur noch zusätzliches Material liefert. Dabei haben die Neo-Magazin sogar davon abgesehen seine Antworten bezüglich der Masken „Portugal“ auch noch in die Sendung einzubauen.

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