„Dieser Voldemort-Journalismus ist doch magisches Denken“

In der Nacht vom 2. auf den 3. November, als in der Wiener Innenstadt ein Attentäter vier Menschen tötete und viele weitere verletzte, war Chefredakteur Florian Klenk in der Redaktion des Wochenmagazins „Falter“ in unmittelbarer Nähe zu den Tatorten. Er arbeitete die Nacht durch, twitterte, recherchierte, warnte, verbreitete dabei aber auch einen Fehlalarm der Polizei. Außerdem veröffentlichte er am Morgen danach als Erster Details über den getöteten Attentäter.

Für beides, die Verbreitung des Fehlalarms als auch die frühe Nennung des Namens des Täters, wurde er von einigen scharf kritisiert.


Übermedien: Herr Klenk, am Morgen nach dem Anschlag von Wien, twitterten Sie als Erster Informationen über den Attentäter. Seinen Vornamen, seinen Geburtsort und anderes. Es gab sofort Kritik daran. Eine lautete, dass Sie damit den Fokus auf den Terroristen richten würden, der genau das wollte: Aufmerksamkeit, Ruhm. Und dass das andere Attentäter motivieren könnte.

Florian Klenk: 2013 hat der IS den digitalen Raum mit Propaganda geflutet und wir als Gesellschaft – inklusive der Onlinemedien und Fernsehstationen – haben deren Gräuel-Bilder übernommen. Auch bei den Mass Shootings in den USA wurden erneut Videos gedankenlos geteilt. Danach kamen Psychologen und Terrorismusforscher und erklärten, dass es keine gute Idee sei, die Taten zu zeigen – und so aus den Tätern Helden zu machen. So habe ich das immer verstanden. Aber doch nicht dahingehend, dass wir anfangen, nicht mehr die Namen von Attentätern zu nennen.

Aber der Täter bekommt dadurch eine Identität, während die Opfer anonym bleiben. Immer wieder wurde der Umgang der neuseeländischen Regierungschefin mit dem Attentäter von Christchurch als Positivbeispiel für den Umgang mit Terroristen herangezogen.

Der Täter von Christchurch ist bekannt, man kennt seinen Namen, und unter Rechtsextremen ist er ein großer Held geworden. Als die Regierungschefin sagte, dass wir nicht über den Täter, sondern über die Opfer sprechen sollten, war das ein symbolischer politischer Akt, den ich gut finde. Aber wir sind keine Politiker, sondern Berichterstatter – und haben eine andere Aufgabe.

Und zwar? Was war denn Ihre Intention, als Sie den Vornamen und erste biografische Details des Täters twitterten?

Die „Kronen-Zeitung“ und andere hatten berichtet, dass der Täter ein Flüchtling gewesen sei. Das machte in rechten Kreisen die Runde, die ersten sprachen von den „Willkommensklatschern“, die nun in der Defensive seien. Ich wusste, dass das Innenministerium gegen Mittag den Namen und weitere Hintergründe zum Täter bekanntgeben würde – und da hab ich dann von meinen Informanten die Infos vorab bekommen. Blöderweise inklusive eines Fehlers im Vornamen. Den Nachnamen haben wir nicht genannt – zum Schutz der Verwandten.

Wollten Sie damit also nur der Instrumentalisierung entgegenwirken?

Wichtig war mir nicht der Name, sondern die Information, dass es sich eben nicht um einen Geflüchteten handelte, sondern mit einem hier aufgewachsenen Menschen. In Mödling geboren. Aber nicht nur das. Ich bin Journalist und meine, dass die Öffentlichkeit ein Recht darauf hat, zu erfahren, wer der Täter ist: Wo kommt der her? Wo ist er aufgewachsen? Wer hat ihn radikalisiert? Ich bin damit einverstanden, dass wir nicht sein Bekennervideo zeigen. Wobei wir auch darüber streiten könnten: Warum soll man das eigentlich nicht zeigen? Hinter Schranken, an denen das Alter geprüft wird, könnte man vielleicht sogar seine Tat zeigen. Wir schreiben den Leuten dauernd vor, was sie sehen dürfen.

Warum haben Sie die Tat dann nicht hinter eine solche Schranke gepackt und gezeigt?

Weil die Szenen schwer traumatisierend sind. Selbst Menschen, die sich professionell mit solchen Videos beschäftigen, kommen schwer damit klar. Das Tatvideo hat nur einen Schockwert, aber für die meisten keinen Informationswert.

Polizisten stehen neben einem Einsatzwagen in Wien in der Nacht vom 2. auf den 3. November 2020
Die Nacht vom 2. auf den 3. November in Wien: Polizisten nach dem Anschlag in der abgeriegelten Innenstadt. Foto: photonews.at/imago images

Beim Namen und den persönlichen Informationen sagen Sie, dass die Öffentlichkeit ein Anrecht darauf habe, das zu erfahren. Aber wollen Sie als investigativer Journalist nicht auch, dass alle diese Infos zuerst von Ihnen erfahren?

Jeder Journalist will der Erste sein. Natürlich kann man darüber diskutieren, ob das ein gesunder Reflex ist. Aber wir befinden uns auch in einem Konkurrenzverhältnis. Da fällt mir das schöne Zitat von Helmut Schmidt ein, der mal in einer „Zeit“-Konferenz, als ich noch da war, sagte: „Was ich am ‚Spiegel‘ so außerordentlich finde, ist, dass er am Montag immer schon weiß, was am Donnerstag in der ‚Zeit‘ steht.“

Und? Ist es ein gesunder Reflex? Ist das Der-Erste-sein-wollen auf der einen Seite ein wichtiger Antrieb und auf der anderen Seite gefährlich, weil die Korrektheit darunter leiden kann?

Ich hatte ungefähr 10 Minuten nach dem Anschlag in Wien die Videos von der Tat. Wirte und Ladenbesitzer hatten die Monitore ihrer Überwachungskameras abgefilmt und uns die Aufnahmen geschickt. Und ich hab sie nicht gebracht. Auch keine Fotos daraus. Ich hätte ja leicht daraus was twittern können. Wir haben nur in der Printausgabe ein kleines Foto gezeigt. Als eine Art Belegbild. Da hätte ich Erster sein können, wollte es aber nicht. Wenn aber der Boulevard schon berichtet, dass der Täter ein Flüchtling gewesen sei, möchte ich schon gern der Erste sein, der erzählt, dass diese Meldungen falsch sind.

Aber ist Twitter der richtige Kanal für solche Infos? Viel Kontext, viel Einbettung lässt das Medium ja kaum zu.

Das ist ein berechtigtes Argument. Aber es ist auch eine komplizierte Situation: Einerseits soll man schnell kommunizieren und als Journalist arbeiten, andererseits kommt dann aber der Vorwurf, dass man sich wichtigmachen würde. Ich habe gelernt, dass ich solche Informationen in Zukunft nicht mehr über meinen persönlichen Account, sondern über den des „Falter“ aussende. Denn ich merkte, dass sich in einer solchen Nacht die Emotionen – der Hass, die Wut, die Verzweiflung – auch irreale Wege bahnen und sich dann auf einen Journalisten wie mich richten können. Ich wurde beschimpft, weil ich den Vornamen des Attentäters genannt habe, und wenige Minuten später lief diese Informationen auch über die österreichische Presseagentur APA, das Innenministerium schickte eine Presseaussendung mit den gleichen Informationen raus – beides hat keinen Menschen aufgeregt.

Ihnen wurde ja quasi vorgeworfen, Journalismus wie ein Wettrennen betrieben zu haben.

Das, was ich in der Nacht gemacht habe, war eigentlich gar kein Journalismus. Das waren Warnungen. Die Polizei hat in der Nacht als gesicherte Information herausgegeben, dass sich in Wien sechs Attentäter aufhalten würden. Und ich wusste davon etwas früher. Die Bitte des Innenministers war, die Menschen zu warnen, dass sie von den Straßen und Fenstern wegbleiben sollten, dass sie keine Videos machen sollten. Das waren meine Haupttweets. Ist das Journalismus? Das waren Warnungen, die auch falsch sein konnten, so wie Meldungen der Polizei auch falsch waren.

Die Sie dann ja auch weiterverbreitet haben.

Ich habe eigentlich nur dauernd gesagt: Passt auf! Und passt auch auf, was kursiert, denn die Nachrichten sind ungesichert. Aber das wusste ja eigentlich auch jeder in dieser Nacht. Die Leute sind ja nicht blöd. Wenn der Klenk twittert: „Geiselnahme im 7. Bezirk laut Polizeifunk.“ Dann gehen die Leute ja nicht sofort davon aus, dass da unbedingt eine Geiselnahme stattfinden muss, sondern dass die Polizei unterwegs ist, um das zu untersuchen und man im 7. Bezirk besser nicht auf die Straße gehen sollte. Und wenn man einen Twitteraccount mit 300.000 Followern hat, dann nutzt man den doch auch, um in einer solchen Situation Leute zu warnen. Ich bin mir da keiner groben Verfehlung bewusst.

Keiner?

Ich hätte vielleicht statt „Geiselnahme im 7. Bezirk“ sowas wie „Achtung! Polizeifunk meldet Einsatz wegen Geiselnahme. Hoffentlich eine Fehlmeldung. Passt dennoch auf!“ schreiben sollen. Das wäre der bessere Tweet gewesen. Ich gebe zu, dass ich unter dem Eindruck der Schüsse, die unter dem Fenster geknattert hatten, relativ schnell gehandelt habe. Wir wussten wenig, aber was wir wussten, war, dass es einen Polizeieinsatz wegen einer möglichen Geiselnahme gab. „Profil“ hat mich dafür furchtbar in die Pfanne gehauen. Die „NZZ“ hat mich gelobt. Die Kollegen sehen das also sehr unterschiedlich: Für die einen bin ich ein wichtigtuerischer Vollhonk und die anderen meinen, dass das vorbildlich gewesen sei. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen.

Die „Profil“-Kritik hat Sie aber wohl härter getroffen als die Angriffe in Sozialen Netzwerken.

Die Kritik in „Profil“ war ein der Konkurrenzsituation geschuldeter Kurzschluss. Die haben sich ja mittlerweile auch halbherzig entschuldigt. Die Kritik war auf zwei Ebenen falsch: Erstens haben sie mir vorgeworfen, dass ich eine Falschmeldung verbreitet hätte. Ich habe aber über einen Fehlalarm berichtet, die Meldung über eine Geiselnahme gab es ja tatsächlich. Und dann haben sie mir noch vorgeworfen, dass meine Äußerung dazu geführt hätte, dass die Polizei nicht hätte arbeiten können. Ich habe den Einsatz aber nicht ausgelöst. Der lief ja schon. Das hätte man durch simple Rückfragen bei der Polizei und mir klären können.

Sie haben ja auch danach über den Attentäter recherchiert, ihm am Tag danach eine Titelgeschichte gewidmet. Warum, meinen Sie, ist es wichtig, möglichst viel über den Attentäter und dessen Hintergründe herauszufinden und auch zu veröffentlichen?

Weil wir verstehen wollen, ob das Handeln der Behörden funktioniert hat. Das passiert ja auch bei anderen Kriminalfällen. Da recherchieren wir auch die Biografie und die Umstände, um beurteilen zu können, ob die Strafe, die einer bekommen hat, angemessen ist. Und in dem aktuellen Fall waren das ganz ähnliche Fragen: Was ist im Vorverfahren rausgekommen? Wer hat ihn radikalisiert? In welche Moschee ist er gegangen? Hatten die Behörden ein Auge auf ihn? Das war ja alles zu dem Zeitpunkt noch unklar. Der Leiter des Verfassungsschutzes ist ja deshalb gefeuert worden, weil der Minister immer erst aus den Medien erfahren hat, welche Pannen es gab. Wir haben uns ja gleich mit Kollegen vom WDR, „Süddeutscher Zeitung“ und Schweizer Rundfunk zusammengetan und gemeinsam recherchiert und sehr schnell die Sachen herausgefunden, die jetzt auf dem Tisch liegen.

Das heißt, Ihnen geht es zuvorderst darum, zu sammeln, zu recherchieren und zu veröffentlichen, um politische Verantwortung zuzuweisen?

Natürlich. Das ist doch der ureigene Job von uns. Die klassische Watchdog-Funktion. Es geht darum, politische Verantwortung aufzuzeigen. Und wenn wir davon ausgehen, dass Journalismus ein grober Entwurf der Geschichte ist, auch darum, aufzuschreiben, was genau am 2. November passiert ist. Unabhängig von politischer Verantwortung. Dieser Voldemort-Journalismus – nenn bloß den Namen nicht! – ist doch magisches Denken! Das lass ich gelten für Suizide, aber doch nicht für die Rekonstruktion eines Anschlags.

Aber geraten dabei nicht tatsächlich die Opfer aus dem Fokus?

Da bin ich vollkommen anderer Meinung als die Leute auf Twitter, die mir sagten, dass wir über die Opfer schreiben sollen. Nein. Die Opfer sind völlig zufällig. Wenn sie oder ihre Hinterbliebenen sich nun selbst an die Öffentlichkeit wenden, okay. Aber warum soll ich denn nun an deren Türen klopfen? Zugespitzt gesagt, werde ich bei Twitter von manchen aufgefordert, Witwen zu schütteln anstatt Watchdog-Journalismus zu betreiben. Die haben etwas nicht verstanden: Das eine ist, keine Terrorpropaganda zu verbreiten – volle Zustimmung. Kein Mensch, der bei Trost ist, wird noch ein Köpfungsvideo des Islamischen Staats verbreiten. Aber die Biografie eines Terroristen zu recherchieren, ist doch die Aufgabe von uns Journalisten. Es haben uns ja auch Leute angegriffen, weil wir vor dem Innenministerium etwas veröffentlicht haben. Woher kommt diese Sehnsucht nach Verkündungsjournalismus? Als wären wir nur dazu da, über die Pressekonferenz von [Innenminister] Karl Nehammer zu berichten.

Ihre Redaktion ist in unmittelbarer Nähe der Tatorte. Wie ging es Ihnen und Ihren Kolleginnen und Kollegen nach der Tat?

Ganz unterschiedlich. Ich habe eine Nacht nicht geschlafen. Und ich hatte in der Nacht danach einen Flashback. Ich stand zuhause auf der Terrasse und hab den Attentäter da stehen sehen. Das war wohl eine Übermüdungserscheinung. Ich hab mich dann mit einer Expertin beraten und die sagte mir, dass das ganz normal sei: Dass das Hirn keinen Ordner habe, wo es solch eine Erinnerung abspeichern soll – und so wandere diese Erinnerung zwischen verschiedenen Ordnern. Es macht wohl einen Unterschied im Hirn, ob ich mich als Kriegsreporter sehenden Auges in die Gefahr begebe oder ob eine Gefahr unmittelbar und unerwartet in mein vertrautes Umfeld einbricht. Und das können einige in der Redaktion anscheinend gut wegstecken – und anderen geht es nicht so gut damit.

Wie geht es Ihnen heute?

Mir geht es mittlerweile besser. Aber wahrscheinlich hat mich der Vorwurf, dass ich die Arbeit der Polizei behindert hätte, aufgrund der Übermüdung und Anspannung mehr belastet als mich Angriffe sonst belasten. Ich bin eigentlich ganz gut im Geben und Nehmen. Aber die hat mich auf dem falschen Fuß erwischt.

11 Kommentare

  1. So sehr das Wirken Herrn Klenks und des “Falter“ ansonsten zu schätzen ist, aber seiner Aussage »die Biografie eines Terroristen zu recherchieren, ist doch die Aufgabe von uns Journalisten« ist vehement zu widersprechen: diese “Aufgabe“ möge der Knalljournaille überlassen bleiben, und ggf. den Gerichten bei der Urteilsbemessung. Dem Publikum aber ersprießt aus der Zurkenntnisbringung biografischer Details aus dem Lebenslauf eines Amokläufers bzw. Selbstmord-Attentäters kein relevanter Informationsgewinn, und zu besserem Verständnis seiner Taten wirds bei Opfern oder deren Angehörigen auch kaum beitragen. Mit der Veröffentlichung solcher für die Berichterstattung über einen Terroranschlag irrelevanter “Recherche-Ergebnisse“ macht man sich mit den Boulevardmedien gemein. [*]
    [*]

  2. @Nömix
    Das ist mir jetzt etwas zu wohlfeil. Es ist ja schon von öffentlichem Interesse, ob ein Terrorist Mitglied von IS, Boko Haram, NSU, einer politischen Partei, etc. pp. ist.
    Nicht von öffentlichem Interesse ist, wenn der Name seines Hundes in der Kindheit „Wuffi“ war.
    Irgendwo zwischen diesen Polen muss nun die Grenze verhandelt werden, z.B. in Interviews wie diesem. (Das nebenbei gesagt, so finde ich, sehr gelungen ist.)

    Und Herr Klenks Argument, dass es gefährlich sein kann, dem Boulevard dieses Feld für Fehlinformation bzw. stereotype Spekulation zu nutzen, finde ich durchaus plausibel.

  3. Schon wieder das „Magie“ Argument …
    Kann man halt immer 1:1 umdrehen: Die Nennung des Namens (und die darauf basierende Schlussfolgerung „kein Flüchtling“) soll nun magisch bewirken, dass Rechtspopulisten das nicht ausschlachten / nicht einfach weiter lügen?

    Magie = unwirksamer Hokuspokus.
    Die Unterstellung macht es nicht wahr, egal in welche Richtung.

  4. Die „Ausschlachtung“ von Terror durch „Terrorexperten“ sollte auch nicht ignoriert werden. Zum Beispiel durch den Terrorexperten Peter R. Neumann (der nebenbei auch noch Corona-Experte und -Politikberater ist).
    Neumann kommt bei jedem Attentat (Breitscheidplatz, Christchurch, Halle, Hanau, Wien…) innerhalb kürzester Zeit mit süffigen Details um die Ecke, die den Terror ins richtige Licht rücken, mit dem richtigen Spin versehen. Gerade Klenks Berichterstattung im Falter hat er frühzeitig zu verfolgen empfohlen.

  5. „Die Nennung des Namens (und die darauf basierende Schlussfolgerung „kein Flüchtling“) soll nun magisch bewirken, dass Rechtspopulisten das nicht ausschlachten / nicht einfach weiter lügen?“ Ich hatte das so verstanden, dass der Attentäter kein Flüchtling IST, ungeachtet dessen, wie er heißt.
    Die Wahrheit über etwas zu sagen, verhindert nicht magischerweise, dass darüber nicht mehr gelogen wird, aber es erschwert den Lügnern, dass ihnen geglaubt wird. Wenn man den Vornamen nennt, belegt man aber, dass man Kenntnisse von der Sache hat, und wirkt damit glaubwürdiger.
    Der „magische“ Effekt soll sein, dass Nachahmungstaten verhindert werden sollen, wenn man den Namen nicht nennt. Halte ich für sinnlos, wenn ich dergleichen für eine gute Idee hielte, hielte ich das auch dann noch für eine gute Idee, wenn ich den Namen nicht wüsste.
    Das ist was völlig anderes wie z.B. keine Aufnahmen der Tat zu veröffentlichen. Oder den Namen des Haustiers.

  6. Ja eben, „magisch“ ist hier gar nichts, darauf wollte ich hinaus.
    Maßnahmen / Erwähnungen haben einen Effekt, oder nicht.
    Sie im vorhinein als „magisch“ zu beschreiben deligitimiert sie ohne die Auswertung, ob sie nun einen Effekt hatten, oder nicht.

  7. „Sie im vorhinein als „magisch“ zu beschreiben deligitimiert sie ohne die Auswertung, ob sie nun einen Effekt hatten, oder nicht.“
    Das kann sein, muss aber nicht. Ob eine Maßnahme einen Effekt haben wird oder nicht, kann man meist ohne prophetische Fähigkeiten vorhersagen.
    Immer, wenn man Licht anmacht, verschwindet die Dunkelheit – Magic!
    Immer, wenn man etwas trinkt, verschwindet der Durst – Magic!
    Immer, wenn man die Wahrheit schreibt, verschwindet die Lüge – ein bisschen.
    Immer, wenn man die Namen von Terroristen nennt, kommen andere auf die Idee, diese nachzuahmen – naja. Warum sollte das so sein? Wieso sollten potentielle Terroristen und Amokläufer sich davon, dass sie den Namen des Täters nicht kennen (mal angenommen, dass die den nicht sowieso schon kennen), davon abhalten lassen, dergleichen selbst zu tun?
    Bei allzu detaillierter Berichterstattung sehe ich das schon wie Nömix, zumal das oft in Richtung „ach, der arme Attentäter“ geht, aber der Vorwurf hier richtet sich gegen die Nennung eines Vornamens. Die angeblich dazu führen könnte, dass Dritte das nachahmen. Und da halte ich die Kausalität für zu schwach, um daraus einen Vorwurf zu konstruieren. Nicht ganz für null, wenn man „magisch“ eng ausläge, aber bei sonstigen Metaphern interessiert das ja auch niemanden.

  8. @MYCROFT

    „Immer, wenn man die Namen von Terroristen nennt, kommen andere auf die Idee, diese nachzuahmen – naja. Warum sollte das so sein? Wieso sollten potentielle Terroristen und Amokläufer sich davon, dass sie den Namen des Täters nicht kennen (mal angenommen, dass die den nicht sowieso schon kennen), davon abhalten lassen, dergleichen selbst zu tun?“

    Die These ist ja, dass das viele Attentäter aufgrund des „Ruhmes“ machen. Sprich: Sie werden zu Helden (in dem jeweiligen Milieu) und jeder kennt sie.
    Und natürlich ist da die Nennung des Namens ein großer Teil davon.
    Vermutlich jeder kennt z.B. den Attentäter aus Norwegen beim Namen.
    Ich kann mir schon vorstellen, dass das eine Motivation für Nachahmungstäter ist.
    Ob dazu der Vorname alleine reicht weiß ich aber auch nicht…

  9. Um der Falschmeldung „Flüchtling“ zu begegnen, hätte es gereicht, den Täter als in Österreich gebürtig zu bezeichnen. Name und Ort bereichern nicht die Debatte.

  10. @Nömix / #1:
    „Dem Publikum aber ersprießt aus der Zurkenntnisbringung biografischer Details aus dem Lebenslauf eines Amokläufers bzw. Selbstmord-Attentäters kein relevanter Informationsgewinn, und zu besserem Verständnis seiner Taten wirds bei Opfern oder deren Angehörigen auch kaum beitragen.“

    Dem möchte ich wiederum vehement widersprechen. Es kommt natürlich auf die Art der Details an, aber viele biografische Aspekte von Tätern besitzen durchaus einen relevanten Informationswert. Das sollte man keineswegs dem Knalljournalismus überlassen, der sich um Abwägungen, welche Informationen tatsächlich relevant sind und wie man sie so gut wie möglich ohne Heroisierung des Täters darstellt, üblicherweise wenig kümmert. Alles in allem finde ich die Argumentation von Herrn Klenk schon nachvollziehbar.

  11. „Die These ist ja, dass das viele Attentäter aufgrund des „Ruhmes“ machen.“
    Wie Herostratos? Der hat das unter der Folter behauptet.
    Aber gut, es gibt bestimmt Menschen, bei denen Ruhmsucht die einzige oder wichtigste Motivation ist.
    Aber der NSU z.B. hat keine Bekennerschreiben veröffentlicht, um berühmt zu werden.
    Ich halte diese Motivlage für etwas zu dünn, um daraus abzuleiten, den Vornamen nicht nennen zu dürfen.

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